Ernst Probst SUPERFRAUEN 3 Politik Copyright © 2001 by Verlag Ernst Probst Im See 11 55246 Mainz-Kostheim Fax: 06134/26665 Cover/Layout: Rainer Veit, Mainz-Hechtsheim Covervorderseite: Heide Simonis, Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Foto: Pressestelle der Landesregierung Schleswig-Holstein, Kiel. Foto: Monika Zucht, Der Spiegel, Hamburg Coverrückseite: Foto: Klaus Benz, Mainz 1. Auflage Alle Rechte vorbehalten ISBN 3-935718-12-8 2 Heide Simonis, der ersten Ministerpräsidentin in Deutschland, gewidmet 3 INHALT Vorwort Dank 11 12 Agatha Barbara Die erste Präsidentin von Malta 33 POLITIK Jane Addams Die frühe amerikanische Sozialreformerin 15 Benazir Bhutto 35 Die erste Regierungschefin Pakistans Bärbel Bohley Die berühmteste Bürgerrechtlerin der DDR Lily Braun Die bürgerliche Frauenrechtlerin 39 Madeleine Korbel Albright 19 Amerikas erste Außenministerin Corazón Cojuangco Aquino Die erste Präsidentin der Philippinen Hanan Ashrawi Die Sprecherin der Palästinenser Emily Greene Balch Die frühe amerikanische Pazifistin Sirimawo Bandaranaike Die erste Regierungschefin der Welt 42 22 24 27 31 Gro Harlem Brundtland 45 Die erste Regierungschefin Norwegens 4 Kim Campbell Die erste Regierungschefin Kanadas 49 Takako Doi 77 Die „Blume der japanischen Politik“ Ruth Dreifuss Die erste Bundespräsidentin der Schweiz Gertrude Duby-Blom Die mutige Schweizer Sozialistin Eleanor Dulles Die „Mutter von Berlin“ Kaiserin Farah Diba Irans erste Kaiserin Vigdís Finnbogadóttir Die erste Staatspräsidentin Islands 79 Barbara Castle 52 Die „feurige Rote“ der Labour Party Violeta Chamorro Die erste Staatspräsidentin Nicaraguas 55 83 Charlotte von Luxemburg 57 Unvergessene Großherzogin Tansu Çiller 61 Die „Eiserne Lady“ der Türkei Edith Cresson Die erste Regierungschefin Frankreichs Deng Yingchao Die Sonderbotschafterin von Chinas Führung Bernadette Devlin Die irische „Jeanne d’Arc“ Diana Prinzessin von Wales Die „Königin der Herzen“ 63 86 88 91 67 Leni Fischer Die große deutsche Europäerin 71 Jekaterina Furzewa Rußlands „rote Zarin“ 74 5 94 97 Indira Gandhi 101 Die „Große Mutter Indiens“ Dolores Ibárruri „La Pasionara“ („die Leidenschaftliche“) Marie Juchacz Die Arbeiterwohlfahrt war ihr Werk 105 Golda Meir 136 Die Frau, die „Mann des Jahres“ war 108 Petra Kelly 112 Die Symbolfigur der Grünen Jacqueline Kennedy Die unvergessene „First Lady“ der USA 115 Waltraud Klasnic 120 Die erste Landeshauptfrau der Steiermark Alexandra Kollontai Die erste Ministerin der Welt Nadeshda Krupskaja Die Frau an Lenins Seite Felicia Langer Die israelische Menschenrechtlerin 122 Rigoberta Menchú Die friedliche Kämpferin für Menschenrechte Angela Merkel Die erste Vorsitzende der CDU Alva Myrdal Schwedens große Sozialreformerin 139 142 125 148 130 Rosa Luxemburg 132 Die Mitbegründerin der KPD 6 Claudia Nolte 151 Die jüngste Ministerin einer Bundesregierung Eva („Evita“) Perón Die Frau, die in Argentinien zur Legende wurde Isabel Perón Die erste Präsidentin Argentiniens Irene Pivetti Italiens radikalkatholische Parlamentspräsidentin Jiang Qing Die erste Frau im Pekinger Politbüro Grete Rehor Österreichs erster weiblicher Minister 154 Sophie Scholl Die Studentin, die für den Widerstand starb Louise Schroeder Berlins erste Oberbürgermeisterin Jenny Shipley Neuseelands erste Regierungschefin Heide Simonis Die erste Ministerpräsidentin in Deutschland 181 158 185 162 187 165 189 169 Hanna Suchocka 192 Die „Eiserne Lady“ Polens Bertha von Suttner 196 Die erste Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi Die Oppositionsführerin von Myanmar Margret Thatcher Englands „Eiserne Lady“ 7 Annemarie Renger 172 Die erste Präsidentin des „Deutschen Bundestages“ Mary Robinson Der „Glücksfall für die Republik Irland“ Eleanor Roosevelt Die Kämpferin für die Menschenrechte 174 201 177 205 Gertrud (Trude) Unruh Die „Mutter Courage“ der „Grauen Panther“ 208 Simone Veil 212 Die erste Präsidentin des „Europäischen Parlaments“ Helene Wessel 215 Die Mitbegründerin der „Deutschen Zentrumspartei“ Bette Williams und Mairead Corrigan 218 Zwei Friedensaktivistinnen in Nordirland Clara Zetkin Die Mitbegründerin des „Spartakusbundes“ 221 WEITERE POLITIKERINNEN 226 Mireya Elisa Moscoso de Arias – Ines Fjodorowna Armand – Elizabeth Bagaya – Beatrix Königin der Niederlande – Olga Benário-Prestes – Mathilde Berghofer-Weichner – Sabine 8 Bergmann-Pohl – Jelena Bonner – Aenne Brauksiepe – Birgit Breuel – Josephine Elizabeth Butler – Eugenia Charles – Shirley Chisholm – Herta Däubler-Gmelin – Élisabeth Domitién – Elizabeth II. Königin von Großbritannien und Nordirland – Fabiola Königin der Belgier – Ellen Fairclough – Geraldine Ferraro – Ruth Fischer – Anke Fuchs – Liselotte Funcke – Marianne Hainisch – Tarja Kaarina Halonen – Fannie Lou Hamer – Hildegard Hamm-Brücher – Gerda Hasselfeldt – Renata Indzhova – Janet Jagan – Juliana Königin der Niederlande – Minna Kautsky – Sylvie Kinigi – Catherine Lalumiére – Jennie Lee – Sabine LeutheusserSchnarrenberger – Marie Elisabeth Lüders – Wilma Mankiller – Margrethe II. Königin von Dänemark – Claire Marienfeld-Czesla – Angela Marquardt – Eleanor Marx – Ingrid Matthäus-Maier – Katharina von Oheimb – Ana Pauker – Alice Paul – Maria de Lourdes Pintassilgo – Milka Planinc – Adelheid Popp – Maria Probst – Kazimiera Prunskienë – Jeannette Rankin – Elisabeth Rehn – Hannelore Rönsch – Nellie Tayloe Ross – Olga Rudel-Zeynek – Vera Ivanova Sassulitsch – Marie Schlei – Cornelia SchmalzJacobsen – Michaele Schreyer – Irmgard Schwaetzer – Elisabeth Schwarzhaupt – Silvia Königin von Schweden – Song Qingling – Käte Strobel – Rita Süßmuth – Lydia Gueiler Tejada – Ertha Pascal Trouillot – Salote Tupou III. Königin von Tonga – Nyam-Osoriyn Tuyaa – Agathe Uwilingiyimana – Vaira Vîke-Freiberga – Antje Vollmer – Rita Waschbüsch – Helene Weber – Heidemarie Wieczorek-Zeul – Wilhelmina Königin der Niederlande – Sühbaataryn Yanjmaa – Khaleda Zia POLITIK IM INTERNET 242 Louise Arbour Die Chefanklägerin in Den Haag Anita Augspurg Die erste Juristin Deutschlands Elizabeth Fry Englands „Engel der Gefangenen“ Jutta Limbach Deutschlands erste höchste Richterin 251 253 256 260 WEITERE JURISTINNEN 262 Hilde Benjamin – Myra Bradwell – Eunice Hunton Carter – Sandra Day O’Connor – Elisabeth Selbert JUSTIZ IM INTERNET MILITÄR Melitta Gräfin Schenk von Stauffenberg Eine Heldin mit Gewissenskonflikten 9 263 JUSTIZ Aaslaug Aasland 249 Norwegens erste Richterin 265 Verena von Weymarn 268 Deutschlands erster weiblicher Generalarzt WEITERE SOLDATINNEN 271 Nadeshda Durowa – Emma Edmonds – Grace Murray Hopper – Claudia J. Kennedy – Barbara Allen Rainey MILITÄR IM INTERNET SPIONAGE Gerta-Luise von Einem Die rätselhafte deutsche Agentin 273 272 UMWELT Uta Bellion Die Nummer 1 bei „Greenpeace“ Rachel Carson Amerikas große Umweltautorin 282 284 Monika Griefahn 287 Die erste Frau im „Greenpeace“-Vorstand WEITERE UMWELTSCHÜTZERINNEN 290 Mata Hari 275 Die tanzende niederländische Spionin WEITERE SPIONINNEN 280 Tamara (Tania) Bunke – Edith Clavell – Melitta Norwood – Gabriele Petit – Stella Rimington – Ethel Rosenberg – Amy Elizabeth Thorpe SPIONAGE IM INTERNET 281 10 Brigitte Behrens – Jutta Ditfurth – Marielies Flemming UMWELT IM INTERNET 291 LITERATUR 293 BILDQUELLEN 297 DIE BUCHREIHE SUPERFRAUEN 299 VORWORT Starke Frauen in der Politik Welche Frau wurde zur ersten Regierungschefin der Welt gewählt, und wann und wo kam es zu diesem denkwürdigen Ereignis? Natürlich handelt es sich um Sirimawo Bandaranaike, die 1960 in Ceylon dieses hohe Amt erhielt. Wie heißt die erste Premierministerin Europas? Na klar: Margret Thatcher, Englands „Eiserne Lady“. Und wo und seit wann regiert die erste Ministerpräsidentin Deutschlands, und wer ist sie? In Schleswig-Holstein, seit 1993, und die „Landesmutter“ trägt den Namen Heide Simonis. Antwort auf solche und viele weitere Fragen gibt das vorliegende Taschenbuch „Superfrauen 3 – Politik“ mit 75 Biographien aus den Bereichen Politik, Justiz, Militär, Spionage und Umwelt. Es präsentiert unter anderem Amerikas erste Außenministerin, die erste Friedensnobelpreisträgerin, Deutschlands erste höchste Richterin und ersten weiblichen Generalarzt, die berühmteste Spionin des Ersten Weltkrieges und die erste weibliche Nummer 1 bei „Greenpeace“. Beim Schreiben der Kurzbiographien der starken Frauen in Politik, Justiz, Militär, Spionage und Umweltschutz habe ich mich bemüht, außer den zweifellos großen Leistungen der erwähnten Frauen auch deren Privatleben zu behandeln. Denn bei allem Respekt vor ihren großen Worten und Taten ist auch ihr Privatleben von Interesse. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, eine berühmte Frau in diesem Taschenbuch vermissen, bitte ich Sie herzlich um Nachsicht! Ernst Probst, im September 2001 11 DANK Für Auskünfte, kritische Durchsicht von Texten (Anmerkung: Etwaige Fehler gehen zu Lasten des Verfassers), mancherlei Anregung, Diskussion und andere Arten der Hilfe danke ich herzlich: Tamara Aebischer, Diplom-Philologin, Frauenkappelen Inge Aicher-Stoll, Leutkirch Amerika-Haus, Frankfurt am Main Anne Frank Stiftung, Amsterdam Stephen B. Aranha, Berlin Dr. Ángel Diaz Arenas, Bibliothekar, Spanisches Kulturinstitut, München Christiana A. Bareiss, Übersetzerin, Bonn Michelle Barnes, Archivist, Open University Library, Milton Keynes Werner Baumbauer, Mackenrodt Lukas Beckmann, Fraktionsgeschäftsführer, Bündnis 90/Die Grünen Rolf-Ingo Behnke, Diplom-Bibliothekar, Stadtbibliothek Salzgitter Uta Bellion, Sedbergh Unni Berge, Bibliotheksleiterin, Oslo Tsedey Betru, Outreach Coordinator, Fanni Lou Hamer Project Biblioteca National, Servicio de Información Bibliográfica, Madrid Luise Sibylle Binder, Stuttgart Åse Elin Bjerke, WHO Transition Team, Grand-Saconnex Baroness Castle of Blackburn, House of Lords, London Susanne Blischke, Public Relations Officer, New Zealand Embassy Patrick Bohan, Director of Admissions and Financial Aid, School of International and Public Affairs, Columbia University, New York Bärbel Bohley, Office of the High Repräsentative, Sarajevo Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, Luxemburg Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, Moskau Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, Reykjavik Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, Wien Botschaft von Irland British Embassy Bonn Sophie Broad, Information Assistant, New Zealand Embassy Dr. Gro Harlem Brundtland, frühere Ministerpräsidentin von Norwegen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Irina Cernova Burger, Schweizerische Osteuropabibliothek, Bern Violeta Barrios de Chamorro, Managua, Nicaragua Mairead Corrigan Maguire, Belfast Wendy E. Chmielewski, Phd. Curator, Swarthmore College Peace Collection Heidi Dornfeld, Pressestelle der Landesregierung Schleswig-Holstein, Kiel Dr. Robert Dünki, Stadtarchiv Zürich Du Xianohus, Botschaft der Volksrepublik China in der Bundesrepublik Deutschland Roman Elsener, New Yorker Staats-Zeitung, New York Harald Euteneuer, Bundesgeschäftsführer, Deutscher Luftwaffenring e. V., Bonn Heinrich Eppe, Archiv der Arbeiterjugendbewegung, Oer-Erkenschwick Tania Connaughton Espino, Women’s International League for Peace and Freedom, Human Rights Intern, Genf Bjorn H. Feen, Librarian/Information technologies manager, The Norwegian Nobel Institute, Library, Oslo 12 Leni Fischer, Konrektorin a. D., Mitglied des Bundestages und frühere Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, Neuenkirchen/Kreis Steinfurt Abdallah Frangi, Generaldelegation Palästinas, Bonn Freie und Hansestadt Hamburg, Bezirksamt Eimsbüttel, Ortsamt Lokstedt Pfarrer Peter Frey, Wimmis Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Archiv, Bibliothek, Sammlungen Willi Gisler, Riemenstalden (Schweiz) Ingeborg Glintschnig, Österreichischer Arbeiterund Angestelltenbund, Bundesorganisation, Wien Maria Eugenia González, Spanische Botschaft, Presseabteilung Jenny Gray, Office of RT Hon Jenny Shipley, Prime Minister, MP for Rakaia Monika Griefahn, Hamburger Umweltinstitut, Zentrum für soziale und ökologische Technik e. V., Hamburg Günter Gugel, Verein für Friedenspädagogik, Tübingen Simone Hantsch, Boissow Christine Hatzky, Informationsstelle e. V. Guatemala, Bonn Professor Dr. Bernd Henningsen, Nordeuropa-Institut, Humboldt-Universität Berlin M. ten Hoeve, Gemeentearchief Leeuwarden Lore Horn, Vorstand, Religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker), Berlin Hürriyet, Redaktion, Neu-Isenburg Sarah Hutcheon, Library Assistant, Schlesinger Library, Radcliffe Institut, Harvard University, Cambridge (Massachusetts) Peter Jacob, Presse- und Informationsamt des Landes Berlin Cornelia Jahn, Stiftung Weimarer Klassik, Weimar Japanische Botschaft, Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit und Kultur Guojón Jensson, Reykjavik Horst Kasner, Pastor, Templin Nathalie Klein, Ansa, Bonn Geertje König, Presse- und Kulturabteilung, Königlich Norwegische Botschaft OR Dr. Peter Krendl, Büro Landeshauptmann Waltraud Klasnic, Graz Stefan R. Landsberger, Department of Chinese Studies, Leiden University Felicia Langer, Rechtsanwältin, Tübingen Samuel Laster, Baltic News Watch, Wien, Berlin, Wilna, Riga Dr. Thomas Leibnitz, Österreichische Nationalbibliothek, Wien Professor Dr. Jutta Limbach, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Karlsruhe Dr. Liu Jen-Kai, Senior Research Fellow, Institute of Asian Affairs, Hamburg Matthias Lörtscher, Muri Dr. Peter Malina, Institut für Zeitgeschichte, Wien Gudrun Martineau, Friedrich-Naumann-Stiftung, Archiv des deutschen Liberalismus, Gummersbach Dr. Margarete Maurer, Rosa-Luxemburg-Institut, Wien Mag. Christoph Mentschl, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut Österreichisches Biographisches Lexikon und Biographische Dokumentation, Wien Jörg R. Mettke, Der Spiegel, Leiter des Moskauer Büros Bernd Neu, Archivar, Ingelheim 13 Österreichischer Arbeiterund Angestelltenbund, Wien Botschaftsrat Mario Panaro, Italienische Botschaft Ann Kilian Perry, University of Illinois College of Law, Assistant Dean for Student Affairs, Pennsylvania Axel-Jochen Pioch, Flensburg Polizeiinspektorat der Stadt Bern, Schriftenwesen Doris Probst, Mainz-Kostheim Sonja Probst, Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz Stefan Probst, Mainz-Kostheim Religious Society of Friends in Britain (Quakers), London Dr. h.c. Annemarie Renger, Bundestagspräsidentin a. D., Bonn Antonio V. Rodriguez, Minister and Consul-General, Philippinische Botschaft Tonny Rosiny, Journalist, Bonn-Bad Godesberg Professor Dr. Dietmar Rothermund, Südasien-Institut der Universität Heidelberg, Abteilung Geschichte Gina Sanchez, Communications Coordinator Forest Campaign, Greenpeace Internation, Amsterdam Alexander Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Sayn Professor Dr. Dr. h. c. Helmut Schreier, Universität Hamburg, Fachbereich Erziehungswissenschaften Berthold Schroeder, Celle Petra Schumann, Lindhorst Secretariat particulier de Mme Simone Veil, Paris Heide Simonis, Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Kiel Professor Dr. Udo Simonis, Bordesholm Britta Soderlund, Abteilung für Information über Schweden, Stockholm Stadtarchiv Dortmund Stadtarchiv Halberstadt Wolfgang Stärcke, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn Dr. Moritz Graf Strachwitz, Deutsches Adelsarchiv, Marburg Marek Trenkler, Insider Press, Breslau Antje Trosien, Universität Bayreuth Paul S. Ulrich, Informationsdienste, Zentral- und Landesbibiothek Berlin, Amerika-Gedenkbibliothek Trude Unruh, Bundestagsabgeordnete a. D., Wuppertal Anne Grete Usnarsky, Presse- und Kulturabteilung, Königlich Norwegische Botschaft Mary Walsh, House of Commons Informations Office, London J. Warth, Eidgenössisches Department des Innern, Bern Westdeutsche Zeitung, Archiv, Düsseldorf Dr. Verena von Weymarn, Generalarzt der Luftwaffe, Bonn Dr. Hermann Wichers, Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt Christa Wille, Ariadne, Kooperationsstelle für frauenspezifische Information und Dokumentation, Österreichische Nationalbibliothek, Wien Dr. Udo Winkel, Stadtarchiv Nürnberg Regina Wolf-Schweizer, Bern Roswitha Wollkopf, Stiftung Weimarer Klassik, Weimar Roberto Ortiz de Zarate, Vitoria (Spanien) Barbara Zenker, British Council Informations Centre, Köln Dr. Wolfgang-Peter Zingel, Südasien-Institut der Universität Heidelberg Natascha Zupran, Generaldelegation Palästinas, Bonn 14 POLITIK Jane Addams Die frühe amerikanische Sozialreformerin Z u den bedeutendsten Sozialreformerinnen und Pazifistinnen der USA gehörte Jane Addams (1860–1935). Mit großem Engagement kämpfte sie für die soziale Gerechtigkeit, das Frauenwahlrecht, die Verbesserung des Jugendschutzes, die Armenpflege und für die Erhaltung des Friedens. Zudem war sie wesentlich am Aufbau von Friedensvereinigungen beteiligt. Als erster Amerikanerin wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen. Jane Laura Addams kam am 6. September 1860 in dem Dorf Cedarville (Illinois) als eines von fünf Kindern einer wohlhabenden Familie zur Welt. Ihr Vater John Huy Addams war Quäker, Geschäftsmann, acht Wahlperioden lang Mitglied des Staatssenats von 15 Illinois und ein enger Freund des Präsidenten Abraham Lincoln (1809–1865). Die Mutter starb, als Jane erst zwei Jahre alt war. Nach dem Tod der Mutter kümmerte sich eine Kinderfrau um die Geschwister. Wegen einer frühen Knochentuberkulose litt Jane lebenslang unter Rückenbeschwerden und konnte sich nicht gerade halten. Der Vater heiratete 1862 erneut. Die zweite Frau Anna Haldeman brachte zwei Söhne mit in die Familie. Mit dem jüngeren namens George schmökerte Jane gerne in der Bücherei des Vaters oder spielte mit ihm. Ab 1877 besuchte die 17-jährige Jane das „Rockford Female Seminary“, eine Art Internat für höhere Töchter, in dem sie Klassenspreche- rin und Herausgeberin der Schulzeitung wurde. Als im August 1881 ihr geliebter Vater im Alter von 59 Jahren starb, verfiel Jane in tiefe Depressionen. Deprimiert begann sie 1881 ein Medizinstudium am „Woman’s Medical College“ in Pennsylvania, das sie wegen ihrer Knochentuberkulose und einer Operation wenige Monate später bereits wieder abbrach. Mit ihrer Stiefmutter reiste Jane Addams 1881 für zwei Jahre nach Europa, wo sie Großbritannien, Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien kennen lernte. In London sah sie großes soziales Elend, das sie nie vergaß. Nach der Europareise lebte sie bis 1887 in Baltimore und widersetzte sich der von ihrer Stiefmutter gewünschten Heirat mit ihrem Stiefbruder George. 1887 kehrte Jane Addams mit ihrer Rockforder Schulfreundin Ellen Gates Starr (1859–1940) nach Europa zurück. In London besuchte Jane Addams die 1884 von Studenten gegründete „Toynbee Hall“, ein Gemeinschaftshaus der Settlementbewegung im East End, das die Not der dortigen Bevölkerung lindern sollte. Sie studierte die dort geleistete Sozialarbeit und beschloss, in ihrem Heimatland eine ähnliche Einrichtung zu schaffen. 16 Jane Addams und Ellen Gates Starr kehrten 1888 in die USA zurück und ließen sich in Chicago nieder. Mit dem von ihrem Vater geerbten Vermögen gründete Jane am 18. September 1889 im 19. Bezirk von Chicago in einem alterschwachen, von einem Mann namens Charles Hull errichteten Gebäude, das so genannte Nachbarschaftshaus „Hull House“. Diese segensreiche Gemeinschaftseinrichtung befand sich in einer Arbeitergegend, die zunehmend von Einwanderern bewohnt wurde. Im Laufe der Zeit entstanden dort ein Kindergarten, eine Turnhalle, eine Gemeinschaftsküche und ein Speiseraum für berufstätige Frauen. Außerdem wurden Kurse für gesunde Ernährung, Handwerk, Kunst und Musik angeboten sowie eine kleine Theatergruppe namens „Hull House Players“ gefördert. Im „Hull House“ arbeiteten Jane Addams und andere Sozialreformerinnen – wie Julia Lathrop (1858– 1932), Florence Kelley (1859– 1932), Grace Abbott (1878–1939) und Edith Abbott (1876–1957) – für die Verbesserung der Zustände in den städtischen Elendsvierteln. „Hull House“ entwickelte sich zum Modell für viele andere Nachbarschaftsheime der Settlementbewegung in den USA, die bald 13 Häuser und ein Sommercamp bei Lake Geneva in Wisconson umfasste. Ziel der 1869 in Großbritannien gegründeten sozial- und bildungspolitischen Settlementbewegung ist die Entwicklung gemeinnütziger Einrichtungen (Nachbarschaftsheime) in großstädtischen Bezirken. Führende Vertreterinnen der Settlementbewegung in den USA waren Jane Addams sowie die Sozialpolitikerin und Pazifistin Emily Greene Balch (1867–1961). Die beiden Frauen haben sich 1892 in einem Sommercamp kennengelernt und angefreundet. 1903 wurde Jane Addams Vizepräsidentin der „Women’s Trade Union League“ („Gewerkschaftliche Frauenliga“). 1907 beteiligte sie sich an einer Kampagne der Frauenbewegung, die für das Wahlrecht der Frauen kämpfte. Ab 1909 fungierte sie als Präsidentin der „National Conference of Charities and Corrections“, später „National Conference of Social Work“ genannt. Im selben Jahr erhielt sie als erste Frau den Ehrendoktortitel der Yale University. Fast von Anfang an arbeitete sie bei der 1909 gegründeten nationalen „Vereinigung für das Advancement of Colored People“ mit. Zwischen 1911 und 1914 wirkte Jane Addams als erste Vizepräsi17 dentin der „National American Suffrage Association“. 1912 unterstützte sie aktiv die Wahlkampagne des Präsidentschaftskandidaten Theodore Roosevelt (1858–1919) für die „Progressive Party“, kehrte ihm aber bald enttäuscht den Rücken zu. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 verfiel Jane Addams wieder in tiefe Depressionen. Im Januar 1915 gründete sie zusammen mit der ungarischen Auslandskorrespondentin, Feministin und Pazifistin Rosika Schwimmer (1877– 1948) und der britischen Suffragette Emmeline Pethick-Lawrence (1867–1954) die „Women’s Peace Party“ (WPP) und wurde deren Vorsitzende. Die WPP forderte das Ende des Krieges und die Beteiligung der Frauen an wichtigen Entscheidungen. Vom 28. April bis zum 1. Mai 1915 leitete Jane Addams in Den Haag (Niederlande) den „International Congress of Woman“. Bei diesem Frauen-Friedens-Kongress erarbeiteten 1136 weibliche Delegierte aus zwölf Ländern ein Grundsatzpapier, das die kriegsführenden Staaten dazu bringen sollte, einer Konferenz der neutralen Länder über das Ende des Krieges zuzustimmen. Über den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg im April 1917 war Jane Addams sehr verzweifelt und deprimiert. Wegen ihrer Schilderungen über Kriegsgreuel in Europa wurde sie in der Öffentlichkeit heftig angegriffen und als „gefährlichste Frau der USA“ bezeichnet. 1919 beteiligte sich Jane Addams an der Gründung der „Women’s International Leage for Peace and Freedom“ (WILPF), deutsch: „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit“). Die Teilnehmerinnen wählten die 59-Jährige zur Präsidentin. 1920 hob Jane die „American Civil Liberties Union“ mit aus der Taufe. Als literarische Hauptwerke von Jane Addams gelten „Democracy and Social Ethics“ (1902), „Newer Ideals of Peace“ (1907), „Twenty Years at Hull House“ (1910, deutsch: „20 Jahre soziale Frauenarbeit in Chicago“) und „The Second Twenty Years at Hull House“ (1930). Für ihre Tätigkeit in der internationalen Friedensbewegung seit 1915 sowie als Mitbegründerin und Präsidentin (1919–1935) der Women’s International Leage for Peace and Freedom erhielt Jane Addams 1931 zusammen mit dem amerikanischen Philosophen und Publizisten Nicholas Murray Butler (1862–1947) den Friedensnobelpreis. Butler fungierte von 1925 bis 1945 als Präsident 18 der Carnegiestiftung für den internationalen Frieden und attackierte Jane während des Zweiten Weltkrieges als Pazifistin heftig. Jane Addams war die zweite Frau, der man den Friedensnobelpreis verlieh. Vor ihr hatte 1905 bereits die österreichische Schriftstellerin und Pazifistin Bertha von Suttner (1843–1914) diese hohe Auszeichnung entgegengenommen. Jane Addams konnte allerdings nicht zur Preisverleihung nach Oslo reisen, weil ihr Darmkrebs damals schon zu weit fortgeschritten war. Ihren Anteil am Preisgeld von 16000 USDollar stiftete sie der WILPF. Die Sozialreformerin und Pazifistin blieb unverheiratet. Mehr als 40 Jahre lang war Mary Rozet Smith (1868–1934) ihre Lebensgefährtin. Am 21. Mai 1936 starb Jane Addams im Alter von 74 Jahren in Chicago an Krebs. Sie wurde im Familiengrab in Cedarville beigesetzt. Die von ihr mitbegründete „Women’s International League for Peace and Freedom“ existiert heute noch und unterhält in Genf ein Internationales Sekretariat. Bei der Gründung des Campus der University of Illinois in Chicago wurden 1963 die meisten Baulichkeiten des „Hull House“ abgerissen. Aber die Residence selbst blieb zur Erinnerung an Jane Addams erhalten. Madeleine Korbel Albright Amerikas erste Außenministerin Z um ersten weiblichen Außenminister in der Geschichte Amerikas und zur ranghöchsten Frau der US-Regierung stieg 1997 die aus der Tschechoslowakei stammende amerikanische Politikwissenschaftlerin und Diplomatin Madeleine Korbel Albright, geborene Maria Jana Korbel, auf. Zuvor machte sie bereits als erste Botschafterin der „United Nations Organization“ (UNO), die nicht in den USA geboren wurde, Schlagzeilen in der Presse. Maria Jana Korbel kam am 15. Mai 1937 als Staatsbürgerin der ersten tschechoslowakischen Republik in Prag zur Welt. Sie ist eines von drei Kindern einer jüdischen Diplomatenfamilie gewesen, die in den 1930-er Jahren zum katholischen Glauben konvertiert war. Ihr Vater 19 Josef Korbel (1909–1977) arbeitete von 1936 bis 1939 als Presseattaché an der tschechischen Botschaft in Belgrad. Bereits in ihrem Geburtsjahr kam Maria Jana Korbel zu einem anderen Vornamen. Damals bezauberte das Theaterstück „Madla aus der Ziegelei“ ihre Eltern so sehr, dass sie ihrer Tochter den Kosenamen „Madlenka“ der Hauptfigur gaben. Madlenka wurde von der Schauspielerin Lída Baarová verkörpert, die als Geliebte des nationalsozialistischen Propagandaministers Joseph Goebbels (1897–1945) mehr Aufmerksamkeit erregte. Aus Madlenka entstand später der Vorname „Madeleine“. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei emigrierten die Eltern Madeleines 1939 nach Großbritannien. In London erlebte die Familie die Bombardierung durch die Deutschen. Die Großeltern und ein Dutzend weitere Verwandte starben im Konzentrationslager (KZ) Auschwitz, was ihre Eltern lange verschwiegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg betätigte sich Madeleines Vater als tschechoslowakischer Botschafter in Belgrad. Als 1948 die Kommu– nisten in Prag die Macht ergriffen, wurde er Vorsitzender des Sonderausschusses der Vereinten Nationen. Joseph Korbel bat für sich und seine Familie in den USA um Asyl, nachdem man ihn in der Tschechoslowakei in Abwesenheit zum Tode verurteilt hatte. Schon mit elf Jahren hatte Madeleine Korbel in mehreren Ländern – Tschechoslowakei, Jugoslawien, Großbritannien, USA – gelebt und vier Sprachen gelernt: fließend Tschechisch und Französisch sowie gut Russisch und Polnisch. In ihrem Elternhaus unterhielt man sich oft über internationale Beziehungen, Sport und andere Themen. Als Zwölfjährige begann sie sich erstmals für die Politik zu interesssieren. 1949 erhielt Josef Korbel eine Professur an der University of Denver (Colorado). Madeleine besuchte die High School und studier20 te anschließend Politikwissenschaft am „Wellesley College“ bei Boston in Massachusetts, wo sie 1959 den akademischen Grad „Bachelor of Arts“ mit Auszeichnung erwarb. Bei Verabredungen der jungen Madeleine Korbel folgte stets der sittenstrenge Vater seiner Tochter. Als ein Junge mit ihr zum Tanzen fuhr, kam der Vater nach und beharrte darauf, dass seine Tochter nach Hause zurückkehren sollte. Ihren Begleiter lud er zu Milch und Gebäck ein, er kam nie wieder. Am 11. Juni 1959 heiratete Madeleine Korbel den Journalisten und Zeitungserben Joseph Albright. Aus der Ehe gingen 1961 die Zwillingstöchter Anne Korbel und Alice Patterson sowie 1964 die Tochter Katharine Medill hervor. An der Columbia University in New York studierte Madeleine Albright Öffentliches Recht und Staatswissenschaften. Dort veröffentlichte sie 1968 die Arbeit „The Soviet Diplomatic Service: Profile of an Elite“ und erhielt in jenem Jahr den akademischen Grad „Master of Arts in Political Science“. 1976 promovierte sie an derselben Hochschule mit ihrer Arbeit „The Role of the Press in Political Change: Czechoslovakia“ zum „Doktor für Politische Wissenschaften“. 1975/1976 betätigte sich Madeleine Albright als Wahlhelferin für den demokratischen Politiker Edmund Muskie, für den sie nach seiner Wahl als Senator von 1976 bis 1978 als Rechtsberaterin arbeitete. Unter der Administration von US-Präsident James Earl „Jimmy“ Carter zählte sie zum Stab des Nationalen Sicherheitsrates und arbeitete für Zbigniew Brzezinski, einen ihrer früheren Professoren. 1981/1982 wirkte sie als Wissenschaftlerin am „Woodrow Wilson International Center“. Danach übernahm sie von 1982 bis 1993 die „Donner Professur für Internationale Beziehungen“ an der „School of Foreign Service“ der Georgetown University. 1981 wurde Madeleine Albright wissenschaftliches Mitglied des „Soviet and Eastern European Affairs Center for Strategic and International Studies“. 1982 verließ ihr Mann Joseph Albright sie abrupt nach 23-jähriger Ehe, 1983 kam es zur Scheidung. Ebenfalls 1983 erschien Madeleine Korbel Albrights Publikation „Poland, the Role of the Press in Political Change“. 1984 betätigte sie sich als außenpolitische Beraterin der Präsidentschaftsbewerber Walter Mondale und Geraldine Ferraro, 1988 des ebenso erfolglosen demokratischen Kandidaten Michael Dukakis. 21 Nach den Präsidentschaftswahlen am 3. November 1992, aus denen die Demokraten Bill Clinton und Al Gore als Sieger hervorgingen, fungierte Madeleine Korbel Albright zunächst als Vorsitzende des Übergangsteams im „Nationalen Sicherheitsrat“, bevor sie der designierte Präsident, der am 20. Januar 1993 sein Amt antrat, als neue UNOBotschafterin nominierte. Frau Albright erwies sich fortan in vielen Konflikten als loyale, kämpferische und eloquente Verfechterin der offiziellen amerikanischen Regierungspolitik. Nach der Bestätigung Bill Clintons bei den Präsidentschaftswahlen vom 5. November 1996 kündigte der bisherige Außenminister, Warren Christopher, sein Ausscheiden zum Januar 1997 an. Clinton bestimmte Madeleine Korbel Albright am 5. Dezember 1996 als Nachfolgerin. Ende 1996 erfuhr sie aus der Tageszeitung „Washington Post“ von ihrer jüdischen Herkunft und dem Tod vieler Verwandter im KZ Auschwitz. Am 23. Januar 1997 wurde sie als 64. Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. In Europa nahm man die Berufung von Madeleine Korbel Albright überwiegend positiv auf, weil man ihr ein besonderes Gespür für die Belange Mittel- und Osteuropas sowie der Länder der früheren Sowjetunion zuschrieb. Ihr Nachfolger als amerikanischer UN-Botschafter war der Kongressabgeordnete Bill Richardson. Madeleine Korbel Albrights Hobbys sind Sticken und Nähen. In einem Interview bezeichnete sie Blau als ihre Lieblingsfarbe sowie tschechische Klöße mit Krabben, Artischocken und Pilzen als ihr favorisiertes Rezept. Ihr Idol ist die amerikanische Lehrerin, Journalistin und Politikerin Eleanor Roosevelt (1884–1962) und ihr Lieblingsautor der amerikanische Lyriker Robert Frost (1874–1963). Sie liest vorzugsweise Romane und Biographien, spielt Klavier, fährt Ski, spielt Feldhockey und schwimmt gerne. Corazón Cojuangco Aquino Die erste Präsidentin der Philippinen E rste Staatspräsidentin der Philippinen wurde 1986 die Politikerin Corazón Cojuangco Aquino, geborene Cojuangco. Bevor sie dieses hohe Amt antrat, hatte sie ihren Mann durch ein Attentat verloren und gegen den Diktator Ferdinand Marcos (1917–1989) kämpfen müssen. Als Staatspräsidentin besaß sie – nach Ansicht 22 politischer Beobachter – wenig Fortüne. Andererseits spielte sie eine wichtige Rolle beim Demokratisierungsprozess ihrer Heimat. Corazón Cojuangco wurde am 25. Januar 1933 als Tochter wohlhabender Eltern in der Provinz Tarlac, etwa 80 Kilometer nördlich der philippinischen Hauptstadt Manila, geboren. Das Vermögen ihrer poli- tisch engagierten Familie entstand durch Bankbeteiligungen und durch große Zuckerrohrplantagen. Nach dem Besuch einer exklusiven katholischen Mädchenschule in Manila wurde Corazón ab dem 13. Lebensjahr auf katholischen Konventschulen von Philadelphia und New York in den USA unterrichtet. 1953 schloss sie am „Mount S. Vincent College“ in New York im Hauptfach Französisch und im Nebenfach Mathematik ab und kehrte in ihre Heimat zurück. Danach begann Corazón an der Fern-Ost-Universität in Manila ein Jurastudium, das sie nach einem Semester abbrach. Am 11. Oktober 1954 heiratete sie im Alter von 21 Jahren den Politiker und Journalisten Benigno „Ninoy“ Aquino (1932–1983), der 1967 jüngster Senator der Philippinen wurde. Aus der Ehe mit ihm stammen vier Töchter und ein Sohn. Als Präsident Ferdinand Marcos im September 1972 das Kriegsrecht über die Philippinen verhängte, war Benigno Aquino einer der ersten Oppositionspolitiker, der eingesperrt wurde. Im Dezember 1977 verurteilte man ihn wegen angeblicher Subversion zum Tode, setzte aber die Vollstreckung des Urteils wegen schwerer Prozessmängel und wegen der Proteste im Ausland aus. 23 Im Mai 1980 durfte Benigno Aquino mit Familie auf amerikanischen Druck in die USA ausreisen und sich dort einer Herzoperation unterziehen. Trotz eines Einreiseverbotes kehrte er am 21. August 1983 auf die Philippinen zurück. Noch auf dem Flugplatz von Manila verübte man auf ihn einen Anschlag, bei dem er ums Leben kam. Im Oktober und November 1985 forderten etwa 1,2 Millionen Philippinos, Corazón Aquino solle bei den Präsidentschaftswahlen gegen Marcos kandidieren. Es folgte ein zeitweise triumphaler Wahlfeldzug, der die großen Hoffnungen widerspiegelte, die man auf Corazón Aquino setzte. Doch bei der Wahl am 7. Februar 1986, an deren korrektem Ablauf gezweifelt wurde, siegte Marcos mit einer Mehrheit von etwa 1,5 Millionen Stimmen. Corazón Aquino verkündete daraufhin ein „Programm des passiven Widerstandes“, das von den katholischen Bischöfen ihres Heimatlandes unterstützt wurde. Außerdem verstärkten die USA aus Sorge vor einem bevorstehenden Bürgerkrieg ihren Druck auf Marcos. Zudem verweigerten immer mehr Teile der Armee unter Führung von Verteidigungsminister Ponce Enrile dem Diktator ihre Gefolgschaft. Als Corazón Aquino am 25. Februar 1986 von der Mehrheit des philippinischen Parlaments zur „gewählten Präsidentin“ ausgerufen und vereidigt wurde, ließ sich Marcos wenig später in seinem Palast vereidigen, gab aber bald unter dem Druck der Massen und amerikanischer Nachhilfe auf. Die USA nahmen Marcos und seine Familie auf und erkannten die neue Regierung an. Chef und Außenminister der Letzteren wurde Vizepräsident Salvador Laurel. Bei der Parlamentswahl am 11. Mai 1987 errang die Koalition der Präsidentin einen hohen Sieg. Anfang 1992 verzichtete Corazón Aquino auf eine erneute Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen im Mai 1992 und unterstützte ihren Wunschkandidaten Fidel Ramos, der im Juli 1991 als Verteidungsminister zurückgetreten war, um sich ganz auf den Wahlkampf zu konzentrieren. Aus der Wahl am 11. Mai 1992 ging Fidel Ramos als achter Präsident hervor. Corazón Aquino zog sich ins Privatleben zurück. Die Tageszeitung „Frankfurter Rundschau“ fällte am 22. Juni 1992 über ihre Amtszeit das Urteil: „Kränze werden ihr keine geflochten“. Sie habe vor allem bei der Verteidigung der Menschenrechte versagt, schrieb das Blatt. Hanan Ashrawi Die Sprecherin der Palästinenser E ine der bedeutendsten palästinensischen Politikerinnen ist Hanan Ashrawi, geborene Michael. Die mutige Frau trat seit 1982 mit Nachdruck für eine friedliche Lö24 sung des Nahostkonflikts ein und machte sich von 1991 bis 1993 weltweit als Sprecherin der Palästinenser einen Namen. Von Anfang 1996 bis August 1998 fungierte sie als erste palästinensische Bildungsministerin. Hanan Michael kam am 8. Oktober 1946 als jüngste von fünf Töchtern des christlichen Arztes Daoud Michael in Ramallah (Westjordanland) zur Welt. Ihr Vater arbeitete zur Zeit ihrer Geburt als Arzt für die britische Mandatsmacht Palästina. 1964 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der „Palestine Liberation Organization“ („Palästinensische Befreiungsorganisation“, PLO). Hanan studierte englische Literatur an der Beiruter American University und erwarb dort 1964 das „Master’s degree“. Es folgte ein dreijähriges Studium an der Virginia State University in den USA. In ihrer Dissertation zum „Doktor der Philosophie“ befasste sie sich mit der palästinensischen Literatur des Mittelalters. 1969 nahm Hanan Michael als Sprecherin der „General Union of Palestinian Students“ und einzige Frau der libanesischen Delegation an einer internationalen Konferenz in Amman (Jordanien) teil und begegnete dort erstmals Yasir Arafat, dem Vorsitzenden der PLO. 1973 kehrte sie in ihre während des Sechs-Tage-Krieges 1967 von den Israelis besetzte Heimat zurück. Schon wenige Monate später musste sie sich wegen der Teilnahme an 25 einer nicht genehmigten Demonstration vor einem israelischen Gericht verantworten. Dabei lernte sie den Maler, Musiker und Fotografen Emile Ashrawi kennen, der später ihr Mann wurde und mit dem sie zwei Tochter – Zeina und Amal – hat. Von 1973 bis 1981 leitete sie die Englische Abteilung an der BirZeit-Universität bei Ramallah im Westjordanland. 1982 stellt einen Wendepunkt in Hanan Ashrawis Leben dar. Die Belagerung Beiruts und die Berichte über die Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabsa und Shatila veranlassten sie, sich mit aller Kraft für die friedliche Beendigung des Nahostkonfliktes einzusetzen. Ihr stetiges Engagement für eine politische Lösung gipfelte in der Teilnahme an der Nahost-Friedenskonferenz, die am 30. Oktober 1991 in Madrid ihren Auftakt nahm. Hier stand Hanan Ashrawi als Sprecherin der palästinensischen Delegation im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Bei den später in Washington fortgesetzten Verhandlungen avancierte die exzellent englisch sprechende, modern gekleidete und stets freundliche Frau zum Medienstar im USFernsehen. 1992 kam es zu weltweiten Protesten, als nach einem heimlichen Treffen zwischen Hanan Ashrawi und PLO-Chef Arafat in Israel ein Strafverfahren gegen sie eröffnet wurde, weil sie gegen die Antiterrorgesetze verstoßen hatte, die jeden PLO-Kontakt kriminalisierten. Im Sommer 1993 wurden erstmals deutliche Differenzen zwischen Hanan Ashrawi und Yasir Arafat offenkundig, vor allem über die „Art und Weise, wie Entscheidungen gefällt werden“. In der Nacht zum 31. August 1993 billigte die israelische Regierung den Plan einer palästinensischen Teilautonomie, bevor im Exekutivkomitee der PLO neun der zwölf anwesenden Mitglieder zustimmten. Am 13. September 1993 kam es in Washington im Beisein von US-Präsident Bill Clinton zum historischen Händedruck zwischen Yasir Arafat und Israels Ministerpräsident Yitzhak Rabin (1922–1995). Damals wurde das so genannte Gaza-Jericho-Abkommen besiegelt. Am 10. Dezember 1993 erklärte Hanan Ashrawi vor der Presse in Ost-Jerusalem ihren Rücktritt als Delegationsleiterin. Dabei verzichtete sie darauf, über ihre Differenzen mit Arafat zu sprechen und ihren Protest gegen dessen Führungsstil zu wiederholen. 1994 erschien die Biographie „A voice of reason: Hanan Ashrawi and Peace in the middle east“ von Barbara Victor. 1995 entstand der 50-minütige Film „Hanan Ashrawi: A woman of her time“ über die international bekannte Palästinenserin. Der vielfach ausgezeichnete Streifen ist ein sensibles Porträt und wird von eindrucksvollen Bildern aus dem Alltagsleben in einer Krisenregion begleitet. Im August 1998 trat Hanan Ashrawi aus Protest gegen Korruption in der palästinensischen Regierung und die Friedenspolitik von Präsident Jassir Arafat von ihrem Amt als Bildungsminister im Kabinett Arafats zurück. 26 Emily Greene Balch Die frühe amerikanische Pazifistin A ls eine der bedeutendsten Pazifistinnen der USA wird die amerikanische Sozialpolitikerin und Wirtschaftswissenschaftlerin Emily Greene Balch (1867–1961) in Nachschlagewerken gewürdigt. Außerdem war sie eine der Gründerinnen der „Women’s Trade Union League“ („Gewerkschaftliche Frauenliga“) in Nordamerika. Für ihre segensreiche Arbeit ist sie als zweite Amerikanerin mit dem Friedensnobelpreis belohnt worden. Emily Greene Balch kam am 8. Januar 1867 als zweites von sechs Kindern des Rechtsanwalts Francis Balch und der Lehrerin Ellen Maria Noyces Balch in dem Dorf Jamaica Plain, heute ein Stadtteil von Boston (Massachusetts), zur Welt. Die Eltern gehörten zur Religionsgemeinschaft der „Unitarier“, die an die Einheit Gottes glaubt und dessen 27 Dreifaltigkeit ablehnt. Außerdem waren sie Gegner der Sklaverei. Während ihrer Kindheit liebte Emily Greene schwärmerisch die Natur und spürte früh den Drang zu schreiben. Sie notierte all ihre Gefühlsregungen gewissenhaft in einem Tagebuch. Mit 19 Jahren trat sie 1886 in die erste Abschlussklasse am „Bryn Mawr College“ in Boston ein. Zunächst wählte sie griechische und römische Literatur als Schwerpunkte, später wechselte sie zur Volkwirtschaft. 1889 machte die scheue und bescheidene Studentin ihren Abschluss und erhielt als erste Frau das neugestiftete „Europaean Fellowship“, ein Stipendium für ein einjähriges Studium in Paris. 1890/ 1891 belegte sie an der Sorbonne in Paris Vorlesungen in Wirtschaftswissenschaften und verfasste die Studie „Öffentliche Hilfe für die Armen in Frankreich“, die 1893 von der „American Economic Association“ veröffentlicht wurde. Nach der Rückkehr aus Paris half Emily Greene Balch dem Gründer der bereits 1863 aus der Taufe gehobenen „Children’s Aid Society“ in Boston, Charles Birthwell. 1892 begegnete sie in einem Sommercamp erstmals der amerikanischen Sozialreformerin Jane Addams (1860–1935), mit der sie ihr ganzes Leben lang befreundet war und zusammenarbeitete. Im Dezember 1892 gründete Emily Greene Balch zusammen mit Helena Dudley (1858–1932) und Helen Cheever (1865–1960) das Hilfswerk „Denison House“. Dieses nach dem ersten Direktor der Kendall School, James Denison (1845– 1909), benannte Hilfswerk war eine Einrichtung der Settlementbewegung, die 1869 in Großbritannien aufkam und gemeinnützige Einrichtungen (Nachbarschaftsheime) in großstädtischen Bezirken entwickelte. Neben Jane Addams gilt Emily Greene Balch, die das „Denison House“ leitete, als eine der führenden Vertreterinnen der Settlementbewegung in den USA. Im „Denison House“ lernte Emily die Sorgen und Nöte von Unterstützungsemp28 fängern, vernachlässigten Kindern, schlecht bezahlten Arbeitern und Prostituierten kennen. 1894 studierte Emily Greene Balch ein Semester lang in „Harvard Annex“ (heute „Radcliff College“) und ein Viertelsemester an der Chicago University, um sich auf eine Lehrtätigkeit vorzubereiten. 1895 folgte ein einjähriges Studium an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin (heute HumboldtUniversität), wo sie eine der ersten 40 Studentinnen war, die Theorien des Sozialismus kennen lernte und an Treffen der „Sozialistischen Internationale“ teilnahm. Im Juli 1896 kehrte Emily Greene Balch in die USA zurück. Noch auf dem Schiff erhielt sie das Angebot für eine Teilzeitstelle als AssistenzProfessorin für Volkswirtschaft und Sozialwissenschaften am „Wellesley College“. Anfangs korrigierte sie die Arbeiten der Studenten, ab 1897 unterrichtete sie selbst und hatte nun eine Vollzeitstelle. Sie lehrte von 1897 bis 1918 als Professorin für Wirtschaft und Politik am „Wellesley College“. 1903 zählte Emily Greene Balch zu den Gründern der „Women’s Trade Union League“ („Gewerkschaftliche Frauenliga“). 1905/1906 untersuchte sie in Österreich-Ungarn und teilweise in der USA die Lebensbe- dingungen der slawischen Bevölkerung. 1913 übernahm sie den Vorsitz der neuen Fakultät für Wirtschafts-, Sozial- und Politikwissenschaften am Wellesley College. Im April 1915 nahmen Emily Greene Balch und die amerikanische Pathologin Alice Hamilton (1869– 1970) am Friedenskongress der Frauen in Den Haag (Niederlande), der unter der Parole „Wider den Krieg“ stand, teil. Dabei erarbeiteten 1136 Frauen aus zwölf Nationen einen Friedensplan, der den Ersten Weltkrieg beenden sollte. Zusammen mit Jane Addams gründete Emily Greene Balch 1915 in Zürich das „International Komitee für dauernden Frieden“ (IFFF). Daraus ging 1919 die „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit“ („Women’s International Leage for Peace and Freedom“ = WILPF) hervor. Außerdem machten die Frauen Vorschläge, die zum Ende des Krieges führen und den Frieden erhalten sollten. Zu einer der Frauendelegationen, die ihre Friedensvorschläge europäischen Regierungen unterbreiteten, gehörte Emily Greene Balch: Sie reiste in die skandinavischen Länder und nach Rußland. Emily Greene Balch und Jane Addams sprachen auch beim amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson 29 (1856–1924) vor, der ihre Vorschläge wohlwollend anhörte, doch seine Berater winkten ab. Aus Rücksicht auf das „Wellesley College“, das ihre pazifistische Einstellung und ihre fortschrittlichen Wirtschaftstheorien nicht teilte, nahm Emily Greene Balch nach dem Kriegseintritt der USA 1916 einen einjährigen Forschungsurlaub. Sie konzentrierte sich mit ihrer ganzen Kraft auf die Friedensarbeit und galt deswegen nach Jane Addams als „zweitgefährlichste Frau der USA“. 1919 lief der Lehrauftrag der 52jährigen Emily Greene Balch für das „Wellesley College“ aus und wurde nicht verlängert. Dies geschah nicht wegen ihres Eintretens für den Sozialismus, sondern wegen ihres Engagements als Pazifistin und ihrer Teilnahme an AntiKriegs-Demonstrationen. Die arbeitslose Professorin verdiente zunächst durch Artikel für das New Yorker Magazin „Nation“ ihren Lebensunterhalt. Von 1919 bis 1922 arbeitete Emily Greene Balch als bezahlte Generalsekretärin und Schatzmeisterin der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“, für die sie in Genf ein ständiges Büro einrichtete. Sie organisierte die internationalen Verflechtungen innerhalb der Liga und baute die Verbindung zum Völkerbund, der seinen Sitz von London nach Genf verlegte, auf. 1921 schloss sich Emily Greene Balch der „Religious Society of Friends“ („Gemeinschaft der Freunde“) in London an, deren Anhänger Quäker genannt werden. Deren Philosophie ist es, in wichtigen Dingen Einigkeit, in unwesentlichen Dingen Freiheit und über allem die helfende Liebe walten zu lassen. Aus gesundheitlichen Gründen gab Emily Greene Balch 1922 ihr Amt als Generalsekretärin der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“ auf. 1926 ging sie im Auftrag der WILPF in das seit 1915 von den USA besetzte Haiti und legte hierüber 1927 eine Studie vor. Nach ihrer Haiti-Mission sprach sie mit Präsident Coolidge Calvin (1872–1933) und konnte ihn bewegen, eigene Untersuchungen anzustellen. Wegen des Amtswechsels 1929 war es dann aber erst Präsident Herbert Clark Hoover (1874–1964), der 1930 diese Pläne umsetzen konnte. Ab 1931 führte Emily Greene Balch die amerikanische Sektion der „Women’s International Leage for Peace and Freedom“. 1934/1935 fungierte sie erneut als Generalsekretärin der WILPF. 1936 wählte 30 man sie wegen ihrer Verdienste zur Ehrenpräsidentin der WILPF. Vor und während des Zweiten Weltkrieges setzte sich Emily Greene Balch für die Aufnahme flüchtender Juden in den USA ein. Ihre strikte pazifistische Haltung geriet ins Wanken, als sie von gravierenden Verletzungen elementarster Menschenrechte durch die „Nazis“ erfuhr. Aus der Feder von Emily Greene Balch stammen die Veröffentlichungen „Public Assistance of the Poor in France“ (1893), die Studie „Our Slavic Fellow-Citizens“ („Unsere slawischen Mitbürger, 1910), „Women at The Hague“ (1915), „Approaches to the Great Settlement“ („Schritte zu einer Friedenslösung“, 1918), „Occupied Haiti“ (1927), „Refuguees as Assets“ (1939) und der Gedichtband „The Miracle of Living“ (1941). 1946 verlieh man Emily Greene Balch – zusammen mit dem amerikanischen evangelischen Theologen John Raleigh Mott (1865– 1955) – in Oslo den Friedensnobelpreis. Die Nachricht über diese hohe Auszeichnung erfuhr sie – von Altersbeschwerden und Asthma geplagt – im Krankenhaus. Im April 1948 hielt die 81-Jährige bei der Verleihung des Friedennobelpreises für 1946 eine lange Dankesrede. Den größten Teil des mit dem Preis verbundenen Geldbetrages von 16000 US-Dollar stellte sie der WILPF zur Verfügung. Einen Tag nach ihrem 94. Geburtstag starb Emily Greene Balch am 9. Januar 1961 in Cambridge (Massachusetts) Sirimawo Bandaranaike Die erste Regierungschefin der Welt S owohl erste Premierministerin von Ceylon – heute Sri Lanka – als auch erste Regierungschefin der Welt wurde die Politikerin Sirimawo Bandaranaike (1916–2000), geborene Ratwatte. Sie erlebte außer großen politischen Erfolgen auch bittere Stunden: Ihr Mann wurde während seiner Amtszeit als Premierminister ermordet, auf sie selbst verübte man später ebenfalls 31 einen Anschlag, zeitweise warf man ihr Machtmissbrauch und Korruption vor und nahm ihr die staatsbürgerlichen Rechte. Sirimawo („die Glückliche“) stammt aus der aristokratischen Großgrundbesitzerfamilie Ratwatte. Mitglieder dieser Familie dienten über Generationen hinweg den singhalesischen Königen als hohe Beamte. Sirimawo kam am 17. April 1916 als Tochter des Distriktsvorstehers des Ratnapura Distrikts in Balangoda im ceylonesischen Hochland zur Welt. Obwohl sie die Schule eines katholischen Klosters („Ratnapura Convent“) und das von katholischen Nonnen geführte College „Saint Bridget’s Convent of Colombo“ besuchte, blieb sie Buddhistin. Im Oktober 1940 heiratete Sirimawo Ratwatte den ebenfalls einer aristokratischen Familie angehörenden Gesundheitsminister Solomon Bandaranaike (1899–1959). Nach der Ernennung ihres Mannes am 12. April 1956 zum Premierminister von Ceylon übernahm sie sozialfürsorgerische Aufgaben, leitete die patriotische Frauenvereinigung „Lanka Mahila Samiti“ und setzte sich für Familienplanung, bessere Erziehung und politische Rechte der Frauen ein. Am 26. September 1959 fiel Salo- mon Bandaranaike in Colombo einem Mord zum Opfer. Seine Witwe wurde einstimmig zur Präsidentin der sozialistisch orientierten „Sri Lanka Freedom Party“ („SriLanka-Freiheitspartei“ = SLFP) gewählt. Nach einem emotional geführten Wahlkampf, in dem Sirimawo Bandaranaike bei ihren Auftritten oft Tränen vergoss und das Volk rührte, zog die „weinende Witwe“ 1960 als erste Premierministerin Ceylons in das Regierungspalais ein. Zugleich war sie weltweit der erste weibliche Regierungschef. Die erste Amtszeit von Sirimawo Bandaranaike als Premierministerin dauerte von 1960 bis 1965. Sie entwickelte ein Geschick und eine Robustheit, die im In- und Ausland verblüfften und ihr den Ehrentitel „Ceylons Mutter Courage“ eintrugen. Andererseits verärgerte sie mit ihrer rigorosen Sprachenpolitik die Tamilen und mit ihrer Erziehungspolitik die Christen und entging im Februar 1962 unverletzt einem Attentatsversuch. Im Herbst 1964 nahm sie die „Sama-Samaj-Partei“ (Trotzkisten) in die Regierung auf, worauf sich die „Sri Lanka Freedom Party“ spaltete. Am 22. März 1965 verlor Sirimawo Bandaranaike die Parlamentswahlen und ihr Amt als Premierministerin. Von 1965 bis 1970 stellte die 32 konservative „United National Party“ (UNP) unter Dudley Shelton Senanayake (1911–1973) die Regierung. Bei den Parlamentswahlen am 27. Mai 1970 schlug Sirimawo Bandaranaike die Regierungspartei mit einer unerwarteten Zweidrittelmehrheit. Danach fungierte sie von 1970 bis 1977 als Premierministerin sowie als Außen-, Verteidigungsund Planungsministerin. Im April 1971 kam es zu einem Umsturzversuch der mit dem Sozialisierungstempo in Ceylon unzufriedenen „Ché-Guevara-Bewegung“. Wegen andauernder Unruhen verhängte Sirimawo Bandaranaike im Mai 1971 über ihr Land den Ausnahmezustand. Der Aufstand der linksradikalen Studenten- und Jugendorganisation konnte mit ausländischer Waffenhilfe niedergeschlagen werden. Im August 1972 erhielt Ceylon eine neue Verfassung und als Republik – zuvor war es als Dominion im Commonwealth verblieben – den neuen Namen „Sri Lanka“. Verschärfte Notstandsmaßnahmen der Regierung und die katastrophale Wirtschaftslage Sri Lankas verhalfen im Juli 1977 der UNP unter Führung von Junius Richard Jayawardene (1906–1996) zu einem überwältigenden Wahlsieg. 1983 begannen bewaffnete Ausein- andersetzungen zwischen den Regierungstruppen und den „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ (LTTTE), die im Norden und Osten der Insel für einen von Sri Lanka unabhängigen Staat der tamilischen Volksgruppen kämpfen. Bei diesem Bürgerkrieg kamen schätzungsweise 50000 Menschen ums Leben. Anfang 1989 entging Sirimawo Bandaranaike knapp einem Attentat. Im Oktober 1990 wurden ihr unter dem Vorwurf des Machtmissbrauchs und der Korruption während ihrer Regierungszeit die staatsbürgerlichen Rechte aberkannt. Sirimawo Bandaranaike brachte zwei Töchter (Sunethra und Chandrika) sowie einen Sohn (Anura) zur Welt. Die am 29. Juni 1945 geborene Chandrika studierte Soziologie an der Pariser Sorbonne. Nach der Ermordung ihres Mannes Vijaya Kumaratunga 1989 durch politische Extremisten lebte sie kurze Zeit im Exil in London. Im parteiinternen Kampf und die Vorherrschaft in der SLFP setzte sie sich gegen ihre Mutter durch und wurde Regierungschefin der West-Provinz. Aus den Parlamentswahlen am 16. August 1994 ging die 49-jährige Chandrika Kumaratunga mit der oppositionellen People’s Alliance, angeführt von der SLFP, als Siegerin hervor. Staatspräsident Dingiri 33 Banda Wijetunge beauftragte sie mit der Regierungsbildung und vereidigte sie am 19. August 1994 als Premierministerin. Auch bei den Präsidentschaftswahlen am 9. November 1994 siegte Chandrika. Am 13. November 1994 wurde Chandrika als erstes weibliches Staatsoberhaupt ihres Landes vereidigt. Sie ernannte ihre Mutter zur Premierministerin, die ihr damit im Amt nachfolgte. Sirimawo Bandaranaike starb am 10. Oktober 2000 im Alter von 84 Jahren. Agatha Barbara Die erste Präsidentin von Malta G leich drei Rekorde stellte die maltesische Pädagogin und der „Malta Labour Party“ angehörende Politikerin Agatha Barbara auf: Im Laufe ihrer politischen Karriere war sie die erste weibliche Parlamentarierin, das erste Regierungsmitglied und das erste weibliche Staatsoberhaupt auf der Mittelmeerinsel Malta. Agatha Barbara wurde am 11. März 1923 in Zabbar auf Malta geboren. Nach dem Besuch der Höheren Schule in der Hauptstadt Valetta und der Ausbildung als Lehrerin arbeitete sie von 1942 bis 1947 im Schuldienst. Da sie sich für politische Fragen interessierte, trat sie der „Malta Labour Party“ bei, zählte bald zur Führungsgruppe und leitete die Frauengruppe. Nachdem Großbritannien der Insel die innere Autonomie gewährte, kandidierte Agatha Barbara für das maltesische Parlament und wurde die erste weibliche Parlamentarierin Maltas. In der Folgezeit konnte sie ihren Sitz stets erfolgreich gegen Konkurrenten der „Nationalistischen Partei“ behaupten. 1955 übernahm die „Malta Labour Party“ unter Führung von Dominic (Don) Mintoff die Regierung auf Malta. Er holte Agatha Barbara als erste Frau in die Regierung und betraute sie mit der Leitung des Erziehungsministeriums. Mintoff plante damals eine Integration in den Staatsverband Großbritanniens, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. Premier Don Mintoff stritt mit der 34 britischen Regierung, was zur Folge hatte, dass Malta von 1958 bis 1962 wieder nach Kolonialregime regiert wurde. Während der konfliktreichen Zeit musste Agatha Barbara für 43 Tage ins Gefängnis, weil sie sich im April 1958 als Streikposten zur Verfügung gestellt hatte. 1962 erhielt Malta eine neue Verfassung, und Dr. Georg Borg Olivier von der „Nationalistischen Partei“ bekleidete das Amt des Regierungschefs. Ab September 1964 war die Insel ein unabhängiges Mitglied des „Britischen Commonwealth“ in wichtiger strategischer Lage. Nach dem 1971 von der „Malta Labour Party“ erkämpften knappen Wahlsieg führte Agatha Barbara erneut das Minsterium für Erziehung und Kultur. 1974 wurde Malta eine unabhängige parlamentarische Republik. Ebenfalls 1974 wechselte Agatha Barbara in das Ministerium für Arbeit, Beschäftigung und Soziale Wohlfahrt, das damals als wichtiges Ressort galt, weil durch Abzug der Briten und Auflösung der NATO-Flottenstation Probleme auf dem Arbeitsmarkt entstanden waren. Von 1976 bis 1981 übernahm sie auch das Kulturressort. Bei den Parlamentswahlen am 12. Dezember 1981 konnte die „Malta Labour Party“ nur dank der für die Regierung günstigen Wahlkreiseinteilung ihre knappe Mehrheit von 34 gegen 31 Mandate behaupten. Dagegen hatte die „Nationalistische Partei“ bei der Stimmenzahl mit 51 gegen 49 Prozent die Nase vorn. Als nach den Wahlen auch die Neubestellung des mehr repräsentativen Amtes des Staatspräsidenten anstand, löste Agatha Barbara den Politiker Anton Buttigieg am 16. Februar 1982 ab und stieg zum ersten weiblichen Staatsoberhaupt der Insel seit der Unabhängigkeit auf. Sie fungierte bis zum 14. Mai 1987 als Staatspräsidentin. An diesem Tag vereidigte man Paul Xuereb als ihren Nachfolger. Ermöglicht wurde dies durch den Ausgang der Parlamentswahlen am 9. Mai 1987. Benazir Bhutto Die erste Regierungschefin Pakistans ls erste muslimische Regierungschefin sorgte von 1988 bis 1990 die pakistanische Politikerin Benazir Bhutto für Aufsehen. Der Amtsübernahme gingen turbulente Jahre voraus. Ihren Vater entmachtete man nach einem Umsturz als Premierminister und richete ihn später hin. Einer ihrer Brüder starb unter mysteriösen Umständen im Ausland. Sie selbst führte einen erbitterten Kampf gegen die pakis35 A tanische Militärdiktatur, stand jahrelang unter Hausarrest und lebte zeitweise im Exil. Benazir (deutsch: die „Unvergleichliche“) wurde am 21. Juni 1953 als älteste Tochter des späteren Staatspräsidenten und Regierungschefs Zulfikar Ali Bhutto (1928–1979) und dessen zweiter Frau Nusrat Bhutto in der pakistanischen Provinz Sindh geboren. Aus der Ehe ihrer Eltern gingen außer Benzir die beiden Brüder Murtaza und ShahNawaz sowie die Schwester Saham Sema hervor Benazir Bhutto besuchte in Pakistan das „Gordon College“ und studierte von 1970 bis 1977 Politische Wissenschaften und Geschichte am „Radcliffe-College“ in Cambridge (Massachusetts, USA) und in Oxford (Großbritannien). In Oxford wurde sie als erste Ausländerin zur Präsidentin des Studentenverbandes und Vorsitzenden des renommierten „Debattierclubs“ gewählt. 1977 kehrte Benazir Bhutto nach Pakistan zurück, um in den diplomatischen Dienst zu treten. Am 5. Juli 1977 stürzte das Militär wegen Wahlmanipulationen ihren Vater als Premierminister, und General Zia Ul-Haq (1924–1988) wurde neuer starker Mann Pakistans. Benazir unterstützte ihre Mutter bei der Organisation des öffentlichen Protestes gegen die Inhaftierung ihres Vaters. Am 18. März 1978 verurteilte das Oberste Gericht in Lahore Zulfikar Ali Bhutto wegen Anstiftung zum Mord an einem politischen Gegner zum Tode durch den Strang. Der Verurteilte verbrachte ein Jahr lang in der Todeszelle, bis im Frühjahr 1979 das Todesurteil mit der Mehrheit von nur einer Stimme vom Richterkollegium bestätigt, jedoch 36 eine Begnadigung empfohlen wurde. Die Gnadengesuche führender Politiker aus aller Welt konnten den Machthaber Zia-Ul-Haq jedoch nicht umstimmen: Am 4. April 1979 hat man Bhutto im Distriktsgefängnis von Rawalpindi gehenkt. Nusrat und Benzir Bhutto wurden nach dem Umsturz mehrfach verhaftet oder unter Hausarrest gestellt. Die Söhne Murtaza und ShahNawaz versuchten vergeblich, vom Ausland aus den Widerstand zu organisieren und mit Bombenattentaten und Flugzeugentführungen das Militärregime in ihrer Heimat zu stürzen, das im Zuge des Afghanistan-Krieges zum Frontstaat und unverzichtbaren Verbündeten des Westens in der letzten Phase des „kalten Krieges“ geworden war. Als sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter verschlechterte, übernahm Benazir ab 1982 immer mehr die Führungsrolle in der von ihrem Vater gegründeten „Pakistanischen Volkspartei“ („Pakistan People’s Party“ = PPP). Das Militär hielt Benazir Bhutto fast drei Jahre lang unter Hausarrest, ehe sie 1984 ihrer Mutter und den beiden Brüdern über Frankreich ins Exil nach Großbritannien folgen konnte. Im Juli 1985 fand man Benazirs Bruder Shah-Nawaz in Cannes (Frankreich) tot auf, seine Todesumstände gelten als ungeklärt. Als Benazir Bhutto im August 1985 nach Pakistan zurückkehrte, stellte man sie eine Woche später erneut unter Hausarrest und schob sie nach London ab. Nach einer weiteren Rückkehr in die Heimat im April 1986 feierte man sie als „Fackelträgerin der Demokratie“, aber die Aktivisten der PPP folgten nur teilweise ihrem harten Konfrontationskurs. Am 14. August 1986, dem Tag der Unabhängigkeit Pakistans, wurde Benazir festgenommen und sollte wegen Umsturzversuches angeklagt werden. Aus Furcht vor einer Neuauflage des militanten „Bhuttoismus“ vor allem beim Mittelstand spaltete sich ein Flügel der PPP unter Führung von Mustafa Jatoir ab und gründete die „National People’s Party“ (NPP). Die Streitigkeiten im Oppositionslager bewirkten, dass das Regime von General Zia Ul-Haq nicht ernsthaft gefährdet wurde. Im Dezember 1987 heiratete Benazir Bhutto den Sohn eines der reichsten pakistanischen Industriellen, Asif Ali Zardari. Aus dieser Ehe gingen zwischen 1988 und 1993 der Sohn Bilawal und zwei Töchter hervor. Eine neue politische Lage entstand, 37 als Staatschef Zia Ul-Haq am 17. August 1988 überraschend bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Der Interimspräsident Ishaq Khan hielt an dem Wahlversprechen seines Vorgängers fest, und am 16. November 1988 wurde die PPP bei den Parlamentswahlen mit 92 von 237 Mandaten stärkste Fraktion. Damals bezeichneten PPP–Anhänger Benazir Bhutto als „die aufsteigende Sonne“. Staatspräsident Ishaq Khan ernannte im Dezember 1988 Benazir Bhutto zur Regierungschefin. Nach ihrer Amtsübernahme hob sie den vom Diktator Zia Ul-Haq verhängten Ausnahmezustand in Pakistan auf, verkündete eine Amnestie für 1100 politische Häftlinge und schaffte die Todesstrafe ab. Im Oktober 1989 überstand Benazir Bhutto nur knapp einen Misstrauensantrag der Opposition, die ihr Nepotismus (Vetternwirtschaft) und Ungeschick bei der Behandlung politischer Gegner vorwarf. Zum Beispiel mussten 70 hochqualifizierte Beamte vorzeitig in Pension gehen, während man etwa 20000 Bhutto-Anhänger mit lukrativen Verwaltungsposten belohnte. Zudem sorgten Unruhen in Benazirs Heimatprovinz Sindh und Militäreinsätze für Streit mit Generälen. Benazir Bhutto war stets ein Kind des Orients. Dies verriet ihre Autobiographie „Daughter of the East“, die unter dem Titel „Tochter der Macht“ (1989) auch ins Deutsche übersetzt wurde. Darin las man, dass sie während eines Londonaufenthaltes Ende 1985 Geräusche in der Küche und auf dem Flur ihrer Wohnung dem Geist des damals hingerichteten Arbeiterführers und PPP-Anhängers Ayaz Samoo zuschrieb. Einen Tag vor einem erneuten Misstrauensantrag setzte Präsidentin Ishaq Khan am 6. August 1990 Benzir Bhutto und ihre Regierung unter dem Vorwurf der Korruption und des Amtsmissbrauchs ab und ernannte den früheren PPP-Politiker Jatoi zum Übergangsministerpräsidenten. Gegen Benazir Bhutto wurde ein Prozess eingeleitet. Bei den Neuwahlen am 14. Oktober 1990 erlitt ihre PPP eine deutliche Niederlage. Am 19. Oktober 1993 wurde Benazir Bhutto erneut zur Regierungschefin gewählt. Auch während ihrer zweiten Amtszeit vom Oktober 1993 bis zum November 1996 gab es immer wieder politische Affären und Skandale. Im September 1996 wurde ihr Bruder Murtaza, der 1993 gegen seine Schwester kandidiert hatte, in Karachi (Pakistan) bei einer Polizeikontrolle erschossen. Seinen Tod lastete man der Premierministerin an. Am 4. November 1996 machte Präsident Faruk Ahmad Khan Leghari von einem Verfassungdekret aus Militärzeiten Gebrauch und entließ die Premierministerin, der er vorwarf, sie habe die Unabhängigkeit der Justiz untergraben. Am 19. November 1996 lehnte das höchste Gericht des Landes ihre Klage gegen die Absetzung als Ministerpräsidentin ab. Und am 3. Februar 1997 erlitt ihre PPP eine vernichtende Niederlage. Mitte April 1999 wurden Benazir Bhutto und ihr Mann wegen Korruption zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ein pakistanisches Gericht sprach sie schuldig, von Schweizer Firmen Bestechungsgelder angenommen zu haben. 38 Bärbel Bohley Die berühmteste Bürgerrechtlerin der DDR E ine der bekanntesten Bürgerrechtlerinnen der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) war die Malerin und Graphikerin Bärbel Bohley. Die Künstlerin gehörte zu den Gründern der Gruppe „Frauen für den Frieden“, der „Initiative für den Frieden und Menschenrechte“ und der Bürgerbewegung „Neues Forum“ (NF). Wegen ihres couragierten Eintretens für Bürgerrechte in der DDR saß sie zweimal im Gefängnis. Bärbel Bohley wurde am 24. Mai 1945 als Tochter eines Konstrukteurs in Berlin geboren. Sie machte 1963 das Abitur und begann danach eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Im Alter von 24 Jahren begann sie 1969 ein fünfjähriges Studium an der Staatlichen Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, das sie 1974 als „Diplom-Malerin“ abschloss. 39 In der Folgezeit lebte und arbeitete Bärbel Bohley als freischaffende Malerin und Grafikerin in Ostberlin. Ihre nüchternen Bilder mit einer Vorliebe für halbfigürlich-abstrakte oder völlig gegenstandslose Formen und kräftige Farben besitzen „eigenwilligen“ Charakter. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie vor allem durch Töpferei. Von 1979 bis 1983 gehörte Bärbel Bohley der Berliner Sektionsleitung des „Verbandes der bildenden Künstler“ an. 1982 gründete die „bekennende Pazifistin“ mit anderen die Gruppe „Frauen für den Frieden“. Danach wurde ihre Wohnung in der Fehrbelliner Straße im Stadtbezirk Prenzlauer Berg jahrelang aus einem dauergeparkten Bauwagen observiert, was aber ihre Aktivitäten kaum bremste. Zur Jahreswende 1983/1984 musste Bärbel Bohley zusammen mit ihrer Freundin Ulrike Poppe unter dem Vorwurf „landesverräterischer Nachrichtenübermittlung“ in sechswöchige Untersuchunghaft nach Hohenschönhausen (Brandenburg). Der Grund dafür waren Kontakte mit Frauen von „Greenham Common“, die gegen den Atomwaffenstützpunkt in Großbritannien protestierten, während der Hochphase der Debatten um die MittelstreckenRaketen sowie friedenspolitische Gespräche mit Grünen aus der Bundesrepublik. Auch nach ihrer Freilassung setzte sich Bärbel Bohley weiter vehemment für mehr öffentliche Diskussion, Meinungs-, Reise- und Versammlungsfreiheit ein. Zusammen mit anderen hob sie die Ostberliner „Initiative für Frieden und Menschenrechte“ aus der Taufe, die von 1985 bis Anfang 1988 mit der Kirche für eine Demokratisierung des öffentlichen Lebens eintrat. Als 1987 der damalige Generalsekretär der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED) und DDRStaatsratsvorsitzende Erich Honekker (1912–1994) offiziell in Bonn empfangen wurde, übergab ihm die grüne Spitzenpolitikerin Petra Kelly (1947–1992) Bärbel Bohleys Graphik „Niemandsland“. Am 17. Januar 1988 nahmen An40 tragsteller auf Übersiedlung in die Bundesrepublik am Gedenkmarsch für Rosa Luxemburg (1870–1919) und Karl Liebknecht (1871–1919) in Ost-Berlin teil. Viele von ihnen wurden verhaftet. Als sich Bärbel Bohley um die Angehörigen und die Inhaftierten kümmerte, steckte man sie wegen „landesverräterischer Beziehungen“ erneut in dieselbe Gefängniszelle von Höhenschönhausen, in der sie schon 1983/1984 gesessen hatte. Auch andere Bürgerrechtler kamen in Haft. Das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ warf Bärbel Bohley im Januar 1988 feindliche Agententätigkeit vor. In Wirklichkeit gehörte sie nur zur DDR-Initiative „Frieden und Menschenrechte“, die bei der Kundgebung mit eigenen Parolen ihr Engagement für und nicht gegen die DDR ausdrückte. Als man Bärbel Bohley und anderen, die man loswerden wollte, mit der Abschiebung in den Westen drohte, entschieden sie und ihr Lebensgefährte Werner Fischer sich für ein Sechs-Monate-Visum, mit dem sie nach Großbritannien gingen und nach Ablauf dieser Zeit im August 1988 in die DDR zurückkehrten. Beide versicherten, sie seien froh, wieder in der DDR zu sein. Bärbel Bohleys Sohn Anselm wurde nicht zum Studium zugelassen. Am 9. September 1989 unterzeichnete Bärbel Bohley zusammen mit dem Rechtsanwalt Rolf Henrich, dem Mikrobiologen Jens Reich und der Witwe des früheren Regimekritikers Professor Robert Havemann (1910–1982) den Aufruf „Die Zeit ist reif“. Letzterer war ein leidenschaftliches Plädoyer für einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel in der DDR, der damals bereits Zehntausende über Ungarn und die Tschechoslowakei den Rücken zugekehrt hatten. Bärbel Bohley gehörte 1989 auch zu den Gründern der Bürgerbewegung „Neues Forum“, zu der sich bald mehr als 200000 Menschen bekannten. Nach der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Ostberliner Alexanderplatz mit mehr als einer Million Teilnehmern hoffte sie, jenseits der Parteien wüchse eine starke Basisbewegung und es begänne eine Wertediskussion jenseits von Kapitalismus und real existierendem Sozialismus. Am Morgen des 9. November 1989 erschien in der „Frankfurter Rundschau“ ein Interview, in dem sich Bärbel Bohley beeindruckt zeigte, dass „nichts aufkam von wegen Wiedervereinigung“, doch schon am Abend desselben Tages wurde die Berliner Mauer geöffnet. Nach ihrer Ansicht waren die Leute 41 „verrückt“, die Regierung hatte „den Verstand verloren“, und die DDR „war zur historischen Fußnote geworden“. Diese Äußerungen wurden stark kristiert. Verbittert und enttäuscht kommentierte Bärbel Bohley später oft, dass das „Neue Forum“ nach den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 kaum noch eine politische Rolle spielte und die „Runden Tische“ nicht den Mut hatten, „die SEDCliquen zu entmachten.“ Ihre Kandidatur für die Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 zog sie zurück, weil Demokratie für sie mehr bedeute „als ein Sitz im Bundestag“. Die mutige Frau wurde mit dem „Dr.-Bruno-Kreisky-Preis für Verdienste um Menschenrechte“ (1991), dem „Friedenspreis des Weltrates der Methodistischen Kirchen“ (1991) und dem Bundesverdienstkreuz (1995) ausgezeichnet. 1996 beteiligte sich Bärbel Bohley an der Gründung des Vereins „Bürgerbüro e. V.“ in Berlin, dem sich unter anderem die Politiker Helmut Kohl, Rudolf Scharping, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis (1927– 1999), und der Schriftsteller Wolf Biermann anschlossen. Der Verein will denjenigen helfen, „die durch Willkürakte der DDR fortdauernd geschädigt sind“. Seit 1996 lebt Bärbel Bohley in Bosnien und Kroatien. Sie ist mit einem bosnischen Lehrer verheiratet und kümmert sich um alte Menschen und Kinder aus Bosnien. Lily Braun Die bürgerliche Frauenrechtlerin Z u den bedeutendsten Sozialdemokratinnen und Frauenrechtlerinen Deutschlands während der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gehörte die Schriftstellerin und Politikerin Lily Braun (1865– 1916), geborene von Kretschman. Neben Romanen und Dramen 42 schrieb sie ihre zweibändigen „Memoiren einer Sozialistin“, die als ein wichtiges Zeugnis ihrer Zeit gelten. Lily von Kretschman wurde am 2. Juli 1865 als Tochter des preußischen Generals Hans von Kretschman (1832–1899) in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) geboren. Ihre Großmutter Jenny von Gustedt (1811–1890) war ein uneheliches Kind von Napoléons Bruder Jérôme Bonaparte (1784–1860) und der verheirateten Diana von Pappenheim (1788–1844). Jérôme regierte von 1807 bis 1813 das neugeschaffene Königreich Westfalen und ging als „König Lustig“ in die Annalen der Geschichte ein. In ihrer Jugend hetzte Lily von einer gesellschaftlichen Verpflichtung zur anderen. Erst durch den Einfluss ihrer Großmutter wurde ihr Blick von Äußerlichkeiten weg zu geistiger Betätigung gelenkt. Nach der Bearbeitung des schriftlichen Nachlasses ihrer Großmutter, die den deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) noch persönlich gekannt hatte und einen umfangreichen Briefwechsel hinterließ, unternahm Lily erste literarische Versuche. Als Lilys Vater wegen kritischer Äußerungen über die Außenpolitik Napoléons in den Ruhestand ver- setzt wurde, zog die Familie 1890 nach Berlin. Dort lernte Lily 1891 den Professor für Philosophie und Publizisten, Georg von Gisycki (1851–1895), kennen, den sie 1893 heiratete. Ihr Mann war einer der Führer der „Gesellschaft für ethische Kultur“, für deren Zeitschrift Lily ihre ersten Aufsätze zu aktuellen Fragen der sozialistischen und der Frauenbewegung schrieb. Obwohl Georg von Gisycky kein Mitglied der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) war, sympathisierte er mit deren Politik. Unter dem Einfluss ihres Gatten, mit dem sie eine Arbeitsehe führte, engagierte sich Lily in der bürgerlichen Frauenbewegung. Bald interessierte sie sich außerdem für die Lebensbedingungen der Arbeiter und vor allem der Arbeiterinnen. Nachdem Gisycki 1895 an Influenza starb, war sie weitgehend auf sich allein gestellt. Durch Kontakte mit Vertreterinnen der proletarischen Frauenbewegung und durch die Bekanntschaft mit dem Sozialpolitiker Heinrich Braun (1854–1927) trat Lily in die SPD ein und engagierte sich politisch. Mit diesem Schritt setzte sie sich zwischen alle Stühle: Ihre Familie distanzierte sich von ihr und enterbte sie, und in der SPD begegnete man ihr wegen ihrer gutbürgerli43 chen Herkunft mit großem Misstrauen. Nachdem Lily von Gyscky versuchte, die bürgerliche und die proletarische Frauenbewegung zusammenzuführen, geriet sie mit der damals führenden Frauenpolitikerin der SPD, Clara Zetkin (1857–1933), in Konflikt. Sie wurde in der Partei zunehmend ausgegrenzt und verlor ihre bisherigen Einflussmöglichkeiten. Als Lily von Gysycki 1896 den zweimal geschiedenen Politiker und Begründer des „Archivs für soziale Gesetzgebung und Statistik“, Heinrich Braun, heiratete, löste sie in der SPD einen Skandal aus. Der SPDVorsitzende August Bebel (1840– 1913) schrieb in einem Brief an sie, das Verhältnis zwischen ihr und Heinrich Braun habe natürlich gewaltig Staub aufgewirbelt und die männlichen und weiblichen Philister in Erregung versetzt. Im Jahr nach der Heirat brachte Lily ihren Sohn Otto (1897–1918) zur Welt. Im so genannten Revisionsstreit stellten sich Heinrich und Lily Braun auf die Seite des SPDPolitikers Eduard Bernstein (1850– 1932). Dies verschärfte die innerparteiliche Situation vor allem nach dem Dresdener Parteitag 1903, wo der revisionistische Flügel eine empfindliche Niederlage in der innerparteilichen Auseinandersetzung erlitt. Als Lily Brauns zentrales Werk gilt ihre durch empirische Daten gestützte Studie „Die Frauenfrage – Ihre geschichtliche Entwicklung und ihre wirtschaftliche Seite“ (1901). Die Autorin war wohl eine der ersten überhaupt, die das Geschlechterverhältnis in Prozentzahlen ausdrückte. Sie verfasste auch zahlreiche Artikel für die „Ethische Zeitschrift“ und die „Gleichheit“ sowie Kommentare und Berichte für sozialdemokratische Tageszeitungen. Dank der Zeitungshonorare konnte Lily Braun die zeitweise sehr prekäre finanzielle Lage ihrer Familie lindern. Die von Heinrich Braun gegründete Zeitschrift „Neue Gesellschaft“ scheiterte schon nach der zweiten Ausgabe. Aus finanziellen Motiven entstanden Lily Brauns kitischige Romane „Im Schatten des Titanen“ (1908), „Die Liebesbriefe der Marquise“ (1912), „Mutter Maria“ (1913) und „Die Lebenssucher“ (1915), die innere Konflikte von Frauenfiguren behandeln. In ihrer zweibändigen Autobiographie „Memoiren einer Sozialistin“ (1909 und 1911) schilderte Lily Braun ihren Lebensweg sowie die damit verbundenen Ent- und Verwicklungen. Obwohl sie die Perso44 nen darin anders nannte, wurde Eingeweihten klar, dass es sich bei der häufig kritisierten „Wanda Orbin“ um Clara Zetkin handelte. Auf politische Konflikte und die damit verbundenen Anfeindungen, die sie durch ihr eigenes zeitweise kompromissloses Verhalten nicht gerade abmilderte, regierte Lily Braun ausgesprochen empfindlich. Ab 1910 verschlechterte sich ihr gesundheitlicher Zustand zusehends. In ihrem Werk „Die Frauen und der Krieg“ (1915) äußerte sich Lily Braun euphorisch über den Ersten Weltkrieg und forderte die Frauen zur Mutterschaft auf, damit für jede Hand, sich jetzt sterbend um die Waffen klammere andere Hände geschaffen würden. Außerdem kämpfte sie für das Dienstjahr der Frau in der Kranken- und Säuglingspflege. 1915 schrieb Lily Braun ihrem Sohn Otto, es sei ihre Art, nur im Fieber etwas leisten zu können, sie brauche Besessenheit. Am 8. August 1916 starb sie im Alter von 51 Jahren in Berlin-Zehlendorf. Julie Braun-Vogelstein (1883–1971), die zweite Frau von Heinrich Braun, veröffentlichte die Aufzeichnungen von Lilys Sohn Otto unter dem Titel „Aus nachgelassenen Schriften eines Frühvollendeten“ (1919) und die Biographie „Lily Braun. Ein Lebensbild“ (1922). Die Biographie von Lily Braun steht auch in meinem Taschenbuch „Superfrauen 11 – Feminismus und Familie“. Gro Harlem Brundtland Die erste Regierungschefin Norwegens N orwegens erste Ministerpräsidentin war die Ärztin und Politikerin Gro Harlem Brundtland, geborene Harlem. Sie ist auch die erste Frau gewesen, die Vorsitzende der Arbeiterpartei ihres Heimatlandes und Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation in Genf 45 wurde. Wegen ihres couragierten Eintretens für Europa zeichnete man die forsche und kühl-charmante Politikerin mit dem „Internationalen Karlspreis“ der Stadt Aachen aus. Gro Harlem wurde am 20. April 1939 als Tochter des Arztes Gudmund Harlem in Oslo geboren. Sie wuchs im Osloer Stadtteil Uranienborg auf und engagierte sich bereits als Schülerin in der Jugendorganisation („Arbeidernes Ungdomsfylking“) der Arbeiterpartei („Det norske Arbeiderparti“, DNA). Später begann sie ein Medizinstudium in der norwegischen Hauptstadt. Ihr Vater war in den 1950-er und 1960er Jahren in drei Kabinetten des Sozialdemokraten Einar Gerhardsen Sozial- bzw. Verteidigungsminister. 1960 heiratete Gro Harlem den Journalisten und Politikwissenschaftler Arne Olav Brundtland, dem sie im Laufe der Zeit vier Kinder gebar. Ihr Mann steht politisch auf der anderen Seite: Er gehört der konservativen „HøyrePartei“ an. Nach dem Staatsexamen als „Doktor der Medizin“ an der Universität Oslo 1963 studierte Gro Harlem Brundtland an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) weiter, promovierte und erwarb 1965 den Titel eines „Master of Public Health“. Dann kehrte sie wieder nach Norwegen zurück und arbeitete von 1965 bis 1967 im staatlichen Gesundheits- und Sozialministerium als Beraterin. 1968 stellte man sie als Gesundheitsbeamtin in der Osloer Stadtverwaltung an. 1970 wurde sie stellvertretende Direktorin an der Schule des Osloer Gesundheitsdienstes. 1974 wählte man Gro Harlem Brundtland in den Vorstand der Arbeiterpartei, wo sie sich vor allem um die Gesundheits- und Umweltschutzpolitik kümmerte. Der Chef des Minderheitskabinetts der Arbeiterpartei, Trygve Bratteli, berief sie 1974 als Umweltministerin in die Regierung. Dieses Amt stellte beim Übergang Norwegens zu einem Erdölland besondere Anforderungen an seine Inhaberin. Die Ministerin nahm ihre Aufgabe fünf Jahre lang mit einer Entschlossenheit wahr, die ihr weder bei der Industrie noch bei den Gewerkschaften viele Sympathien eintrug. Ihre Kritiker bezeichneten sie als schulmeisterlich, ihre Anhänger als willensstark. 1975 stieg Gro Harlem Brundtland zur stellvertretenden Vorsitzenden der Arbeiterpartei auf und wurde bald sehr populär, während die Partei selbst Verschleißererscheinungen zeigte. 1977 wurde sie in 46 das norwegische Parlament (Storting) gewählt. Seit dem Herbst 1979 leitete sie zusammen mit dem 70jährigen Trygve Bratteli die sozialdemokratische Stortingfraktion. Ab Oktober 1980 war sie Vorsitzende des Ausschusses für Außenpolitik und Verfassung. Am 3. Februar 1981 löste die 41jährige Gro Harlem Brundtland den zurückgetretenen Ministerpräsidenten Odvar Nordli ab. Damit war sie die erste Frau und der jüngste Politiker an der Spitze einer norwegischen Regierung. Im April 1981 übernahm sie von Reiulf Steen als erste Frau den Parteivorsitz. Bei den Wahlen am 13. und 14. September 1981 blieb die Arbeiterpartei zwar stärkste politische Kraft, doch 37,4 Prozent der Stimmen genügten nicht, um als Minderheitsregierung mit ausreichender Unterstützung rechnen zu können. Im Oktober 1981 gab es in Norwegen mit dem von Kåre Willoch geleiteteten Kabinett erstmals seit 1928 wieder eine konservative Regierung. Von Oktober 1981 bis Mai 1986 führte Frau Brundtland die Opposition an. Von 1983 bis 1987 leitete Gro Harlem Brundtland im Auftrag der „United Nations“ (UN) als Vorsitzende die „World Commission for Environment and Development“ („Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“). 1987 sorgte sie mit ihrem Umweltreport „Unsere gemeinsame Zukunft“ weltweit für Aufsehen. Sie gehörte auch zu den Initiatoren der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro im Sommer 1992. Nach den Wahlen im September 1985 stellte Willoch dank einer Koalition aus Konservativen, Christdemokraten („Kristelig Folkeparti“) und „Zentrumspartei“ („Senterpartiet“), erneut die Regierung, aber die Linksparteien, Arbeiter- und „Sozialistische Partei“ („Socialistisk Venstreparti“), hatten nur ein Mandat weniger als die Koalition erzielt. Als Willochs Wirtschaftsprogramm am 2. Mai 1986 mit 79 gegen 78 Stimmen abgelehnt worden war und er seinen Rücktritt angeboten hatte, nahm Gro Harlem Brundtland die Einladung des Königs zur Bildung einer neuen Regierung an und stellte am 9. Mai 1986 ihr 18-köpfiges Kabinett vor, dem acht Frauen angehörten. Nach den Parlamentswahlen am 11. September 1989, die wegen der hohen Arbeitslosenquote für Konservative und Arbeiterpartei zu einem Fiasko wurden, trat Gro Harlem Brundtland mit ihrer Regierung zurück und machte einer MitteRechts-Koalition unter Führung des Vorsitzenden der Konservativen, Jan Syse, Platz. 47 Als das Regierungsbündnis wegen der umstrittenen Frage einer Mitgliedschaft Norwegens bei der „Europäischen Gemeinschaft“ (EG) nach einem Jahr – 1990 – zerbrach, bildete Gro Harlem Brundtland zum dritten Mal eine Regierung. Im März 1991 waren laut Umfrage der Tageszeitung „Aftenposten“ 75,6 Prozent der Wähler mit der Regierungspolitik zufrieden. Am 1. April 1992 bekannte sich Gro Harlem Brundtland bei einem Kongress in Ullensvang erstmals offiziell deutlich zur „Europäischen Gemeinschaft“. Dabei erklärte sie, Norwegens Interessen seien am besten durch die EG-Mitgliedschaft gesichert. Dadurch verlor die Arbeiterpartei viele Sympathien. 49 Prozent der Bevölkerung lehnten im Juni 1992 einen EG-Beitritt ab. Auf dem Parteitag der Arbeiterpartei in Oslo am 6. November 1992 kündigte Gro Harlem Brundtland unter Tränen ihren Verzicht auf den Parteivorsitz an. Sie begründete dies damit, dass ihr die Doppelaufgabe als Regierungschefin und Parteivorsitzende nicht mehr genug Zeit für die Familie lasse. Ende September 1992 hatte sich ihr Sohn Jörgen das Leben genommen. Ihr Nachfolger als Parteivorsitzende wurde Thorbjørn Jagland. Die verdienstvolle Arbeit von Gro Harlem Brundtland ist mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt worden: „Third World Prize for Work on Environment Issues“ (1989), „Friedensfrau des Jahres 1989“, „Pio Mannzu Centro“ (1989), Indira-Gandhi-Preis (1989), Dag-Hammarskjöld-Medaille (1991), Ehrenpreis der CARE International (1991), Internationaler Onassis-Preis (1992) und JosephBech-Preis (1994). Im Mai 1994 erhielt Gro Harlem Brundtland als zweite Frau nach Simone Veil den „Internationalen Karlspreis“ der Stadt Aachen. Ende November 1994 erlitt die engagierte Europäerin die größte politische Niederlage ihres Lebens: 52,2 Prozent der Norweger stimmten bei einem Referendum gegen den Beitritt ihres Landes zur EG. Am 23. Oktober 1996 gab Gro Harlem Brundtland ihren Rücktritt vom Amt der Ministerpräsidentin bekannt und schlug den Parteivorsitzenden Thorbjørn Jagland als ihren Nachfolger vor. Zwei Tage später reichte sie bei König Harald V. ihre Demission ein. Im Dezember 1996 kündigte Gro Harlem Brundtland an, sie werde sich aus der Politik zurückziehen und nicht mehr für den Storting kandidieren. 48 Am 13. Mai 1998 wurde Gro Harlem Brundtland bei der Konferenz der „World Health Organization“ (WHO, Weltgesundheitsorganisation) in Genf als erste Frau zur Generaldirektorin gewählt. Die 1948 gegründete WHO ist eine Sonderorganisation der „United Nations Organization“ (UNO, „Vereinte Nationen“) unter anderem zur Bekämpfung von Seuchen und Epidemien sowie zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung. 1998 stimmten von den Delegierten der 191 Mitgliedsstaaten der WHO 166 für die frühere norwegische Ministerpräsidentin. Nach ihrer Wahl kündigte die neue WHO-Generaldirektorin größere Transparenz in der WHO und weltweite Verbreitung der Erkenntnis an, dass Investitionen in das Gesundheitswesen auch zu Fortschritten im wirtschaftlichen Bereichen führen. Der Teufelskreis „Krankheit führt zu Armut, Armut führt zu Krankheit“ müsse durchbrochen werden, erkärte sie. Als ihre Hauptziele bezeichnete sie den Kampf gegen die Malaria und gegen den Tabakkonsum sowie eine Reform der Organisation. Am 21. Juli 1998 trat sie ihr Amt als neue WHO-Generaldirektorin in Genf an. Kim Campbell Die erste Regierungschefin Kanadas A ls Kanadas erste Premierministerin sorgte im Sommer 1993 die 46-jährige Politikerin Kim Campbell, geborene Avril Phaedra Campbell, für Schlagzeilen. Zuvor war sie bereits Staatsekretärin, Justiz- und Verteidigungsministerin gewesen. Kanadische Journalisten gaben der Politikerin wegen ihres flotten Mundwerks den Spitznamen „Kim Fast Lipp“ („Kim Schnelle Lippe“). Avril Phaedra Campbell kam am 10. März 1947 als Tochter eines Rechtsanwalts und einer Sekretärin in Port Alberni (British Columbia) zur Welt. Ihre Mutter verließ später ihren Mann und ihr Kind und arbeitete als Skipperin auf den Segeljachten reicher Leute. Damals änderte die zwölfjährige Avril Phaedra ihren Vornamen in „Kim“ ab 49 und besuchte eine Klosterschule. Als Erwachsene sagte sie über die Frau, die ihre Familie im Stich ließ: „Meine Mutter war für mich die erste richtige Feministin.“ Kim Campbell studierte Politische Wissenschaften an der Universität von British Columbia und erwarb den akademischen Grad „Bachelor of Arts“. Von 1970 bis 1974 setzte sie ihr Studium mit den Schwerpunkten Jura und Wirtschaftswissenschaften an der „London School of Economics“ fort. 1972 hielt sie sich ein Vierteljahr in der Sowjetunion auf, wo sie in Moskau die russische Sprache lernte. Sie kehrte mit der Erkenntnis nach London zurück, dass „alles, was nach politischem Dogma riecht, nicht meine Sache sein kann.“ 1972 heiratete Kim Campbell den 20 Jahre älteren Mathematikprofessor Nathan Divinski. Nach dem Studium arbeitete sie als Dozen– tin für Politische Wissenschaften an der Universität von British Columbia. Zwischen 1975 und 1978 lehrte sie Politische Wissenschaften und Geschichte am „Vancouver Community College“ und von 1978 bis 1981 am „Langara Campus“. 1982 wurde ihre erste Ehe geschieden. 1983/1984 wirkte Kim Campbell als Anwältin in einer renommierten Kanzlei und danach als Beraterin des Premiers von British Columbia. Kim Campbells erster Ausflug in die Politik ging schief: Als sie für die konservative „British Columbia Social Credit Party“ (BCSCP) kandidierte, landete sie nur auf dem letzten Platz. Doch beim zweiten Anlauf kam sie im Oktober 1986 in den Landtag und avancierte bald zur Vorsitzenden der BCSCP auf. Später wandte sie sich von der BCSCP wegen deren zu repressiver Haltung in der Abtreibungsfrage ab. Danach wurde sie Mitglied der „Progressive Conservative Party“ (PCP) in Ottawa, für die sie im November 1988 überraschend den Parlamentssitz für den Wahlbezirk VancouverCentre gewann. Die Ausdauer, Hartnäckigkeit und Rhetorik von Kim Campbell impo50 nierten dem kanadischen Regierungschef Brian Mulrony. Aus diesem Grund berief er sie am 21. November 1988 zur Staatssekretärin für Indianerangelegenheiten und die Entwicklung des kanadischen Nordens. Am 23. Februar 1990 stieg Kim Campbell als erste Frau Kanadas zur Justizministerin auf. In diesem Amt zeigte sie auch bei der Durchsetzung unpopulärer Ziele großes Stehvermögen. Unter anderem setzte sie gegen starken Widerstand ländlicher Kreise das Verbot, Schusswaffen zu tragen, durch. Großes Aufsehen erregte Kim Campbell als Justizministerin im Herbst 1992 bei einem Millionenpublikum, als sie sich schulterfrei hinter einer vorgehaltenen Richterrobe für einen Prominenten-Bildband fotografieren ließ. Eine kanadische Boulevard-Zeitung bezeichnete sie daraufhin als „Madonna der kanadischen Politik“. Schlagfertig konterte sie darauf: „Kein schlechtes Kompliment für eine alte Jungfer“. Am 4. Januar 1993 wurde Kim Campbell – als erste Kanadierin – neue Verteidigungsministerin. Militärs begrüßten ihre Wahl, nachdem sie erklärt hatte, sie halte es für verfrüht „unsere Schwerter in Pflugscharen umzuschmieden“. Schon damals galt sie als mögliche Nachfolgerin von Premierminister Brian Mulroney, dessen Popularität drastisch schwand. Kim Campbell erregte als Politikerin öfter durch deutliche Worte großes Aufsehen in der Öffentlichkeit. Unter anderem beschimpfte sie politikverdrossene Bürger als „hochnäsige Hurensöhne“, betitelte Gegner ihres Sparprogramms als „Feinde Kanadas“ und bezeichnete Kanadier, welche die anglikanische Kirche der Politik vorzogen, als „üble Dämonen der Papstherrschaft“. Auf dem Parteitag der PCB in Ottawa entschied sich die Mehrheit der Delegierten am 13. Juni 1993 für Kim Campbell als neue Premierministerin. Auf sie entfielen 1817 Stimmen, auf ihren Konkurrenten, Umweltminister Jean Cahrest, nur 1630. Am 25. Juni 1993 trat Kim Campbell ihr Amt als Regierungschefin des zweitgrößten Landes der Erde an, das sie nicht lange bekleidete. Bei der Wahl am 25. Oktober 1993 erlitt ihre Partei eine vernichtende Niederlage. Neue Premier wurde der liberale Politiker Jean Chrétien. Kim Campbell plante zunächst die Erneuerung der PCB unter ihrer Führung, stieß damit aber offenbar auf wenig Gegenliebe. Mitte De51 zember 1993 erklärte sie ihren Rückzug aus der Politik. Im Dezember 1993 wurde Kim Campbell Mitglied der „London School of Economics“. Das „Chatelaine Magazin" wählte sie 1993 zur „Frau des Jahres“, und im Mai 1994 erhielt sie den „Woman of Distinction Award“ in Vancouver. 1994 wurde Kim Campbell Mitglied der „John F. Kennedy School of Government“ an der Harvard University. Während des Frühlingssemesters war sie Mitglied am ”Institut of Politics“. Im September 1994 kehrte sie zur „Kennedy School“ zurück als Mitglied des „Joan Shorenstein Center on the Press, Politics and Public Policy“. Im April 1994 übernahm Kim Campbell die „Cohen Lecture on International Affairs“ an der Lehigh University, Bethlehem, in Pennsylvania. Kim Campbell ist Mitglied des „Committee to Visit the Center for International Affairs“ an der Harvard University. Außerdem war sie vom 22. bis 24 Juni 1994 Vizepräsidentin der Konferenz in Talloires (Frankreich) sowie 1996 und 1997 deren Sprecherin. Im Oktober 1997 wurde Kim Campbell „Senior Fellow“ an der „UCALK School of Public Policy and Social Research“. Barbara Castle Die „feurige Rote“ der „Labour Party“ E ine der renommiertesten Politikerinnen Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg ist Barbara („Babs“) Castle, geborene Betts, gewesen. Die „feurige Rote“, wie man sie wegen ihrer Haarfarbe nannte, war in der Ära vor Margret Thatcher die herausragendste britische Politikerin. 1990 verlieh man ihr den Adelstitel. Seitdem heißt sie Baroness Castle of Blackburn. Barbara Betts wurde am 6. Oktober 1910 in Chesterfield als eine von zwei Töchtern des Zollinspektors Frank Betts und dessen Frau Annie Rebecca geboren. Sie wuchs in der Industriestadt Bradford auf, die als eine Geburtsstätte der britischen Arbeiterbewegung gilt. Dort gründete man 1893 die „Independent Labour Party“. In Bradford war Barbaras Vater als Schriftsteller und Herausgeber des linksorientierten 52 „Bradford Pioneer“ sowie in der Kultur- und Bildungsarbeit der „Labour Party“ aktiv. Barbara trat bereits in jungen Jahren der Jugendorganisation der Arbeiterbewegung bei. Nach dem Besuch der „Girl’s Grammar School“ in Bradford erhielt Barbara Betts ein Stipendium am „St. Hugh’s College“ der Universität Oxford. Dort studierte sie Philosophie, Politische Wissenschaften und Wirtschaftswissenschaften, tat sich im Studentenclub der „Labour-Party“ hervor und erwarb den akademischen Grad „Bachelor of Arts“. Danach arbeitete Barbara Betts als Journalistin für eine Zeitung, die schon nach einer Woche ihr Erscheinen einstellte. Während der Zeit der Depression verdiente sie als Werbevorführerin für einen Nah- rungsmittelkonzern in Manchester ihren Unterhalt. 1936 kehrte sie wieder nach London zurück, wo sie sich bis 1940 als Redakteurin beim „Town and County Councillor“ betätigte und sich der Lokal- und Regionalpolitik zuwandte. 1937 wurde Barbara Betts als Mitglied der „Fabian Society“ in den Stadtrat des Londoner Bezirks St. Pancras gewählt, dem sie bis 1945 angehörte. Damals befasste sie sich vor allem mit sozialen Fragen und wirkte an einer Dokumentation mit, die später als Denkschrift über Sozialversicherung diente. Von 1940 bis 1945 arbeitete Barbara Betts in der „Metropolitan Water Board“ (Städtische Behörden für Wasserversorgung in London) sowie von 1941 bis 1944 in leitender Stellung als Verwaltungsbeamtin des Ernährungsministeriums. 1944/ 1945 wirkte sie ein Jahr lang als Korrespondentin der linksgerichteten Londoner Zeitung „Daily Mirror“, wo sie den Journalisten Edward (Ted) Castle (1907–1979) kennen lernte, den sie noch im selben Jahr heiratete, der später Herausgeber der Abendausgabe dieses Blattes wurde. Die eigentliche politische Karriere von Barbara Castle begann beim Labour-Parteitag 1943, wo sie als 53 Delegierte eine vielbeachtete Rede hielt. Im Juli 1945 wurde sie für den Wahlkreis Blackburn ins Unterhaus („House of commons“) gewählt. In der Regierung unter Führung von Clement Attlee (1883–1967) fungierte sie von 1945 bis 1947 als Parlamentssekretärin von Handelsminister Stafford Cripps (1889– 1952). Dieses Amt behielt sie auch 1947 bei dessen Nachfolger Harold Wilson (1916–1995), dem späteren Premierminister. 1949 und 1950 war sie Delegierte bei den Vollversammlungen der „United Nations“ (UN) in New York. Im Jahre 1950 wurde Barbara Castle Mitglied des „National Executive Committee“ (NEC) der „Labour Party“. Diesem obersten Führungsgremium der Partei gehörte sie 29 Jahre lang an. Zeitweise fungierte sie als Delegierte Großbritanniens in der Vollversammlung der „United Nations“ in New York. 1957 wählte man sie zur Vizevorsitzenden und 1958 zur Geschäftsführenden Vorsitzenden der „Labour Party“. Bei den Unterhauswahlen von 1959 verteidigte sie erfolgreich ihr Mandat für den Wahlkreis Blackburn. Nach dem knappen Wahlsieg der „Labour Party“ unter Harold Wilson im Oktober 1964 wurde Barbara Castle zunächst zur Ministerin für die Entwicklung in Übersee berufen. Ende 1965 betraute man Barbara Castle mit dem Verkehrsministerium. 1966 setzte sie die absolute Geschwindigkeitsgrenze für Kraftfahrzeuge auf 70 Meilen (115 km/h) herab und führte eine verschärfte technische Überwachung alter Fahrzeuge, bessere Reifenkontrolle, Sicherheitsgurts und strengere Alkoholtests ein. Daraufhin sank innerhalb von sieben Monaten in Großbritannien die Unfallquote um 25 Prozent. Außerdem empfahl sie in den Vorschlägen für die Rationalisierung des britischen Eisenbahnwesens die Einrichtung von „Liner Trains“ (fahrplanmäßige Containerzüge mit hoher Reisegeschwindigkeit). Im April 1968 übernahm Barbara Castle das neu gebildete Ministerium für Arbeit und Produktivität. Damit rückte sie von Platz 17 auf Platz sechs im Kabinett. Außerdem erhielt sie den Titel „First Secretary“ („Erster Sekretär“). Im Januar 1969 unterbreitete sie Vorschläge zur Reform der britischen Gewerkschaften. Die Regierung sollte bei wilden Streiks eine „Abkühlungsfrist“ verhängen und für Streikbeschlüsse von Gewerkschaften eine Urabstimmung verlangen können. Der Versuch scheiterte an der 54 Abwehrfront der Gewerkschaften. Der Wahlsieg der „Tories“ im Juni 1970 zwang die Regierung von Harold Wilson und somit auch Barbara Castle zum Rücktritt. Als die „Labour Party“ aus den Wahlen im Februar 1974 als relativ stärkste Partei hervorging, holte man Barbara Castle als Ministerin für Gesundheit und soziale Sicherheit in Wilsons Minderheitskabinett. Dieses Amt bekleidete sie bis zum Rücktritt Wilsons im April 1976. Bei der Neubildung der Labour-Regierung durch Premierminister James Callaghan wurde sie nicht mehr in das Kabinett aufgenommen. 1979 starb Barbara Castles langjähriger Mann Edward (Ted) Castle, der Mitte der 1970-er Jahre zum Lord Castle of Islington geadelt worden war. Aus der 35 Jahre währenden Ehe sind keine Kinder hervorgegangen. 1979 gab Barbara Castle ihren Wahlkreis in Blackburn auf und legte ihr Amt als NECMitglied nieder. Danach zog die 68Jährige bei den ersten direkten Europawahlen im Juni 1979 als Abgeordnete von Greater Manchester in das Straßburger Parlament ein. In Straßburg führte Barbara Castle bis 1985 die Gruppe der britischen Labour-Abgeordneten an und wirkte zugleich bis 1986 als stellvertre- tende Vorsitzende der gesamten „Sozialistischen Union“. Sie prangerte mutig die Millarden verschlingende Subventionspolitik der Gemeinschaft und die damit verbundenen Skandale an. Einen guten Eindruck hinterließ sie auch bei gesellschaftlichen Ereignissen in Straßburg, wo sie exzellent BoogieWoogie tanzte. 1989 schied Barbara Castle als 79-Jährige aus dem Europaparlament aus. und widmete sich fortan publizistischer und schriftstellerischer Arbeit. 1990 verlieh man ihr den Adelstitel, mit dem automatisch die Mitgliedschaft im „House of Lords" verbunden ist. Als „Baroness Castle of Blackburn“ schrieb sie ihre Autobiographie, die unter dem Titel „Fighting All the Way“ (1993) erschien. Violeta Chamorro Die erste Staatspräsidentin Nicaraguas D as erste weibliche Staatsoberhaupt von Nicaragua hieß Violeta Chamorro, geborene Violeta Barrios de Chamorro. Die Hälfte ihres Lebens kämpfte die tapfere Witwe des ermordeten Zeitungsverlegers Pedro Chamorro (1924– 1978) und mehrfache Mutter gegen die Diktatur in ihrem südamerikanischen Heimatland. Von 1990 bis 1996 fungierte sie selbst sechs Jahre lang in Nicaragua als Staatspräsidentin. 55 Violeta Barrios de Chamorro kam am 18. Oktober 1929 als Tochter eines reichen Rinderzüchters in Rivas (Nicaragua) zur Welt. Ihre Eltern schickten sie ebenso wie die übrigen sechs Geschwister auf Schulen im Ausland. Sie besuchte zwei Jahre lang eine katholische High School für Mädchen in San Antonio (Texas) und ein weiteres Jahr lang das „Blackstone College“ in Southside (Virginia), wo sie auch Sekretärinnenkurse absolvierte. Als der Vater starb, verließ sie das College und kehrte nach Nicaragua zurück. Im Alter von 21 Jahren heiratete Violeta 1950 den Sohn eines Zeitungsverlegers, Pedro Chamorro. Er war Nachfahre bedeutender Politiker, zu denen auch der erste Präsident des Landes gehörte. Nach dem Tod seines Vaters leitete Pedro Chamorro die familieneigene Zeitung „La Prensa“ und entwickelte sie unter der Diktatur von Anastasio Somoza Debayle (1925–1980) zur auflagenstärksten Oppositionszeitung. 1957 wurde Pedro Chamorro in die Seehafenstadt Carlos am Fluss San Juan im Süden Nicaraguas verbannt. Dorthin folgte ihm seine Frau. Zusammen flohen sie dann nach San José in Costa Rica. Die vier Kinder – Claudia, Cristiana, Pedro Joaquein und Carlos Fernando – kamen später nach. Nach einem Amnestieerlass kehrte Pedro Chamorro 1960 in die Heimat zurück und setzte dort seine Oppositions- und Verlegertätigkeit fort. Am 10. Januar 1978 wurde er in der Hauptstadt Managua von Schergen des Somoza-Regimes ermordet. Sein gewaltsamer Tod führte dazu, dass große Teile der bürgerlichen Opposition den Kampf der sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) 56 gegen Somoza unterstützten und sich der Guerillakrieg zu einem allgemeinen Volksaufstand entwickelte. Nach dem Erfolg der Revolution im Juli 1979 gehörte Violeta Chamorro als Vertreterin des bürgerlichen Lagers der fünfköpfigen „Junta des nationalen Wiederaufbaus“ an. Sie schied aber bereits nach neun Monaten aus angeblich gesundheitlichen Gründen und – wie sie später erklärte – auch aus Enttäuschung über den autoritären Kurs der Sandinisten wieder aus. Die früher liberale „La Prensa“ wurde unter Violeta Chamorros Leitung zur größten Zeitung Nicaraguas und zum wichtigsten Sprachrohr der rechtskonservativen Opposition im Kampf gegen die Sandinisten. Das Blatt sympathisierte mit den „Contras“, einer von den USA unterstützten bewaffneten Bewegung, die unter bürgerkriegsähnlichen Bedingungen gegen die an die Sowjetunion angelehnte sandinistische Regierung und deren Armee kämpfte. Bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen am 25. Februar 1990 setzte sich Violeta Chamorro als Kandidatin des antisandinistischen Parteienbündnisses „Unión Nacional Opositora“ („UNO“) mit 54,7 Prozent der Stimmen gegen den sandinistischen Staatschef Daniel Ortega durch. Viele Kritiker prophezeiten damals der von ihnen als „schlichte Hausfrau“ bezeichneten „Doña Violeta“, ihre Koalitionsregierung werde keine zwölf Monate lang im Amt bleiben. Im Februar 1992 bescheinigte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Violeta Chamorro, sie und ihr Kabinett hätten innerhalb von zwei Jahren Erstaunliches geleistet. Es sei ihr gelungen, die Kreditwürdigkeit ihres Landes in kurzer Zeit wieder herzustellen. Auch beim Abbau der fast 100000 Mann starken Streitkräfte und der Demobilisierung der Ende 1989 noch fast 20000 Mann starken Truppe des antisandinistischen Widerstandes („Contras“) war die Regierung erfolgreich. Sie führte die Wirtschaft zur Marktwirtschaft zurück, beendete die gewaltige Inflation und leitete unter anderem das Privatbankwesen ein. All dies trug zur wirtschaftlichen Erholung des Landes bei. Nach sechsjähriger Amtszeit als Präsidentin durfte Violeta Chamorro für die Präsidentschaftswahlen am 20. Oktober 1996 nicht mehr kandidieren. Denn seit Juni 1995 wurden einem Staatsoberhaupt zwei Amtsperioiden aufeinander nicht mehr zugestanden. Am 10. Januar 57 1997 übergab Violeta Chamorro das Amt des Staatspräsidenten an ihren Nachfolger Arnoldo Alemán, den Kandidaten des konservativen Wahlbündnisses Liberale Allianz, der sich mit 51 Prozent der Stimmen gegen Ex-Präsident Daniel Ortega durchgesetzt hatte. Charlotte von Luxemburg Unvergessene Großherzogin A ls Schlüsselfigur der modernen Entwicklung von Luxemburg machte sich nach dem Zweiten Weltkrieg Charlotte von Luxemburg (1896–1985) verdient. Die Großherzogin, die sich schon wäh- rend des Krieges einen guten Ruf als couragierte „Botschafterin“ von Luxemburg erwarb, sicherte die Souveränität und Unabhängigkeit ihres Heimatlandes. Sie stand mehr als 45 Jahre lang an der Spitze ihres Staates, bevor sie abdankte. Charlotte von Luxemburg kam am 23. Januar 1896 als zweite von sechs Töchtern des späteren Großherzogs Wilhelm IV. von Luxemburg (1852–1912) aus dem Hause Nassau-Weilburg und seiner Frau Maria Anna von Braganza, Infantin von Portugal (1861–1942), auf Schloss Berg in Luxemburg zur Welt. Ihr Vater war ab 1902 Statthalter des Großherzogs Adolph (1817–1905) und folgte ihm 1905 auf den Thron. 1907 regelte Wilhelm IV. die Thronfolge neu, wodurch auch die weibliche Erbfolge möglich wurde. Wegen einer schweren Krankheit setzte er 1908 seine Gattin Maria Anna als Regentin ein. Nach dem Tod Wilhelms IV. am 25. Februar 1912 folgte Charlottes ältere Schwester Marie Adelheid auf den Thron. Sie regierte auch während des Ersten Weltkrieges und während der Besetzung Luxemburgs durch die Deutschen. Als die deutschen Truppen 1918 abzogen, kam es in Luxemburg zur offenen Krise. Am 10. und 11. 58 November 1918 entstand sogar ein Rat von Arbeitern und Bauern, die nach dem Muster russischer Revolutionäre einen „Sowjet“ bildeten und die Republik ausriefen. Dieses Vorgehen stieß zwar auf wenig Symphathie, doch in der Kammer forderten die liberalen und sozialistischen Abgeordneten ein Ende der Dynastie. Der Antrag wurde mit 21 gegen 19 Stimmen bei drei Enthaltungen abgewehrt. Außerdem regten sich damals politische Kräfte in Luxemburg, die einen Zusammenschluss mit Frankreich oder Belgien anstrebten. Marie Adelheid dankte am 9. Januar 1919 zugunsten ihrer Schwester Charlotte als Großherzogin ab. Der Grund dafür waren heftige Angriffe wegen ihrer prodeutschen Haltung während der Besetzung Luxemburgs. Außerdem hatte sie den Fehler begangen, sich zu sehr in die alltägliche Politik ihrer Untergebenen einzumischen. Ab 1920 lebte Marie Adelheid im Karmeliterinnenkloster in Modena (Italien). Sie starb am 24. Januar 1924 in Schloss Hohenburg bei Lenggries in Bayern. Charlotte wurde am 15. Januar 1919 als neue Landesherrin Luxemburgs vereidigt. Fortan trug sie den langen Namen „Charlotte Großherzogin von Luxemburg, Herzogin zu Nas- sau, Prinzessin von Bourbon und Parma, Pfalzgräfin bei Rhein, Gräfin zu Sayn, Königstein, Katzenelnbogen und Dietz, Burggräfin zu Hammerstein, Herrin zu Mahlberg, Wiesbaden, Idstein, Merenburg, Limburg und Eppstein“. Starke republikanische Strömungen in Europa bewogen die 24-jährige Charlotte von Luxemburg, noch im Jahr ihres Regierungsantritts in ihrem Land eine Volksabstimmung durchzuführen. Beim Plebiszit am 28. September 1919 sprachen sich 77,8 Prozent der Bevölkerung für die Monarchie aus. Am 6. November 1919, heiratete Charlotte den jüngeren Bruder der ehemaligen Kaiserin Zita von Österreich (1892– 1989, den Prinzen Felix von Bourbon und Parma (1893–1970), der am 5. November 1919 den Titel eines Prinzen von Luxemburg erhielt. Aus der Ehe gingen die zwei Söhne Jean (1921) und Charles (1927) sowie die vier Töchter Elisabeth (1922), Maria Adelaide (1924), Marie Gabrielle (1925) und Alix (1929) hervor. Der am 5. Januar 1921 auf Schloss Berg geborene Erbprinz Jean heiratete 1953 Josephine Charlotte Prinzessin von Belgien, eine Schwester König Baudouins. Charlotte von Luxemburg gewann 59 bald die Sympathien sämtlicher Bevölkerungsschichten – sogar die der Kommunisten. In die Regierungszeit der häufig „La Grande Dame“ genannten Großherzogin fielen wichtige politische Entscheidungen wie die Kündigung der Zollunion mit dem deutschen Reich, die Schaffung der belgischluxemburgischen Wirtschaftsunion und die Einführung der staatlichen Pflichtversicherung. Am 10. Mai 1940 rückten deutsche Truppen nach Luxemburg ein, das fortan zum „Gau Moselland“ gehörte. Noch am selben Tag beschloss Großherzogin Charlotte – ebenso wie ihre Regierung –, das Land zu verlassen. Die großherzogliche Familie ging zunächst nach Paris, im Juni 1940 nach Spanien und Portugal, von dort nach New York (USA) und später nach Montreal (Kanada) respektive London (Großbritannien) ins Exil, wo sie eine Exilregierung bildete und führte. Über den Londoner Rundfunksender „British Broadcasting Corporation“ (BBC) richtete Großherzogin Charlotte wöchentlich Ansprachen an die Bevölkerung Luxemburgs. Sie sprach den Luxemburgern Mut zu, bemühte sich um ihre Landsleute im Exil und wurde zu einer wichtigen Figur für die luxemburgische Rèsistance. Während der Besetzung ihres Heimatlandes entwickelte sich Großherzogin Charlotte zum Symbol eines freien Luxemburgs. Die Widerständler malten nachts ihren Namen auf die Straße und verteilten Flugblätter mit ihrem Foto. Charlottes Name reichte, um die Besatzer in Wut zu bringen, schrieb der luxemburgische Historiker Gilbert Trausch. Auf Befehl der Nationalsozialisten wurden ihre Porträts, die fast jedes Haus in Luxemburg schmückten, abgehängt. Das helle Rechteck auf vergilbten Tapeten war gleichsam ein Symbol des stillen Widerstandes jener Jahre, schrieb später die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Charlottes Sohn Jean beteiligte sich 1944 als Leutnant der britischen „Irish Guards“ an der Invasion der Alliierten in Frankreich und betrat am 10. September 1944 mit der 32. Brigade wieder Luxemburger Boden. Ihr Mann Prinz Felix diente als Brigadegeneral in der britschen Armee und erlebte in dieser Funktion die Befreiung seiner Hauptstadt. Die Großherzogin kehrte am 14. April 1945 an Bord des Flug– zeuges des amerikanischen Generals Dwight David Eisenhower (1890–1969) zurück. Sie wurde von 60 den Luxemburgern begeistert empfangen. Charlotte von Luxemburg mehrte bei Staatsbesuchen durch ihr sympathisches Auftreten das Ansehen ihres kleinen Landes. Unter anderem besuchte sie Präsident General Charles de Gaulle (1890–1970) in Frankreich und Präsident John F. Kennedy (1917–1963) in den USA. Außerdem hatte sie Anteil an wichtigen Maßnahmen der Regierung in der Nachkriegszeit wie dem Beitritt Luxemburgs zu Benelux (mit Belgien und den Niederlanden), dem Beitritt zu NATO, Europarat, Schumanplan und den Europäischen Gemeinschaften. Am 2. Mai 1961 wurde offiziell bekanntgegeben, die 65-jährige Großherzogin wolle sich allmählich von ihren Pflichten zurückziehen. Danach betraute sie Erbgroßherzog Jean als Statthalter zunehmend mit den Staatsgeschäften. Zugunsten ihres Sohnes dankte die Großherzogin am 12. November 1964 ab. Nach längerer Krankheit starb Großherzogin Charlotte von Luxemburg am 9. Juli 1985 im Alter von 89 Jahren auf dem Schlossgut Fischbach, etwa 20 Kilometer nördlich der Hauptstadt des Großherzogtums. Sie wurde in der Kathedrale von Luxemburg bestattet. Tansu Çiller Die „Eiserne Lady der Türkei“ Z ur ersten Premierministerin der Türkei stieg 1993 die 47jährige Politikerin Tansu Çiller auf. Presse, Rundfunk und Fernsehen ihres Landes nannten sie nach ihrer Wahl enthusiastisch „Çiller, die Prächtige“. Dieser Titel war bis dahin nur Sultan Süleyman dem Prächtigen (1494–1566), einem der bedeutendsten Herrscher seiner Zeit, der sich sowohl als Feldherr wie auch als Förderer der Literatur und der Architektur hervortat, vorbehalten. 61 Tansu Çiller kam am 24. Mai 1946 als Tochter des Staatsbeamten Hüseyin Necati Çiller in Istanbul zur Welt. Sie stammt aus einer begüterten, europäisch orientierten Familie. Nach dem Schulbesuch studierte Tansu Çiller Wirtschaftswissenschaften am „American College for Girls„ am „Robert College“ (heute: Bosporus Universität) in Istanbul. Danach machte sie an der Universität New Hampshire ihren Master, promovierte an der Universität von Connecticut und vervollständigte ihre Ausbildung an der Yale-Universität in New Haven (Connecticut). 1974 kehrte Tansu Çiller an die Bosporus-Universität in Istanbul zurück und arbeitete dort an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in verschiedenen Funktionen. Ab 1978 lehrte sie als „Associate Professor“ und ab 1983 als ordentliche Professorin an der BosporusUniversität und anderen Hochschulen. Danach machte sie sich als angesehene Wirtschaftstheoretikerin einen Namen, trat für freie Marktwirtschaft und den Freihandel ein und verbreitete ihre Ansichten ab Ende der 1980-er Jahre verstärkt in den Medien. 1990 konnte Süleyman Demirel, der Vorsitzende der damals oppositionellen „Partei des rechten Weges“ („Dogru Yol Partisi“, DYP), die Professorin Tansu Çiller für einen Einstieg in die Politik gewinnen. Sie machte rasch Karriere: Im November 1990 wurde sie Mitglied der DYP, bald darauf stellvertretende Parteivorsitzende, und im Oktober 1991 zog sie nach den für die DYP erfolgreich verlaufenen Wahlen ins Parlament ein. In der Koalitionsregierung aus DYP und „Sozialdemokratischer Volkspartei“ (SHP) vom 20. November 1991 fungierte Tansu Çiller als Wirtschaftsministerin. Dabei machte sie sich einen Namen als „Eiserne Lady“, die unter anderem für unverzügliche Privatisierung der Staatsbetriebe eintrat. Durch den Tod von Präsident Turgut Özal (1927–1993) am 17. April 1993 und die Wahl von Süleyman Demirel zum neuen Staatspräsidenten am 16. Mai 1993 waren der DYP-Vorsitz und das Amt des Ministerpräsidenten vakant. Obwohl Demirel sie nicht unterstützte, setzte sich Tansu Çiller am 13. Juni 1993 auf dem DYP-Sonderparteitag gegen zwei erfahrene Politiker durch und wurde als erste weibliche DYP-Parteichefin gewählt. Präsident Demirel beauftragte Tansu Çiller am 14. Juni 1993 mit der Regierungsbildung, und am 24. Juni einigte sie sich mit den Sozialdemokraten auf eine Fortsetzung der 62 Koalition. Am 25. Juni 1993 trat Tansu Çiller auch das Amt der Ministerpräsidentin an. Auf dem Parteikongress im November 1993 wählte man sie mit großer Mehrheit als Parteivorsitzende. Die erste Premierministerin der Türkei gilt als Symbol- und Identifikationsfigur einer modernen Türkei und als emanzipatorisches Vorbild. Die Presse und das Volk jubelten, während es türkischen Fundamentalisten die Sprache verschlug. Die patriarchalische türkische Gesellschaft nahm es Tansu Çiller nicht übel, dass ihr Gatte, der Geschäftsmann Özer Ucuaran, ihren Namen Çiller annahm und schüchtern vor Fernsehkameras erklärte, von Politik verstehe er im Gegensatz zu seiner Frau nichts. Aus der am 26. Juli 1963 geschlossenen Ehe stammen die Söhne Mert (geb. 1970) und Bert (geb. 1980). Seit ihrem Aufstieg ins höchste Regierungsamt ihres Landes zeichnete sich Tansu Çiller durch Hartnäckigkeit und Entschlossenheit aus. Bei allem äußerlichen Charme und aller Grazie widersprach die „Bilderbuchfrau“ der Türken mit ihrem Führungsstil dem Klischee vom „schwachen Geschlecht“. 1995 nahmen die Differenzen im Regierungsbündnis von Tansu Çiller zu, nachdem die Sozialdemokra- ten mit der „Republikanischen Volkspartei“ (CHP) fusionierten. Der CHP-Vorsitzende Deniz Baykal verließ am 20. September 1995 die Koalition, wodurch die Regierungschefin zum Rücktritt gezwungen wurde. Aus dem Parlamentswahlen vom 24. Dezember 1995 ging die islamisch-fundamentalistische „Wohlfahrtspartei“ (RP) unter Führung von Necmettin Erbakan als stärkste politische Kraft hervor. Daraufhin reichte Tansu Çiller den Rücktritt ihres Kabinetts ein, wurde aber von Demirel mit der Fortführung der Regierungsgeschäfte beauftragt. Am 3. März 1996 schlossen Tansu Çiller und der Vorsitzende der „Mutterlandspartei“ (ANAP), Mesut Yilmaz, ein Koalitionsabkommen, das aber nur drei Monate lang hielt. Nach Verhandlungen mit der „Wohlfahrtspartei“ von Necmettin Erbakan vereinbarten die RP und die DYP eine Koalition. Die Abmachung zwischen Erbakan und Çiller sah ein zweijähriges Rotationsprinzip vor. Tansu Çiller fungierte zunächst als stellvertretende Ministerpräsidentin und Außenministerin und übernahm später im Juni 1998 die Regierungsgeschäfte. Edith Cresson Die erste Regierungschefin Frankreichs F rankreichs erste Ministerpräsidentin war mehr als zehn Monate lang – vom 15. Mai 1991 bis 2. April 1992 – die Politikerin Edith Cresson, geborene Campion. Als 63 eigentlichen Grund ihres Scheiterns als Premierministerin betrachtete sie die generelle Frauenfeindlichkeit der französischen Politik. Hierzu sagte sie: „Eine Frau an der Macht provoziert erst die Ungläubigkeit der Männer und dann ihren Zorn, vor allem wenn sie nicht dem technokratischen Modell entspricht.“ Edith Campion wurde am 27. Januar 1934 als Tochter eines Finanzbeamten im Pariser Vorort Boulogne-sur-Seine geboren. Sie besuchte die „Ecole des hautes études commerciales jeune filles“ und erwarb dort ein Diplom für Agrarwirtschaft. Danach promovierte sie mit einer demographischen Arbeit über „Das Leben der Landwirte- und Arbeiterfrauen im Landkreis Guémené-Penfao (LoireAtlantique)". 1959 heiratete Edith Campion den Peugeot-Angestellten Jacques Cresson. Aus dieser Ehe stammen die beiden Töchter Nathalie und Alexandra. Danach setzte sie sich für die Interessen der Fabrikarbeiter ein, engagierte sich politisch und wurde Mitarbeiterin Bernard Lafays, der das „Çentre républicain“ gegründet hatte. 1965 unterstützte Edith Cresson den Wahlkampf des linksorientierten Präsidentschaftskandidaten François Mitterrand (1916–1995), der General Charles de Gaulle (1890– 1970) knapp unterlag. 1971 trat sie in die zwei Jahre vorher von Mitterrand gegründete „Parti socia64 liste“ („Sozialistische Partei“, PS) ein. 1974 wurde sie Mitglied des Nationalsekretariats der Partei, und 1975 übernahm sie die Verantwortung für die Jugend- und Studentenorganisationen der PS. 1977 wählte man sie zur Bürgermeisterin in Thuré. Ab Juli 1979 gehörte sie dem Europaparlament an, in dem sie sich vor allem mit agrarpolitischen Fragen befaste. Als Mitterrand am 10. Mai 1981 im zweiten Wahlgang zum Präsidenten der Republik gewählt wurde, schied Edith Cresson aus dem Europaparlament aus und wurde Landwirtschaftsministerin in der von Premierminister Pierre Mauroy geführten Regierung. Französische Bauern und manche ihrer europäischen Ministerkollegen meinten, das einzige, was die Landwirtschaftsministerin für ihr Amt prädestiniere, sei ihr Name: Denn „Cresson“ heißt „Kresse“. Beim Kongress des Bauernverbandes im Februar 1982 pfiff man die sozialistische Landwirtschaftsministerin aus. Im März 1982 kam es zu den seit Jahrzehnten größten Demonstrationen französischer Landwirte. Deren bis 1983 anhaltende Proteste gegen die geringen Erlöse für Agrarerzeugnisse waren letztlich erfolgreich: Edith Cresson konnte für sie Einkommenszuwäch- se von bis zu zehn Prozent erreichen. Bei den Kommunalwahlen im März 1983 wurde Edith Cresson als Bürgermeisterin von Châtellerault gewählt, womit sie das einzige neue Rathaus für die Sozialisten eroberte. Wegen der damaligen Wahlverluste trat Mauroy zurück und bildete ein neues Kabinett, in dem Edith Cresson Ministerin für Außenhandel und Tourismus wurde. Nach Schlappen der Sozialisten bei den Senatsteilwahlen im September 1983 und bei den Europawahlen im Juni 1984 reichte Mauroy erneut den Rücktritt ein. Nun ernannte Mitterrand den Politiker Laurent Fabius zum Premierminister. Edith Cresson behielt die Zuständigkeit für den Außenhandel und übernahm außerdem das Ministerium für „industrielle Umgestaltung“. Nach den Wahlen zur erweiterten Nationalversammlung im März 1986 stellte die Allianz aus Jacques Chiracs gaullistischer „Rassemblement pour la république“ (RPR) und Giscard d’Estaings „Union pour le démocratie française“ (UDF) mit Chirac den neuen Regierungschef. Im Juni 1988 gewann Mitterrand die Präsidentschaftswahlen, Chirac trat zurück, und Michael Rocard wurde zum neuen sozialistischen Premierminister ernannt. 65 Rocard holte nach den Parlamentswahlen Edith Cresson als Ministerin für Europaangelegenheiten ins Kabinett. Im Oktober 1990 trat sie aus Protest gegen die Wirtschaftspolitik ihres Parteifreundes Rocard zurück. Sie warf Rocard vor, er stehe einer wirksamen Verteidigung und Stärkung der nationalen Wirtschaft im Wege und forderte den Staatsdirigismus, den die französischen Unternehmer nicht noch einmal erleben wollten. Anschließend arbeitete sie als Beraterin des Maschinenbau-Konzerns Schneider, wo sie die Leitung des „Service International“ übernahm. Ein halbes Jahr später ernannte Präsident Mitterrand am 15. Mai 1991 Edith Cresson zur neuen Premierministerin, die damit zur ersten Frau an der Spitze der französischen Regierung aufstieg. Der Präsident verkündete damals, Frau Cresson erscheine ihm als die geeignetste Person, um Frankreich mit neuem Elan bis 1993 in den Europäischen Binnenmarkt zu führen. Scherzhaft bezeichnete er sie als „mein kleiner Soldat“. Doch bald brachte sich die Premierministerin mit teils vulgären Ausfällen sowie mit voreiligen und falschen Ankündigungen im In- und Ausland selbst in ein schiefes Licht. Anfang Juli 1991 hatten laut einer Ifop-Umfrage nur noch 18 Prozent der Franzosen Vertrauen zu Edith Cresson, die damit als unpopulärste aller Premierminister der „Fünften Republik“ abschnitt. Nach einer Umfrage unter der Elite der französischen Wirtschaft hatten lediglich 24 Prozent der Unternehmer noch Vertrauen zur Nachfolgerin von Michael Rocard. Kritiker warfen Edith Cresson vor, es fehle ihr an Intellekt und an wirtschaftspolitischen Einsichten. Sie hänge dirigistischen Idealen an, die seit dem Scheitern des sozia– listisch-kommunistischen Regierungsprogramms von 1981/1982 die Wähler nur verschrecken könnten. Als militante Sozialistin hatte die Premierministerin ihre Abneiung gegen den Kapitalismus nach ihrem Amtsantritt gegenüber Journalisten deutlich gemacht. Sie erklärte, es sei nicht ihre Aufgabe, die Börse zu polieren. Als Edith Cresson die Japaner als „kleine gelbe Ameisen“ bezeichnete, hagelte es Proteste in Japan. Französische Exporteure der Luxusindustrien mit großen Absatzerfolgen in Japan waren entsetzt darüber, dass die früher Außenhandelsministerin statt den Export zu fördern die guten Kunden verunglimpfte. Großbritannien protestierte energisch gegen die Äußerung 66 von Frau Cresson, ein Viertel der Briten sei homosexuell. Viele Franzosen ärgerten sich über markige Ankündigungen und anschließende Kapitulationen von Edith Cresson. Wenn sich die Premierministerin gegen die Erhöhung von Steuern aussprach, wurden diese umgehend erhöht. Sobald sie japanische Autos aus dem europäischen Binnenmarkt aussperren wollte, akzeptierte Paris in Brüssel umgehend eine Liberalisierung der Importpolitik. Kaum ein Jahr nach der Ernennung zur Premierministerin entließ Präsident Mitterrand am 2. April 1992 Edith Cresson. Er ersetzte sie durch den sozalistischen Minister für Wirtschaft, Finanzen und Haushalt, Pierre Bérégovoy (1925–1993), der sich als Garant der Stabilität des Franc einen guten Ruf erworben hatte. Bérégovoy schied 13 Monate später desillusioniert und deprimiert durch Selbstmord aus dem Leben. Die sehr selbstbewusste und temperamentvolle Edith Cresson schrieb, als Premierministerin habe sie es immer wieder mit „einer Bande wildgewordener Elefanten zu tun gehabt, die sie als „hysterisches Fischweib“ verteufelt und „wie eine Hexe in einem mittelalterlichen Prozess auf den Marktplatz gezerrt“ hätten. Nach ihrer Ansicht sollen Frauen mindestens genausogut wie Männer sein, die überall ersetzbar seien, nur nicht im Privatleben. Im September 1992 übernahm Edith Cresson die Unternehmensführung der neu gegründeten Beratungsgesellschaft „Service Industries Stratégies International et Environnement“ (S.I.S.I.E.) in Paris. Im Januar 1995 lösten sie und der bretonische Adlige Yves Thibault de Silguy die beiden französischen EU-Kommissare Jacques Delors und Christian Scrivener in Brüssel ab. Frau Cresson wirkte ab 1995 als EU-Kommissarin für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung. Doch schon bald wurden Zweifel an ihrer Amtsführung laut. Mitte März 1999 beschuldigte ein vom Europaparlament eingesetzter Ausschuss die EU-Kommission, die Kontrolle über die Verwaltung und Finanzen verloren zu haben. Edith Cresson wurde Günstlingswirtschaft vorgeworfen. In der Nacht zum 16. März 1999 trat die Europäische Kommission kollektiv zurück. Deng Yingchao Die Sonderbotschafterin von Chinas Führung E ine führende Rolle unter den frühen Kommunistinnen Chinas nahm die Lehrerin und Politikerin Deng Yingchao (1904–1992), geborene Deng Wenshu, ein. Sie 67 war ein halbes Jahrhundert lang die Frau von Zhou Enlai (1896–1976), einem der wichtigsten Politiker der Welt. Ihr Mann gehörte 1921 zu den Gründern der „Kommunistischen Partei Chinas“ (KPCh) und fungierte ab 1949 als Ministerpräsident (Vorsitzender des Staatsrates), von 1949 bis 1958 als Außenminister sowie ab 1956 als Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros der KPCh. Die Lebensgeschichte von Deng Yingchao – nach anderer Schreibweise auch Teng Ying-ch’ao – wird ausführlich in dem Buch „Die großen Chinesen der Gegenwart“ (1985) von Wolfgang Bartke geschildert. Demnach kam sie 1904 unter dem Namen Deng Wenshu im Kreis Guangshan in der chinesischen Provinz Henan zur Welt. Ihr Vater war ein verarmter Landlord, der in der letzten Phase des Kaiserreichs als Offizier diente. Als er starb, war sie erst drei Jahre alt. Danach sorgte die Mutter als Lehrerin und Erzieherin für den Unterhalt der Familie. Nach dem Verlassen der Grundschule in Beijing (Peking) begann Deng Yingchao ein Studium an der Frauen-Lehrerbildungsanstalt in Tianjin (Tientsin), das sie 1920 erfolgreich abschloss. Als Studentin erlebte sie 1919 die „Bewegung 4. Mai“, die gegen die Absicht der in Versailles tagenden Siegermächte des Ersten Weltkrieges kämpfte, die ehemals deutsche Kolonie Qingdao (Tsingtao) den Japanern zu überge68 ben. Durch dieses Ereignis wurde ihr Interesse für die Politik geweckt. Die 15-Jährige beteiligte sich 1919 an der Gründung des Studentenverbandes von Tianjin und begegnete in jenem Jahr bei einer Studentendemonstration zum ersten Mal dem 21 Jahre alten Zhou Enlai. 1920 hoben beide die „Erweckungs-Gesellschaft“, die die Politisierung der Studenten erreichen wollte, mit aus der Taufe. Wenig später ging Zhou Enlai mit einer Gruppe von Werkstudenten nach Frankreich. In den frühen 1920-er Jahren arbeitete Deng Yingchao als Lehrerin in Tianjin und schloss sich zwei fortschrittlichen Frauenorganisationen an. 1923 gründete sie die „Gesellschaft fortschrittlicher Frauen“, die auch eine Zeitschrift herausgab. Damals vertrat sie noch kein kommunistisches Gedankengut. Ende 1925 heiratete Deng Yingchao in Guangzhou (Kanton) den von seinem mehrjährigen Studium in Frankreich zurückgekehrten Zhou Enlai und trat der KPCh bei. 1926 wurde Deng als eine von sieben Kommunisten – vier als Mitglieder, drei als Kandidaten – in den „Zentralen Exekutivrat“ der „Guomindang“ („Kumintang“), der „Nationalen Volkspartei“, gewählt. Als der führende General und Politiker Chiang Kai-shek (1887– 1975) im April 1927 die Einheitsfront mit den Kommunisten beendete und in Shanghai und Guangzhou Tausende von Kommunisten töten ließ, lag Deng Yingchao gerade mit einer Fehlgeburt in einem Krankenhaus von Guangzhou. Durch die Hilfe einer christlichen Ärztin entkam sie den Verfolgungen, traf sich in Shanghai wieder mit ihrem Mann und reiste 1928 mit ihm zum 6. Kongress der KPCh nach Moskau, wo man sie zur Leiterin der Frauenabteilung nominierte. Danach agitierte das Ehepaar in der Shanghaier Parteizentrale im Untergrund. 1933 erkrankte Deng Yingchao so schwer an Tuberkulose, dass sie während des 10000 Kilometer langen „Langen Marsches“ der chinesischen „Roten Armee“ vom Oktober 1934 bis Oktober 1935 auf einer Bahre getragen werden musste. Auf der letzten Strecke gesellte sich sich der an einer Leberkrankheit leidende Zhou Enlai – ebenfalls auf einer Bahre – hinzu. 1936 erholte sich Deng Yingchao wieder. Sie war jetzt in Yan’an, dem „Hort der Revolution“, nach dem „Langen Marsch“ in die Provinz Shaanxi. Als die Japaner 1937 Peking einnahmen, hielt sich Deng Yingchao dort in einem Krankenhaus auf. Mit Hilfe des amerikanischen Journalisten Edgar Snow (1905–1972) ge69 lang ihr die Flucht. Nach der vorübergehenden Einigung zwischen „Guomindang" und KPCh am Vorabend des Zweiten Weltkrieges ging Deng 1938 als Kontaktperson der KPCh nach Hankou (Wuhan), musste sich aber 1939 zur medizinischen Behandlung in die Sowjetunion begeben. 1941 wurde sie als eine von sieben Kommunistinnen in den „Politischen Rat der Nationalregierung“ berufen. Nach dem Ende des chinesischjapanischen Krieges 1945 fungierten Deng und ihr Mann als Delegierte der „Politischen Konsultativkonferenz“, die einen Ausgleich zwischen der „Guomindang“ von Chiang Kai-shek und der KPCh herbeiführen sollte. Als die Konferenz scheiterte, kehrte sie 1946 nach Yan’an zurück. 1947 wurde Deng Yingchao Ratsmitglied des politisch von Moskau beeinflussten „Internationalen Frauenverbandes“. 1949 wählte man sie zur Vizevorsitzenden des politisch von Moskau gelenkten „Demokratischen Frauenverbandes“ (später nur „Frauenverband“ genannt); diese Funktion behielt sie bis 1972. In der Folgezeit setzte sie sich verstärkt für die politischen und gesellschaftlichen Rechte der Frauen ein und gewann international an Renommee. Außerdem nahm Deng Yingchao an in- und ausländischen Konferenzen teil und war von 1954 bis 1976 Mitglied des „Ständigen Ausschusses des „Nationalen Volkskongresses“ und von 1976 bis 1983 dessen stellvertretende Vorsitzende. 1956 wurde sie Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der KPch, und von 1957 bis 1967 war sie als zweite Sekretärin der Abteilung Frauenarbeit im ZK der KPCh tätig. Ferner fungierte sie als Ehrenvorsitzende des „Verbandes der Krankenschwestern“ und führendes Mitglied des chinesischen Frauenverbandes. Sie beriet wichtige Gesetze in Frauenangelegenheiten – wie das Ehegesetz – mit und beeinflusste sie entscheidend. Während der Kulturrevolution blieb sie durch das hohe Ansehen Zhou Enlais unbehelligt. Nachdem der vom Volk sehr geschätzte Zhou Enlai am 8. Januar 1976 an Krebs starb, übertrugen Millionen seiner Anhänger ihre schwärmerische Verehrung auf seine Witwe. Als Mao Zedongs Witwe Jian Quin (1913–1991) und die übrigen Mitglieder der so genannten „Viererbande“ ausgeschaltet waren, wurde Deng Yingchao zu einer Art Sonderbotschafterin der neuen Führung. 1978 wählte man Deng Yingchao zur Vizepräsidentin des Kinderschutzkomitees und zur Ehrenpräsidentin des chinesischen Frauenverbandes, 1984 zur Ehrenvorsitzenden der „Gesellschaft des chinesischen Volkes für die Freundschaft mit dem Ausland“. Im Dezember 1978 erreichte ihre politische Karriere einen Höhepunkt, als sie in das Politbüro der KPCh (bis September 1985) gewählt wurde. Von 1978 bis 1982 fungierte sie als stellvertretende Vorsitzende der ZK-Disziplinkontrollkommission. Am 11. Juli 1992 starb Deng Yingchao im Alter von 88 Jahren. 1994 erscheinen die „Gesammelten Werke von Deng Yingchao“. 70 Bernadette Devlin Die irische „Jeanne d’Arc“ A ls jüngste Abgeordnete zog am 22. April 1969 – einen Tag vor ihrem 22. Geburtstag – die nordirische Bürgerrechtskämpferin Bernadette Devlin in das britische Unterhaus in Westminster (London) ein. Dort spendeten die Abgeordneten der mutigen jungen Frau donnernden Applaus. Bereits damals bezeichnete man sie respektvoll als irische „Jeanne d’Arc“ oder als „St. Bernadette“. Bernadette Devlin wurde am 23. April 1947 in Cookstown (Grafschaft Tyrone) als Tochter eines Zimmermanns geboren. Ihre Eltern waren arm, streng katholisch und hatten insgesamt sechs Kinder. Der Vater las den Kindern anstatt Märchen die irische Geschichte vor und trug am Tag des Dubliner Osteraufstands von 1916 zur Erinnerung daran eine Lilie im Knopfloch. Er hasste Großbritannien, obwohl er in 71 Nordirland aus politischen Gründen als unzuverlässiger Bürger galt, dort keine Arbeit bekam und deswegen seinen Lebensunterhalt in England verdienen musste. Der Vater starb, als Bernadette erst neun Jahre alt war. Von da an musste die Mutter die Kinder mit einer knapp bemessenen Witwenpension ernähren. Da die Mutter weltfremd war, übernahmen bald die Kinder das Regiment in der Familie, die von der öffentlichen Unterstützung lebte. Bernadette Devlin sagte später: „Ich bin nicht Sozialistin auf Grund hochfliegender intellektueller Theorien geworden, das Leben hat mich zur Sozialistin gemacht“. Bernadette besuchte in Dugannon die „Akademie von St. Patrick“, die von der ehrwürdigen Mutter Benignus, einer resoluten republikanischen Frau, geleitet wurde. Dort glänzte das Mädchen vor allem in gaelischer Sprache und war mehrfach Klassenbeste. Dank eines britischen Stipendiums studierte Bernadette zuerst keltische Sprache und später Psychologie an der Universität Belfast. Bereits damals wollte sie eines Tages das Leben in Nordirland irgendwie verbessern. Als Bernadettes Mutter 1967 starb, ermöglichten die Nachbarn dem Mädchen die Fortsetzung des Studiums. 1968 kam Bernadette Devlin an der Universität Belfast mit der radikalsozialistischen „People’s Democrazy“ in Berührung und wurde deren Mitglied. Diese verbündete sich mit der Bürgerrechtsbewegung, um eine breitere Aktionsbasis zu erreichen. Im Sommer 1968 nahm Bernadette an Studentendemonstrationen in Belfast teil. Bei einem Protestmarsch von Belfast nach Londonderry Anfang 1969 erlebte Bernadette Devlin, dass der Schlagstock eines Polizisten nicht ihren Kopf, sondern das Gesicht des neben ihr gehenden Kommilitonen traf. Geschockt und empört darüber stieg sie auf ein Pult und hielt ihre erste Rede. Danach zog Bernadette Devlin ein Vierteljahr lang als Predigerin der Bürgerrechte durch den ländlichen Wahlkreis Mid-Ulster, der einen neuen Abgeordneten nach Westminster schicken musste. Obwohl 72 sie der diskriminierten katholischen Minderheit angehört, forderte sie Katholiken und Protestanten auf, den alten Hader zu überwinden und sich dem Kampf für soziale Gerechtigkeit zuzuwenden. Bei der Wahl am 17. April 1969 ging sie als Siegerin hervor und fünf Tage später zog sie als jüngste Abgeordnete ins britische Unterhaus („House of Commons“) in London ein. Im heißen irischen Sommer 1969 beteiligte sich Bernadette Devlin im August an den folgenschweren Demonstrationen im Slum-Distrikt Bogside von Londonderry. Auf dem Höhepunkt der Ausschreitungen reiste sie in die USA, wo sie auf einer Vortragsreise neben viel Publicity für die Lage in Nordirland auch etwa 100000 US-Dollar sammeln konnte. Nach ihrer Rückkehr verurteilte man sie im Dezember 1969 im Zusammenhang mit den Augustunruhen — unter anderem wegen tätlicher Angriffe auf Polizisten – zu sechs Monaten Gefängnis. Im selben Jahr erschien auch ihre Autobiographie „The Price of my Soul“ (deutsch: „Irland: Religionskrieg oder Klassenkampf“, 1972). Mitte Juni 1970 wurde Bernadette Devlin mit deutlicher Stimmenmehrheit erneut ins britische Unterhaus gewählt. Eine Woche später lehnte man ihre Berufung gegen ein Urteil wegen Störung einer Gemeinderatssitzung ab und verfügte ihren Strafantritt. Bernadette musste ins Frauengefängnis von Armagh, was Anlass für blutige Unruhen bot. Im Oktober 1970 entließ man sie vorzeitig aus viermonatiger Haft. Ihre Klage bei der Menschenrechtskommission in Straßburg wegen Verletzung ihrer Menschenrechte wurde im Februar 1971 abgewiesen. Im August 1971 brachte Bernadette Devlin die Tochter Roísín zur Welt. Den Namen von deren Vater verriet sie nicht, woraufhin Boulevardblätter allerlei Gerüchte verbreiteten und bei der ledigen Mutter eine Reihe anonymer Briefe eingingen. Im Januar 1972 erregte sie nach blutigen Unruhen in Ulster großes Aufsehen, als sie den britischen Außenminister Reginald Maudling als „Mörder“ und „Heuchler“ beschimpfte und ihn tätlich angriff. Im Februar 1972 wurde sie wegen der Teilnahme an einem illegalen Protestmarsch erneut zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Im April 1973 heiratete Bernadette Devlin den Lehrer Michael McAliskey. Zur Verwunderung vieler Freunde und Anhänger, die um ihre Popularität bangten, nahm sie den Namen ihres Mannes an. Danach 73 erklärte sie, sie habe ihre politische Karriere vorläufig beendet und wolle neue Kraft für ihren lebenslangen Kampf für den Sozialismus gewinnen. Aus der Ehe ging 1976 die zweite Tochter Deirdre McAliskey hervor. Bernadette McAliskeys schwangere Tochter Roísín wurde am 20. November 1996 in ihrer Heimat, dem County Tyrone in Irland, verhaftet. Man beschuldigte sie, im Juni jenes Jahres an einem Anschlag auf eine britische Kaserne in Osnabrück beteiligt gewesen zu sein, bei dem erheblicher Sachschaden entstand. Nach Erkenntnissen deutscher Ermittler hinterließ sie Fingerabdrücke in dem Haus, in dem der Sprengsatz für den Anschlag hergestellt wurde. Dagegen verwiesen die Verteidiger Roísíns auf Zeugen, welche die junge Frau zum Zeitpunkt des Anschlages in Osnabrück in Nordirland gesehen haben wollen. Roísín McAliskey wurde am 9. März 1998 auf freien Fuß gesetzt. Anschließend kam sie mit ihrem acht Monate alten Baby in eine psychiatrische Klinik. Eine Auslieferung an Deutschland lehnte mit Hinweis auf ihre Kindbett-Depressionen ab. Ihre Mutter zeigte sich auf die Nachricht von der Freilassung ihrer Tochter sehr erleichtert. Diana Prinzessin von Wales Die „Königin der Herzen“ A ls „Prinzessin des Volkes“ und „Königin der Herzen“ bleibt Prinzessin Diana von Wales (1961– 1997), geborene Diana Frances Spencer, unvergessen. An ihrem Schicksal nahmen weltweit mehr Menschen Anteil, als es jemals bei einem anderen Mitglied des britischen Königshauses der Fall war. Die glanzvolle Hochzeit von „Lady Di“ mit dem Thronfolger Prinz Charles, ihre gescheiterte Ehe, ihr tragisches Ende in Paris und die eindrucksvolle Trauerfeier bewegten Millionen. Den Titel „Königin der Herzen“ verdankte sie vor allem ihrem Einsatz für Arme und Schwache. Diana Frances Spencer erblickte am 1. Juli 1961 als dritte Tochter des Adligen Edward John Spencer (1924–1992) und seiner zwölf Jahre jüngeren Frau Frances Roche in Sandringham (Grafschaft Norfolk) 74 das Licht der Welt. Die Spencers stammen von König Karl II. (1630– 1685) und der Tochter des ersten Herzogs von Marlborough ab. Dianas Vater diente als Stallmeister der königlichen Familie. Ihre Mutter war die Tochter des vierten Barons Fermoy. Dianas ältere Schwestern heißen Sarah (geb. 1955) und Jane (geb. 1953), ihr jüngerer Bruder Charles (geb. 1964). Die drei Schwestern Sarah, Jane und Diana sowie ihr Bruder Charles (später der neunte Earl Spencer) wuchsen in Nachbarschaft der in Schloss Sandringham lebenden königlichen Familie auf. Diana spielte damals oft mit Prinz Andrew. Häufig wurden die Spencer-Kinder auf das königliche Gut eingeladen. 1967 trennten sich Dianas Eltern, und 1968 erhielt der Vater das Sorgerecht für die Kinder. Ab 1968 besuchte Diana die private Tages- schule Silfield. Die Mutter heiratete 1969 den Tapeten-Millionär Peter Shand-Kydd. Von 1970 bis 1973 war Diana an der Internatsschule „Riddesworth Hall Prep Diss Norfolk“ und von 1973 bis 1977 am Internat „West Heath Sevenoaks“ (Grafschaft Kent). 1975 wurde der Vater achter Earl Spencer, und Diana trug fortan den Namen „Lady Diana Spencer“. Am 14. Juli 1976 heiratete der Vater die geschiedene Gräfin Raine von Dartmouth, eine Tochter der britischen Schriftstellerin Barbara Cartland. 1977/1978 verbrachte Diana sechs Wochen im Mädchenpensionat Institut „Alpin Videmanette in Rougemont“ (Schweiz), bevor sie vom Heimweh geplagt nach England zurückkehrte. Zwischen 1979 und 1981 arbeitete Diana in einem Kindergarten in Pimlico. In dieser Zeit wohnte sie mit drei Freundinnen in einem Apartment. Ihre Schwester Sarah stand damals mit Prinz Charles freundschaftlich in Kontakt, und ihre Schwester Jane heiratete den stellvertretenden Privatsekretär von Königin Elizabeth II., Robert Fellows. Im Juli 1980 kamen sich die 19jährige Lady Diana und der 32 Jahre alte Prinz Charles nach einem Grillfest auf Schloss Balmoral näher. Einige Monate später – am 75 24. Februar 1981 – gaben beide offiziell ihre Verlobung bekannt. Etwa 750 Millionen Fernsehzuschauer in aller Welt verfolgten am 29. Juli 1981 gerührt die feierliche Hochzeit von Diana und Prinz Charles in der Londoner „St. Paul’s Cathedral“. Die Braut war seit 300 Jahren die erste Britin an der Seite eines englischen Thronfolgers. Es folgten Reisen des Paares nach Australien, Neuseeland und Kanada, zahlreiche öffentliche Auftritte der zur Prinzessin von Wales ernannten Diana und viele soziale Aktivitäten, unter anderem für benachteiligte und behinderte Kinder sowie für AIDS-Kranke. Anfangs wirkte „Lady Di“ in der Öffentlichkeit oft noch gehemmt, doch bald gewann sie durch ihr freundliches Wesen unzählige Sympathien. Am 21. Juni 1982 brachte sie Prinz William und am 15. September 1984 Prinz Henry zur Welt. Niemand ahnte, dass drei Jahre nach der Traumhochzeit die Beziehung zwischen den beiden Eheleuten bereits erkaltet war. Charles tröstete sich mit seiner Jugendfreundin Camilla Parker Bowles. Diana litt an Bulimie, einem gestörten Essverhalten mit Heißhunger, Fresssucht und Erbrechen, nahm sich einen Liebhaber und versuchte, Selbstmord zu bege- hen: Sie stürzte sich die Treppe hinunter und in eine Vitrine und wollte sich später mit einem Obstmesser erstechen. Erste Spekulationen über Eheprobleme von Diana und Charles gab es 1988. Immer schlimmere Nachrichten gingen 1990 durch die Welt. Als Anzeichen dafür galten getrennt verbrachte Urlaube, unterschiedliche Interessen des Paares und ein verweigerter Kuss nach einem Polospiel für Charles. Die unendliche Geschichte über die zerrüttete Ehe des einstigen Traumpaares nahm im Juni 1992 ihren Lauf, als der Hofberichterstatter und Autor Andrew Morton in seinem Buch „Diana: Her True Story“ mit zahlreichen delikaten Enthüllungen aufwartete. Am 9. Dezember 1992 verkündete der britische Premierminister John Major vor dem Unterhaus in London, Diana und Charles wollten sich trennen. Damit erlebte das Haus Windsor nach der zerbrochenen Ehe von Prinz Andrew und Sarah Ferguson („Fergie“) innerhalb eines Jahres die zweite gescheiterte Verbindung eines Mitgliedes der Königsfamilie. In Großbritannien stellten sich daraufhin viele Anhänger der „Royals“ die bange Frage, wie es künftig mit der Monarchie in Großbritannien weitergehen solle. Bei einem Fernsehinterview am 76 29. Juni 1994 gab Prinz Charles öffentlich seine Untreue zu. Im Herbst jenes Jahres verriet er in der Biographie „The Prince of Wales“, dass sein Vater Prinz Philipp ihn zur Hochzeit gedrängt habe und er Diana bereits 1982 zum Psychiater schicken habe wollen. Anfang Oktober 1994 berichtete die Autorin Anna Pasternak in ihrem Buch „Princess in Love“ von einer fünfjährigen Affäre Dianas mit ihrem Reitlehrer James Hewitt. Diana schilderte am 20. November 1995 bei einem Fernsehinterview mit dem Magazin „Panorama“ des Senders „British Broadcasting Corporation“ (BBC) ihre Version der Ereignisse. Dabei gestand sie eigene Fehler und Ehebruch ein. Im Dezember 1995 drängte Königin Elizabeth II. auf ein baldiges Ende der Ehetragödie. Diana stimmte Ende Februar 1996 nach 15-jähriger Ehe einer Scheidung von Prinz Charles zu und diktierte selbst die Bedingungen für die Trennung. Sie forderte uneingeschränktes Mitspracherecht bei der Erziehung der beiden Söhne, Hausrecht im Londoner Kensington-Palast, Arbeitsräume im St.-James-Palast und die Beibehaltung des Titels „Princess of Wales“. Das meiste wurde ihr gewährt, sie musste lediglich auf die Arbeitsräume im St.-James- Palast und auf den Titel „Her Royal Highness“ („Ihre königliche Hoheit“) verzichten. Ein Londoner Familiengericht sprach am 15. Juli 1996 die vorläufige Scheidung („Decree nisi“) von Charles und Diana aus. Nach britischem Recht wurde diese nach sechs Wochen am 28. August 1996 rechtskräftig, weil kein Widerspruch erfolgte. Am frühen Morgen des 31. August 1997 fand die 36-jährige Diana in Paris auf tragische Weise den Tod. Bei einer Verfolgungsjagd mit Pressefotografen schleuderte die von einem betrunkenen Chauffeur gesteuerte Luxuslimosine, in der Diana, ihr Geliebter Dodi al Fayed und ein Leibwächter saßen, mit knapp Tempo 200 gegen den Pfeiler eines Tunnels. Diana und der Fahrer waren auf der Stelle tot. Diana starb um 3.57 Uhr im Krankenhaus „La Pitiè-Salpetriére“. 2,5 Milliarden Fernsehzuschauer in 187 Ländern der Erde nahmen am 6. September 1997 am Bildschirm bei der Übertragung der Trauerfeier in London von Diana Abschied. Ein solches Trauerfest wie dieses hatte es zuvor noch nie in der Geschichte der Menschheit gegeben. Besonders ergreifend war dabei das von dem britischen Popstar Elton John gesungene Lied „Candle in the wind“, 77 in dem es hieß: „Auf Wiedersehen, Englands Rose, Du wirst immer in unserem Herzen blühen.“ Die Beisetzung erfolgte auf der Insel des Spencerschen Landsitzes Althorp in Great Brington. Takako Doi Die „Blume der japanischen Politik“ A ls erste Präsidentin des Unterhauses ging im Sommer 1993 die damals 64-jährige Professorin und Politikerin Takako Doi in die Geschichte Japans ein. Sie hatte sich von 1986 bis 1991 als Vorsitzende der Partei „Nihon Shakai-to“ großes Ansehen erworben. Am Tag nach ihrem Rücktritt von letzterem Amt hieß es in der Berliner Zeitung „taz“: „Doi stach ab wie eine Blume im grauen Feld der japanischen Politik. Statt wie ihre Kollegen in den Hinterzimmern zu mauscheln, wählte sie das Fernsehen und andere öffentliche Bühnen als Foren für ihre politische Auseinandersetzung.“ Takako Doi kam am 30. November 1928 als Tochter eines Heilpraktikers in der japanischen Hafenstadt Kobe zur Welt. Schon früh interessierte sie sich für Verfassungsfragen und studierte Jura an der DoshishaUniversität in Kyoto, wo sie ab 1957 als Lehrbeauftragte Verfassungsrecht lehrte. Seit 1968 engagierte sie sich im Bürgerkomitee der Stadt Amagasaki, wo sie sich vor allem um Arbeitsprobleme kümmerte. 1969 wurde Takako Doi von der Universität den Gewerkschaften als geeignete Kandidatin der „Sozialistischen Partei Japans“ (SPJ, später SDPJ) für die Wahl zum japanischen Unterhaus empfohlen. Im Dezember 1969 wählte man sie als sozialistische Abgeordnete der Präfektur Hyogo ins Unterhaus des Parlaments. Dort kämpfte sie für Fragen des Umweltschutzes, die rechtliche Gleichstellung der Frauen, für bessere Beziehungen Japans zur Volksrepublik China und für eine Orientierung ihrer Partei zu den sozialdemokratischen Parteien Westeuropas. Im Herbst 1983 stieg Takako Doi in der fast ausschließlich von Männern 78 beherrschten Partei „Nihon Shakaito“ zur stellvertretenden Vorsitzenden auf. Damals hatte man ihren Vorgänger Masashi Ishibashi zum Vorsitzenden gewählt. 1984 begleitete sie Ishibashi in die USA und besuchte im Frühjahr jenes Jahres die berühmteste Politikerin Ostasiens, Präsidentin Corazón Cojuangco Aquino auf den Philippinen. Die beiden pflegen seitdem ein freundschaftlich solidarisches Verhältnis. Die „Sozialistische Partei Japans“ verlor bei den Unterhauswahlen am 6. Juli 1986 fast ein Viertel ihrer bisher 112 Mandate. Parteichef Masashi Ishibashi hatte diese Niederlage mit dem erst im Frühjahr 1986 verabschiedeten neuen Parteiprogramm nicht aufhalten können. Im September 1986 wählten 80 Prozent aller Parteitagsdelegierten Takako Doi zur neuen Vorsitzenden. Die rhetorisch begabte Politikerin schaffte es, vor allem Frauen zu mobilisieren und so die Mitgliederzahl der Partei zu erhöhen. Außerdem stoppte sie endlose ideologische Diskussionen und rang Spitzenfunktionären pragmatische Zugeständnisse ab. Während die SDPJ dank des Ansehens ihrer Vorsitzenden bei den Teilwahlen zum Oberhaus am 23. Juli 1989 zahlreiche Mandate dazugewann, schnitt sie bei den Präfekturwahlen im Früh- jahr 1991 schlecht ab, was die Flügelkämpfe verschärfte und Takako Doi im Juli 1991 zum Rücktritt bewog. Ihr Nachfolger wurde Makoto Tanabe, der wenig Profil hatte und im Januar 1993 Sadao Yamahana Platz machte. Nach den Unterhauswahlen am 18. Juli 1993 musste die seit Jahrzehnten regierende „Liberaldemokratische Partei“ (LDP) erstmals wieder zurück in die Oppositon. Zuvor hatte es eine Austrittswelle von LDP-Parlamentarieren gegeben und war es zur Neugründung von konkurrierenden konservativen Gruppen gekommen. Diese Gruppen wurden unter Einbeziehung der Sozialdemokraten zu einer Koalition unter Führung des früheren LDP-Politikers Hosokawa formiert. Jene Koalition setzte im August 1993 die Wahl von Takako Doi zur ersten weiblichen Unterhauspräsidentin Japans durch. Frau Doi wurde im September 1996 erneut Vorsitzende der SDPJ und 1998 in diesem Amt bestätigt. Auf Takako Doi trifft das im Westen vorherrschende Image der Japanerin als einer unterwürfigen Frau nicht zu. Die unverheiratete Politikerin sagt ihren politischen Gegnern recht unverblümt die Meinung und hält feurige Ansprachen. Nach ihrer Ansicht ist es ein großer 79 Vorzug, als Frau in die Politik zu gehen. Man müsse sich nicht um Ruhm, sozialen Status oder besondere Beziehungen sorgen, und deshalb könne man integer bleiben. Frauen sind in Japan trotz gesetzlicher Vorgaben – etwa zur Gleichberechtigung oder gleicher Bezahlung – stark benachteiligt. Obwohl immer mehr Japanerinnen berufstätig sind, stehen ihnen kaum Karrieren offen und erhalten sie selbst bei gleicher Ausbildung weniger Lohn als Männer. Ruth Dreifuss Die erste Bundespräsidentin der Schweiz n der 150-jährigen Geschichte des Bundesstaats der Schweiz nimmt die Gewerkschafterin und Politikerin Ruth Dreifuss einen I Ehrenplatz ein: Als erste Frau ihres Heimatlandes wurde sie Ende 1998 für ein Jahr Bundespräsidentin. Seit ihrer Wahl 1993 in den Bundesrat, die Regierung der Schweiz, steht sie im sozialpolitischen Gegenwind. Doch es gelang ihr, trotz Rezession und leerer Bundeskasse, das soziale Netz zu erhalten. Ruth Dreifuss kam am 9. Januar 1940 als zweites Kind des jüdischen Kaufmanns Sidney Dreifuss und seiner Frau Jeanne Dreifuss, geborene Bicard, in St. Gallen zur Welt. Ihr Vater arbeitete als Warenterminhändler für die St. Galler Textilindustrie. 1942 zog die Familie Dreifuss nach Bern und 1945 nach Genf. Vor und nach Beginn des Zweiten Weltkrieges engagierten sich der Vater und in den 1950-er Jahren auch die Mutter in der Flüchtlingshilfe. Nach der Grundschule absolvierte Ruth Dreifuss zwischen 1955 und 1958 in Genf die Handelsschule. Mit 18 Jahren erwarb sie 1958 das Handelsdiplom. Nach einjähriger Tätigkeit als Hotelsekretärin im Tessin besuchte sie die Sozialarbeiterschule „Ècole d’études sociales“ in Genf. Die Leiterin dieser Bildungseinrichtung vermittelte ihr während der Schulzeit eine Stelle als Redakteurin an der Coop-Zeitung „Coopération“. 80 Nach dem Abendgymasium studierte Ruth Dreifuss mit einem Stipendium an der Universität Genf Nationalökonomie, wobei sie den Schwerpunkt auf Nationale Buchhaltung und Ökonometrie legte. 1970 schloss sie ihr Studium mit einem Lizentiat ab. Danach arbeitete sie kurze Zeit als Assistentin an der Universität, bevor sie von 1972 bis 1981 als wissenschaftliche Mitarbeiterin zur „Direktion für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe“ (DEH) im Schweizer Außenministerium wechselte. Die politische Karriere von Ruth Dreifuss begann 1964, als sie sich der „Sozialdemokratischen Partei der Schweiz“ (SPS) anschloss. Zwischen 1966 und 1967 war sie Vizepräsidentin der Genfer Jungsozialisten. Von 1981 bis 1993 bekleidete Ruth Dreifuss als erste Frau das Amt der Zentralsekretärin des „Schweizerischen Gewerkschaftsbundes“ (SGB) in Bern. In dieser Funktion befasste sie sich hauptsächlich mit Sozialversicherungs-, Frauen- und Arbeitsrechtsfragen sowie den Beziehungen zur „Internationalen Arbeitsorganisation“ (IAO). Von 1989 bis 1992 gehörte sie dem Berner Stadtparlament an. Am 10. März 1993 wurde Ruth Dreifuss als zweite Schweizerin zur Bundesrätin in der siebenköpfigen Regierung der Eidgenossenschaft gewählt. Die erste Schweizer Bundesrätin war die freisinnnige Zürcher Politikerin Elisabeth Kopp gewesen, die 1989 über dubiose Machenschaften ihres Mannes stolperte. Die Begleitumstände der überraschenden Wahl von Ruth Dreifuß zur Bundesrätin haben nicht nur in der Schweiz für Aufsehen gesorgt. Nachdem der Bundesrat und Außenminister René Felber im Januar 1993 aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt bekanntgab, präsentierte die SPS zunächst die Präsidentin der Metallarbeitergewerkschaft, Christiane Brunner, als Nachfolgekandidatin. Frau Brunner fiel in der Abstimmung der Vereinigten Bundesversammlung am 4. März 1993 mit 108 Stimmen durch. Die bürgerlichen Kräfte wählten den Neuenburger Sozialdemokraten Francis Matthey mit 130 der 244 Stimmen gegen die Absichten seiner eigenen Partei zum Bundesrat. Als Matthey nach einwöchiger Bedenkzeit unter dem Druck seiner Partei auf das Amt verzichtete, nominierte die SPS für die Wiederholungswahl am 10. März 1993 neben Frau Brunner auch Frau Dreifuss. Nachdem Christiane Brunner in 81 zwei Wahlgängen gegenüber Ruth Dreifuß merklich zurückfiel, verzichtete sie zugunsten von Frau Dreifuss, die mit 144 von 190 gültigen Stimmen zur Bundesrätin gewählt wurde. Die beiden miteinander befreundeten Kandidatinnen bezeichneten sich als „politische Schwestern“, sind gegenüber der Armee kritisch eingestellt und treten für legale Abtreibung und kontrollierte Heroinabgabe durch Behörden ein. Frau Dreifuss erhielt das Innenressort und zeichnete für Soziales, Umwelt, Bildung und Wissenschaft, Kultur, Sport, Gesundheit, Frauen und Jugend verantwortlich. Schwerpunkte in der Arbeit der Bundesrätin waren das Rentensystem, Mutterschaftsgeld, Krankenversicherung sowie eine Öffnung der Drogenpolitik und eine Konsolidierung der Umwelt- und Naturschutzpolitik. Im Oktober 1993 fungierte Ruth Dreifuss als Vizepräsidentin einer Konferenz der Familienminister der Länder des Europarates. Für die Schweiz bezeichnete sie die Gewährung eines Mutterschaftsurlaubs und – im Rahmen der Altersund Hinterlassenenversicherung – die Schaffung eines „Erziehungsbonus“, damit Eltern ohne Benachteiligung die Wahl zwischen Berufs- und Erziehungsarbeit hätten, als Prioriäten. Als weiteres wichtiges Arbeitsfeld für Ruth Dreifuss erwies sich die Maturitäts- und Hochschulreform durch Erweiterung des Fächerkanons in den Schulen, eine Verkürzung der Studienzeiten und Fragen der Anerkennung schweizerischer Abschlüsse im Ausland. Entschieden lehnte sie nach dem Ende der Vollbeschäftigung in der Schweiz die Forderung nach dem Abbau sozialer Leistungen ab. Nach den Nationalratswahlen am 22. Oktober 1995, bei denen die SPS sich mit 54 Mandaten gegenüber der „Freisinnig-Demokratischen Partei“ (FDP) mit nur 45 Mandaten durchsetzte, gab es in der Regierung keine personellen Änderungen. Danach plädierte Ruth Dreifuss weiterhin für den Erhalt und Ausbau eines flexiblen Rentensystems, kritisierte Tendenzen der Beschränkung und wies auf die wachsende Bedeutung der Alterspflege aufgrund der allgemein gestiegenen Lebenserwartung hin. Ende 1997 wurde sie zur Vizepräsidentin des Bundesrates gewählt. Am 9. Dezember 1998 feierten die weiblichen Abgeordneten im Schweizer Parlament mit Wunderkerzen die Wahl der 58-jährigen Sozialdemokratin zur Bundespräsidentin. Für sie waren 158 von 210 gültigen Stimmen abgegeben worden. Frau Dreifuss sagte hierzu: „Ein Traum von Generationen Frauen erfüllt sich.“ In ihrem Präsidentschaftsjahr setzte sich Ruth Dreifuss dafür ein, dass die Schweiz ihre Rolle in der Welt „ohne Überheblichkeit oder Komplexe“ wahrnimmt. In der Schweiz lösen sich Regierungsmitglieder auf dem Posten des Bundespräsidenten turnusmäßig für jeweils ein Jahr ab. Ruth Dreifuss ist unverheiratet und beherrscht die französische, deutsche, italienische, englische und spanische Sprache. Das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“ schrieb über sie, als Frau, Jüdin, Sozialistin und Exgewerkschaftlerin scheine sie die Antithese alles Schweizerischen zu sein. 82 Gertrude Duby-Blom Die mutige Schweizer Sozialistin A ls Multitalent machte die aus der Schweiz stammende Gertrude Duby-Blom (1901–1993), geborene Gertrude Elisabeth Lörtscher, von sich reden: Sie war eine wortgewandte, mutige und temperamentvolle Sozialistin, Fotografin, Anthropologin, Umweltschützerin und Journalistin. In der zweiten Hälfte ihres bewegten Lebens setzte sie sich vor allem für die LacandonIndianer in Mexiko ein. Von ihr stammt der Ausspruch: „Lasst uns an unsere Zukunft denken, denn ansonsten werden wir die letzte, übriggebliebene Art auf diesem Planeten sein.“ Gertrude Elisabeth Lörtscher wurde am 7. Juli 1901 als zweites von drei Kindern des evangelischen Pfarrers Otto Lörtscher in Wimmis im schweizerischen Kanton Bern geboren. Ihre Schwester Johanna kam 1895 zur Welt, ihr Bruder Hans Otto 1904. Die Eltern und die Freundinnen nannten sie „Trudi“. Eine ihrer 83 besten Schulfreundinnen in Wimmis war Marie Liechti (1902– 1995). Die Lektüre der Indianergeschichten des deutschen Jugendschriftstellers Karl May (1842–1912) weckte bereits in Gertrudes Kindheit ihre Naturliebe und ihre Abenteuerlust. Später wurde sie in Bern durch ihren Nachbarn Düby und dessen Sohn Kurt mit dem Sozialismus vertraut. Als 17-Jährige verließ Gertrude Lörtscher ihr Elternhaus. Dort hatte sie mit ihrem Vater mancherlei politische Auseinandersetzungen geführt. Danach lernte sie zwei Jahre Gartenbau und erwarb in Zürich einen weiteren Abschluss in Sozialarbeit. Anschließend hielt sie sich ein Jahr lang bei einer Quäkerfamilie in England und einige Monate zum Studium der italienischen Sprache in Florenz auf. In Italien lernte Gertrude Lörtscher den Journalisten Vitaly Gawronsky (1907–1989) kennen, der bis zu seinem Tod in Bern lebte. 1925 musste Gertrude Lörtscher Italien verlassen und in die Schweiz zurückkehren, weil sie durch ihre journalistischen Arbeiten für sozialistische Zeitungen in ihrem Heimatland den italienischen Faschisten unangenehm aufgefallen war. Am 20. Juni 1925 heiratete die 23jährige in Lausanne den 25 Jahre alten Kurt Düby (1900–1951). Ab 1925 arbeitete Gertrude Düby als Sekretärin der Frauensektion der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD), für die sie von 1928 an in Deutschland herumreiste. Bald wurde sie als begabte Rednerin und antifaschistische Kämpferin bekannt. Am 3. September 1930 ließ sie sich wegen politischer und privater Differenzen von Kurt Düby scheiden. 1933 schloss sie eine Scheinehe mit dem deutschen Arbeiter Otto Piel (1906– 1999), um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 konnte Gertrude Düby dort ihre politische Arbeit nicht mehr fortsetzen und musste emigrieren. Danach organisierte sie in Paris und in den USA den Weltfrauenkongress gegen den Krieg und engagierte sich bis 1939 in der interna84 tionalen Widerstandsbewegung gegen den nationalsozialistischen Diktator Adolf Hitler (1889–1945). 1940 brachte man Gertrude Düby in ein französisches Internierungslager in Rieucros. Mit Hilfe der Schweizer Botschaft konnte sie das Lager und das Land am 6. März 1940 verlassen. Völlig desillusioniert folgte sie anderen europäischen Emigrantinnen nach New York in die USA und ging wenige Monate später nach Mexiko. In der Neuen Welt wählte sie die Schreibweise „Duby“, der für die englische und spanische Sprache besser geeignet war als das schweizerische „Düby“, In Mexiko untersuchte Gertrude Duby für das Arbeitsministerium als Sozialarbeiterin und Journalistin die Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiterinnen und bereiste das Land. Auf späteren Reisen zur Erforschung der Situation von Frauen, die in der Armee des mexikanischen Revolutionärs Emiliano Zapata (1879–1919) gedient hatten, nahm Gertrude Duby erstmals einen Fotoapparat mit. Sie hatte die Kamera für 50 Pesos von einem deutschen Immigranten erworben, der ihr die Grundbegriffe des Fotografierens beibrachte. Mit Hilfe der Kamera dokumentierte sie die Zerbrechlichkeit der Kultur und der Landschaft der Indianerstämme im mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrten viele Emigranten nach Deutschland, in die Sowjetische Besatzungszone, zurück. Auch Gertrude Duby reiste 1947 nach Berlin und wollte am Aufbau einer neuen Gesellschaft mitwirken. Doch schon nach wenigen Tagen kehrte sie nach Mexiko zurück. Besonders engagiert setzte sich Gertrude Duby für die in den dichten Dschungeln lebenden Lacandonen, einen Stamm der Maya, ein. Im Urwald lernte sie den dänischen Archäologen und Kartographien Frans Blom (1893–1963) kennen, den sie am 16. Februar 1950 heiratete. 1950 kaufte das Ehepaar Blom ein Haus in San Cristóbal de las Casas, das es wegen der Ähnlichkeit mit seinem Familiennamen als „Na Bolom“ („Jaguar“) bezeichnete. Das Haus wurde allmählich zu einem Wissenschaftszentrum ausgebaut. Mit ihrem dritten Mann unternahm Gertrude Duby-Blom insgesamt 70 strapaziöse und oft monatelange Expeditionen, um die Traditionen der abgeschieden lebenden, stolzen und unabhängigen Lacandonen zu erforschen. Durch zahlreiche Veröffentlichungen von Fotos, Artikeln und Büchern entwickelte sie sich 85 zur Fürsprecherin für die Erhaltung der Kultur der Lacandon und des Dschungels. 1975 gründete Gertrude DubyBlom eine Baumschule, die einheimische Bäume kostenlos abgab, wenn sie im Staat Chiapas gepflanzt wurden. Der schwedische König Carl XVI. Gustav überreichte Gertrude und ihrer Mitarbeiterin Juanita 1991 in Stockholm für ihre Verdienste zur Erhaltung einer gesunden Welt einen Preis der „United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization“ (UNESCO). Im hohen Alter war Gertrude DubyBlom enttäuscht darüber, wie wenig Erfolg ihre Bemühungen um eine bessere Welt letztlich hatten. Mit 82 schrieb sie: „Ich war mein ganzes Leben lang eien Kämpferin, aber das ist eine traurige Geschichte. Ich habe versucht, die Welt zu verändern und gescheitert. Die Nazis kamen; dann haben wir versucht, den Krieg zu verhindern, und er kam trotzdem. Zuletzt habe ich für die Lacandonen und den Wald gekämpft. Doch auch dieser Kampf scheint verloren.“ Am 23. Dezember 1993 starb Gertrude Duby-Blom im Alter von 92 Jahren in San Cristóbal (Mexiko). In ihrem Testament hatte sie verfügt, dass die Lacandonen ihr Erbe erhalten sollten. Eleanor Dulles Die „Mutter von Berlin“ E inen Ehrenplatz in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands nimmt die amerikanische Diplomatin, Wirtschaftsexpertin und Publizistin Eleanor Dulles (1895–1996) ein. Sie verdankt ihrem Engagement zugunsten des Wiederaufbaus von Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg, für den sie insgesamt eine Milliarde US-Dollar sammelte, den Ehrentitel „Mutter von Berlin“. Dieser Beiname geriet allerdings später fast in Vergessenheit. Eleanor Dulles kam am 1. Juni 1895 in Watertown im US-Bundesstaat New York zur Welt. Sie war die Tochter des presbyterianischen Geistlichen Allen Dulles und seiner Frau Edith sowie die Schwester des späteren amerikanischen Außenministers John Foster Dulles (1888– 1959) und des langjährigen CIAChefs Allen Welsh Dulles (1893– 1969). Eleanor begann ihr Studium am 86 „Bryn Mawr College“ und erhielt mehrere Stipendien. 1921 und 1922 studierte sie Wirtschaftswissenschaften an der „Londoner School of Economics“ in Großbritannien und danach am „Radcliff College“ in Boston (USA), wo sie 1924 einen zweiten Master-Grad erwarb. 1926 promovierte sie an der Harvard University und von 1925 bis 1927 studierte sie an der „Faculté de Droit“ der Pariser Universität. Zugunsten beruflicher Tätigkeiten, vor allem in der öffentlichen Fürsorge und in der Wiederaufbauarbeit nach dem Ersten Weltkrieg, unterbrach Eleanor Dulles ihre Ausbildung ab 1917 mehrfach. Von 1917 bis 1919 arbeitete sie im „American Friends Service“, 1920/1921 als stellvertretende Personalleiterin einer Firma in Bridgeport (Connecticut) sowie 1924/1925 und 1927/ 1928 als Lehrerin am „Simons College“ in Boston. Außerdem war Eleanor Dulles mit wissenschaftlichen Arbeiten an der Harvard University und am „Radcliff College“ betraut. Hierfür ging sie 1925 bis 1927 nach Frankreich und 1930 bis 1932 in die Schweiz. Damals besuchte sie erstmals Deutschland, dem fortan ihr besonderes Interesse galt. Ihre ersten wissenschaftlichen Publikationen über den französischen Franc (1928) und über die Arbeitsweise der „Basler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich“ (1932) wurden in der Fachwelt stark beachtet. Von 1928 bis 1930 lehrte Eleanor Dulles am „Bryn Mawr College“ und von 1932 bis 1936 an der Universität von Pennsylvania. 1932 heiratete sie den Philosophen David Blondheim, der 1934 Selbstmord beging. Aus der Ehe stammen ein Sohn und eine Tochter. Ab 1936 wirkte Eleanor Dulles sechs Jahre lang in der Finanzabteilung des „Amtes für Soziale Sicherheit“ in Washington und danach ab 1942 als Angestellte des „State Department“ (Außenministerium), wo sie bis 1945 in der Wirtschaftsabteilung tätig war. 1944 gehörte sie zur amerikanischen Delegation bei der Konferenz von Bretton Woods über den „Internationalen Währungsfonds". Nach dem Zweiten Weltkrieg arbei87 tete sie bis 1949 als Finanzattaché an der Wiener Botschaft am Wiederaufbau Österreichs im Rahmen des Marshallplans mit. Von 1949 bis 1951 diente sie in der „Western European Division“ des State Department, 1951/1952 in der nationalen Produktionsbehörde des Handelsministeriums. Zwischen 1952 und 1959 war Eleanor Dulles als Special Assistent in der Abteilung für Deutschlandfragen vor allem mit dem weiteren Schicksal Berlins befasst. Im Mai 1955 wurde die von ihr angeregte Benjamin-Franklin-Stiftung gegründet. Auf ihre Initiative entstanden das Klinikum Steglitz (1994 umbenannt in „Universitätsklinikum Benjamin Franklin“), die Kongresshalle und andere Bauten in Berlin. Obwohl man sie im September 1959 in die Forschungsabteilung des Außenministeriums versetzte, nahm sie weiterhin ihre Aufgabe in der Deutschlandabteilung bis 1962 wahr und förderte soziale Einrichtungen. Sie ging in die Nachkriegsgeschichte als „Mutter von Berlin“ ein. Der amerikanische Präsident Dwight David Eisenhower (1890– 1969) zeichnete Eleanor Dulles im Januar 1960 mit dem Titel einer persönlichen Gesandten des Präsidenten aus. Im Januar 1962 ging sie nach 20-jähriger Dienstzeit im amerikanischen Außenministerium in den Ruhestand. Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt (1913– 1992) dankte ihr am Tag ihres Ausscheidens telegrafisch für alles, was sie für Berlin getan hatte. Nach ihrer Pensionierung widmete sich Eleanor Dulles verschiedenen Hochschulaufgaben, beriet das „State Department“ und verfasste mehr als ein Dutzend Bücher über die amerikanische Außenpolitik, ihren Bruder John Forster und sich selbst („Eleanor Lansing Dulles – Chances of a Lifetime, a Memoir“, 1980). Sie erhielt viele Auszeichnungen – darunter das „Große Bundesverdienstkreuz“ (1962), die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin (1957) und den Titel „Professor ehrenhalber“ der Stadt Berlin (1985). Während der letzten Lebensjahre wohnte Eleanor Dulles in einem Altersheim der US-Armee in Washington. Am 26. Juni 1996 wurde sie anlässlich des zweiten Jahrestages der Umbenennung des Klinikums Steglitz als erste Preisträgerin mit der Benjamin-Franklin-Medaille ausgezeichnet. Stellvertretend für sie nahm Joel J. Levy, der Leiter der Berliner Außenstelle der US-Botschaft, die Auszeichnung entgegen. Am 30. Oktober 1996 88 starb Eleanor Dulles im biblischen Alter von 101 Jahren im Altersheim. Kaiserin Farah Diba Irans erste Kaiserin D ie erste Frau in der Geschichte Persiens, die zur Kaiserin gekrönt wurde, war Farah Diba. Bei der glanzvollen Zeremonie am 26. Oktober 1967 setzte der bereits seit 26 Jahren regierende Schah Rezah Pahlavi (1919–1980) zuerst sich und dann seiner Gattin die Krone aufs Haupt. Fortan trug Farah den Titel „Schahbanu“ (deutsch: „Gemahlin des Schahs“). Im Februar 1979 musste das Kaiserpaar das Land verlassen, im Juli 1980 war Farah bereits Witwe. Farah Diba erblickte am 14. Okto- ber 1938 als einzige Tochter einer angesehenen, aber nicht reichen Familie in Iranisch-Aserbaidschan das Licht der Welt. Ihr Großvater Sho’addouleh gehörte vor dem Ersten Weltkrieg der persischen Botschaft in Moskau an. Ihr Vater Schrab Diba brachte es in der Kaiserlich-Iranischen Armee zum Hauptmann, ehe er sich ins Privatleben zurückzog. Nach dem Tod des Vaters, der 1948 an den Folgen einer Operation starb, wuchs Farah Diba unter der Obhut ihrer Mutter und eines Onkels auf, der als Architekt arbeitete. Sie besuchte die französische „Jeanne d’Arc-Schule“ und das ebenfalls französisch geführte Gymnasium „Razi“ in Teheran und studierte von 1957 bis 1959 Architektur an der Pariser „Ecole Spéciale d’Archi-tecture“. Während ihrer Studienzeit in Paris gehörte Farah Diba der Meistermannschaft im Basketball an. Im Sommer pflegte die sportliche Studentin jeweils nach dem Morgengebet eine Stunde lang zu schwimmen. In der französischen Hauptstadt begegnete Farah 1959 den Schah bei einem Empfang iranischer Studenten in der Pariser Botschaft, als dieser seine Europareise machte. In Paris lernte Farah Diba auch den 89 Schwager des Schahs, Ardeshir Zahedi, kennen. Er fungierte als Leiter des iranischen Programms für Auslandsstudenten. Zahedi war von der Persönlichkeit Farahs sehr angetan und machte sie mit seiner Frau Prinzessin Schanaz bekannt. Diese wiederum vermittelte ein weiteres Treffen mit dem „Schahin-schah“ (deutsch: „König der Könige“) bei einem privaten Essen der kaiserlichen Familie in Teheran. Bereits wenige Wochen später – am 23. Februar 1959 – feierten der Schah und Farah Diba ihre Verlobung. Am 21. Dezember 1959 schloss der 40 Jahre alte Schah in Teheran mit der 21-jährigen Farah Diba seine dritte Ehe. Farah war nach der ägyptischen Prinzessin Fawzia (erste Frau von 1939 bis 1948 und Schwester des ägyptischen Königs Faruk) und Soraya Esfandiari-Baktiari (zweite Frau von 1951 bis 1958), deren Mutter aus Deutschland stammte, die erste reinblütige Perserin unter den Gattinnen des Schahs. Der ersehnte Thronfolger Reza Cyrus Ali kam am 31. Oktober 1960 zur Welt. Es folgten im März 1963 die Tochter Masumeh Fahranaz, im April 1966 zweite Sohn Ali Reza und im März 1970 die zweite Tochter Leila. Am 8. September 1967 stimmte das iranische Parlament einer Verfassungsänderung zu, die vorsah, dass Farah Diba im Falle des Todes des Schahs bis zur Volljährigkeit des Thronfolgers (1980) einem achtköpfigen Regentschaftsrat vorstehen hätte müssen. Auf diese Weise wäre sie bis zur Volljährigkeit ihres ersten Sohnes Staatsoberhaupt gewesen. Am 26. Oktober 1967 wurden der Schah zum Kaiser und seine Frau zur Kaiserin gekrönt. Farah Diba widmete sich nicht nur ihrer Familie, sondern auch 34 sozialen, pädagogischen und kulturellen Organisationen, deren Präsidentin sie war. Sie unterstützte gesellschaftskritische Theaterinszenierungen, deren gewagte Themen ohne ihr Patronat unter dem Schahregime nie genehmigt worden wären, wie etwa die zehn TeehausSzenen des Isma’il Chaladsch „Den Freitag töten“ mit deutlicher Kritik an den sozialen Verhältnissen in Iran. Außerdem setzte sie sich für liberale Ehe- und Scheidungsgesetze ein, förderte Schulen, Berufsausbildung, soziale Einrichtungen und Zentren für Familienplanung. Zudem beriet sie den Schah in kulturellen und sozialen Fragen. Die Kaiserin engagierte sich nachdrücklich für die Befreiung der persischen Frauen von mittelalterlichen Traditionen. Ihre vier Kinder 90 erzog sie nach modernen westlichen Gesichtspunkten. Ihr Image als selbständige, moderne orientalische Frau schadete ihr allerdings zunehmends, als innenpolitische Spannungen auftraten und der religiöse Traditionalismus wiedererstarkte. Dieser agierte auch gegen die Aktivitäten der ausgebildeten Architektin, die modernen, wohl oft zu westlichen Künste in Iran zu fördern, wie etwa durch die Einladung von Karl-Heinz Stockhausen zu den von ihr iniitierten Schirazer Kunstfestspielen. Zwischen August 1978 und Februar 1979 erreichte der Widerstand gegen die als Diktatur empfundene Herrschaft der Pahlavis mit dem Generalstreik und der revolutionären Erhebung der Massen ihren Höhepunkt. Der Schah verließ am 16. Januar 1979 den Iran, hielt sich zunächst in Ägypten, ab Ende Januar in Marokko und später von Ende März bis Juni auf den Bahamas auf. Dank der Vermittlung des damaligen amerikanischen Außenministers Henry Kissinger durfte die Familie des Schahs am 9. Juni 1979 nach Mexiko einreisen. Im Oktober 1979 suchte der an Krebs erkrankte Schah eine Klinik in New York auf, worauf die amerikanische Botschaft in Teheran durch iranische Studen- ten besetzt wurde. Während der Behandlung weigerte sich Mexiko, die Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. Nach längeren Verhandlungen erklärte sich Panama bereit, dem Schah eine kleine Insel als Aufenthaltsort zur Verfügung zu stellen. Ende März 1980 machte die Familie des Schahs von dem Angebot des ägyptischen Staatspräsidenten Muhammad Anwar Sadat (1918–1981) Gebrauch, sich in Kairo niederzulassen. Dort starb der Schah nach mehreren Operationen am 27. Juli 1980. Farah Diba, die sich heute „Farah Pavlavi“ nennt, blieb auch nach dem Tod ihres Mannes in der ägyptischen Hauptstadt und erwarb dort Anfang 1982 eine Villa im Vorort Heliopolis. Zudem kaufte sie ein Landhaus an der Côte d’Azur in Frankreich und eine Eigentumswohnung in Paris. Außerdem besitzt sie ein Domizil in der amerikanischen Universitätsstadt Williamstown (Massachusetts), wo sie sich oft aufhielt, da ihre drei jüngeren Kinder in den USA studierten. Farah Dibas ältester Sohn Reza Cyrus Ali ließ sich am 31. Oktober 1980 zum Schah Reza II. proklamieren. In der Folgezeit versuchte er, von Marokko aus Politik zu machen. Dagegen zog sich Farah 91 Diba weitgehend aus der Politik zurück, bekannte sich jedoch gelegentlich entschieden zur Monarchie. Zu Farah Dibas 60. Geburtstag im Oktober 1998 berichtete die Presse, die Schahwitwe habe die Hoffnung auf eine Heimkehr in den Iran nie aufgegeben. Sie wünsche sich den Tag herbei, an dem sie die Asche ihres Gatten heimbringen könne, und habe jeden Tag Heimweh. Heiraten wolle sie nie wieder. Kein Mann der Welt lasse sie den Schah vergessen. Vigdís Finnbogadóttir Die erste Staatspräsidentin Islands E rste Staatspräsidentin Islands war ab Sommer 1980 die Philologin und parteilose Politikerin Vigdís Finnbogadóttir. Die ehemalige Gymnasiallehrerin und Theaterdirektorin bekleidete dieses hohe Amt 16 Jahre lang. Im Herbst 1995 kündigte sie vor Ablauf ihrer vierten Amtszeit als Präsidentin ihren Verzicht auf eine weitere Kandidatur an. Sie sagte damals: „Ich höre auf, bevor ich die Lust verliere“. Vigdís Finnbogadóttir wurde am 15. April 1930 in der isländischen Hauptstadt Reykjavík geboren. Ihr Vater Finnbogi Thorvaldsson war Bauingenieur und Universitätsprofessor. Ihre Mutter Asta Sigridur Eiriksdottir arbeitete als Krankenschwester und hatte 36 Jahre lang das Amt der Vorsitzenden der isländischen Krankenschwesternvereinigung inne. Der Name „Finnbogadóttir“ basiert darauf, dass auf Island die Frauen stets – ob ledig oder verheiratet – den väterlichen Vornamen mit dem Zusatz „dóttir“ („Tochter“) erhalten. Nach dem Abitur studierte Vigdís Finnbogadóttir ab 1949 Französisch, Literatur und Dramaturgie an den Universitäten Grenoble und Paris (Sorbonne), anschließend Theatergeschichte an den Universitäten Kopenhagen und Reykjavík. Sie absolvierte das Examen und wurde Gymnasiallehrerin in Reykjavík. Ehemalige Schüler – wie der spätere Bibliothekar Gudjon Jensson – 92 erinnern sich gerne den Französischunterricht der Gymnasiallehrerin Vigdís Finnbogadóttir: „Sie war immer sehr nett, freundlich, für die Schüler ein Vorbild und brachte uns mit einer eindrucksvollen Methode französische Kenntnisse bei. Schon nach einem Monat war Französisch unser Lieblingsfach.“ Vigdís Finnbogadóttir engagierte sich in einer freien Theatergruppe, die sich vor allem der französischen Avantgarde verschrieben hatte. Im isländischen Fernsehen trat sie bei Kulturbeiträgen und FranzösischKursen auf. Neben den skandinavischen Sprachen und Französisch beherrscht sie auch Englisch und Deutsch. Am 23. Dezember 1954 heiratete Vigdís Finnbogadóttir den Arzt Dr. Ragnar Arinbjarnar, von dem sie 1963 geschieden wurde. 1961 demonstrierte sie gegen den USStützpunkt Keflavík auf Island, was ihr den Ruf einbrachte, „rot“ zu sein. 1974 sammelte sie Unterschriften gegen die andauernde Stationierung amerikanischer Truppen in ihrem Heimatland. Von 1972 bis 1980 leitete sie das Stadttheater von Reykjavík. Gleichzeitig dozierte sie über französische Literatur und Theatergeschichte an der Universität von Rekjavík. Als Theaterdirektorin und Kennerin der isländischen Geschichte machte sich Vigdís Finnbogadóttir für die Inszenierung einheimischer Werke stark. Außerdem versuchte sie, isländische Literatur im Ausland bekannter zu machen und holte moderne Kunst des Auslands in ihr Heimatland. 1973 adoptierte sie ein Mädchen namens Astridur. Von 1976 bis 1980 war sie Mitglied des beratenden Kulturkomitees des „Nordischen Rates“ und ab 1978 dessen Vorsitzende. Während des Wahlkampfes für die Präsidentschaftswahl 1980 fragten konservative Isländer die geschiedene Kandidatin Vigdís Finnbogadóttir, wie sie sich das Repräsentatieren ohne Mann vorstelle. Darauf antwortete sie, sie denke gar nicht daran, sich einen Begleiter für Empfangszwecke zuzulegen, sondern werde diese Rolle allein übernehmen. Als man von ihr wissen wollte, wer bei offiziellen Essen am anderen Ende des Tisches sitzen sollte, meinte sie schlagfertig, das sei kein Problem, sie stelle runde Tische auf. Die parteilose Vigdís Finnbogadóttir wurde am 29. Juni 1980 als Staatspräsidentin der rund 220 000 Isländer gewählt. Sie setzte sich gegen drei männliche und ebenfalls parteilose Mitbewerber knapp durch. Zwischen ihr und dem frühe93 ren Universitätsrektor Gudlaugur Thorwaldsson lagen nur 1600 Stimmen oder 1,2 Prozent. Ihre politischen Gegenspieler meinten, ihr sei die Tatsache, dass sie eine Frau ist, sehr dienlich gewesen. Am 1. August 1980 trat Vigdís Finnbogadóttir als erste Präsidentin in einem europäischen Land ihr Amt an. Sie übernahm damit die Nachfolge des 63-jährigen Kristjan Eldjarn, der früher Museumsdirektor war und nach zwölf Amtsjahren nicht mehr kandidieren wollte. Danach bezog die mittelblonde 50-Jährige die Präsidentenresidenz auf der meistens sehr windigen Halbinsel Alftanes südlich von Reykjavík. Als Staatsoberhaupt mahnte Vigdís Finnbogadóttir die Isländer ständig, die Identität der isländischen Sprache und Kultur zu wahren. Zudem machte sie sich für Erziehung und Bildung, die Wiederbegrünung der weitgehend kahlen Insel und für die Gleichberechtigung der Frauen stark. Sie hatte auch keine Schwierigkeiten, mit einfachen Leuten – wie Fischern und Bauern – Kontakt zu bekommen. Denn sie kannte sich bei ihnen aus, weil sie in jüngeren Jahren ihre Ferien häufig in Fischfabriken verbrachte. Am 30. Juni 1984 ist Vigdís Finnbogadóttirs Amtszeit mangels eines Gegenkandidaten um vier Jahre verlängert worden. Die Präsidentschaftswahl im Juni 1988 gewann sie mit der überwältigenden Mehrheit von 92,7 Prozent der Stimmen gegen Sigrun Thorsteindottír von der „Partei des Menschen“. Im Juni 1992 wurde ihre Amtszeit erneut um vier Jahre verlängert, da sich kein Gegenkandidat fand. Im Oktober 1995 kündigte Vigdís Finnbogadóttir als 65-Jährige ihren Verzicht auf eine weitere Präsident- schaftskandidatur an. Am 1. August 1996 wurde der ehemalige Finanzminister Òlafur Ragnar Grímsson von der Volksallianz, der bei den Präsidentschaftswahlen 40,9 Prozent der Stimmen erreichte, ihr Nachfolger. Im Ruhestand befasste sich Vigdís Finnbogadóttir unter anderem mit der Übersetzung von Theaterstücken. Sie ist mehrfach von ausländischen Universitäten und Hochschulen mit dem Ehrendoktortitel ausgezeichnet worden. Leni Fischer Die große deutsche Europäerin D ie erste Frau, die zur Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarates in Straßburg aufstieg, ist die deutsche Politikerin Leni Fischer, geborene 94 Lechte. In dieses verantwortungsvolle Amt wurde sie 1996 gewählt. Zuvor war sie als erste Frau Vorsitzende der Fraktion der „Europäischen Volkspartei“ (EVP), Leiterin der Deutschen Delegation im Europarat und in der „Interparlamentarischen Union“ (IPU), Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Erziehung sowie Vizepräsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarates. Leni Lechte kam am 18. Juli 1935 in Haltern (heute Nordrhein-Westfalen) zur Welt und wuchs in einer konservativ-katholischen Familie auf. Im Anschluss an das Abitur studierte sie ab 1955 Englisch, Französisch und Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Während des Studiums hielt sie sich unter anderem längere Zeit in London, Birmingham, Chester, Paris und Bordeaux auf. 1959 legte sie ihr Examen ab. Das Berufsleben von Leni Lechte begann 1959 mit einer Stelle als Realschullehrerin in Burgsteinfurt (Westfalen). 1960 heiratete sie den Apotheker Hermann Fischer. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Barbara Vogel, Juristin (geb. 1961), Peter Fischer, Bankkaufmann (geb. 1962) und Markus Fischer, Raumgestalter (geb. 1969). 1968 trat die damals zweifache Mutter in die „Christlich-Demokratische Union“ (CDU) ein. Im selben Jahr wurde sie Mitglied der „Arbeitsgemeinschaft berufstätiger Frauen“ und hatte bis 1977 das Amt 95 der stellvertretenden Bundesvorsitzenden inne. 1969 wechselte Leni Fischer an die Realschule in Neuenkirchen, wo sie bald Konrektorin wurde. 1970 stieg sie nach langjähriger Tätigkeit in der Erwachsenenbildung zur Leiterin der Volkshochschule Neuenkirchen auf. Von 1971 bis 1976 fungierte Frau Fischer als stellvertretende Vorsitzende des CDU-Kreisverbandes Steinfurt. Zwischen 1975 und 1979 gehörte sie dem Gemeinderat von Neuenkirchen an. 1975 wählte man sie zur Landesvorsitzenden der CDU-Frauenvereinigung Westfalen-Lippe, dieses Amt behielt sie bis zur Fusion der beiden Frauenvereinigungen der CDU Westfalen-Lippe und Rheinland 1986. Bei den Wahlen am 3. Oktober 1976 kam Leni Fischer über die CDULandesliste erstmals als Abgeordnete in den Deutschen Bundestag. wo sie heute den Wahlkreis Unna I vertritt. Sie wurde in der Frauen-, Außen- und Entwicklungspolitik aktiv. Als Familienpolitikerin und Abtreibungsgegnerin verleugnete sie nie ihre christlich-konservative Herkunft. 1980 wurde sie stellvertretende Vorsitzende der Gruppe der Frauen ihrer Fraktion, die sie auch im Deutschen Komitee für die „United Nations International Children’s Fund“ (UNICEF, Welt- kinderhilfswerk) repräsentierte. Zwischen 1981 und 1990 war Frau Fischer stellvertretende Bundesvorsitzende der Frauen-Union der CDU Deutschlands. 1982 wurde sie stellvertretende entwicklungspolitische Sprecherin der CDU/CSUBundestagsfraktion und Obfrau im Ausschuß für wirtschaftspolitische Zusammenarbeit des Bundestages. Von 1983 bis 1986 fungierte sie als Mitglied und stellvertretende Vorsitzende des CDU-Landesvorstandes von Westfalen-Lippe. Im Februar 1985 delegierte der Deutsche Bundestag Leni Fischer in die Parlamentarische Versammlung des Europarates sowie in die Versammlung der „Westeuropäischen Union“ (WEU). Sie wurde Sprecherin der deutschen Delegation in der Parlamentarischen Versammlung, Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Erziehung, Mitglied im Ständigen Ausschuß und im Politischen Ausschuß sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuß für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Zwischen 1986 und 1994 gehörte Frau Fischer dem Landesvorstand der nordrhein-westfälischen Christdemokraten an. 1987 übernahm sie den Landesvorsitz der Frauen-Union der CDU Nordrhein-Westfalen, den sie bis 1991 innehatte. 96 1994 avancierte Leni Fischer zur Vorsitzenden der Fraktion der „Europäischen Volkspartei“ und zur Leiterin der deutschen Delegation in der „Interparlamentarischen Union“ sowie zur Vizepräsidentin der Parlamentarischen Versammlung der WEU. Den Vorsitz hatte zu dieser Zeit noch der Sozialist Miguel Angel Martínez aus Spanien, dessen Amtszeit ein Jahr später auslief. Gemäß einer interfraktionellen Absprache wurde Leni Fischer am 22. Januar 1996 von den 263 Abgeordneten der 38 Mitgliedsstaaten einstimmig zur Nachfolgerin von Martínez gewählt. Besonders am Herzen lag Frau Fischer die Frage der kulturellen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit der in Osteuropa entstandenen Demokratien. Der Europarat war für sie die herausragende politische Institution in Europa, welche die neuen, von der kommunistischen Unterdrückungsgesellschaft befreiten Demokratien Europas auf der Grundlage von Gleichberechtigung und dauerhafter Strukturen einbindet. Er ist nach ihrer Auffassung das geeignete Instrument, um die Zukunft des ganzen Europas im Hinblick auf Demokratie, Menschenrechte, Rechte der Minderheiten und Selbstbestimmungsrecht zu gestalten. Für die große Europäerin gehört es zu den wesentlichen Voraussetzungen, ein System guter Zusammenarbeit in Europa zu schaffen, um im Zusammenwirken mit der „Europäischen Union (EU) dem Ziel des ganzen Europa näher zu kommen. Europa“ müsse als Ganzes begriffen werden, nur so könnten wir unseren Frieden wahren. Die vielseitig interessierte Politikerin gehörte auch der „Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen“ und dem „Deutschen Kommitee für den Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für die Frau“ (UNIFEM) an. Außerdem war Leni Fischer Vorsitzende des deutschen „Kommitees für internationale Bevölkerungsfragen“, Vorstandsmitglied der „Deutschen Atlantischen Gesellschaft“ und Vorstandsmitglied der katholischen „Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung“. In ihrer knappen Freizeit entspannt sich Leni Fischer beim Musikhören, Lesen und Reisen. Sie ist auch Großmutter dreier Enkelinnen namens Lea, Hannah und Sarah. Jekaterina Furzewa Rußlands „rote Zarin“ D ie erste Frau, die dem Zentralkomitee (ZK) der „Kommunistischen Partei der Sowjetunion“ (KPdSU) angehörte, hieß Jekaterina Furzewa (1910–1974). Unter Niki97 ta Sergejewitsch Chruschtschow (1894–1971), der von 1953 bis 1964 als Parteichef sowie von 1958 bis 1964 als Regierungschef fungierte, machte sie eine steile politische Karriere und bekleidete zahlreiche wichtiger Ämter. Journalisten nannten sie Rußlands „rote Zarin“. Jekaterina Furzewa (nach anderer Schreibweise auch Furtsewa) kam am 7. Dezember 1910 in Wyschnij Wolotschok (Gebiet Kalinin) zur Welt. Sie war die Tochter einer armen Weberfamilie, die in der Zarenzeit in einer Textilfabrik ihren Lebensunterhalt verdiente. Ihr Vater Alexejew Furzew fiel im Ersten Weltkrieg an der deutsch-russischen Front. Nach dem Besuch einer Fabrikschule ließ sie sich zur Weberin ausbilden. Als 14-Jährige wurde Jekaterina Furzewa Mitglied des kommunistischen Jugendbundes („kommunistitscheski sojus molodjoschi“ = Komsomol). In dieser 1918 gegründeten staatlichen Organisation für 14- bis 28-Jährige tat sie sich früh hervor und hielt sich mehrfach mit Jugendabordnungen im Moskauer Kreml auf. 1930 trat Jekaterina Furzewa der „Kommunistischen Partei" (KP) bei. Von 1930 bis 1933 arbeitete sie in Konsomol-Organisationen im Gebiet Kursk, in Feodosija und im Gebietskomitee Krim in leitenden Funktionen. Auf der Krim begeisterte sie sich für den Segelflug, worauf man die eifrige Kommunistin 1933 bis 1935 zu akademischen 98 Hochschulkursen der zivilen Luftfahrt nach Leningrad (heute Sankt Petersburg) schickte. Ab 1935 fungierte Jekaterina Furzewa als Assistentin des Chefs der Politabteilung des Luftfahrtechnikums der Aeroflot. 1936/1937 betätigte sie sich als Instrukteurin der Abteilung Studentische Jugend des ZK des Komsomol. Zwischen 1937 und 1942 studierte sie am Moskauer Lomossow-Institut für chemische Feintechnologie. Zugleich war sie damals Mitglied des Parteibüros und später Sekretär der Parteiorganisation dieser Hochschule. 1941 legte sie ihr Examen als ChemieIngenieur ab. Von 1942 bis 1950 bekleidete Jekaterina Furzewa das Amt des Parteisekretärs des Frunse-Kreiskomitees der Stadt Moskau. Außerdem nahm sie an Fernkursen der Parteihochschule des ZK der „Kommunistischen Partei“ der Sowjetunion teil. Ab 1947 war sie Mitglied des Moskauer Stadt-Parteikomitees, 1950 betraute man sie mit dem Posten des 2. Sekretärs in diesem Gremium, dem Chruschtschow als 1. Sekretär vorstand. Ebenfalls seit 1950 gehörte sie dem Obersten Sowjet an. Im Herbst 1952 kritisierte sie als Rednerin auf dem Parteikongress die technische Intelligenz. 1954 ernannte man Jekaterina Furzewa zur 1. Sekretärin des Moskauer Stadt-Parteikomitees (bis 1957), womit sie Leiterin der Moskauer Parteiorganisation wurde. Damals war sie eine enge Mitarbeiterin Chruschtschows, der Frau Furzewa besonders förderte. Im September 1954 durfte sie als einziges weibliches Mitglied der offiziellen Sowjetdelegation Chruschtschow und Verteidigungsminister Nikolai Alexandrowitsch Bulganin (1895– 1975) auf deren Reise nach Peking begleiten. Als Jekaterina Furzewa bei der Maiparade 1955 an der Spitze des Moskauer Parteikaders über den Roten Platz defilierte, ließ Chruschtschow sie demonstrativ aus der Kolonne holen und an seiner Seite an der Brüstung der Prominententribüne den Ehrenplatz einnehmen. Ende Februar 1956 wählte man Frau Furzewa in das Zentralkomitee der KP, dem sie seit 1952 bereits als Kandidatin angehörte. Damit stieg sie zur Frau mit dem höchsten Parteirang in der Sowjetunion auf. Einige Tage später wurde sie Kandidatin des Präsidiums des ZK und gleichzeitig Sekretär des ZK. Nach dem Sturz der Gruppe Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow (1890-1986), Georgi Maximilianowitsch Malenkow (1902–1988) und 99 Lasar Moissejewitsch Kaganowitsch (1893–1991) rückte Jekaterina Furzewa im Juni 1957 sogar als Vollmitglied in das Präsidium des ZK auf. Damals war sie die mächtigste Frau in der Sowjetunion und zeigte dies auch nach außen hin: Auf einem Ball im Kreml erschien die blonde und elegante Politikerin nicht im üblichen schwarzen Kostüm, sondern im großen Abendkleid. Auf Kremlfesten gehörte sie zu den unermüdlichsten Tänzerinnen. Bei Auslandsreisen besuchte sie teure Lokale und steuerte elegante Autos. Am 6. Mai 1960 ernannte man Jekaterina Furzewa zur Kulturministerin der UdSSR. Damit war sie die einzige Frau unter den Kabinettsmitgliedern der Sowjetregierung. Bald danach begann ihr Stern zu verblassen. Chruschtschow, der sie bis zu dieser Zeit unterstützt hatte, enthob sie aller Parteiposten. 1960 verlor sie die Mitgliedschaft im Sekretariat des ZK, 1961 wurde sie nicht mehr in das Parteipräsidium gewählt, 1962 büßte sie auch ihren Abgeordnetensitz im „Obersten Sowjet“ ein, wurde aber 1966 wiedergewählt. Von diesem Verrat gebrochen, fuhr Jekaterina Furzewa auf die Datscha nach Barwicha und schnitt sich die Adern auf. Aber rechtzeitig erwie- sene ärztliche Hilfe rettete das Leben dieser ungewöhnlichen Frau. Ein neuer Schlag traf Jekaterina Furzewa, als sie Ende 1973 nicht zum „Obersten Sowjet“ gewählt wurde. Kurz zuvor hatte ihre Tochter Swetlana verlangt, dass die Mutter für sie eine eigene Datscha bauen sollte – bis dahin besaßen die Furzewas nur eine staatliche Datscha. Die Mutter kaufte Baumaterialien ein, jedoch nicht zu Marktpreisen, sondern zu niedrigsten „Staatspreisen“. Furzewa wurde ins „Komitee für Parteikontrolle“ bestellt und aufgefordert, entweder auf diese Datscha zu verzichten, oder das Parteibuch auf den Tisch zu legen. Diese „Datschengeschichte“ zerstörte das Selbstbewusstsein von Furzewa, sie gab die Datscha auf. Bei den Wahlen zum „Obersten Sowjet“ im Juni 1974 nominierte man Jekaterina Furzewa nicht mehr als Kandidatin. Das Amt als Kulturministerin behielt sie 1974 bei, doch sie übte fast nur noch Repräsentationsfunktionen aus. Unter anderem arrangierte sie künstlerische Abende für die Kremlführung und hochgestellte ausländische Besucher. Jekaterina Furzewa heiratete zwei Mal und brachte zwei Kinder zur Welt. Ihre Tochter Svetlana aus erster Ehe war mit dem Sohn des früheren Personalchefs der Partei, Frol Koslow, verheiratet, ließ sich scheiden und trat in die Presseagentur „Nowosti“ ein, bei der früher viele Kinder von sowjetischen Prominenten beschäftigt gewesen sind. Ihre zweite Ehe schloss Jekaterina Furzewa während ihrer Zeit als 2. Sekretärin des Moskauer StadtParteikomitees mit ihrem Kollegen Nikolai P. Firjubin, der daufhin seinen Posten als 3. Sekretär verließ, in den diplomatischen Dienst ging, Botschafter in Prag und Belgrad sowie ab 1957 einer der stellvertretenden Außenminister wurde. Im September 1974 flog Jekaterina Furzewa in Urlaub, Mitte Oktober kam sie nach Moskau zurück. Am 24. Oktober nahm am beim Empfang anlässlich des „Maly Theaters“ teil. Dabei wirkte sie sehr lebhaft und angeregt, nichts kündete ein nahes Ende an. Aber in dieser Nacht starb sie im Alter von 63 Jahren. Es ging ein Gerücht um, die Kulturministerin habe sich mit Zyankali vergiftet, doch als offizielle Ursache gab man Herzversagen an. Die nächste Umgebung Furzewas wusste aber von ihrem Selbstmord. Der Tod von Jekaterina Furzewa wurde von sowjetischen Künstlern und Literaten aufrichtig bedauert, 100 da sie stets bemüht war, im kulturellen Leben des Landes Gegensätze auszugleichen und Konfliktsituationen zu mildern. Ihre Verdienste um die sowjetische Kultur blieben unvergessen. Sie rief das „Internationale Moskauer Filmfestival“ ins Leben, setzte die Gründung des „Internationalen Tschaikovskij-Musikwettbewerbs“ durch und leitete den Bau des großen Sportstadions in Lushniki, Moskau. Außerdem erleichterte sie die Lage vieler Kunstschaffender. Indira Gandhi Die „Große Mutter Indiens“ A ls erste Premierministerin Indiens ging die Politikerin Indira Gandhi (1917–1984), geborene Shrimati Indira Priyadarshini Nehru, in die Geschichte des zweitgrößten Landes der Erde ein. Die Tochter des Staatsmannes Jawaharlal („Pandit“) Nehru (1889– 1964), dessen einziges Kind sie war, bekleidete im Laufe ihrer politischen Karriere zahlreiche wichtige Ämter. Sie war nicht nur Premierministerin, sondern zuvor auch In- formationsministerin und Parteiführerin. Zuweilen bezeichnete man sie als „Große Mutter“ oder „Kaiserin Indiens“, was manche politischen Beobachter jedoch für übertrieben hielten. Shrimati Indira Priyadarshini Nehru kam am 19. November 1917 in der Stadt Allahabad am Ganges zur Welt. Ihre Eltern stammten aus Kaschmir, ihre Mutter Kamala tat sich als Freiheitskämpferin hervor. Bereits als Zwölfjährige leitete In- 101 dira die „Monkey-Brigade“, eine Kinderorganisation, die gewaltlosen Widerstand gegen die britischen Behörden leistete. Sie war 13 Jahre alt, als ihr der Vater seine später in Buchform veröffentlichten „Briefe an Indira“ schrieb. An europäischen Schulen – unter anderem in der Schweiz – erzogen, studierte Indira Nehru am „Somerville College“ in Oxford (England) und 1941/1942 an Tagores Vishvabharati-Universität in Santiniketan. Als Jugendliche pflegte sie ihre lungenkranke Mutter, und als junge Frau widmete sie sich zunächst der sozialen Wohlfahrt und der Kinderfürsorge. Sie kümmerte sich um das Erziehungswesen und warb für die Sozialarbeit in den indischen Dörfern. 1929 gründete sie die Kinderorganisation „Vanar Sena“. 1937 wurde Indira Nehru Mitglied des „Indian National Congress“ (INC) und 1938 Kongressabgeordnete. 1942 heiratete sie ihren Jugendfreund, den Publizisten und Politiker Firoze Gandhi (gest. 1960). In den ersten Monaten ihrer Ehe mussten sowohl Indira als auch Firoze wegen ihres Kampfes für die Unabhängigkeit Indiens ins Gefängnis. Aus der Ehe gingen die Söhne Rajiv (1944–1996) und Sanjay (1947–1980) hervor. Das Paar lebte später getrennt, ließ sich aber nicht scheiden. Ungeachtet ihres Familiennamens waren weder Indira Gandhi noch ihr Mann Firoze Gandhi mit dem legendären indischen Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi (1869–1948) verwandt. Indira lernte den gewaltlosen Widerstandskämpfer aber bei seinen Besuchen im Haus ihres Vaters persönlich kennen. 1946 zog Indira Gandhi zu ihrem Vater, um dessen großem Haushalt vorzustehen. Von 1946 bis 1964 betätigte sie sich als politische Mitarbeiterin ihres Vaters, der in dieser Zeit als Premierminister und Außenminister wirkte. 1955 wurde sie in die Spitze der Kongresspartei berufen. Im Februar 1958 wählte man sie zur Präsidentin des „Indian National Congress“. Sie war jedoch nicht in der Lage, die verschiedenen Flügel zu einen und trat schon nach neun Monaten im Dezember 1959 von diesem Amt zurück. Nach dem Tod ihres Vaters arbeitete Indira Gandhi von 1964 bis 1966 im Kabinett dessen Nachfolgers Lal Bahadur Shastri (1904–1966) als Informationsministerin. In dieser Funktion verstand es die körperlich zarte Frau mit Temperament und Einfühlungsvermögen – beides Eigenschaften, die auch ihr Vater besaß –, die Volksseele anzusprechen und zu beeinflussen. Sie 102 suchte den Kontakt zu den Massen und gewann so die Sympathien breiter Bevölkerungsschichten. Als Premierminister Shastri im November 1966 nach nur zweijähriger Amtszeit unerwartet an Herzversagen starb, wählte man Indira Gandhi zur neuen Vorsitzenden der Kongresspartei. Am 19. Januar 1967 stieg sie zur Regierungschefin auf. Die zerstrittenen Parteigrößen hatten sich für Indira entschieden, weil sie die kleine, schmächtige Frau mit der hohen zarten Mädchenstimme für eine schwache, naive und leicht manipulierbare Marionette hielten. Doch aus dem Kätzchen entwickelte sich im Nu ein Tiger. Ab September 1967 leitete die Premierministerin Indira Gandhi zeitweise auch die Ressorts Inneres, Äußeres, Planung, Information und Atomenergie. Als Premierministerin sah sie sich einer Vielzahl von innenpolitischen Problemen gegenüber, vor allem der Hungersnot in Ostindien, der gleichermaßen wuchernden Inflation und Bürokratie, einem Außenhandelsdefizit und dem damit verbundenen Kapitalmangel sowie den ständig wiederkehrenden Unruhen in Assam und Pandschab. Wegen der negativen weltwirtschaftlichen Einflüsse samt der Ölkrise und der Bevölkerungsex- plosion gelang es Indira Gandhi zwar nicht, die Probleme vollends in den Griff zu bekommen. Aber sie schaffte es, dass Indien aus den ärgsten Hungersnöten herauskam und vom Entwicklungsland zu einem Staat wurde, der zwar weiter auf Hilfe der Industrienationen angewiesen war, aber bereits selbst Entwicklungshilfe an noch ärmere Staaten zahlte und mit über die höchsten Einlagen in der „Asiatischen Entwicklungsbank“ verfügte. 1969 bootete Indira Gandhi ihren Parteikonkurrenten, den stellvertretenden Premierminister Morarji Desai im Kabinett aus. Nach der Verstaatlichung der Großbanken spaltete sich die Kongresssspartei. Indira blieb Vorsitzende der „Neuen Kongresspartei“ (INC) und wurde im Parlament von den moskautreuen Kommunisten unterstützt. Im Dezember 1970 setzte sie nach Auflösung des Parlaments vorgezogene Neuwahlen an, bei denen sie im März 1971 einen großen Sieg errang. Der im Dezember 1971 ausgebrochene Krieg zwischen dem damaligen West- und Ostpakistan wurde von Indien zugunsten des unter Mujibur Rahman (1922–1975) als Bangladesh unabhängig werdenden Ostpakistans entschieden. Im März 1972 besuchte Indira Gandhi den 103 Ministerpräsidenten von Bangla– desh, Scheich Mujibur Rahman, und unterzeichnete einen auf 25 Jahre abgeschlossenen Freundschafts- und Beistandspakt mit Bangladesh. Im Juni 1975 verurteilte man Indira Gandhi in Allahabad wegen Wahlkorruption und untersagte ihr sechs Jahre lang die Bekleidung öffentlicher Ämter, weil sie 1971 Beamte für den Wahlkampf eingesetzt hatte. Daraufhin verhängte sie den Ausnahmezustand, änderte rückwirkend die Verfassung, ließ viele politische Gegner verhaften (die Zahlen schwanken zwischen 34000 und 160000 Personen) und Zeitungen zensieren. Das von der „Neuen Kongresspartei“ beherrschte Parlament verabschiedete im August 1975 ein Gesetz, das Indira Gandhi in Fragen der Korruption rehabilitierte. Im Herbst 1976 schlossen sich verschiedene Oppositionsparteien zum Wahlbündnis „Dschanata“ („Volkspartei“) mit Jayaprakasch Narayan als nominellem Vorsitzenden und Morarji Desai als faktischem Führer gegen Indira Gandhi zusammen. Außerdem trat damals Landwirtschaftsminister Jagjivan Ram, ein Repräsentant der etwa 80 Millionen Angehörigen der früher als „Unberührbaren“ bezeichneten untersten sozialen Schicht aus dem Kabinett und der Partei Indira Gandhis aus und gründete den „Kongress für Demokratie“ (DC). Bei den vorgezogenen Neuwahlen vom 16. bis 20. März 1977 erlitten Indira Gandhi sowie deren stark von ihr protegierter und skrupelloser Sohn Sanjay, der massenhaft Zwangssterilisationen hatte vornehmen lassen, eine vernichtende Niederlage. Die Kongresspartei erhielt nur 153 Sitze, „Dschanata“ und der „Kongress für Demokratie“ dagegen erreichten zusammen 298. Daraufhin trat Indira als Premierministerin und Parteiführerin zurück. Von 1977 bis 1979 fungierten Indira Gandhis langjähriger Rivale Morarji Desai als Premierminister und Jagjivan Ram als Verteidigungsminister. Die immer stärkere Zerstrittenheit und das ungeschickte Verhalten der neuen Regierung ließen Indira, die kurz inhaftiert wurde, fast als Märtyrerin wirken. Nach einer Spaltung der Kongress-Partei glückte ihr im Januar 1980 die triumphale Rückkehr als Premierministerin. Offenbar hatte sie aus ihren Fehlern gelernt und hielt fortan die Spielregeln der Demokratie ein. Am 23. Juni 1980 stürzte Indira Gandhis jüngerer Sohn Sanjay bei einem morgendlichen Kunstflug 104 unweit der Residenz seiner Mutter mit dem Flugzeug in den Tod. Danach baute sie ihren älteren Sohn Rajiv, der bis dahin an Politik kein Interesse zeigte, auf und erhielt dabei von Sanjays Witwe Maneka Gandhi unerwünschte Konkurrenz. Ab 1983 war Indira Gandhi Sprecherin der Bewegung der Blockfreien Staaten. Nach dem zunehmenden Terror radikaler Sikhs, die unter ihrem Führer Bhindranwale nahezu täglich Mordanschläge verübten, gab Indira Gandhi im Juni 1984 den Befehl zum Angriff auf den „Goldenen Tempel“ in Amritsar, dem höchsten Heiligtum der Sikhs. Dabei kamen nach offiziellen Angaben 492 Sikhs und 93 Soldaten – nach inoffizieller Zählung sogar mehr als 1000 Menschen – ums Leben. Am Morgen des 31. Oktober 1984 fiel Indira Gandhi im Garten ihrer Residenz einem Attentat zweier Sihks ihrer Leibgarde, die damit für den Sturm auf den Tempel in Amritsar Vergeltung üben wollten, zum Opfer. Die beiden Männer töteten sie mit insgesamt 30 Schüssen aus einer Pistole und einem Schnellfeuergewehr. Aus Rache sind innerhalb von zwei Tagen mindestens 2300, wenn nicht sogar 4000 Sikhs in Neu Delhi niedergemetzelt worden. Indira Gandhis erster Sohn Rajiv, der bis dahin als Pilot bei „Indian Airlines“ geflogen war, übernahm nach der Ermordung seiner Mutter das Amt des Premierministers und die Führung der Kongresspartei. Er regierte fünf Jahre von 1984 bis zur Wahlniederlage von 1989. Dolores Ibárruri „La Pasionara“ („die Leidenschaftliche“) paniens legendärste Kommunistin war die Politikerin Dolores Ibárruri (1895–1889), eigentlich Isidora Ibárruri Gómez. In ihrer Heimat nannte man sie „La Pasionaria“ („die Leidenschaftliche“). Nach ihrem Tod erklärte eine Regierungssprecherin, sie sei das größte Symbol der Arbeiter im Spanien des S 105 20. Jahrhunderts gewesen. Mit ihr sei ein Stück von Spaniens Vergangenheit endgültig Geschichte geworden. Isidora Ibárruri Gómez kam am 9. Dezember 1895 in Gallarte (Provinz Vizcaya) als achtes von elf Kindern eines baskischen Bergarbeiters zur Welt. Auch ihr Großvater und einer ihrer Brüder waren Bergarbeiter. Ihre Eltern lebten in ärmlichen Verhältnissen und waren streng katholisch. Aus religiösen Gründen nahm Isidora später den Vornamen ihrer Mutter Dolores („Schmerzensreiche“) an. Dank ihrer Intelligenz und ihrer guten Leistungen in der Volksschule hätte Dolores Ibárruri eigentlich ein Studium an einem Lehrerseminar beginnen können, doch dafür fehlte ihren Eltern das nötige Geld. Deswegen erlernte sie das Schneiderhandwerk und verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Hausmädchen und Fischverkäuferin. 1916 heiratete Dolores Ibárruri den Bergmann Julián Ruiz Gabina (1890–1972), der sich zunächst in der sozialistischen und später in der kommunistischen Bewegung Spaniens engagierte. Aus der Ehe der beiden gingen sechs Kinder hervor, von denen jedoch nur zwei das Erwachsenenalter erreichten. Weil ihr Gatte wegen seiner Aktivitäten mehrfach Gefängnisstrafen verbüßte, war Dolores häufig auf sich allein gestellt. 1917 trat Dolores Ibárruri in Somorrostro in die „Spanische Sozialistische Arbeiterpartei“ (PSOE) ein. Nach der Oktoberrevolution 1917 in Rußland studierte sie die Schriften von Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895). Dabei öffnete sich für sie „ein Fenster ins Leben hinaus“. 1920 beteiligte sich Dolores Ibárruri an der Gründung der ersten Zellen der „Kommunistischen Partei“ in Asturien. Außerdem wählte man sie in das erste Provinzkomitee der damals aus der Taufe gehobenen spanischen KP (PCE) im Baskenland. Unter dem Pseudonym „La Pasionaria“ verfasste sie Artikel für die Bergarbeiterzeitung „El Minero Vizcaino“. Ab 1930 fungierte Dolores Ibárruri als Delegierte der Nationalkonferenz der PCE und Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der PCE. 1932 wurde sie in das Politbüro gewählt. Von 1931 an arbeitete sie für die Parteileitung auch in Paris und schrieb für das ZK-Organ, „El Mundo Obrero“ („Welt des Arbeiters“). 1933 besuchte sie erstmals die „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ (UdSSR), um am 13. Parteitag teilzunehmen. 106 1934 rief sie eine antifaschistische Frauenvereinigung ins Leben. Zu Beginn der 1930-er Jahre plante die KPS eine „Volksfront“ aller Linksparteien. 1934 schlossen sich zunächst die KP und die „Spanische Sozialistische Arbeiterpartei“ von Francisco Largo Caballero (1869– 1946) zusammen. Diese beiden Parteien organisierten einen Aufstand in den asturischen Bergwerken, der jedoch von der Regierung in Madrid unterdrückt werden konnte. 1935 flüchteten Dolores Ibárruri und der Generalsekretär der spanischen KP, José Diaz (1896–1942), über die Pyrenäen. In Moskau wählte man Dolores 1935 zum Mitglied der Exekutive der „Kommunistischen Internationale“ („Komintern“). 1936 erkämpften Republikaner, Sozialisten und Kommunisten in Spanien einen großen Wahlsieg. Dolores Ibárruri kam als Abgeordnete für Oviedo in das spanische Parlament, die Cortes. Während des Spanischen Bürgerkrieges von 1937 bis 1939 fungierte Dolores Ibárruri als Präsidentin der Cortes. Damals und vor allem bei den Kämpfen um Madrid tat sie sich als Agitatorin hervor. Von ihr stammt der Ausspruch „Lieber stehend sterben, als kniend leben“. Ihre Parole „No pasaran“ („Sie kommen nicht durch“) ging um die Welt und machte sie zu einem Mythos. Als Barcelona, wohin sich die republikanische Regierung aus Madrid zurückgezogen hatte, fiel, flüchtete Dolores Ibárruri mit Mitgliedern der Regierung zunächst nach Paris und später in die Sowjetunion. Sie überlebte die Säuberungen durch den Diktator Josef Stalin (1879–1953) und wurde 1942 nach dem Tod von José Diaz zum Generalsekretär der spanischen Exil-KP gewählt. 1942 fiel ihr Sohn Rubén bei Stalingrad. Am 13. Mai 1977 kehrte Dolores Ibárruri nach 38-jährigem Moskauer Exil nach Spanien zurück. Bei ihrem ersten Auftreten in der Öffentlichkeit verwies sie auf ihre Bindungen an die Sowjetunion und lobte das dortige Regime. Im Juni 1977 unterstützte sie jedoch den spanischen KP-Chef Santiago Carrillo, der von Moskau wegen seiner Ansichten über den Eurokommunismus heftig kritisiert wurde. 1977 wurde Dolores Ibárruri ins Parlament gewählt und als Präsidentin der KPS Mitglied des Präsidiums. In Begleitung von Carillo besuchte sie im Oktober 1977 Moskau. Später bestätigte man sie mehrfach als Parteipräsidentin. Am Streit zwischen dem stalinistischen 107 Flügel und den Reformern, die zur Spaltung führten, beteiligte sich die „große Mutter in Schwarz“ nicht mehr. Dolores Ibárruri erhielt 1964 den Lenin-Friedenspreis und 1965 den Leninorden. Aus ihrer Feder stammen die Bücher „Die Frauen wünschen Volksfrieden“ (1938), „El único camino“ (1962, Autobiographie), „De febrero a octobre 1917– 1967“, „En la Lucha“ (1968), „España estado multinacional“ (1970), „Guerra y Revolución en España 1960–1977“ und „Memorias de Pasionara 1939–1977“. Der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway (1899–1961) verewigte sie in seinem Werk „Pilar“ („Wem die Stunde schlägt“). Den Lebensabend verbrachte Dolores Ibárruri bei ihrer Tochter Amaya, die sie bis zu ihrem Tod pflegte. Am 12. November 1989 starb „die Pasionara“ im Alter von 93 Jahren in einem Madrider Krankenhaus an den Folgen einer Lungenentzündung. Marie Juchacz Die Arbeiterwohlfahrt war ihr Werk A ls erste Frau, die in einem deutschen Parlament das Wort ergriff, ging die Politikerin Marie Juchacz (1879–1956), geborene Gohlke, in die Annalen der deutschen Geschichte ein. Die Sozialdemokratin hielt 1919 in der „Deut- schen Nationalversammlung“ in Weimar eine Rede. Der Name von Marie Juchacz ist vor allem mit der Arbeiterwohlfahrt verbunden, die 1920 unter ihrer Leitung gegründet wurde. Marie Gohlke kam am 15. März 108 1879 in Landsberg an der Warthe (damals Mark Brandenburg, heute Polen) als Tochter des Zimmerermeisters Theodor Gohlke und seiner Frau Henriette zur Welt. Ihr älterer Bruder Otto wurde bereits 1871 geboren, ihre Schwester Elisabeth erst 1888. Vor Marie waren andere Kinder früh gestorben. Sowohl der Vater als auch die Mutter haben die Kinder ohne Schläge erzogen. An ihre Schulzeit erinnerte sich Marie später weniger gern als an ihr Elternhaus zurück. Sie besuchte acht Jahre lang eine Volksschule, die nur vier Klassen umfasste: Die beiden untersten Klassen mussten je ein Jahr besucht werden, die dritte zwei Jahre und die oberste Klasse vier Jahre. In der obersten Klasse lernten alle Kinder denselben Stoff, der alljährlich wiederholt wurde, was Marie schrecklich langweilte. Nach dem Verlassen der Volksschule versuchte Marie vergeblich, eine Lehrstelle als Verkäuferin zu finden. Zunächst arbeitete sie als Dienstmädchen, später bei den evangelischen Gemeindeschwestern im Haushalt. Als ihr Bruder einen Berufsunfall erlitt, ihr Vater gleichzeitig an Lungenentzündung erkrankte und das Einkommen der Familie nur noch insgesamt 4,50 Mark betrug, ging die 17-Jährige kurze Zeit in eine Fabrik, die allerlei Netze herstellte. Anschließend verdiente Marie zweieinhalb Jahre lang als Wärterin in der Provinzial-Landesirrenanstalt zu Landsberg ihren Lebensunterhalt. Der Dienst dort begann um 5 Uhr morgens und endete um 21 Uhr abends. Jeden zehnten Tag folgte der 16-stündigen Dienstzeit noch eine Nachtwache von 21 bis 6 Uhr. Wenn die übermüdeten Wärterinnen am Sonntag mit den Pfleglingen zum Gottesdienst gingen, schliefen sie bei der Predigt ein. Damals erwog Marie ernsthaft, Diakonisse zu werden, folgte dann aber dem Rat der Eltern, das Weißnähen und die Schneiderei zu erlernen. 1901 heiratete Marie Gohlke den Schneidermeister Bernhard Juchacz (gest. 1922). Nach dem Scheitern ihrer Ehe zog sie Anfang 1906 mit ihren zwei Kindern und ihrer neun Jahre jüngeren Schwester Elisabeth (1888–1930) nach Berlin. Dort verdiente sie als Schneiderin durch Heimarbeit ihren Lebensunterhalt. Zusammen mit ihrer Schwester trat Marie Juchacz in den Frauen- und Mädchenbildungsverein sowie 1908 in die „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD) ein. 1911 nahm Marie Juchacz als Delegierte bei der Reichsfrauenkonferenz in Jena (Thüringen) teil. 109 Bald hatte sie sich als Politikerin einen so guten Ruf erworben, dass sie im März 1913 in Köln als Parteisekretärin für den Bezirk Obere Rheinprovinz eine Anstellung fand. In Köln wirkte auch ihre Schwester Elisabeth Röhl in der Wohlfahrts- und Kulturarbeit. Im Frühjahr 1917 holte der SPDParteivorstand Marie Juchacz als Frauensekretärin nach Berlin zurück. Ihr oblag nun die Leitung des Referats Frauen und Schriftleitung der Monatschrift „Die Gleichheit“. Ihre Vorgängerin Luise Zietz (1865–1922) hatte sich wegen wegen der Haltung der SPD in der Kriegspolitik der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (USPD) zugewandt. Am 19. Januar 1919 konnten deutsche Frauen, die durch die Novemberrevolution von 1918 das Wahlrecht erhalten hatten, erstmals von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen. Unter den 37 Frauen, die in die „Deutsche Nationalversammlung“ in Weimar einzogen, waren auch Marie Juchacz und Elisabeth Röhl. Damals erreichten die 37 weiblichen Abgeordneten – zusammen mit vier Nachrückerinnen eine Frauenquote von 9,6 Prozent, die erst 1983 wieder erreicht wurde. In der Nationalversammlung ergriff Marie Juchacz am 19. Februar 1919 als erste Frau das Wort. Sie sagte eingangs: „Meine Herren und Damen! Es ist das erstemal, dass in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, und zwar ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat. ... Die Frauen besitzen heute das Ihnen zustehende Recht der Staatsbürgerinnen. Gemäß ihrer Weltanschauung konnte und durfte eine vom Volk beauftragte sozialistische Regierung nicht anders handeln, wie sie gehandelt hat.“ Von 1920 bis 1924 saß Marie Juchacz im Reichstag und arbeitete an vielen sozialpolitischen Gesetzen mit. Ihre Schwester Elisabeth Kirschmann-Roehl, die 1922 ihre zweite Ehe mit dem Redakteur, Ministerialrat und Reichstagsabgeordneten Emil Kirschmann (1888– 1948) schloss, kam 1921 in den preußischen Landtag und avancierte zur Vorsitzenden des sozialpolitischen Ausschusses. Die 1920 von Marie Juchacz mit aus der Taufe gehobene Arbeiterwohlfahrt betrieb Fürsorge durch Heime, Kindergärten, Beratungsstellen und Nähstuben. 1933 vernichteten die Nationalsozialisten die Arbeiterwohlfahrt, die als das Lebenswerk 110 von Marie Juchacz gilt. Die SPDPolitikerin entzog sich der Verfolgung durch die Flucht in das damals noch unter dem Völkerbundsstatut stehende Saargebiet. Dort richtete sie auf der Bahnhofstraße in Saarbrücken ein Speisehaus ein, das sich zum Treffpunkt vieler politisch Verfolgter entwickelte. Nach der Saarabstimmung am 13. Januar 1935, die den Anschluss der Saar an das Deutsche Reich zur Folge hatte, ging Marie Juchacz nach Mülhausen ins Elsaß (Frankreich). 1940 flüchtete sie über Paris nach Südfrankreich, von wo aus sie 1941 mit einem Notvisum in die USA reiste. Dort hielt sie sich bis Herbst 1942 in Scattergood, einem Quäker-Heim, auf und lernte Englisch. Danach lebte sie in New York, wo sie sich bald im „Workman Circle“ engagierte, dessen Vorsitzende sie später wurde. Da sie den Zusammenbruch Deutschlands ahnte, baute Marie Juchacz erneut eine Arbeiterwohlfahrt auf, die überlebenden Sozialisten der befreiten Länder Pakete schickte. Nach Kriegsende bat sie in Reden, Artikeln und Briefen um Hilfe für die hungernden deutschen Kinder. Dank ihres Engagements gelangten zahlreiche Lebensmittelsendungen nach Deutschland. Marie Juchacz konnte durchsetzen, dass die im besetzten Deutschland 1945 wiedergegründete Arbeiterwohlfahrt mit den konfessionellen Hilfsorganisationen gleichberechtigt war. Nach ihrer Rückkehr Anfang Februar 1949 nach Deutschland nahm sie in Bonn als Ehrengast der SPD-Fraktion an der Hauptausschuss-Sitzung teil. Sie fungierte als Ehrenvorsitzende und wichtige Beraterin der Arbeiterwohlfahrt, wurde jedoch politisch nicht mehr aktiv. Auf vielen großen Konferenzen der Arbeiterbewegung nahm sie als Gast teil. Die Arbeit von Marie Juchacz stand unter dem Motto „Wir dürfen nicht fragen, was bietet mir die sozialistische Bewegung, sondern was kann ich der sozialistischen Bewegung geben?“ 1955 erschien ihr nach langwieriger Arbeit entstandenes Buch „Sie lebten für eine bessere Welt“, in dem sie das Leben und Werk verstorbener Frauenpersönlichkeiten würdigte. Am 28. Januar 1956 starb Marie Juchacz im Alter von 76 Jahren in Düsseldorf. 111 Petra Kelly Die Symbolfigur der Grünen E ine unvergessene Symbolfigur der Umweltpartei „Die Grünen“ ist die deutsche Politologin und Politikerin Petra Kelly (1947– 1992), geborene Lehmann. Die blitzgescheite und couragierte Frau setzte sich bis zur Selbstaufgabe für den Umweltschutz sowie für die Frauen-, Friedens- und Anti-AtomBewegung ein. Im Herbst 1992 löste der mysteriöse Tod von Petra Kelly und ihres Lebensgefährten Gert Bastian (1923–1992) große Trauer aus. Petra Karin Lehmann kam am 29. November 1947 in Günzburg/Donau (Bayern) zur Welt. Ihr Vater, der Journalist Richard Siegfried Lehmann, verließ die Familie, als seine Tochter sieben Jahre alt war. Weil ihre Mutter Marianne, geb. Birle, ganztags auswärts arbeitete, wurde Petra von ihrer Großmutter Kunigunde Birle aufgezogen. 1959 heiratete die geschiedene Mutter den amerikanischen Leut- nant irischer Herkunft, John E. Kelly. Die zwölfjährige Petra beschloss, fortan – statt des Namens „Lehmann“ ihres leiblichen Vaters – den Namen „Kelly“ ihres Stiefvaters zu tragen., behielt jedoch die deutsche Staatsangehörigkeit. 1960 kam die Halbschwester Grace Patricia zur Welt, die von Petra sehr geliebt wurde. Petra Kelly besuchte das katholische Mädchen-Internat der „Englischen Fräulein“ in Günzburg und wollte damals Dominikaner-Nonne in Afrika werden. Als 13-Jährige zog sie mit ihren Eltern in die USA und ging dort nach 1960 auf High Schools in Georgia und Virginia. Von 1966 bis 1970 studierte sie Politische Wissenschaften und Weltpolitik in Washington an der American University (School of International Service) und erwarb – mit „cum laude“ – den akademischen Grad „Bachelor of Arts“. An der American University lehrte 112 Petra Kelly ein Jahr lang als Dozentin. Außerdem half sie in den Büros der demokratischen Senatoren Robert Kennedy (1925–1968) und Hubert Humphrey, fungierte als Vorsitzende der „Internationalen Woche“ und einer Reihe von weltpolitischen Seminaren, Vortragsveranstaltungen und weltpolitischen Seminaren. Als Senator Humphrey 1968 gegen den Republikaner Richard Nixon (1913–1994) die Präsidentschaftswahlen verlor, weinte Petra Kelly und zog wütend ihren Antrag auf Einbürgerung in die USA zurück. Mit 22 Jahren ging sie ins Pentagon (Verteidigungsministerium) und verhinderte die Einziehung ihres Stiefvater zum Vietnamkrieg, weil ihre kleine Stiefschwester Grace Patricia todkrank war. Damals schrieb sie auch einen Brief an Papst Paul VI. (1897–1978), der ihr und ihrer Familie eine Audienz gewährte. Als die erhoffte Wunderheilung ausblieb, trat sie aus der katholischen Kirche aus. Während ihres Aufenthaltes in den USA engagierte sich Petra Kelly für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, für „Women’s Liberation“ (Frauenbewegung) und gegen den Vietnamkrieg. Nach dem Tod ihrer Halbschwester Grace Patricia, die 1970 im Alter von zehn Jahren an Krebs starb, ging Petra nach Europa zurück. Von 1970 bis 1971 studierte Petra Kelly Politische Wissenschaften und Europäische Integration an der Universität von Amsterdam, machte dort ihren „Master Degree“ und arbeitete bis Anfang Oktober 1971 als Forschungsassistentin am „Europa Institut“. Noch 1971 wurde sie Mitarbeiterin der „Europäischen Gemeinschaften“ (EG) in Brüssel. Als frischgebackene Referendarin lebte die 24-Jährige mit ihrem Chef, dem aus den Niederlanden stammenden EG-Kommissar Sicco L. Mansholt (1908–1995), ein Jahr lang zusammen. Ab 1972 engagierte sich Petra Kelly beim „Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz“ (BBU), in dem sie 1979 in den Vorstand aufstieg. 1973 gründete sie die „Grace Patricia Kelly-Vereinigung zur Unterstützung der Krebsforschung für Kinder e. V.“. Von Oktober 1973 bis Anfang 1982 arbeitete sie als Verwaltungsrätin im Sekretariat der Fachgruppen Sozialfragen, Umweltschutz, Gesundheitswesen und Verbrauch der EG in Brüssel. 1979 trat Petra Kelly nach siebenjähriger Mitgliedschaft aus der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) aus, weil ihr deren 113 Frauen-, Gesundheits- und Kernkraftpolitik nicht gefielen. Anfang 1980 hob sie die Umweltpartei „Die Grünen“ mit aus der Taufe. Im März 1980 wurde sie ehrenamtliches Mitglied des dreiköpfigen Bundesvorstandes der Grünen und deren Sprecherin. Beim Parteitag der Grünen in Offenbach im Oktober 1981 wählte man sie erneut in den Vorstand. Auf der Bundesversammlung der Grünen im November 1982 verzichtete sie entsprechend dem Rotationsprinzip auf eine weitere Vorstandskandidatur. 1982 erhielt Petra Kelly den „Alternativen Friedensnobelpreis“ („Right Livelihood Award“). Die von dem deutsch-schwedischen Wissenschaftler Jakob von Uexküll gestiftete Auszeichnung wird für herausragende Leistungen zur Lösung drängender menschlicher Probleme vergeben. Am 6. März 1983 wurde Petra Kelly Bundestagsabgeordnete für „Die Grünen“. 1983 ist sie von der amerikanischen Frauenorganisation „Women Strike for Peace“ als „Frau des Jahres“ geehrt worden. Von 1983 bis April 1984 fungierte sie mit Otto Schily und Marie-Luise Beck-Oberdorf als Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion. Die 1,59 Meter große und zierliche Politikerin trieb in pausenlosem Einsatz schlimmsten Raubbau an ihrer ganz und gar nicht robusten Gesundheit. Sie litt an chronischen Nierenbeschwerden, Herzrasen, Kreislaufstörungen und hatte exzentrische Ess- und Diätgewohnheiten. Bei ihrer Atem- und Sprechtechnik gingen die Sätze so ineinander über, dass niemand sie unterbrechen konnte. Petra Kelly und der ehemalige DreiSterne-General Gert Bastian lernten sich erstmals auf einer Veranstaltung in München im November 1980 kennen. Der verheiratete Abgeordnete der Grünen wurde ihr Lebensgefährte, verließ jedoch im Februar 1984 die Fraktion wieder. Ungeachtet dessen arbeiteten beide Tür an Tür im Bonner Regierungsviertel und lebten seit 1985 in einem Reihenhaus mit Alarmanlage und ohne Türschild in Bonn-Tannenbusch zusammen. Mit ihrem Gefährten setzte sich Petra Kelly – sei es bei Erich Honecker (1912–1994) in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR), Michail Gorbatschow in der Sowjetunion, der chinesischen Führung oder dem südafrikanischen Apartheid-Regime – stets mutig und ohne Rücksicht auf Nachteile für die Menschenrechte von Unterdrückten ein. „Niemand hat so viele in der 114 DDR verbotene Bücher, Papiere und Materialien nach Ost-Berlin geschafft, wie die beiden“, erkärte der Politiker Lukas Beckmann, ein Weggefährte Petra Kellys seit Gründung der Grünen. 1987 missachtete Petra Kelly den Rotationsbeschluss der Umweltpartei und kehrte erneut als Abgeordnete der Grünen in den Deutschen Bundestag zurück. 1990 bemühte sie sich erfolglos um eine weitere Bundestagskandidatur. Sie konnte bei den Landesversammlungen in Hessen, Bayern und Sachsen-Anhalt keine Mehrheit für ihre dritte „Amtszeit“ mobilisieren. Im April 1991 kandidierte sie vergeblich für das Amt der Vorstandssprecherin der Grünen. Im Herbst 1992 löste der gemeinsame, gewaltsame Tod der 44-jährigen Petra Kelly und des 69 Jahre alten Gert Bastian nicht nur bei den Grünen große Bestürzung und Ratlosigkeit aus. Der Waffennarr Bastian hatte offenbar in dem gemeinsam bewohnten Reihenhaus in der Swinemünder Straße 6 in Bonn-Tannenbusch mit einer Pistole zunächst Petra Kelly im Schlaf und dann sich selbst erschossen. Die Leichen des Paares wurden am 19. Oktober 1992 – erst Wochen nach dem Tod – entdeckt. Petra lag in ihrem Bett, Bastian im Flur. Weil die beiden seit längerer Zeit nichts mehr von sich hören ließen, hatten Verwandte aus Süddeutschland zwei Bekannte, die einen Schlüssel besaßen, gebeten, nach dem Rechten zu sehen. Die Betreuer, eine Frau und ihr Sohn, betraten das Haus und fanden die Leichen von Petra Kelly und Gert Bastian. Die „Queen of the Greens“ fand ihre letzte Ruhestätte in Würzburg (Bayern). Jacqueline Kennedy Die unvergessene „First Lady“ der USA A merikas Traumpaar der frühen 1960-er Jahre waren Jacqueline („Jackie“) Kennedy (1929– 1994), geborene Bouvier, und der 35. Präsident der USA, John F. Kennedy (1917–1963), der einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Die schöne, unnahbare, rätselhafte und 115 steinreiche Witwe erfüllte lange Zeit die Sehnsucht der Amerikaner nach einer monarchistischen Glorienfigur. 1968 heiratete die Präsidentenwitwe überraschend den griechischen Reeder Aristoteles Onassis (1906–1975). Das Leben von Jacqueline Bouvier begann am 28. Juli 1929 in Southampton, Long Island. Ihr Vater John Bouvier war Bankier und Börsenfachmann in New York und hatte französische Vorfahren. Ihre Mutter Janet Lee ließ sich 1939 von Bouvier scheiden und heiratete später noch zwei Mal. Jacqueline wuchs in den vornehmen Stadt- und Landresidenzen ihrer Eltern auf. Jacqueline Bouvier besuchte das „Vassar College“ in Poughkeepsie bei New York und bestand dort glänzend ihr Examen. Danach studierte sie an der Sorbonne in Paris und an der George-WashingtonUniversität in Washington. Sie machte ihre Abschlussprüfung in Französisch und vergleichender Literaturgeschichte. „Jackie“ sprach fließend Französisch und Spanisch sowie etwas Italienisch und war Kunstkennerin. 1951 lernte Jacqueline Bouvier als Fotoreporterin der Zeitung „Washington Times Herald“ den Politiker John F. Kennedy bei einer Dinnerparty kennen. Am 12. Sep- tember 1953 ließen sich beide in der Marienkirche des Seglerparadieses Newport (Massachusetts) durch den Erzbischof Richard Cushing von Boston trauen. Von 1953 bis 1961 fungierte John F. Kennedy als Senator von Massachusetts. 1955 erlitt Jacqueline Kennedy eine Fehlgeburt. 1956 kam eine Tochter tot zur Welt. 1957 wurde die Tochter Caroline geboren und 1960 der Sohn John Fitzgerald. 1963 starb der Sohn Patrick Bouvier 39 Stunden nach der Geburt. Im November 1960 gewann John F. Kennedy gegen Richard Nixon (1913–1994) knapp die Präsidentschaftswahlen. Danach renovierte Jacqueline Kennedy in Zusammenarbeit mit Museen in Boston, New York und Washington systematisch das „Weiße Haus“ in Washington. Sie stattete den offiziellen Flügel des „Weißen Hauses“ mit historischen Möbeln und Bildern aus und verwandelte den Amtssitz des Präsidenten in ein nationales Denkmal sowie zu einem Treffpunkt von Politikern, Künstlern und Wissenschaftlern. Vom politischen Tagesgeschäft hielt sich Jacqueline Kennedy fern. Auf Reisen ihres Mannes trug sie viel zu dessen Popularität bei, so im Mai 1961 in Paris und Wien sowie Ende 1961 in zahlreichen Ländern La- 116 teinamerikas. Bei seiner ersten Auslandsvisite in Frankreich stellte sich John F. Kennedy dem Präsidenten Charles de Gaulle (1890–1970) scherzhaft als der Mann vor, „der Jacqueline Kennedy nach Paris begleitet“. Im Sommer 1962 besuchte „Jackie“ ohne ihren Gatten Indien und Pakistan und war Privatgast von Jawaharlal Nehru (1889– 1964) und Ayub Khan (1907–1974). Jacqueline Kennedy wusste von den Affären ihres Mannes, der als Senator und als Präsident mit immer neuen anderen Frauen schnelle Abenteuer suchte und fand. Sie kompensierte ihre Leere und Einsamkeit mit einem immer maßloser werdenden Hang zum Luxus und mit Kauforgien. Erst 2067 soll das Geheimnis gelüftet werden, was sie Mitte der 1960-er Jahre dem Buchautor William Manchester in einem ihrer ganz seltenen Interviews erzählte. Am 22. November 1963 erlebte Jacqueline Kennedy den tragischsten Tag ihres Lebens: Während einer Fahrt im offenen Wagen durch Dallas (Texas) fiel ihr Mann einem Attentat zum Opfer. Sie saß neben ihm auf dem Rücksitz, als ihn die Schüsse aus dem Hinterhalt trafen. Ihre tapfere Haltung vom Augenblick der Ermordung bis zur Bestattung auf dem Washingtoner Natio- nalfriedhof in Arlington beeindruckte damals die Weltöffentlichkeit. Nach dem Auszug aus dem Weißen Haus lebte die Präsidentenwitwe zunächst in Washington und ab Herbst 1964 in einem 15-ZimmerAppartement in der Fifth Avenue in New York. In der Folgezeit widmete sich „Jackie“ dem Aufbau der Kennedy-Gedächtnisbibliothek in Boston. Seit Herbst 1965 sah man sie häufig an den bevorzugten Treffpunkten der High Society, wo sie von der Boulevardpresse eifrig beobachtet wurde. Im März 1964 beauftragten Jacqueline Kennedy und ihr Schwager Senator Robert („Bob“) Kennedy (1925–1968) den Journalisten William Manchester, mit ExklusivMaterial ein Buch über den Mord an John F. Kennedy in Dallas zu schreiben. Der Autor verpflichtete sich, sein Manuskript „Jackie“ und „Bob“ Kennedy vorzulegen. William Manchester beendete im März 1966 das Manuskript „Der Tod des Präsidenten“, das damals von Robert Kennedy, Arthur Schlesinger und Richard Goodwin, jedoch nicht von „Jackie“ durchgesehen wurde. Der Autor akzeptierte einige Änderungsvorschläge, in denen John F. Kennedys Nachfolger, Präsident Lyndon B. Johnson 117 (1908–1973), schlecht wegkam. Danach bereitete der Verlag Harper & Row die Herausgabe des Buches vor, die Illustrierte „Look“ erwarb die Rechte zum Vorabdruck und verkaufte sie nach Europa. Angeblich las Jacqueline Kennedy das Buch erst im Spätherbst 1966. Nach der Lektüre ging sie vor Gericht und setzte im Januar 1967 die Streichung von etwa 1600 Wörtern durch. Dieser Regelung folgten die europäischen Illustrierten, das Hamburger Magazin „Stern“ jedoch nur teilweise und erst, nachdem Jacqueline ein persönliches Schreiben an Henri Nannen (1913–1996) gerichtet hatte. Die Affäre um das Buch schadete „Jackies“ Beliebtheit. Zur Überraschung vieler Amerikaner heiratete die 39-jährige Jacqueline Kennedy am 20. Oktober 1968 den 61 Jahre alten griechischen Milliardär und Großreeder Aristoteles Onassis (1907–1975). Man munkelte, „Jackies“ großes finanzielles Sicherheitsbedürfnis habe sie zu diesem Entschluss bewogen. Die Trauung erfolgte im engsten Kreis von Verwandten und Freunden in griechisch-orthodoxem Ritus auf der Insel Skorpios. Das Verhältnis zwischen Jacqueline Onassis und ihrer Stieftochter Christina („Tina“) Onassis (1950–1988) wurde als kühl bis ablehnend geschildert. Um die Ehe von Aristoteles und „Jackie“ Onassis soll es im Laufe der Zeit nicht gut bestellt gewesen sein. Gerüchten zufolge plante Onassis bereits die Scheidung. Als der Reeder am 15. März 1975 im Alter von 68 Jahren starb, hielt sich seine Frau in New York auf. Aristoteles Onassis vermachte den größten Teil seines riesigen Vermögens seiner Tochter Christina. 1977 soll zwischen der Haupterbin „Tina“ und Stiefmutter „Jackie“ ein Vertrag geschlossen worden sein, der beinhaltete, dass die Witwe für umgerechnet 45 Millionen Mark auf sämtliche weiteren Ansprüche verzichtete. Die zweifache Witwe fand Mitte der 1970-er Jahre in New York einen eigenständigen Beruf und 1977 mit dem New Yorker Diamantenhändler und Finanzberater Maurice Tempelsman einen treuen Lebensgefährten. Tempelsman lebte von seiner Frau, die ihm drei Kinder geboren hatte, getrennt. Ab Herbst 1975 wirkte „Jackie“ als Hilfslektorin im Verlagshaus „Viking Press“ – zunächst für umgerechnet knapp 350 Mark Wochenlohn – und gab Ende 1976 ihr erstes Buch „In the Russian Style“ heraus. Im Herbst 1977 kündigte „Jackie“ 118 ihre Tätigkeit bei „Viking Press“, nachdem der Verlag einen Roman über eine erfundene Mordverschwörung gegen Senator Edward („Ted“) Kennedy veröffentlicht hatte. Von 1978 an arbeitete sie als Lektorin beim New Yorker Buchverlag „Doubleday and Co.“. Ab 1982 fungierte sie als Herausgeberin und betreute in dieser Funktion auch die 1988 erschienene Autobiographie „Moonwalk“ des Sängers Michael Jackson. Mehrere Verleger boten „Jackie“ Millionensummen für ein eigenes Buch über „Glanz und Elend der Kennedys“ an. Doch sie lehnte dies immer mit der Begründung ab, eine Epoche des Herzens lasse sich nicht profan beschreiben. „Jackie“ war dreifache Großmutter. Ihre Tochter Caroline, seit 1986 mit dem Wissenschaftler, Kunstexperten und Unternehmer Edwin A. Schlossberg verheiratet, brachte 1988 die Tochter Rose, 1990 die Tochter Tatiana und 1993 den Sohn John zur Welt. Im Januar 1994 stellten Ärzte bei „Jackie“ Lymphdrüsenkrebs fest, versprachen ihr jedoch beste Heilungschancen. Sie unterzog sich einer schmerzhaften Chemotherapie und einer Stahlenbehandlung, die augenscheinlich Wirkung zeigten. Doch im Mai 1994 musste sie wegen starker Schmerzen das „Cornell Medical Center“ aufsuchen. Dort stellten die Ärzte fest, dass sich die Krebszellen rasant ausgebreitet und inzwischen auch die Leber und das Gehirn angegriffen hatten und es keine Rettung mehr gab. Nach dieser niederschmetternden Diagnose ließ sich „Jackie“ in ihre New Yorker Wohnung zurückfahren, weil sie nicht in der Klinik sterben wollte. Bei der Entlassung diagnostizierten die Ärzte eine Lungenentzündung, doch die Patientin wollte keine lebensverlängernden Antiobiotika. Umringt von ihren Kindern Caroline und John sowie anderen Familienmitgliedern bat die strenggläubige Katholikin einen Priester an ihr Bett. Kurz danach dämmerte sie in ein Koma, aus dem sie nicht mehr aufwachte. Sie starb am 19. Mai 1994 um 22.15 Uhr im Alter von 64 Jahren. Man begrub sie auf dem Nationalfriedhof in Arlington neben ihrem ersten Mann, John F. Kennedy. 119 Waltraud Klasnic Die erste Landeshauptfrau der Steiermark D ie erste Frau, die zur Chefin einer österreichischen Landesregierung aufstieg, war die Politikerin Waltraud Klasnic, geborene Tschiltsch. Sie regiert seit 23. Januar 1996 als Landeshauptfrau die Steiermark. Damit krönte sie ihren kometenartigen Aufstieg vom armen Adoptivkind zu einer der erfolgreichsten Frauen Österreichs. Ihre Karriere ist ein Musterbeispiel dafür, dass Autodidakten es im Leben ebenso weit wie Akademiker bringen können. Waltraud Tschiltsch kam am 27. Oktober 1945 als fünftes Kind ihrer Eltern in der steiermärkischen Landeshauptstadt Graz zur Welt. Bereits zwei Tage nach ihrer Geburt wurde sie von einem Ehepaar adoptiert, trug fortan den Familienamen Mlinaritsch und wuchs als Einzelkind auf. Ihre Adoptiveltern ließen sich später scheiden, danach lebte Waltraud mit ihrer „Mutter“ – so empfand sie es immer – in ärmlichen Verhältnissen in einer Baracke in Graz-Mariantrost. Dank der Liebe und Fürsorge ihrer „Mutter“ verbrachte Waltraud Mlinaritsch – allen Geldsorgen zum Trotz – eine „wunderschöne Kindheit“. Als Zehnjährige arbeitete sie an Wochenenden in einem Gasthaus, wo sie Brezln verkaufte, Besteck abwischte und später Salat anrichten durfte. Dabei lernte sie, auch freundlich zu sein, wenn mal nicht alles gelang oder erst drei Mal zu schlucken, bevor sie eine Antwort gab. Nach dem Besuch der Volks- und Hauptschule begann Waltraud Mlinaritsch 1960 ihr Berufsleben als kaufmännische Hilfskraft für Kinderbekleidung in einem Handelshaus. Damals machte sie erste Erfahrungen mit den Problemen eines Gewerbebetriebes und mit der Führung von Mitarbeitern, da sie 120 bald für die Zusammenarbeit mit den Heimarbeitern zuständig war. 1963 heiratete die 18-jährige Waltraud Mlinaritsch den Angestellten Simon Klasnic und lebte mit ihm in Weinitzen bei Graz. Ab 1966 baute sie mit ihrem Mann ein Transportunternehmen auf und machte sogar den Führerschein für schwere Lastwagen. Aus der Ehe gingen die zwei Söhne Simon (geb. 1963) und Horst-Peter (geb. 1965) sowie die Tochter Michaela (geb. 1969) hervor. 1970 trat die 25-jährige Waltraud Klasnic, die von jeher ein sicheres Gespür für die Sorgen der „kleinen Leute“ hatte, der „Österreichischen Volkspartei“ (ÖVP) bei. Für die ÖVP saß sie von 1970 bis 1975 sowie von 1980 bis 1984 im Gemeinderat ihres Heimatortes Weinitzen. Ab 1970 engagierte sich Waltraud Klasnic auch in der „Österreichischen Frauenbewegung“ (ÖFB). Am 8. März 1970 gründete sie in Weinitzen eine Ortsgruppe der ÖFB, die sie bis 1973 leitete. Von 1972 bis 1977 fungierte sie als Hauptbezirksleiterin der ÖFB von Graz und Umgebung, ab 1975 als stellvertretende Landesleiterin und von 1977 bis 1990 als Landesleiterin. Außerdem hatte sie von 1974 bis 1993 das Amt der Landesleiterin der „Katastrophenhilfe Österreichischer Frauen“ inne, die sie seit 1993 auf Bundesebene führt. 1975 wurde die vielseitige Frau auch Kammerrat der Wirtschaftskammer Steiermark und Obmannstellvertreterin des „Österreichischen Kinderrettungswerkes“. 1977 zog Waltraud Klasnic in Österreichs zweite Kammer, den Bundesrat, ein. 1981 verließ sie den Bundesrat und wurde Abgeordnete des Steiermärkischen Landtags, in dem die ÖVP nach dem Wahlsieg vom 4. Oktober jenes Jahres mit 30 von 56 Stimmen die absolute Mehrheit besaß. Am 18. Oktober 1983 wurde Waltraud Klasnic zur Dritten Landtagspräsidentin gewählt und mehrte in der Folgezeit dank ihrer Konsequenz und ihres Durchsetzungsvermögens weiter ihr Ansehen. 1988 trat Waltraud Klasnic das Amt der Landesrätin für Wirtschaft und Tourismus in der steiermärkischen Landesregierung an. Diesen verantwortungsvollen Posten übernahm sie als erste Frau in Österreich. Nach den Landtagswahlen am 22. September 1991, bei denen die ÖVP vier ihrer 1986 erhaltenen 30 Mandate verlor, erweiterte man das Schlüsselressort von Waltraud Klasnic noch um das Verkehrsreferat. 1993 wurde Waltraud Klasnic zur 121 „Vizepräsidentin des Österreichischen Wirtschaftsbundes“ gewählt, bei dem sie ab 1990 bereits Landesgruppenobfrau gewesen war. Im Oktober 1993 stieg sie zur Stellvertreterin des steiermärkischen Landeshauptmanns Josef Krainer auf. Einen weiteren Höhepunkt ihrer politischen Karriere erlebte sie auf dem ÖVP-Parteitag am 22. April 1995, als man sie zur Stellvertreterin des Bundesparteiobmanns Wolfgang Schüssel wählte. Bei den Landtagswahlen am 17. Dezember 1995 erhielt die ÖVP nur noch 36,3 Prozent der Stimmen und lag somit fast gleichauf mit der „Sozialistischen Partei Österreichs“ (SPÖ) mit 36 Prozent. Noch am Wahlabend trat Josef Krainer nach 15-jähriger Amtszeit als Landeshauptmann wegen dieser Niederlage zurück, um einen konstruktiven Neuanfang zu ermöglichen. Einen Tag später nominierte der ÖVPLandesvorstand in geheimer Abstimmung Waltraud Klasnic als Nachfolgerin von Krainer. Am 23. Januar wurde Waltraud Klasnic von den 21 Abgeordneten der ÖVP sowie mit den Stimmen der „Freiheitlichen Partei Österreichs“ (FPÖ) mit zehn und des „Liberalen Forums“ (LIF) mit zwei Sitzen zur ersten weiblichen Regierungschefin eines Bundeslandes in Österreich gewählt. Noch am selben Tag legte Josef Krainer auch die Parteiführung nieder, womit Waltraud Klasnic am 9. März 1996 auch Obfrau der steiermärkischen ÖVP wurde. Eine Zeitung druckte daraufhin die Schlagzeile „Die Steiermark wird weiblich“. In einem Interview mit der „Kleinen Zeitung“ im Oktober 1997 erklärte Waltraud Klasnic, Dienen sei für sie die wichtigste Tugend. Ansonsten hielte sie Geduld und Güte für wichtig, auch wenn dies viel Kraft erfordere. Alexandra Kollontai Die erste Ministerin der Welt A ls erste Sozialministerin der Welt machte sich die russische Schriftstellerin und Politikerin Alexandra Kollontai (1872–1952), 122 geborene Domontowitsch, einen Namen. Während ihrer Amtszeit setzte sie zahlreiche sozialpolitische Verbesserungen für Frauen durch. Großes Aufsehen erregte sie als sexuell emanzipierte Kommunistin. Sie zeichnete ein Idealbild der neuen Frau „frei wie der Wind, einsam wie das Steppengras. Keinem ist sie teuer. Keiner wird sie schützen“. Alexandra Domontowitsch kam am 31. März 1872 als Tochter eines adligen Generals in Sankt Petersburg (Rußland) zur Welt. Ihre Mutter stammte aus einer finnischen Arbeiterfamilie. Einer Gouvernante verdankte sie ihre kritische Einstellung den Dingen gegenüber. Nach ihrem Schulabschluss absolvierte sie erfolgreich ein Lehrerinnenexamen. Gegen den Willen ihrer Eltern heiratete Alexandra Domontowitsch 1893 ihren Vetter Wladimir L. Kollontai (gest. 1917). Obwohl es sich um eine Liebesheirat gehandelt und sie idealistische Vorstellungen vom Zusammenleben hatte, litt die junge Frau bald unter der Eintönigkeit ihrer Ehe, aus der 1894 der Sohn Michail (Mischa) hervorging. Ein Schlüsselerlebnis für Alexandra Kollontai war 1896 der Besuch einer Textilfabrik in Rußland, wobei sie mit erschreckenden Lebens- bedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter konfroniert wurde. Angesichts dieser Erfahrungen hielt sie Veränderungen für dringend nötig. Von da ab suchte sie Kontakt zu revolutionären Gruppen und schloss sich der Untergrundbewegung an. 1898 trennte sich Alexandra Kollontai von ihrem Mann und zog in die Schweiz, um dort ein Studium zu beginnen. Dank der finanziellen Unterstützung durch ihre Eltern und die gute Unterbringung ihres Sohnes konnte sich sie ganz ihren Interessen widmen. 1899 kehrte sie nach Rußland zurück, hielt dort Vorträge und wandte sich der Frauenarbeit zu. 1906 erschien ihre Publikation „Ethik und Sozialdemokratie“. Alexandra Kollontai beteiligte sich am Kampf der revolutionären Intelligenz Rußlands und stand des öfteren kurz vor der Verhaftung durch das Zarenregime. 1908 emigrierte sie nach Deutschland, wo sie die Politiker August Bebel (1840– 1913), Rosa Luxemburg (1870– 1919) und Karl Liebknecht (1871– 1919) kennen lernte. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges agitierte sie für die „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD) und verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit der Schriftstellerei. 123 1915 schloss sich Alexandra Kollontai den Bolschewiki an. Bis zum Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 hielt sie sich in Dänemark, Schweden und Norwegen auf. Zurückgekehrt nach Rußland, wurde sie als Sozialministerin Mitglied der ersten Sowjetregierung. Außerdem blieb sie weiterhin als Schriftstellerin aktiv. Während ihrer Amtszeit als erste Sozialministerin der Welt von 1917 bis 1918 setzte Alexandra Kollontai viele sozialpolitische Verbesserungen für Frauen durch. Dazu gehörte vor allem die Mutterschutzgesetzgebung von 1917, die Schwangerschaftsurlaub bei voller Bezahlung und Arbeitsplatzgarantie regelte. Nach ihren Worten bedeutete jede gut eingerichtete Kindergrippe mehr als 20 Agitationsreden. 1918 heiratete Aleandra Kollontai den 17 Jahre jüngeren Volkskommissar für die Flotte, Pavel Dybenko (1889–1938). In jenem Jahr erschien auch ihr Werk „Novaia moral’i robocii klass“ (1918, deutsch: „Die neue Moral und die Arbeiterklasse“. Ihre Ehe mit Dybenko hielt nicht lange. 1919 folgte Alexandra Kollontai der Politikerin Inessa Armand (1874–1920) als Leiterin der Frauenabteilung „Shenotdel“ beim Zentralkommitee (ZK) nach. 1923 veröffentlichte sie ihr Buch „Die Frauenarbeit in der Entwicklung der Gesellschaft“. Ihr Amt als Leiterin der „Shenotdel“ musste sie 1922 wieder abgeben. 1929 wurde die Abteilung wegen innerparteilicher Differenzen aufgelöst. Nach einer Auseinandersetzung mit dem russischen Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924) und dem Bruch mit ihrem zweiten Mann versuchte Alexandra Kollontai Abstand zu gewinnen. Aus diesem Grund ging sie als erste russische Botschafterin nach Norwegen. Ihre Diplomatenarbeit hielt Alexandra Kollontai davon ab, sich weiterhin so stark mit Frauenfragen zu befassen und in ideologischen Kreisen mitzuwirken, wie sie das vorher getan hatte. Möglicherweise trug dies dazu bei, dass sie während der Regierungszeit des Diktators Josef Stalin (1879–1953) nicht wie viele Lenin nahestehende Personen liquidiert wurde. Frau Kollontai wirkte auch in Mexiko und Schweden und später erneut in Norwegen als Botschafterin. Zu den bekanntesten literarischen Werken der Schriftstellerin und Politikerin Alexandra Kollontai gehören die Bücher „Soziale Grundlage der Frauenfrage“ (1909), „Die Familie und der kommunistische 124 Staat“ (1922) und die Erzählungen „Wege der Liebe“ (1925). Großes Aufsehen erregte Alexandra Kollontai mit ihren Ansichten über eine neue Sexualmoral, die sie indirekt durch die Gestalten in ihren Frauemromanen – wie Genia in „Wege der Liebe“ – vertrat. Nach ihren Vorstellungen war die „neue Frau im Sozialismus“ ledig, denn als eigenständig Erwerbstätige sollte sie nicht auf die Versorgung durch den Mann angewiesen sein. Ihre Erwerbstätigkeit wurde durch ein flächendeckendes Netz der Kinderbetreuung ermöglicht. Männer sollten, so meinte Alexandra Kollontai, ihren väterlichen Pflichten dadurch nachkommen, dass sie einen Beitrag in eine staatlich kontrollierte Vaterschaftskasse einbezahlten, der an Frauen mit Kindern weitergegeben werden sollte. Die „neue Frau“ hatte ausreichend Zeit für politische Aktivität, wenn sie diese nicht hauptberuflich betrieb. Wladimir Iljitsch Lenin hatte Probleme mit derart progressiven Forderungen. Er bezeichnete die neue Sexualmoral als „Glas-WasserTheorie“, weil Frauen aufgefordert wurden, Sexualität „wie ein Glas Wasser zu konsumieren“, ebenso umstandslos und unverbindlich wie unromantisch. Der Revolutionär stöhnte entnervt, die „Glas-WasserTheorie“ habe einen Teil der Jugend toll gemacht. Sie sei vielen jungen Burschen und Mädchen zum Verhängnis geworden. Am 9. März 1952 starb Alexandra Kollontai im Alter von 79 Jahren – hochgeehrt mit Orden und Auszeichnungen – in Moskau. Zu diesem Zeitpunkt waren viele der von ihre als Sozialministerin eingeführten Erleichterungen für Frauen bereits wieder abgeschafft. Nadeshda Krupskaja Die Frau an Lenins Seite A ls führende Theoretikerin der sowjetischen Pädagogik gilt die russische Revolutionärin und Politikerin Nadeshda Krupskaja (1869–1939). Die Frau und Kampf- 125 gefährtin des Revolutionärs und Politikers Wladimir Iljitsch Uljanow (1870–1924), genannt Lenin, leistete in den 1920-er und 1930-er Jahren bei der Entwicklung des Volksbildungswesens vorbildliche Aufbauarbeit. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehörten die Beseitigung des Analphabetentums und der Unwissenheit der Arbeiterschaft. Nadeshda Krupskaja kam am 26. Februar 1869 als Tochter adliger, jedoch verarmter Eltern in Sankt Petersburg (Rußland) zur Welt. Ihr Vater war ein ehemaliger russischer Offizier, der wegen seiner Sympathien für die polnische Befreiungsbewegung aus dem Staatsdienst entlassen wurde. Von ihren Eltern wurde Nadeshda Krupskaja auf ein Gymnasium geschickt. Im Alter von 20 Jahren kam sie im illegalen Studentenzirkel mit dem marxistischen Gedankengut in Berührung. Nach dem Abitur wollte sie als Lehrerin arbeiten, bekam aber keine Anstellung. Ab 1891 unterrichtete sie als Lehrerin an einer Abend- und Sonntagsschule in dem Dorf Smolenskoje bei Sankt Petersburg, wo sie die Fabrikarbeiter zugleich in der marxistischen Lehre unterwies. Im Herbst 1893 lernte die 24jährige Nadeshda Krupskaja bei einer Versammlung der Sankt Pe- tersburger Marxisten den 23 Jahre alten Rechtsanwalt Wladmir Iljitsch Lenin kennen. Dank gemeinsamer Interessen und gemeinsamen Kampfes entwickelte sich bald eine Freundschaft. Nadeshda schloss sich dem von Lenin 1895 gegründeten „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“ an. Im Dezember 1895 wurde Lenin verhaftet, einige Monate später auch Nadeshda. Bevor Lenin im Februar 1897 zu seinen Verbannungsort Schuschenskoje im Gouvernement Krasnojarsk in Sibirien fuhr, schickte er Nadeshda einen Brief mit Mitteilungen in Geheimtinte zwischen den Zeilen ins Gefängnis. In diesem Brief, dessen Geheimtext erst lesbar war, wenn man das Papier erwärmte, offenbarte Lenin seine Gefühle gegenüber Nadeshda. In einen anderen Brief aus seinem Verbannungsort bat Lenin die von ihm verehrte Nadeshda, sie solle seine Frau werden. Darauf stellte diese bei der Polizeibehörde den Antrag, nicht in Ufa, wie es in ihrem Urteil verfügt worden war, sondern ebenfalls nach Schuschkoje verbannt zu werden. Die Polizei stimmte der Verbannung unter der Bedingung zu, Nadehsda und Lenin müssten umgehend heiraten. Am 7. Mai 1898 kam die Braut Lenins mit ihrer Mutter, die ihre 126 Tochter nicht allein in die Verbannung reisen lassen wollte, auf einem Pferdefuhrwerk in Schuschenskoje an. Weil von Lenin in der Kreisstadt Minussinsk keine Akte vorlag, die zu einer Eheschließung nötig war, durften beide nicht sofort heiraten. Die Hochzeit zwischen Nadeshda und Lenin konnte erst am 10. Juli 1898 in Schuschenskoje stattfinden. Da nach damaligen Bestimmungen in Rußland eine Heirat nur rechtsgültig war, wenn sie kirchlich vollzogen wurde, mussten die beiden Atheisten von einem Popen getraut werden. Die für diese Zeremonie nötigen Eheringe wurden von einem finnischen Arbeiter und Streikführer aus dem Sankt Petersburger Putilow-Werk aus kupfernen Fünfkopeken-Münzen gefeilt. Während der Verbannung überstützte Nadeshda ihren Mann Lenin bei seinem illegalen Kampf und ver-fasste die Schrift „Die arbeitende Frau“, mit der sie die werktätigen Genossinnen zum aktiven Widerstand gegen Unterdrückung und Ausbeutung anspornte. Lenins Verbannungszeit in Schuschenskoje endete am 29. Januar 1900. Anschließend musste Nadeshda noch ein Jahr in der Verbannung in Ufa verbringen. 1901 folgte Nadeshda ihrem Gatten in die Emigration nach München. Dort gab Lenin seit dem 24. Dezember 1900 zusammen mit den Revolutionären Georgi Walentinowitsch Plechanow (1856–1918) und L. Martow (1873–1923) die illegale Zeitung der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands“ mit dem Titel „Iskra“ („Der Funke“) heraus. Nadeshda wurde Redaktionsekretär der Zeitung „Iskra“ und übte diese Funktion später auch in London aus. Danach folgte Nadeshda Krupskaja ihrem Mann in die Schweiz, arbeitete für die Partei und führte eine Geheimkorrespondenz mit Leninisten in allen größeren Orten Rußlands. Außerdem studierte sie das Schul- und Erziehungswesen der westeuropäischen Länder. In Zeitungsartikeln kritisierte sie die Bildungspolitik des Zarismus. 1902 erschien Lenins theoretische Schrift „Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung“, in der er sein Konzept von einer Kaderpartei, die die Führung im Kampf um den Sozialismus zu übernehmen habe, entwickelte. Diese Forderung führte 1903 zur Spaltung der russischen Sozialdemokratie in die Menschewiki und in die von Lenin geführten Bolschewiki. 1905 kamen Lenin und seine Frau nach Rußland zurück und beteiligten sich an der ersten russischen 127 Revolution (1905–1907), die nicht zum Ziel führte. 1907 musste das Ehepaar erneut in die Emigration und lebte im folgenden Jahrzehnt vor allem in Genf, Paris, Krakau, Bern und Zürich. Auf Lenins Anregung schrieb seine Frau das Buch „Volksbildung und Demokratie“ (1917), in dem sie sich für die von den deutschen Philosophen und Politikern Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895) geforderte polytechnische Bildung der Arbeiterjugend einsetzte. Am 12. März 1917 (nach dem in Rußland damals gültigen Kalender am 27. Februar) zwang die Februarrevolution die Zarendynastie Romanow zur Abdankung. Im April 1917 kehrten Lenin und Nadeshda nach Rußland zurück. Lenin verkündete in seinen „Aprilthesen“ sein radikales Aktionsprogramm mit den massenwirksamen Parolen „Frieden um jeden Preis!“, „Alles Land den Bauern!“ und „Alle Macht den Sowjets!“. Seine Frau mobilisierte vor allem Frauen und Jugendliche für Ideen und Ziele der Bolschewiki. Nach einer von den Bolschewiki unterstützten, jedoch gescheiterten Arbeiter- und Soldatenrevolte im Juli 1917 floh Lenin nach Finnland, wo er mit seiner Schrift „Staat und Revolution“ (1917) eine marxisti- sche Staatstheorie entwickelte. Auf den gescheiterten Putschversuch des Generals Kornilow Anfang September 1917 folgte am 7. November 1917 (nach dem in Rußland damals gültigen Kalender 25. Oktober) der von dem Vorsitzenden des Militärrevolutionären Komitees, Leo Trotzki (1879–1940), vorbereitete Aufstand in Sankt Petersburg. Er brachte den Sieg der Oktoberrevolution in Rußland, durch den Lenin als Vorsitzender des „Rates der Volkskommissare“ an die Macht kam. In einem Brief vom Dezember 1922/Januar 1923, der später als „Vermächtnis Lenins“ bezeichnete wurde, forderte der kranke Lenin die Abberufung Josef Stalins (1879–1953) vom Amt des Generalsekretärs der Partei. Er konnte dies aber wegen seines schlechten Gesundheitszustandes nicht mehr durchsetzen. Stalin vergaß später nie, dass durch die Krupskaja das „Vermächtnis Lenins“ bekannt wurde. Über den Tod ihres Manns Lenin am 21. Januar 1924 kam Nadeshda Krupskaja schwer hinweg. Geradezu versteinert stand sie im Säulensaal des „Hauses der Gewerkschaften“ an seinem Sarg. Auf der Gedenksitzung des II. Sowjetkongresses hielt sie eine viel beachtete 128 Rede, die eine Flut von Briefen und Telegrammen auslöste, die sie in der Zeitung „Prawda“ beantwortete. In einem Brief bat Nadeshda Krupskaja darum, nicht „in äußer– liche Verehrung Lenins zu verfallen“, ihm keine Denkmale zu setzen und keine Paläste nach ihm zu benennen. Statt dessen sollte man ihm zu Ehren Kinderkrippen, Kindergärten, Wohnhäuser, Schulen, Ambulatorien, Krankenhäuser und Pflegeheime bauen. Das für Lenin errichtete Mausoleum besuchte sie, weil ihr das sehr schwer fiel, nur selten. Ab 1924 arbeitete Nadeshda Krupskaja im „Volkskommissariat für Volksbildung“. 1927 wurde sie Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der „Kommunistischen Partei der Sowjetunion“ (KPdSU). 1929 ernannte man sie zum stellvertretenden Volksbildungskommissar. Nadeshda Krupskaja engagierte sich für die Beseitigung des Analphatentums und der Unwissenheit der Arbeiterschaft, leitete die Vorschulerziehung, errichtete ein ausgedehntes Netz von Schulen, Bi- bliotheken, Klubs, Dorflesestuben und die „Kommunistische Pädagogische Akademie der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik“ (RSFSR). Anatoli Wassiljewitsch Lunatscharski (1875– 1933), der erste sowjetische Volksbildungskommissar von 1917 bis 1929, lobte sie als die „Seele seines Ministeriums“. Ab 1931 war Nadeshda Krupskaja Ehrenmitglied der „Akademie der Wissenschaften der UdSSR“. Für ihre unermüdliche Tätigkeit zum Wohl der Sowjetheimat wurde sie mit dem Leninorden und dem „Roten Arbeiterbanner" ausgezeichnet. Die letzten Lebensjahre von Nadeshda Krupskaja fielen in die Zeit des Personenkults um den Diktator Josef Stalin. Obwohl sie im Kreml in derselben Wohnung lebte wie Lenin, empfing Stalin sie nicht und sprach nicht mit ihr. Einen Tag nach ihrem 70. Geburtstag starb Nadeshda Krupskaja am 27. Februar 1939 in Moskau. Ihre Urne wurde an der Kremlmauer beigesetzt. 129 Felicia Langer Die israelische Menschenrechtlerin sraels renommierteste Menschenrechtlerin ist die Rechtsanwältin Felicia Langer, geborene Weit. Mehr als zwei Jahrzehnte lang verteidigte sie vor Militärgerichten in Israel palästinensische Opfer israelischer Willkür. Ihr unermüdlicher Einsatz für die Menschenrechte wurde mit dem „Alternativen Nobelpreis“ („Right Livelihood Award“) belohnt. Seit Sommer 1990 lebt sie in Deutschland. Felicia Weit wurde am 9. Dezember 1930 als Tochter jüdischer Eltern in Tarnów (Polen) geboren. 1939 flüchtete die Achtjährige mit ihren Eltern vor den Nationalsozialisten I in die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Alle anderen Mitglieder ihrer Familie starben in Konzentrationslagern (KZ). 1949 heiratete Felicia Weit in Breslau (Schlesien) den jüdischen Feinmechaniker Mieciu Langer, der als einziger seiner Familie den Aufenthalt in fünf KZ’s lebend überstand. Aus der Ehe ging 1953 der Sohn Michael hervor. 1950 emigrierte Felicia Langer zusammen mit ihrem Mann Mieciu nach Israel, wo sie 1959 ein Jurastudium begann. Mitte der 1960-er Jahre eröffnete Felicia Langer in Tel Aviv eine eigene Anwaltspraxis, in der sie vor allem unterprivilegierte Mandanten verteidigte. Bald war sie entsetzt über die von den Israelis praktizierte Unterdrückung der Palästinenser nach dem Sechstagekrieg vom 5. bis 11. Juni 1967 sowie der Besetzung des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens. Daraufhin verlegte Felicia Langer ihre Anwaltskanzlei nach WestJerusalem und verteidigte fortan vor israelischen Militärgerichten palästinensische Opfer israelischer Willkür. Dagegen weigerte sie sich, Palästinenser zu vertreten, die Angriffe auf die Zivilbevölkerung verübt hatten. 22 Jahre lang bekämpfte Felicia 130 Langer konsequent ein von israelischen Gerichten verwaltetes System der Rechtswidrigkeit. Ihre Klienten berichteten über Folterungen, erzwungene Geständnisse, völkerrechtswidrige Deportationen und sippenhaftähnliche Bestrafungen wie das Niederreißen der Häuser von Verdächtigen. Wegen dieses ungleichen Kampfes wurde sie von den Palästinensern hoch geachtet, von den meisten Israelis dagegen beschimpft und bedroht. Felicia Langer verfasste insgesamt acht Bücher über ihre Erfahrungen als Menschenrechtsanwältin. Drei davon sind während der Zeit, in der sie in Israel lebte, in englischer Sprache erschienen: „With My Own Eyes“ (1975), „These Are My Brothers“ (1979) und „An Ages of Stone“ (1987). Fünf weitere Bücher kamen in Deutschland heraus, wo sie seit 1990 mit ihrem Mann lebt. In dem Buch „Die Zeit der Steine – Eine israelische Jüdin über den palästinensischen Widerstand“ (1990) klagt Felicia Langer leidenschaftlich das menschenverachtende Vorgehen der israelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik an. In „Zorn und Hoffnung – Autobiographie“ (1991) liefert sie ein Zeugnis für Mut, Widerstand und Liebe innerhalb eines Unrechtssystems, das mit Panzern gegen Kinder kämpft, die mit Steinen ihre Befreiuung zu erreichen versuchen. Das Werk „Brücke der Träume – Eine Israelin geht nach Deutschland“ (1994) schildert, wie die Autorin in ihrer neuen Heimat mit Symbolen der braunen Vergangenheit konfrontiert wird und wie sie den Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern sieht. In ihrem Werk „Wo Haß keine Grenzen kennt – Eine Anklageschrift“ (1995) untersucht Felicia Langer das Massaker von Hebron, bei dem der jüdische Siedler Baruch Goldstein im Februar 1994 insgesamt 29 betende Palästinenser ermordete. In „Laßt uns wie Menschen leben – Schein und Wirklichkeit in Palästina“ (1996) tritt Felicia Langer für die Selbstbestimmung der Palästinenser ein. Bei der Vorstellung dieses Titels erklärte sie, die palästinensischen Terrorakte seien abscheulich, aber den Nährboden dafür schafften die Israelis durch Häuserzerstörung, Folter und andere schwerste Menschenrechtsverletzungen. Im Alter von 59 Jahren hatte Felicia Langer 1990 nach zermürbendem Einsatz für die Rechte verfolgter Palästinenser und die Rechte der Angehörigen getöteter Palästinenser ihre Anwaltspraxis in Israel geschlossen. Nach eigenem Bekun- 131 den tat sie dies „aus Protest gegen das Rechtssystem, das zur Farce geworden ist“. Im Juli 1990 zog Felicia Langer mit ihrem Mann nach Tübingen (Baden-Württemberg), wo ihr Sohn lebt. Dort wollte sie lehrend und schreibend „die öffentliche Meinung in der ganzen Welt für die palästinensische Sache mobilisieren“ sowie „für Frieden und Gerechtigkeit zwischen Israel und Palästina kämpfen“. Den Anfang dafür bildete ein Lehrauftrag an der Bremer Universität über die Lage in den besetzten Gebieten. Außerdem hielt sie Vorträge in Europa und in den USA sowie vor dem UNUntersuchungsausschuss, der Israels Politik in den besetzten Gebiete überprüfte. Als Vizepräsidentin der israelischen „Liga für Menschenrechte“ setzte sich Felicia Langer ebenfalls für die Rechte der Palästinenser ein. Ihr ungewöhnliches Engagement begründete sie mit der schmerzvollen Geschichte ihres eigenen Volkes. Sie sagte: „Weil wir Juden wissen, was es heißt, zu leiden, dürfen wir andere nicht unterdrücken. Felicia Langer erhielt 1990 für ihr Engagement zugunsten der Menschenrechte den „Alternativen Nobelpreis“. Die Jury lobte ihren „Mut in ihrem Kampf um grundlegende Menschenrechte unter sehr schwierigen Umständen“. Der von dem deutsch-schwedischen Wissenschaftler Jakob von Uexküll gestiftete „Alternative Nobelpreis“ wird für herausragende Leistungen zur Lösung drängender menschlicher Probleme vergeben. 1991 wurde Felicia Langer auch der „BrunoKreisky-Preis für Menschenrechte“ verliehen. Rosa Luxemburg Die Mitbegründerin der KPD E ine der bedeutendsten deutschen Kommunistinnen war die aus Polen stammende Rosa Luxemburg (1870-1919), geborene Rozalia Luksemburg. Sie gehörte zu den Gründern der „Spartakusgrup- 132 pe“ und der „Kommunistischen Partei Deutschlands“ (KPD), zu deren Vorsitzenden man sie und Karl Liebknecht (1871–1919) wählte. Nach einem missglückten Aufstand ist sie in Berlin ermordet worden. Von ihr stammt der Spruch „Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden“. Rozalia (Róza) Luksemburg erblickte am 5. März 1870 als jüngstes von fünf Kindern des jüdischen Holzhändlers Elias Luksemburg und seiner Frau Lina, geborene Löwenstein, in Zamosc (Zamost) im russisch annektierten Teil Polens das Licht der Welt. Dort verbrachte Róza die ersten drei Jahre ihrer Kindheit. 1873 zogen ihre Eltern in die polnische Hauptstadt Warschau um. Vermutlich wegen eines angeborenen Hüftschadens wurden 1875 beide Beine der fünfjährigen Róza in Gips gelegt, und sie musste ein Jahr lang das Bett hüten. Danach stand sie mit einem verkürzten Bein wieder auf und hinkte. Ab Herbst 1880 besuchte die Zehnjährige, die bis dahin zu Hause unterrichtet wurde, die erste Klasse des zweiten Warschauer Mädchengymnasiums. Im März 1887 verließ Róza Luksemburg das Gymnasium mit dem Abschlusszeugnis und der Gesamtnote „Sehr gut“. Bereits gegen Ende ihrer Schulzeit nahm sie an geheimen Zirkeln der oppositionellen Gruppe „Proletariat“ teil und fand Kontakt zum verbotenen Arbeiterkomitee und dessen Gründer, Martin Kasprzak (1860–1905). Als diese Organisation im Herbst 1888 aufflog, flüchtete Róza unter einer Fuhre Stroh in Ausland. Anfang 1889 emigrierte Róza Luksemburg in die Schweiz, um dort zu studieren. Am 18. Februar 1889 meldete sie sich in der Gemeinde Oberstrass unter dem Namen „Rosa Luxemburg“ an. Damals wohnte sie in der Familie des deutschen Emigranten Karl Lübeck. Im Oktober 1889 schrieb sie sich an der Universität Zürich ein. Im Frühherbst 1890 lernte Rosa Luxemburg den litauischen Revolutionär Leo Jogiches (1867–1919) kennen und lieben. Mit ihm gründete Rosa 1893 die im Untergrund tätige „Sozialdemokratische Arbeiterpartei des Königsreichs Polen“ (SDKP) und deren Organ „Sprawa Robotnicza“ („Die Sache der Arbeiter“). Im August 1893 trat die 23Jährige beim Kongress der „Zweiten Internationale" in Zürich zum ersten Mal öffentlich auf und plädierte für die Anerkennung der SDKP. Anfang Mai 1897 promovierte Rosa Luxemburg in Zürich mit ihrer Dissertation „Die industrielle Ent- 133 wicklung Polens“ zum Doktor der Rechte. Durch eine Scheinehe mit dem Sohn ihrer Vermieter Carl und Olympia Lübeck, dem Schriftsetzer und Anarchisten Gustav Lübeck (geb. 1873), am 19. April 1898 in Basel wurde Rosa Luxemburg deutsche Staatsbürgerin. Ab dem 16. Mai 1898 lebte Rosa Luxemburg in Berlin, wo sie bereits zehn Tage nach ihrer Ankunft in die „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD) eintrat. 1903 wurde sie Mitglied des „Internationalen Sozialistischen Bureau“. Im selben Jahr erfolgte auch ihre Scheidung von Gustav Lübeck. Beim Kongress der „Zweiten Internationale“ im August 1904 in Amsterdam übte sie zwei Mandate aus – eins für die deutsche und eins für die polnische Sozialdemokratie – und gehörte zwei Komitees an, dem für Kartelle und Arbeitslosigkeit. Nach ihrer Rückkehr saß sie vom 26. August bis zum 24. Oktober 1904 wegen Beleidigung von Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) im Frauengefängnis Zwickau. Am 29. Dezember 1905 ging Rosa Luxemburg in den unter russischer Herrschaft stehenden Teil Polens und nahm in Warschau an Demonstrationen und Kämpfen gegen die russische Staatsmacht teil. In jenem Jahr erlebte sie die erste russische Revolution mit. Am 4. März 1906 wurden sie und ihr Freund Jogiches von der zaristischen Polizei in ihrem Warschauer Hotelzimmer verhaftet. Damals drohte Rosa das Kriegsgericht und die Hinrichtung, doch mit Hilfe des österreichischen Sozialisten Karl Kautsky (1854– 1938) und Bestechungsgeld durfte sie am 11. April 1906 gegen Zahlung einer Kaution wieder das Gefängnis verlassen. Ende Juli kehrte sie über Finnland nach Deutschland zurück. Von 1907 bis 1914 lehrte Rosa Luxemburg als Dozentin für Nationalökonomie an der SPD-Parteischule in Berlin. Während dieser Zeit hielt sie in Deutschland flammende Reden „gegen Militarismus und imperialistischen Krieg!“ Von 1907 bis 1912 wurde Konstantin (Kostja) Zetkin (1885–1980), der jüngere der beiden Söhne der Politikerin Clara Zetkin (1857–1933), ihr Geliebter. Seit 1914 führte Rosa Luxemburg mit dem deutschen Politiker und Rechtsanwalt Karl Liebknecht die linke Opposition gegen den Ersten Weltkrieg an. Von März 1915 bis Februar 1916 sowie von Juli 1916 bis November 1918 war Rosa Luxemburg in Haft. 1916 gründete sie zusammen mit Karl Liebknecht, der Politikerin Clara Zetkin, dem 134 Politiker, Historiker und Journalisten Franz Mehring (1846–1919) sowie anderen ehemaligen Sozialdemokraten die „Gruppe Internationale“, die den sofortigen Kriegsabbruch forderte. Die „Gruppe Internationale“ wurde bald nach ihren illegal erscheinenden „Spartakusbriefen“ als „Spartakusgruppe“ (ab 1918 „Spartakusbund“) bezeichnet. Das von Rosa Luxemburg verfasste „Spartakusprogramm“ tendierte im Gegensatz zur bolschewistischen Konzeption des russischen Politikers Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924) vor allem hinsichtlich der Funktion der Partei zu einem demokratischen Kommunismus. Rosa Luxemburg galt als glänzende Theoretikerin und sprachgewaltige Agitatorin. Zeitgenossen bescheinigten ihr ein Temperament, mit dem man „eine Prärie anzünden“ konnte. Lenin charakterisierte Rosa Luxemburg als „Adler unter Hühnern“. Der österreichische sozialistische Parteiführer Victor Adler (1852–1918) nannte sie „ein giftiges Luder, aber blitzgescheit“. Im April 1917 schloss Rosa Luxemburg sich mit Liebknecht und der „Spartakusgruppe“ der damals neu gegründeten „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (USPD) an. Nach ihrer Befreiung aus dem Gefängnis in Breslau hob sie im November 1918 die Zeitung „Rote Fahne“ aus der Taufe und entwarf das Programm für die „Kommunistische Partei Deutschlands“ (KPD), die am 31. Dezember 1918 vom „Spartakusbund“ und von Bremer Linksradikalen gegründet wurde. Man wählte Liebknecht und Rosa am selben Tag zu Vorsitzenden der KPD. Am 5. und 6. Januar 1919 nahm Rosa Luxemburg an dem von den Kommunisten, der USPD und den revolutionären Obleuten der Metallarbeiter initiierten Spartakusaufstand der Berliner Arbeiter teil. Zwar sah sie es als unverantwortlich an, einen bewaffneten Aufstand zu beginnen, ohne die Mehrheit der Arbeiter hinter sich zu haben, machte aber aus Solidarität trotzdem mit. Für breite Schichten der Bevölkerung war sie damals nur die „rote“ oder „blutige“ Rosa, die die bürgerliche Republik beseitigen wollte. Nach blutiger Niederschlagung des Spartakusaufstandes durch Freikorps wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919 in Berlin verhaftet und von Freikorpsoffizieren ermordet. Ihre Leichen warf man in den Landwehrkanal und barg sie erst am 31. Mai 1919. 135 An dem Trauerzug zur Beisetzung von Rosa Luxemburg am 13. Juni 1919 nach Berlin-Friedrichsfelde beteiligte sich eine unübersehbare Menschenmenge. Clara Zetkin schrieb über die Verstorbene: „Die kleine, gebrechliche Rosa war die Verkörperung beispielsloser Energie. Wenn sie unter einer Überanstrengung zusammenzubrechen drohte, so erholte sie sich bei einer noch größeren Leistung. Bei Arbeit und Kampf wuchsen ihr Flügel.“ Golda Meir Die Frau, die „Mann des Jahres“ war A ls Israels erste Ministerpräsidentin machte die Politikerin Golda Meir (1898–1978), geborene Mabowitsch (Mabowitz), Geschichte. Sie diente ihrem Land als erste Gesandte in Moskau, Parlamentsab- geordnete, Ministerin für Arbeit und Soziales, Außenministerin und zuletzt als Ministerpräsidentin. Anfang 1975 wählte man die mutige Politikerin – bei der Umfrage eines Meinungsforschungsinstitutes in Tel Aviv – zum „Mann des Jahres“. Golda Mabowitsch wurde am 3. Mai 1898 als Tochter eines armen jüdischen Zimmermanns in Kiew (Ukraine) geboren. Fünf ihrer Brüder starben bereits im Kindesalter. Als Vierjährige beobachtete sie, wie ihr Vater die Eingangstür seines kleinen Hauses gegen ein drohendes Pogrom von Kosken verbarrikadierte. Damals erlebte sie erstmals „die Angst, Enttäuschung und die Gewissheit des Andersseins und zugleich die tiefe innere Überzeugung, dass man selbst eingreifen muss, um zu überleben“. 1903 wanderte der Vater in die USA aus und arbeitete in Milwaukee, der größten Stadt des Staates Wisconsin, als Tischler. 1906 folgte ihm seine Frau mit den drei Töchtern nach. Die Mutter führte einen kleinen Lebensmittelladen. Golda besuchte in Milwaukee und in Denver (Colorado) die Schule, studierte später am Lehrerinnenseminar in Milwaukee, wurde Lehrerin und danach Bibliothekarin in Milwaukee, Chikago und New York. In Milwaukee lebten damals etwa 136 450000 Einwohner, wovon rund 40000 Juden waren. Die jüdischen Mitbürger sind einerseits staatsbürgerlich gleichberechtigt, andererseits gesellschaftlich ziemlich isoliert und meistens auf sich selbst angewiesen gewesen. Aus diesem Grund schloss sich die intelligente und temperamentvolle Golda Mabowitsch der sozialistisch-zionistischen Bewegung an und betätigte sich bald erfolgreich als Straßenrednerin. Besonders gerne hörte Golda Mabowitsch in Milwaukee die Gastvorträge eines jungen sozialistischen Zionisten namens David Grien. Damals ahnte noch niemand, dass dieser später einmal unter dem Namen „David Ben Gurion“ (1886– 1973) zum Premierminister des jüdischen Staates aufsteigen würde. Wie Ben Gurion, den sie bewunderte, besaß auch Golda große Opferbereitschaft für die Sache der Zionisten, die von einer Spur Fanatismus geprägt war. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges engagierte sich Golda Mabowitsch in einem Hilfswerk. 1917 heiratete sie den Schildermacher Morris Myerson (Meyerson) aus Denver, von dem sie forderte, das er 1921 mit ihr in das britisch verwaltete Palästina übersiedeln und sich dort einer jüdischen Gemeinschaftsfarm (Kibbuz) anschließen solle. Den Anstoß hierfür gab eine Begegnung Goldas mit Moshe Sharett (1894– 1965), der vor seiner Hebräisierung noch „Shartok“ hieß und ihr seine Arbeit bei der „Jewish Agency“ („Jüdisches Büro“) und seinen Kampf um einen eigenen jüdischen Staat erläuterte. Ab 1921 lebten Golda und Morris Myerson unter kümmerlichsten Verhältnissen im Kibbuz Merhavia in Palästina. Tagsüber bearbeitete Golda mit Spitzhacke und Pflug den Wüstenboden, abends lernte sie Hebräisch und Arabisch. Als ihr Gatte das harte Kibbuz-Leben nicht mehr ertrug, zog das Ehepaar 1923 nach Tel Aviv, wo Golda Meir im sozialistischen Gewerkschaftsbund Histadrut aktiv wurde. 1926 wählte man Golda Meir in den palästinensischen Frauen-Arbeiterrat und in die Exekutive der Histadrut-Organisation, die sie ab 1928 auf internationalen Arbeiterkonferenzen in Großbritannien und in den USA vertrat. 1929 wurde sie zu den „Zionistischen Weltkongressen“ delegiert. Später ist sie als Mitglied der Arbeiterpartei (Mapai) in den Exekutivrat der „Jewish Agency“ gewählt worden. Ab 1945 lebte Golda Meir getrennt von ihrem Mann, der 1951 starb. Aus der Ehe gingen der Sohn 137 Menachem Myerson und die Tochter Sara Rehavi hervor. In ihrer Freizeit hatte Golda keine Hobbys. Ihre einzige Ablenkung an arbeitsfreien Tagen bestand darin, dass sie kochte, wusch und buk. Der Ausdruck „Kitchen cabinett“ wurde später gebraucht, um Goldas Art Politik zu machen zu definieren. 1945 schickte der jüdische Politiker David Ben Gurion (1886–1973) Golda Meir zum Sammeln von Spenden in die USA. In Chicago erklärte sie den Amerikanern: „Ihr könnt nicht entscheiden, ob wir Krieg führen oder nicht. Wir werden es tun. Ihr könnt nur eines entscheiden: ob wir siegen oder geschlagen werden“. Sie hatte die Überzeugung: „Die Araber wollen uns tot sehen. Wir wollen leben. Da gibt es keinen Kompromiss.“ 1946 übernahm Golda Meir die Leitung der politischen Abteilung des „Jüdischen Büros“, als Moshe Sharret und andere Zionistenführer von den Engländern interniert wurden. 1947 hielt sie einen viertägigen totalen Hungerstreik durch, als sich die Engländer weigerten, ein Schiff mit jüdischen Flüchtlingen aus Italien in Palästina an Land gehen zu lassen. 1948 versuchte sie mutig, den Ausbruch des israelisch-arabischen Krieges zu verhindern: Sie begab sich als Araberin verkleidet über die Frontlinien und verhandelte geheim erfolglos mit König Abdallah von Transjordanien (1882–1951). Am 14. Mai 1948 gehörte Golda Meir zu den Unterzeichnern der Proklamation des neuen Staates Israel, trat in die erste Provisorische Regierung Israels ein und war von Juni 1948 bis April 1949 die erste Gesandte Israels in Moskau. Von 1949 bis 1974 saß sie als Mitglied der Arbeiterpartei im israelischen Parlament, der Knesset. Von März 1949 bis Juni 1956 fungierte sie als Ministerin für Arbeit und Soziales, von 1956 bis 1965 als Außenministerin und von 1969 bis 1974 als Ministerpräsidentin. In ihrer letzten Phase als Entscheidungsträgerin in der Politik wurde Golda Meir von landesweiten Protesten als Folge des Yom KippurKrieges von 1971 persönlich schwer getroffen, wie sie mehrmals zugab. Ab 1974 zog sie sich mehr und mehr von der Politik zurück. Schwerkrank erlebte Golda Meir die historische Rede des ägyptischen Präsidenten Anwar El Sadat (1918–1981). Ihre Partei wurde 1977 erstmals seit dem Jahr 1948 auf die Oppositionsbank geschickt. Menachem Begin und sein Likud gaben mit bilateralen Friedensverhandlungen mit Ägypten noch 138 Grund zur Hoffnung auf Frieden. Diese führten am 25. April 1982 zum Rückzug Israels aus der gesamten Sinaiinsel, die 1968 erobert worden war. Golda Meir starb am 8. Dezember 1978 im Alter von 80 Jahren in Jerusalem an Lymphgewebekrebs, der schon 15 Jahre zuvor erkannt worden war. Die Weltpresse würdigte sie in Nachrufen als letzte große Persönlichkeit der israelischen Gründergeneration. Entgegen der Wünsche Goldas schmückt ihr Konterfei israelische SchekelBanknoten. Rigoberta Menchú Die friedliche Kämpferin für Menschenrechte G uatemalas berühmteste Menschenrechtskämpferin ist die Quiché-Indianerin Rigoberta Menchú. Ihr Vater, ihre Mutter, sowie ein Teil ihrer Brüder und Freunde wurden von Soldaten ihres Heimatlandes umgebracht. Trotzdem kämpfte sie friedlich für die Menschenrechte und für die Gleichbehandlung der indianischen Bevölkerung. Dafür verlieh man ihr den Friedensnobelpreis. Rigoberta Menchú kam am 9. Januar 1959 als sechstes von zehn Kindern auf einem kleinen Bauernhof im Hochland unweit der Stadt Chimaltenango zur Welt. Ihr Vater Vicente Menchú verdiente als Kleinbauer und Landarbeiter („Campesino“) seinen Lebensunterhalt. Wenn er saisonweise auf Kaffee-, Baumwoll- und Zuckerrohrplantangen von Großgrundbesitzern schuftete, begleitete ihn seine kinderreiche Familie. Als Kind musste Rigoberta Menchú oft hungern und hart arbeiten. Bereits im Alter von fünf Jahren hütete sie auf Plantagen ihren zweijährigen Bruder Nicolas, während die Eltern und älteren Geschwister Baumwolle und Kaffeebohnen pflückten oder Zuckerrohr schnitten. 1967 starb ihr fünfjähriger Bruder Nicolas an Unterernährung. Damals – mit acht – pflückte Rigoberta täglich 30 Pfund Kaffeebohnen für einen Hungerlohn. Rigoberta besuchte keine Schule und erlernte keinen Beruf. In ihrer 139 Jugend verdingte sie sich als Dienstmädchen bei einer weißen Familie in der Stadt. Während dieser Zeit erfuhr sie die Verachtung und Unterdrückung der Indios durch die Weißen und Mestizen hautnah am eigenen Leib. Erst als 20-Jährige lernte sie durch Nonnen die spanische Sprache und mit 23 Lesen und Schreiben. Sie nahm den katholischen Glauben an und wurde Katechetin. 1979 trat Rigoberta Menchú dem 1978 von ihrem Vater mit aus der Taufe gehobenen „Comité de Unidad Campesino“ (CUC, deutsch: „Komitee für die Einheit der Bauern“) bei und begann damit, die Bauern in den Dörfern zu organisieren. Sie engagierte sich für die elementaren Menschenrechte ihrer Landsleute, für eine gerechtere Landverteilung und für politische Beteiligung der Indios. Dies brachte ihr einerseits die Anerkennung der indianischen Bevölkerung, andererseits aber die Verfolgung durch das Militär in ihrem Heimatland ein. Am 9. September 1979 musste die Familie Menchú Tum ebenso wie alle anderen Bewohner des Hochlandes unter Androhung schärfster Vergeltungsmaßnahmen bei Nichterscheinen einer öffentlichen Bestrafung mehrerer von Soldaten gefangener und gefolterter Indios in Chajul beiwohnen. Dort angekommen, erlebte Rigoberta, wie ihr 16jähriger Bruder Petrocino, den man als Kommunisten und Guillero verdächtigte, mit Benzin übergossen und angezündet wurde und wie er vor den Augen der ganzen Familie verbrannte. 1980 besetzte Rigoberta Menchús Vater mit Gleichgesinnten aus Protest gegen die im Land herrschende Unterdrückung die spanische Botschaft in Guatemala-Stadt. Die friedliche Besetzung endete am 31. Januar 1980 gewaltsam mit der Erstürmung der Botschaft durch das Militär. Dabei wurde das Gebäude in Brand gesetzt, und 39 Menschen starben in den Flammen. Eines der Todesopfer war Vicente Menchú. Im April 1980 wurde Rigobertas Mutter Juana von Soldaten entführt, vergewaltigt und grausam zu Tode gefoltert. Mehrere Freundinnen und Bekannte Rigoberta Menchús erlitten ebenfalls ein trauriges Schicksal. Anlass der Greueltaten waren der Widerstand der Agrar- und Wirtschaftsoligarchie, die sich weigerte, ihre Privilegien zu teilen, sowie Ölfunde, deretwegen Großgrundbesitzer und die Armee die ortsansässigen „Campesinos“ vertrieben und bei Widerstand massakrierten. Damals überlegte Rigoberta, ob sie 140 nicht eine Waffe in die Hand nehmen und sich den Guerillas anschließen sollte, entschied sich aber dann für die friedliche politische Arbeit. 1981 musste Rigoberta Menchú in das Nachbarland Mexiko flüchten, wo sie unter anderem als Vorsitzende der von ihrem Vater mitgegründeten Bauernvereinigung die politische Arbeit gegen das in Guatemala herrschende Regime aufnahm. Im Exil gründete sie zusammen mit anderen 1982 die „Vereinigte Vertretung der Guatemaltekischen Opposition“. In jenem Jahr wurde sie auch Mitarbeiterin der Menschenrechtskommission der „United Nations Organization“ (UNO). 1983 erschien ihr autobiographisches Buch, das 1984 unter dem Titel „Rigoberta Menchú – Leben in Guatemala“ auch in Deutschland veröffentlicht wurde. Man übersetzte das Werk in mehrere Sprachen, in Guatemala dagegen konnte man es nicht kaufen. 1986 wurde die Militärdiktatur in Guatemala offiziell durch eine demokratisch gewählte Regierung abgelöst. Der Krieg der Machthaber gegen das eigene Volk seit Beginn der 1960-er Jahre hatte über 150 000 Menschen das Leben gekostet, weitere 46000 Personen – meistens Indios – sind spurlos verschwunden, mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder wurden vertrieben. Seit 1988 kehrte Rigoberta –trotz Todesdrohungen und Belästigungen durch die Polizei – immer wieder für kurze Zeit aus Mexiko nach Guatemala zurück. Ab 1986 fungierte Rigoberta Menchú als Mitglied des Rates der UNO für die Rechte der Indios. 1987 nahm sie am „Nationalen Dialog“ ihres Heimatlandes teil, der das Ende des Bürgerkrieges erreichen wollte. 1990 erhielt sie den Preis der „United Nations Educational Scientific and Cultural Organization“ (UNESCO) für „Erziehung zum Frieden“ und 1992 als 33-Jährige den Friedensnobelpreis. Zu ihrer Nominierung für den Nobelpreis gratulierte ihr auch Colonel Rodríguez, der ihre Mutter ermordet hatte. Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises im Rathaus der norwegischen Hauptstadt Oslo wehrte sich Rigoberta Menchú dagegen, vom europäischen Publikum nur als „tapfere“ Indianerfrau mit einem harten Schicksal und einer hohen Moral präsentiert zu werden. In ihrer Rede las sie auch den Europäern die Leviten, als sie von 500 Jahren Völkermord, Verfolgung und Unterdrückung der Indianer sprach und den Begriff von der „Entde- 141 ckung Amerikas“ falsch nannte. Amerika und seine eingeborenen Zivilisationen hätten sich längst selbst entdeckt. Die frischgebackene Nobelpreisträgerin wurde von der indianischen Bevölkerung Guatemalas begeistert gefeiert. Dagegen haben die Regierung und die Armee ihres Heimatlandes die Auszeichnung reserviert zur Kenntnis genommen. Das Preisgeld in Höhe von umgerechnet 1,8 Millionen Mark kam einer Stiftung zur Erinnerung an ihren Vater und zum Schutz der indianischen Ureinwohner Lateinamerikas zugute, die heutige „Stiftung Rigoberta Men- chú Tum“. Nach der Verleihung des Friedensnobelpreises wurde Rigoberta Menchú von mehreren internationalen Staatsmännern und von Papst Johannes Paul II. empfangen . Trotz all ihrem Leid ist Rigoberta Menchú keine verbitterte Frau geworden. Die mutige Indianerin erklärte, sie könne verzeihen, wenn es in ihrem Land politische Veränderungen gebe, „damit nie mehr eine Mutter gefoltert, ein Vater verbrannt und ein Bruder erschossen wird“. Im Frühjahr 1995 heiratete sie Angel Francisco Canil, von dem sie sich sehnlichst zwei Kinder wünschte. Angela Merkel Die erste Vorsitzende der CDU A ls erste Frau an der Spitze einer Volkspartei ging die deutsche Physikerin und Politikerin Angela Merkel, geborene Kasner, in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ein. Sie wurde im Frühjahr 2000 beim Parteitag der „Christlich-Demokratischen Union“ (CDU) in Essen mit eindrucksvoller Mehrheit zur neuen Partei- 142 vorsitzenden gewählt. Die 45-jährige Ostdeutsche erhielt 95,94 Prozent der Stimmen. Damit erreichte die Frau mit der rasantesten politischen Karriere nach der Wende in Deutschland einen weiteren Höhepunkt ihrer Laufbahn. Angela Dorothea Kasner erblickte am 17. Juli 1954 in Hamburg das Licht der Welt. Ihr Vater Horst Kasner hatte ihre Mutter Herlind während seines Theologiestudiums in Hamburg kennen gelernt. Der angehende evangelische Pfarrer war von der brandenburgischen Kirche zum Studium delegiert worden. Als der Vater wenige Wochen nach Angelas Geburt in Hamburg nach Brandenburg zurück wollte, ging die aus dem Westen stammende Mutter aus Liebe mit. Dabei nahm sie in Kauf, dass sie als Ehefrau eines Pastors in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ihren Wunschberuf als Lehrerin nicht ausüben konnte. Von 1954 bis 1957 betreute der Vater eine Pfarrei in Quitzow (Brandenburg). Aus der Ehe der Kasners gingen am 7. Juli 1957 auch der Sohn Marcus und am 19. August. 1964 die Tochter Irene hervor. Marcus wurde später Physiker, Irene Ergotherapeutin. Ab 1957 wuchs Angela Kasner in Templin (Brandenburg) auf, wo ihr Vater eine Pfarrei übernommen hatte. Nach dem 1973 absolvierten Abitur studierte sie Physik an der Universität Leipzig und schloss 1978 mit dem Diplomexamen ab. Wegen ihrer kirchlichen Bindung konnte sie ihren ursprünglichen Berufswunsch, Lehrerin für Russisch und Physik zu werden, nicht verwirklichen. Während des Physikstudiums in Leipzig eroberte der Student Ulrich Merkel das Herz von Angela Kasner. „Es war keine Liebe auf den ersten Blick“, verriet er später in einem Interview mit der Zeitschrift „SUPER ILLU“. Angela arbeitete in der Nachbarseminargruppe und war ihm einfach sehr sympathisch. „Also ließ ich es langsam angehen, habe sie sozusagen Stück für Stück erobert – mit stundenlangen Gesprächen, Blumen. 1975 hat es dann gefunkt“, verriet Ulrich Merkel. 1976 zogen beide zusammen. Am 3. September 1977 ließen sich die evangelische Pfarrerstochter Angela Kasner und der atheistische Ulrich Merkel in der St. GeorgenKapelle in Templin kirchlich trauen. Am „Zentralinstitut für physikalische Chemie“ der „Akademie der Wissenschaften“ in Berlin-Adlershof begann Angela Merkel 1978 als wissenschaftliche Mitarbeiterin ihr Berufsleben. Jeden Tag fuhr sie mit 143 der S-Bahn vom Prenzlauer Berg, wo sie eine bescheidene, aber liebevoll eingerichtete Wohnung hatte, zum S-Bahnhof Adlershof und ging von dort aus zu einer Baracke am Ende des Campus. Ihr Dienst begann jeden Morgen um 7.15 Uhr - „für Grundlagenforschung eigentlich viel zu früh, da ist man noch nicht aufnahmefähig“, gestand sie später. Das Büro teilte sich Angela Merkel mit 25 anderen Mitarbeitern. Neben der Sekretärin war sie die einzige Frau im Zimmer. Daher war sie es gewohnt, mit vielen Männern zu arbeiten. Mit dem einzigen Wasserkocher in dem Gebäude brühte Angela jeden Tag türkischen Kaffee auf. Michael Schindhelm, ein Kollege aus dieser Zeit, der heute als Intendant am Theater in Basel wirkt, lobte Angela Merkel als außergewöhnlich ehrgeizige und kluge Frau mit viel Humor und Selbstironie, die gut über sich selbst lachen könne. Sie sei damals „die typische distanzierte Intellektuelle der DDR“ gewesen. Sie kenne sich aus in der Weltliteratur, liebe klassische Musik, koche gerne – am liebsten Eintöpfe oder Fisch – und habe sich für Mode nicht übermäßig interessiert. So weit der ehemalige Kollege. Ende März 1982 ließ sich Angela Merkel – nach mehr als viereinhalbjähriger Ehe – von Ulrich Merkel scheiden. „Es gab keinen anderen. Angela wollte einfach nicht mehr. Ich bin eher so ein ruhiger, häuslicher Mensch. Angela ist aktiver, lebhafter, kontaktfreudiger“, erklärte Ulrich Merkel 18 Jahre später der Zeitschrift „SUPER ILLU“. Zwei Jahre nach der Scheidung fand Ulrich Merkel eine neue Partnerin, eine Chemie-Laborantin, die zwei Kinder mit in die Beziehung brachte. Später kam ein gemeinsamer Sohn dazu. 1986 promovierte Angela Merkel mit einer Dissertation über „Die Berechnung von Geschwindigkeitskonstanten von Elementarreaktionen am Beispiel einfacher Kohlenwasserstoffe“ zum „Doktor der Naturwissenschaften“. Bis 1990 arbeitete sie vor allem auf dem Gebiet der Quantenchemie. Ab Ende 1989 engagierte sich Angela Merkel beim „Demokratischen Aufbruch“ (DA). Ihr Vater schloss sich während der Wendezeit in der DDR dem „Neuen Forum“ (NF) an. Ihre Mutter ging später zur „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) und wirkte jahrelang im Kreistag. Ihr Bruder Marcus Kasner wurde später Mitglied beim „Bündnis 90/Die 144 Grünen“. Angela übernahm ab Februar 1989 die Öffentlichkeitsarbeit des DA. Eine neue Aufgabe stellte sich für Angela Merkel nach der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 und der Bildung der letzten DDR-Koalitionsregierung unter Führung von Lothar de Maizière: Sie versah nun das Amt der Stellvertreterin des Regierungssprechers Matthias Gehler. Die Tageszeitung „Die Welt“ lobte Frau Merkel am 3. Januar 1991 mit den Worten: „Als Regierungssprecherin war sie die beste und hilfreichste offizielle Quelle in Ostberlin, stets ein gegebenes Wort haltend, eher leise, mit Präzision und Blick für das Wesentliche die Kabinettsitzungen referierend“. Im August 1990 wechselte Angela Merkel mit dem Rest des bei den Wahlen wenig erfolgreichen DA zur CDU (Ost). Als Begründung gab sie an: „Für mich war das Bekenntnis zur CDU zum Einzelnen, zum Vertrauen in den Wettbewerb der Menschen, aus deren Kreativität Wohlstand entstehen kann, die richtige Grundidee“. Durch die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 endete Angela Merkels Tätigkeit im Ministerrat der ehemaligen DDR: Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 setzte sie sich im Bundestags-Wahlkreis 267 (Stralsund-Rügen-Grimmen) mit 48,5 Prozent der Erststimmen gegen zwei Konkurrenten aus Westdeutschland durch. Ab 20. Dezember 1990 war Angela Merkel Mitglied des Bundestages. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich locker und selbstbewusst im Bundestag auftreten konnte. Schließlich kannte ich das Plenum nur aus dem Fernsehen“, gestand sie später. Die Umstellung von der Forschung auf die Politik war anfangs nicht leicht: „In der Wissenschaft muss man sich jeden Tag etwas Neues ausdenken, in der Politik oft über lange Zeiträume die immer gleiche Botschaft verbreiten, damit sie bei den Leuten ankommt“. Zudem habe sie früher bei der Arbeit fast acht Stunden geschwiegen, obwohl sie eigentlich ein sehr „kommunikativer Mensch“ sei. Im vierten Koalitionskabinett von Bundeskanzler Helmut Kohl wurde Angela Merkel am 18. Januar 1991 zur „Bundesministerin für Frauen und Jugend“ ernannt. In den Kabinettsrunden trat sie bescheiden, aber selbstbewusst auf. Von Kohl ist sie hin und wieder als „das Mädchen“ bezeichnet worden. Im November 1991 bewarb sich Frau Merkel erfolglos um den Parteivorsitz der 145 CDU Brandenburg: Auf dem Landesparteitag in Kyritz unterlag sie mit 67 gegen 121 Stimmen ihrem Mitbewerber Ulf Fink. Bereits einen Monat später – am 15. Dezember 1991 – glückte Angela Merkel ein weiterer Erfolg: Man wählte sie auf dem CDU-Parteitag in Dresden als Nachfolgerin von Lothar de Maizière mit 621 von 719 gültigen Stimmen zur ersten stellvertretenden Parteivorsitzenden der Bundes-CDU. In diesem Amt wurde sie 1994 und 1996 bestätigt. 1992 wurde der Tatendrang von Angela Merkel durch einen Beinbruch abrupt gestoppt. Damals hatte sie eine Arbeitspause dringend nötig. Von September 1992 bis September 1993 war sie die Nachfolgerin von Peter Hintze im Vorsitz des „Evangelischen Arbeitskreises“ (EAK) der CDU/CSU. Einen neuen Höhepunkt ihrer politischen Karriere erreichte Angela Merkel nach dem Rücktritt von Günther Krause als Landesvorsitzender der CDU MecklenburgVorpommern: Am 20. Juli 1993 wählte man sie mit 135 von 159 abgegebenen Stimmen zur Nachfolgerin. Nach der knapp von der CDU/CSU/ FDP-Regierungskoalition unter Helmut Kohl gewonnenen Bundestagswahl am 16. Oktober 1994 avancierte Angela Merkel zur „Ministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit“ Als Umweltministerin versuchte sie, konträre Auffassungen politisch zusammenzuführen. Beim im Frühjahr 1995 in Berlin tagenden UNOKlimagipfel mit etwa 1000 Delegierten aus 130 Ländern wirkte sie als Vorsitzende entscheidend am Zustandekommen eines verabschiedeten Papiers mit, das die Reduzierung aller Treibhausgase forderte. 1996 erhielt sie das „Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“. Angela Merkel hat sich auch als Buchautorin hervorgetan. Von ihr stammt das Werk „Der Preis des Überlebens. Gedanken und Gespräche über zukünftige Aufgaben der Umweltpolitik“ (1997). Bei der Bundestagswahl am 27. September 1998 stand Angela Merkel auf Platz 1 der CDU-Landesliste von Mecklenburg-Vorpommern. Wegen der Wahlniederlage ihrer Partei wurde sie am 26. Oktober 1998 als Bundesumweltministerin entlassen, blieb jedoch Abgeordnete im Bundestag. Der Fraktionschef der Union und designerte CDU-Parteichef Wolfgang Schäuble schlug Angela Merkel am 22. Oktober 1998 als Nachfolgerin von Peter Hintze für 146 das Amt der CDU-Generalsekretärin vor. Beim CDU-Parteitag am 7. November 1998 wurde sie mit 874 Ja- und 68 Nein-Stimmen in dieses verantwortungsvolle Amt gewählt. Damit war sie die erste Frau in dieser Funktion, in der sie vor allem die Menschen in Ostdeutschland für die Union zurückgewinnen wollte. Am 30. Dezember 1998 heiratete Angela Merkel in zweiter Ehe ihren langjährigen Lebensgefährten, den Professor für Chemie Joachim Sauer. An gemeinsamen Wochenende tanken die beiden in ihrer „Datscha“ an einem kleinen See in Hohenwalde östlich von Templin, mitten im Biosphären-Reservat SchorfheideChorin, neue Kraft. In ihrer knappen Freizeit liest Frau Merkel gerne, wandert und arbeitet im Garten. Bei der Aufarbeitung der Spendenaffäre der CDU machte die Generalsekretärin Angela Merkel eine gute Figur. Kurz vor Weihnachten 1999 ging sie als erste auf Distanz zum ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl und forderte ihre Partei auf, sich von dem Ehrenvorsitzenden zu lösen. Mutig nahm sie zu immer neuen Enthüllungen Stellung und forderte unermüdliche rigorose Aufklärung. Ihre Arbeit als Krisenmanagerin erntete allseits Respekt und Anerkennung. Im Politbarometer des „Zweiten Deutschen Fernsehens“ (ZDF) im März 2000 gelang Angela Merkel unter den zehn wichtigsten Politikern/innen in Deutschland der Sprung auf Platz zwei. Sie überflügelte damit den SPD-Politiker und Bundeskanzler Gerhard Schröder, der auf dem dritten Platz lag. Angeführt wurde die Liste von Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU). Am 10. April 2000 wurde Angela Merkel beim CDU-Parteitag in Essen mit überwältigender Mehrheit zur neuen Parteichefin gewählt. Zuvor hatte sie eine knapp einstündige Rede gehalten, nach der tausend CDU-Delegierte von ihren Stühlen sprangen, gut sieben Minuten lang applaudierten und be– geistert „Angie“ oder „Jetzt geht’s los“ riefen. In der CDU herrschte nach dem zermürbenden Spendenskandal wieder Aufbruchstimmung. 147 Alva Myrdal Schwedens große Sozialreformerin D ie erste Abrüstungsministerin der Welt und Schwedens bedeutendste Sozialreformerin war die Politikerin Alva Myrdal (1902– 1986), geborene Reimer. Auf ihre Anregung gehen zahlreiche soziale Errungenschaften ihres Heimatlandes zurück. Sie war die einzige Frau, die mehr als ein Jahrzehnt lang an der Genfer Abrüstungskonferenz teilnahm. Ihre Leistungen wurden mit dem „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ und mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt. Alva Reimer wurde am 31. Januar 1902 als ältestes von fünf Kindern des Bauunternehmers und aktiven Sozialdemokraten Albert Reimer sowie seiner Frau Lowa in Uppsala geboren. Ihr technikbegeisterter Vater gab ihr wegen seiner Wertschätzung für den amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison (1847– 1931) den männlichen Vornamen Alva. Die Familie Reimer wohnte jahrelang in Neubauten, die der Vater errichtet hatte, bevor sie sich bei Eskilstuna niederließ und nebenbei einen kleinen Bauernhof bewirtschaftete. Nach Abschluss der Hauptschule und einjährigem Besuch der Handelsschule arbeitete die 15-jährige Alva Reimer im Rechnungsamt der Stadt Eskilstuna als Kassiererin. Nebenbei lernte sie Englisch und las schwedische Literatur. 1919 begegnete die 17-jährige dem 21 Jahre alten Studenten Gunnar Myrdal (1898–1987). Sie bestand 1922 ihr Abitur und studierte Literaturgeschichte, nordische Sprachen und Religionsgeschichte in Stockholm. In jenem Jahr erlitt sie eine erste Fehlgeburt, der später weitere folgten. 1924 heiratete Alva Reimer den inzwischen am Stadtgericht Stock- 148 holm arbeitenden Juristen Gunnar Myrdal. 1927 kam ihr gemeinsamer Sohn Jan zur Welt. 1929 erhielten Alva und Gunnar ein Stipendium des Rockefeller-Instituts für einen Studienaufenthalt in den USA. Deswegen ließen sie ihren zweijährigen Sohn Jan bei den Großeltern zurück, mit dem sie später nie wieder einen innigen Kontakt fanden. Nach ihrer Rückkehr traten sie 1932 der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Schwedens“ bei. Zwischen 1932 und 1934 arbeitete Alva Myrdal in einem schwedischen Gefängnis. Bis 1934 studierte sie in Großbritannien, Deutschland, in den USA und in der Schweiz die Fächer Psychologie, Pädagogik, Philosophie und Statistik. 1934 gebar sie ihre Tochter Sissela und promovierte sie in Pädagogik. Heftig diskutiert wurde Alva und Gunnar Myrdals 1934 publiziertes Buch „Kris i befolkningsfragen“ (1934, „Krise der Bevölkerungsfrage“), das in die Annalen der Sozialwissenschaften einging. Die beiden Autoren unterbreiteten darin Vorschläge zur Reformierung der Gesellschaft in Schweden, wo die Geburtenziffern drastisch zurückgegangen waren und eine Überalterung drohte. Ab 1935 erstellte Alva Myrdal für die schwedische Regierung fundier- te Sachverständigengutachten in Erziehungsfragen. Seit dieser Zeit arbeitete sie in nationalen und internationalen Frauenverbänden in leitender Funktion mit und war Mitglied vieler Kommissionen für Erziehungsreform, Jugendfürsorge und Versorgung von Invaliden. Die Interessen von Alva Myrdal galten den Kindern sowie der Doppelrolle von Frauen und Müttern. Schon in den 1930-er Jahren sagte sie mit Blick auf die wachsende Industriegesellschaft voraus, Frauen müssten wachsenden Anteil an dem bis dahin vornehmlich „männlichen“ Berufsleben haben, es gelte rechtzeitig neue Voraussetzungen für Haus und Familie zu schaffen. Sie setzte sich für Veränderungen ein, die sozialistische – nach Auffassung ihrer Kritiker sogar kommunistische – Züge trugen. Unter Alva Myrdals Leitung entstanden in Schweden die ersten Elternkurse, die das mangelnde Verständnis für hochbegabte Kinder mildern sollten. Außerdem regte sie Kollektivheime mit hotelartigen Serviceleistungen an, in denen kinderreichen Familien ein großer Teil der Hausarbeit abgenommen werden sollte. Damit wollte sie Frauen gleichzeitig Mutterschaft und Berufstätigkeit ermöglichen. Zudem gründete sie in Stockholm das erste 149 sozialpädagogische Seminar zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen. 1936 brachte Alva Myrdal ihre Tochter Kaj zur Welt und erschien ihre Schrift „The Missing Father“ („Der fehlende Vater“). Von 1936 bis 1948 war sie Direktorin des von ihr gegründeten „Sozialpädagogischen Seminars“ in Stockholm. Außerdem wirkte sie von 1936 bis 1938 und von 1940 bis 1942 als Präsidentin der schwedischen Landesvereinigung berufstätiger Frauen und von 1938 bis 1947 als Präsidentin des „Internationalen Bundes berufstätiger Frauen“. 1938 erhielt Gunnar Myrdal einen Forschungsauftrag der amerikanischen Carnegie-Stiftung: Er sollte die „Negerfrage“ in den USA analysieren und praktische Lösungsvorschläge erarbeiten. Seine Frau folgte ihm mit den drei Kindern und half ihm bei der Arbeit. 1940 kehrte das Ehepaar nach Schweden zurück, 1941 ging es erneut in die USA. 1944 erschien Alva Myrdals wichtiges Werk „Folk och familje“. 1945 lehnte Alva Myrdal eine Nominierung zur Erziehungsministerin in Schweden ab. Im selben Jahr wurde ihr Mann schwedischer Handelsminister. 1946 verzichtete Alva aus famililären Gründen dar- auf, Direktorin der „United Nations Educational Scientific and Cultural Organization“ (UNESCO) zu werden. 1947 wechselte die Familie nach Genf, wo Gunnar als Chef der Wirtschaftskommission der „United Nations“ (UN) tätig war. 1949 ging Alva Myrdal ohne ihre Familie nach New York, um dort den dritthöchsten Posten der UN als Direktorin des „Sozialen Amtes“ anzutreten. Sie ließ ihren Mann Gunnar sowie die von einem schwedischen Kindermädchen betreute 15-jährige Tochter Sissela und den 13-jährigen Kaj in Genf zurück. Der Sohn Jan führte damals bereits sein eigenes Leben. Von 1951 bis 1955 arbeitete Alva Myrdal als Direktorin der Abteilung für Sozialwissenschaften der UNESCO in Paris. Nun war sie nur noch „eine Nachtzugfahrt“ von ihrer Familie in Genf entfernt. Von 1955 bis 1961 wirkte sie als schwedische Botschafterin in Indien, Ceylon, Birma und Nepal. Während der Sommermonate lebte sie bei ihrem Mann in Europa und dieser besuchte sie in den Zwischenzeiten. Von 1962 bis 1970 gehörte Alva Myrdal dem schwedischen Reichstag an. Zwischen 1962 und 1973 nahm sie als einzige Frau unter 67 Männern an der Genfer Abrüstungs- 150 konferenz teil. 1964 entwickelten Alva und Gunnar Myrdal die Idee für das „Internationale Institut für Friedensforschung“ (SIPRI), das 1966 eröffnet wurde. Von 1967 bis 1973 war Alva Ministerin für Ab– rüstungsfragen und von 1969 bis 1973 Ministerin für kirchliche Angelegenheiten. 1970 bekamen Alva und Gunnar Myrdal den „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“. 1973 ging Alva in Pension. 1974 erhielt Gunnar Myrdal zusammen mit Friedrich von Hayek den „Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften“. Im Dezember 1982 verlieh man Alva Myrdal und dem mexikanischen Diplomaten Alfonso Garcia Robles den Friedensnobelpreis. Mit dem Friedensnobelpreis ist ihr Engagement für die atomare Abrüstung gewürdigt worden. Sie war die siebte Frau, der man diese Auszeichnung zusprach. 1984 musste Alva Myrdal wegen eines Hirntumors, dessen Wachstum mehrere Operationen nicht stoppen konnten, ihre Arbeit aufgeben und in ein Alterspflegeheim ziehen. Sie litt ständig an Kopfschmerzen und verlor ihr Sprachvermögen und -verständnis. Am 1. Februar 1986 starb sie im Alter von 84 Jahren in Stockholm. Ihr erstgeborener Sohn Jan, der seit mehr als 15 Jahren ihre Briefe nicht beantwortete, erschien nicht zu ihrer Beerdigung. Die Tochter, Sissela Bok, würdigte die Mutter in dem Buch „Alva – Ett Kvinnoliv“ („Alva – ein Frauenleben“, 1988). Claudia Nolte Die jüngste Ministerin einer Bundesregierung A ls jüngstes Kabinettsmitglied in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist 1994 die 28-jährige Claudia Nolte, geborene Wiesemüller, vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl in sein Kabinett geholt worden. Die Politikerin der Christlich-Demokratischen Union (CDU) wurde in jenem Jahr Bundesministerin für Frauen, Jugend, Familie und Senioren. 151 Claudia Wiesemüller kam am 7. Februar 1966 als Tochter eines Diplom-Landwirts und einer Maschinenbau-Ingenieurin in Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) zur Welt. Von 1972 bis 1982 besuchte sie die Polytechnische Oberschule in Rostock. Danach begann sie eine Lehre als Elektronikfacharbeiterin. 1985 machte sie ihr Abitur, das ihr vorher verwehrt wurde, weil sie nicht an der in der früheren Deutschen Demokratischen Republik (DDR) üblichen Jugendweihe teilgenommen hatte. Zwischen 1985 und 1990 studierte Claudia Wiesemüller Automatisierungstechnik und Kybernetik an der „Technischen Hochschule Ilmenau“ in Thüringen. Während ihres Studiums fungierte sie als Erste Sprecherin der Katholischen Studentengemeinde, bevor sie im Herbst 1989 der Bürgerrechtsbewegung „Neues Forum“ (NF) beitrat. 1990 schloss sie ihre Ausbildung mit einem Diplom ab und wurde wissenschaftliche Mitarbeiterin der TH Ilmenau. Am 3. Februar 1990 trat Claudia Wiesemüller in die Christlich-Demokratische Union von Thüringen ein und kam in den Kreisvorstand der CDU von Ilmenau sowie den der „Jungen Union“ (JU). Bereits zwei Wochen nach ihrem Eintritt in die CDU wurde sie als Kandidatin für die Volkskammer nominiert. Damals meinte sie, die Volkskammer sei ihr eine Nummer zu groß, konnte aber durch Parteifreunden davon überzeugt werden, dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Am 18. März 1990 erkämpfte sich Claudia Wiesenmüller bei der letzten Volkskammerwahl der ehemaligen DDR ein Mandat. Danach arbeitete sie in der gemeinsamen Fraktion von CDU und „Deutschem Aufbruch“ (DA) als „Obfrau für Jugend und Sport“ mit. Im April 1990 heiratete sie den DiplomIngenieur Rainer Nolte. Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 war Claudia Nolte Spitzenkandidatin der Thüringer CDU und gewann das Direktmandat für die Rennsteig-Region (Wahlkreis 307, Suhl, Schmalkalden, Ilmenau, Neuhaus). Bereits am 3. Oktober 1990 – sie gehörte zu den 144 Volkskammerabgeordneten, die in den Bundestag delegiert wurden – wurde sie als 24-Jährige die jüngste Bundestagsabgeordnete in der Geschichte der Bunderepublik Deutschland. Hierzu sagte sie: „Ich hab’ mich halt getraut, und ich bereue es nicht“. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion übertrug Claudia Nolte im Januar 1991 den Vorsitz über die neu eingerichtete „Arbeitsgruppe Frau- 152 en und Jugend“. Im Oktober 1991 kam ihr Sohn Christoph zur Welt. Von 1991 bis 1994 gehörte Claudia Nolte dem CDU/CSU-Fraktionsvorstand an und war frauen- und jugendpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Während dieser Legislaturperiode zählte sie bei der Diskussion um die Neuregelung des Abtreibungsparagraphen 218 zu den strikten Abtreibungsgegnern. Außerdem hielt sie starre Frauenquoten für überflüssig. Als Abgeordnete des Bundestages lebte und arbeitete Claudia Nolte durchschnittlich zwei Wochen im Monat in Bonn, während der restlichen Zeit hielt sie sich in ihrem Wahlkreis und bei ihrer Familie in Ilmenau auf. In ihrem Wohnort unterhielt sie ein Bürgerbüro und stellte sich den drängenden und häufig verzweifelten Fragen der Menschen. In der Landespolitik arbeitete sie bis 1994 als Mitglied des CDU-Landesvorstandes und Vorsitzende des Landesfachausschusses der CDU Thüringen. Nach der Bundestagswahl am 16. Oktober 1994 kehrte Claudia Nolte über ihr gewonnenes Direktmandat in das Bonner Parlament zurück. Am 18. November 1994 stieg sie im fünften Kabinett von Bundeskanzler Helmut Kohl zur Bundesministerin für Familie, Senioren, Frau- en und Jugend auf. Damit übernahm sie die Aufgaben, die sich in der vorangegangenen Legislaturperiode Hannelore Rönsch (Familien und Senioren) und Angela Merkel (Frauen und Jugend) geteilt hatten. Die überraschende Berufung der jungen Frau und Mutter in die Regierung bewog die Presse zu allerlei Spekulationen über die Beweggründe des Bundeskanzlers. In diesem Zusammenhang wurde auf den „konservativen Ruf“ der Ministerin verwiesen und auf die besondere Gunst von Helmut Kohl, der in Claudia Nolte seine Vorstellung von einem jungen Menschen verkörpert sah. In ersten Erklärungen präsentierte sie sich als undogmatisch. Als Ministerin setzte sich Claudia Nolte vor allem für den Ausbau des Kindergeldes und den steuerlichen Kinderfreibetrag ein. Sie forderte die Bestrafung von Vergewaltigung in der Ehe und machte bei ihrem offiziellen Auftritt vor der Weltfrauenkonferenz in Peking einen guten Eindruck, als sie dort unter ausdrücklicher Erwähnung Chinas die „uneingeschränkte Achtung der Menschenrechte“ verlangte. Außerdem engagierte sie sich für die für Rückkehr der Frauen in den Beruf und sagte der Kinderpornographie den Kampf an. 153 Die „Blitzkarriere“ von Claudia Nolte erreichte im Herbst 1996 einen weiteren Höhepunkt: Am 21. Oktober 1996 wurde sie in das Präsidium der Bundes-CDU gewählt. Sie erreichte mit 79,2 Prozent der Stimmen das zweitbeste Ergebnis. Für sie musste der rheinland-pfälzische Politiker Johannes Gerster seinen Platz in diesem Gremium räumen. Im Mai 1997 rief Claudia Nolte in Bonn die Ständige Familienkonferenz ein, die die Interessen von Familien in der Gesellschaft stärken sollte. Im Rahmen der Aktion „Initiative gefragt – Frauen gefragt“ forderte sie im Juli 1997 in Bonn Frauen, Männer, Organisationen und Betriebe dazu auf, Ideen für eine bessere Praktizierbarkeit von Gleichberechtigung zu sammeln. Mitte März 1999 berichtete die Presse, Claudia Nolte habe sich von ihrem Mann getrennt. Zu den Gründen für diesen Entschluss wollte sich die 33-Jährige nicht äußern. Seit Januar 1999 arbeitet sie als Beauftragte der CDU/CSU-Fraktion für die Belange der Behinderten. Eva („Evita) Perón Die Frau, die in Argentinien zur Legende wurde A rgentiniens am meisten verehrte Politikerin war die Sängerin, Rundfunksprecherin, Filmschauspielerin und Präsidentengattin Eva („Evita“) Perón (1919– 1952), geborene Eva María Ibargu- ren. Als „First Lady" tat sie sich als Vorkämpferin für die sozialen Rechte der Besitzlosen und für die politischen Rechte der Frauen in Argentinien hervor. Sie starb früh an einer unheilbaren Krankheit. 154 Eva María Ibarguren erblickte am 7. Mai 1919 als eines von fünf unehelichen Kindern des Landwirts Juan Duarte und seiner Geliebten Juana Ibarguren in Los Toldos (Provinz Buenos Aires) das Licht der Welt. Ihr Vater hatte nebenher noch eine „richtige“ Familie mit seiner Ehefrau. Eva nahm später den Familiennamen Duarte ihres Vaters an. Der Vater, der die Mutter und die gemeinsamen Kinder finanziell unterstützt hatte, starb, als Eva sechs Jahre alt war. Danach erlebte sie eine entbehrungsreiche Kindheit. Nur vorübergehend besuchte sie eine höhere Schule in Junin. Mit zwölf versprach Eva ihrer Schwester: „Ich werde Schauspielerin oder Präsidentin“. Sie sah sich im Kino drei Filme hintereinander an, schnitt aus Zeitschriften die Storys über Stars aus und aß wenig, weil sie nicht so dick wie ihre mollige, jedoch vitale Mutter werden wollte. Im Alter von 17 Jahren zog Eva Duarte mit dem Tangosänger Magaldi in die argentinische Hauptstadt Buenos Aires. In der Folgezeit hatte sie zahlreiche Liebhaber. Ihr Debüt auf der Bühne feierte sie als Dienstmädchen in einem Theaterstück, in dem ihr erster Satz lautete: „Es ist serviert“. Danach hörte man Eva Duarte am Nachmittag in Seifenopern des Rundfunks, bei denen meistens arme Dienstmädchen vom Lande den Sohn ihres Herrn eroberten. Ihre schrille und gebrochene Stimme brachte die armen Frauen zum Weinen und die reichen zum Lachen. Es folgten Auftritte in Werbespots, Reklamefotos und Berichte in Klatschmagazinen. Im September 1942 meldete eine Zeitschrift, „die berühmte Schauspielerin Eva Duarte“ werde die Hauptrolle in einer Programmreihe von Radio Belgrano übernehmen und große Frauen der Weltgeschichte spielen. Dies bedeutete den Durchbruch, die Serie entwickelte sich zur Kultsendung, und Eva Duarte, die sich jetzt „Evita“ nannte, erlangte nationalen Ruhm. Bei einer Kundgebung im Februar 1944 zugunsten von Erdbebenopfern begegnete die 24-jährige Eva Duarte dem damals doppelt so alten verwitweten Oberst Juan Domingo Perón (1895–1974), der eine Vorliebe für frühreife Mädchen hatte. Seine Geliebte vor „Evita“ war minderjährig. Später behauptete er, Eva sei dünn gewesen, habe dünne Beine und dicke Fesseln gehabt, nicht ihr Äußeres, sondern ihre Güte habe ihn angezogen. Bei einer Staatskrise im Jahre 1945 verlor Perón sein Amt als Vizepräsi- 155 dent, Kriegs- und Arbeitsminister. Man sperrte ihn ein, und „Evita“ durfte nicht mehr in Rundfunksendungen auftreten. Dagegen liefen die Arbeiter Sturm und sangen auf den Straßen „Oligarcas a otra parte, viva el macho de Eva Duarte“ („Weg mit den Oligarchen, es lebe der Mann von Eva Duarte“). Neun Tage nach Peróns Absetzung legten Hunderttausende bei einem Generalstreik die Arbeit nieder, bis der freigelassene Gefangene zu ihnen sprach. Weihnachten 1945 heiratete der 50 Jahre alte Juan Domingo Perón die 26jährige Eva Duarte. Im Mai 1946 wurde „Evita“ durch die Wahl ihres mittlerweile zum General beförderten Gatten zum Präsidenten zur „First Lady“ Argentiniens. Von da ab wuchs ihr politischer Einfluss in zunehmendem Maße. Mit diktatorischen Mitteln betrieb Juan Domingo Perón eine Politik des sozialen Ausgleichs mit Umverteilung von oben nach unten. Außerdem förderte er die Industrialisierung und Nationalisierung der Wirtschaft. Presse- und Meinungsfreiheit legte er massive Einschränkungen auf. Das Herrschaftsmodell der Peróns wurde unter anderem als Sozialfaschismus bezeichnet. Ungeachtet der Proteste konservativer Kreise und des großen Unbehagens in der Armee kämpfte Eva Perón für die sozialen Rechte der Besitzlosen in Argentinien, der so genannten „Descamisados“ („Hemdlosen“). Außerdem tat sie sich als Vorkämpferin für die politischen Rechte der Frauen hervor. Kurz vor ihrer Europareise im Sommer 1947 forderten Eva Peróns politische Gegner ihren Rücktritt von allen Ämtern. In Spanien wurde sie von Staatschef General Francisco Franco (1892–1975) empfangen. Die Peróns hatten immer eine gefährliche Nähe zu den Faschisten. In Rom gewährte Papst Pius XII. (1876–1958) „Evita“ eine Sonderaudienz. Eva Perón gründete ein soziales Hilfswerk, das durch den Bau von zahlreichen Sanatorien, Krankenhäusern, Altersheimen, Schulen, Kinderheimen und Ferienkolonien in Argentinien beispiellos war. Außerdem schenkte sie den Frauen das Wahlrecht, errichtete Frauenzentren und Zufluchtsheime für Dienstmädchen und hob die Frauenpartei „Partido Perónista Femenino“ aus der Taufe. Die Frauenpartei und die Gewerkschaft CGT wurden zu wichtigen Stützen der Peróns. Als Gegenleistung wurde ihnen widerspruchslose Gefolgschaft abverlangt. Die Methoden, mit denen „Evita“ Spenden eintrieb, waren teilweise etwas zweifelhaft. Wer nicht freiwillig gab, wurde massiv bedroht und diffamiert. Andererseits galt „Evita“ als sehr verschwendungssüchtig. Sie erklärte dies unter anderem damit, sie habe der Oberschicht deutlich machen wollen, dass auch Bauernmädchen mit Stil Garderobe von Dior tragen könnten. Vor allem für Schmuck gab sie bzw. der Staat ein Vermögen aus. Auf Drängen der Gewerkschaften erklärte sich Eva Perón Mitte August 1951 dazu bereit, bei den Präsidentenwahlen am 11. November 1951 für das Amt des Vizepräsidenten zu kandidieren. Doch am 31. August 1951 teilte sie im Rundfunk die Rücknahme ihrer Kandidatur mit. Am 29. September 1951 meldete ein ärztliches Bulletin eine ernstliche Erkrankung „Evitas“ infolge fortgeschrittener Anämie. Mitte Oktober 1951 erschienen Eva Peróns Lebenserinnerungen unter dem Titel „Der Sinn meines Lebens“ in einer Auflage von 300000 Exemplaren, der höchsten, die bis dahin ein Buch in spanischer Sprache erreicht hatte. Das Werk verherrlichte die Person des Präsidenten Juan Domingo Perón und sein Regime. Anfang 1952 verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Er- krankten zunehmends. Am 26. Juli 1952 erlag Eva Perón im Alter von nur 33 Jahren in Buenos Aires an Unterleibskrebs, was in Argentinien große Trauer auslöste. Am Abend von „Evitas“ Todes kam es aber auch vor, dass Angehörige der Oberschicht Champagnerflaschen köpften, während das Hauspersonal mit den Tränen kämpfte. Zu Ehren der Verstorbenen wurde die Stadt La Plata in „Eva Perón“ umbenannt. Man bestattete die Tote provisorisch im Hauptquartier der Gewerkschaften und plante ihre Überführung in ein gewaltiges Mausoleum. Letzterer Plan scheiterte allerdings wegen Juan Domingo Peróns Sturz im Jahre 1955. Danach entfernte man den Leichnam aus dem Hauptquartier der Gewerkschaften und hielt seinen Verbleib geheim, da Eva Perón über ihren Tod hinaus politische Bedeutung besaß. 1959 schilderte der deutsche Schriftsteller Jürgen Thorwald in seinem Bericht „Aller Ruhe auf Erden“ die letzten Lebenswochen von Evita Perón. Demnach war die Ehe „Evitas“ mit Perón längst zerrüttet und wurde nur nach außen hin als intakt dargestellt. Nachdem sie sich schon längere Zeit nur noch durch Reizgifte aufrechterhielt, hat eine Untersuchung durch internatio- nal anerkannte Spezialisten die Bestätigung der unheilbaren, weit fortgeschrittenen Krebserkrankung gebracht. Am 3. September 1971 wurde die Leiche Eva Peróns auf Anordnung der argentischen Regierung nach Madrid, dem Wohnsitz des Exdiktators, überführt. Dies bewog den perónistischen Gewerkschaftsverband CGT, zu einem Gedächtnisstreik aufzurufen, der jedoch verboten wurde. Danach lag „Evita“ 16 Jahre lang unter falschem Namen auf einem Friedhof in Italien. 21 Jahre nach dem Tod von Eva Perón hörte Tim Rice im Autoradio einen Bericht über Juan Domingo Perón. Dabei kam er auf die Idee, ein Musical über das Leben „Evitas“ zu schreiben, zu dem Andrew Lloyd Webber die Musik komponierte. 1997 wurde dieses Musical mit den Superstars Madonna und Antonio Banderas verfilmt. Auch in Argentinien setzte ein erneuter „Evita“-Boom ein, der die problematischen Seiten der Regierungsweise der Peróns in Vergessenheit geraten ließ. Isabel Perón Die erste Präsidentin Argentiniens A rgentiniens und zugleich auch Lateinamerikas erste Präsidentin wurde Isabel („Isabelita“) Perón, geborene Maria Estela Martinez. Die dritte Frau des Präsidenten Juan Domingo Perón (1895– 1974) hatte nach dessen Tod verfassungsgemäß die Nachfolge übernommen. Nach ihrer Absetzung durch einen Militärputsch stand sie jahrelang unter Hausarrest und machte man ihr den Prozess. Sie 158 musste jedoch die gegen sie verhängte Gefängnisstrafe nicht verbüßen, sondern durfte nach Spanien ausreisen. Maria Estela Martinez wurde am 4. Februar 1931 als sechstes Kind eines Bankfilialleiters in La Rioja, mehr als 1200 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires, geboren. Nach sechs Jahren Volksschule besuchte sie einen Französischkurs und lernte das Klavierspielen. Mit einem Diplom des „Ibero-Amerikanischen Kulturinstituts“ wandte sie sich danach dem Tanz zu. Als 20Jährige schloss sie sich dem Ballett des „Teatro National Cervantes“ an und trat unter dem Pseudonym „Isabel“ oder „Isabelita“ auf. Auf einer ihrer Tourneen begegnete Isabel 1956 im Nachtclub „Happyland“ von Colon in Panama dem 1955 gestürzten Diktator Juan Domingo Perón, der damals die erste Exilzeit in Panama-Stadt verbrachte. Die kleine, schlanke und blonde 25-jährige Tingeltangel-Tänzerin wurde dem 60 Jahre alten ExilPolitiker von dessen Leibwächter José López Rega vorgestellt. Perón engagierte Isabel als Sekretärin und diese begleitete ihn in sein Exil nach Madrid, wo sie 1961 seine dritte Frau wurde. Von Anfang an versuchte Juan Domingo Perón, Isabel so zu beein- flussen, dass sie seiner verstorbenen zweiten Ehegattin Eva („Evita“) Perón (1919–1952) in Sprache, Auftreten, Kleidung und Make-up ähnelte. Doch Perónisten, die beide Frauen kannten, versicherten, Isabel habe nicht das geringste mit ihrer legendären Vorgängerin gemein. Anders als „Evita“ wurde Isabel zu Lebzeiten ihres Gatten politisch nicht aktiv. Letzterer setzte sie nur Ende 1965 dazu ein, rivalisierende Fraktionen seiner Anhänger zur Räson zu bringen. Als General Alejandro Lanusse 1972 mit seinem Militärregime keinen Ausweg mehr aus den inneren politischen Wirren Argentiniens wusste, ließ er Peróns Statthalter, den Zahnarzt Hector Cámpora (1909–1980) wieder zur Wahl zu. Nach dem großen Wahlerfolg der Perónisten am 11. März 1973 und dem Rücktritt des Interims-Präsidenten Cámpora am 13. Juli 1973 wurde General Perón selbst zum Präsidentschaftskandidaten der „Frente Justicialista“ gewählt. Isabel Perón nominierte man als Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin, um personalpolitische Streitigkeiten innerhalb der in zahlreiche Flügel gespaltenen Perónisten zu vermeiden. Am 23. September 1973 wurden General Juan Domingo Perón und 159 seine Frau Isabel mit 61,28 Prozent der gültigen Stimmen als Präsident bzw. Vizepräsidentin der Republik Argentinien gewählt. Die Amtszeit der beiden begann am 12. Oktober 1973. Als Perón Ende Juni 1974 schwer erkrankte, übernahm Isabel die argentinische Präsidentschaft. Nach dem Tod des 78-jährigen Perón am 1. Juli 1974 trat die Witwe verfassungsgemäß seine Nachfolge an. Der politische Stil Isabels wurde von ihrem Privatsekretär und Wohlfahrtsminister José López Rega bestimmt. Der ehemalige Polizeiunteroffizier trug wegen seiner hellseherischen Fähigkeiten den Spitznamen „Der Hexer“ und zog die gläubige Katholikin Isabel in den Bann okkulter Praktiken. Er galt als jahrelanger Vertrauter der Peróns seit den Exiltagen und man sagte ihm auch private Beziehungen zur Präsidentin nach. In der Folgezeit trat die Polarisierung zwischen den konservativen und linken Perónisten, die unter Peróns Namen einen radikalsozialistischen Staat marxistischer Prägung anstrebten, offen zutage. Isabel Perón, die nicht das Charisma und die Integrationskraft von Eva Perón besaß, konnte diese Gegensätze nicht überbrücken. Der Konflikt zwischen den extremistischen Flügelspitzen eskalierte in einer Serie politischer Morde und Terrorakte. Im Juli 1975 wurde unter dem Druck der Gewerkschaften und der Militärs die „graue Eminenz“ der Perónisten und der „böse Geist“ Isabel Peróns, José López Rega, aus seinen Ämtern entfernt. Aber der Zerfall innerhalb des Perónismus war dadurch nicht mehr aufzuhalten. Rega verschwand später mit Millionenbeträgen und wurde von Interpol gesucht. Ungeachtet wiederholter Nervenkrisen, offenkundiger Unfähigkeit, die öffentliche Ordnung zu sichern und den drohenden wirtschaftlichen Niedergang zu verhindern, weigerte sich Isabel Perón, als Präsidentin zurückzutreten. Auch der misslungene Putschversuch eines Teils der Luftwaffe im Dezember 1975 und die Verwicklung in Korruptionsaffären konnten sie nicht umstimmen. Sie erklärte, sie werde ihr Amt nie kampflos zur Verfügung stellen, man müsse sie schon auf der „Plaza de Mayo“ aufhängen. Während der Regierungszeit Isabel Peróns sind sechs Wirtschafts-, sechs Innen- und vier Außenminister von ihrem Amt zurückgetreten. Im Februar 1976 verzichtete sie auf eine neue Präsidentschaftskandidatur. Im Frühjahr 1976 wurde sie von 160 einer Militärjunta unter Führung von General Jorge Rafael Videla gestürzt und unter Hausarrest gestellt. Als man die völlig ahnungslose argentinische Präsidentin am 24. März 1976 nach der Tagesarbeit zu einem Hubschrauber geleitete, glaubte sie, man würde sie – wie sonst üblich – auf ihren Landsitz „San Vicente“ bringen. Doch ein Offizier erklärte ihr: „Senora, Sie sind verhaftet, die von ihnen geführte Regierung besteht nicht mehr, das Militär hat die Macht übernommen.“ Dann wurde Isabel Perón nach San Carlos de Bariloche, einen Ort in den Anden etwa 1500 Kilometer südöstlich von Buenos Aires gelegen, geflogen. In San Carlos de Bariloche musste Isabel Perón unter Bewachung im Erholungsheim der Luftwaffe, „El Messidor“, den Verlauf der gegen sie eingeleiteten gerichtlichen Schritte abwarten. Aus Sicherheitsgründen durfte sie sich nur in dem dreistöckigen Gebäude bewegen und nicht einmal den Balkon betreten. Abgesehen vom Personal war ihre Haushälterin Rosario, die sie 1960 in Madrid kennen gelernt und später mit nach Argentinien genommen hatte, ihre einzige Begleitung. Sonst waren noch Peróns drei Hunde und Wächter um sie. Im April 1976 hat man Isabel Perón sowie anderen führenden Perónisten die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt, die unbefristete Internierung der Ex-Präsidentin verfügt und ihr die Verfügungsgewalt über ihr Vermögen entzogen. Im Oktober 1976 quartierten die argentinischen Militärs die Perón-Witwe im Gästehaus des Marine-Stützpunkte Azul – etwa 300 Kilometer südlich von Buenos Aires – ein. Im September 1977 wurde gegen Isabel Perón der Prozess eröffnet. Während ihres Aufenthaltes in Azul litt sie häufig unter Anfällen von Depression, bis man sie im August 1978 auf Peróns Landsitz in San Vicente nahe Buenos Aires verlegte. Auf dem sechs Hektar großen Areal stand sie weiterhin unter Hausarrest und wurde zunächst von Soldaten und später von Polizisten bewacht. Zeitweise machten ihr auch Magengeschwüre zu schaffen. Der Prozess gegen Isabel Perón endete im März 1981 mit einer Gefängnisstrafe wegen „Veruntreuung öffentlicher Gelder und betrügerischer Verwaltung“. Dabei ging es um Schmuck, der auf Staatskosten gekauft sowie um einen Scheck über 31,5 Millionen Pesos, der ihrem Privatkonto gutgeschrieben wurde. Die 50-Jährige musste aber 161 die Strafe nicht absitzen. Anfang Juli 1981 verurteilte man Isabel Perón in einem weiteren Verfahren zu einer Gesamtstrafe von sieben Jahren und elf Monaten Freiheitsentzug, entließ sie jedoch mit Rücksicht auf den langen Hausarrest in „bedingte Freiheit“. Noch im Juli 1981 reiste Isabel Perón in Begleitung der mit ihr befreundeten Pilar Franco, der Schwester des früheren spanischen Diktators Franco (1892–1975), nach Madrid, wo sie fortan in der fürstlichen Villa ihres verstorbenen Mannes im Puerta de Hierro wohn- te. Im September 1983 ist sie von der Militärjunta offiziell begnadigt worden und hat auch ihre bürgerlichen Ehrenrechte zurückerhalten. Ebenfalls im September 1983 ernannte man sie zur Präsidentin der perónistischen Partei. Bei den Präsidentschaftswahlen am 30. Oktober 1983 kandidierte Italo Luder für die Perónisten, unterlag aber deutlich. Wahlsieger wurde die „Radikale Bürgerunion“ mit dem Kandidaten Raul Alfonsin. Im Dezember 1983 kehrte Isabel Perón nach Argentinien zurück, betätigte sich aber nicht mehr politisch. Irene Pivetti Italiens jüngste Parlamentspräsidentin M it ihrer Wahl zur jüngsten Parlamentspräsidentin Italiens sorgte 1994 die 31-jährige Politikerin Irene Pivetti europaweit für Aufsehen. Bei ihrer Antrittsrede verkündete sie, sie wolle ihr „Wirken, auch die Geschicke des Landes, Gott anvertrauen, der die Geschicke aller Staaten und der Geschichte lenkt“. Die radikalka- 162 tholische Parlamentspräsidentin erhielt die Spitznamen „die heilige Johanna der Zweiten Republik“ und „Päpstin Irene“. Irene Pivetti wurde am 4. April 1963 als älteste von zwei Töchtern eines Regisseurs von christlichen Theaterstücken und einer Schauspielerin in Mailand geboren. Sie war bereits als kleines Kind sehr dickköpfig. Schon als Vierjährige sagte sie häufig: „Ich will wollen“. Ihr spartanisches und stets aufgeräumtes Zimmer nannte man zu Hause „die Mönchszelle“. Zunächst besuchte Irene Pivetti die kirchlich geleitete Schule „Liceo Madri Benedettine“ und machte dort das Abitur. Anschließend studierte sie moderne Sprachen und Literatur an der Katholischen Universität in Mailand. Während ihres Studiums lernte sie vier Sprachen, wurde im katholischen Studentenverband „Federazione Universitazi Cattolicy Italiani“ (Fuci) aktiv und kämpfte sich dabei resolut nach vorn, was ihr den Spottnamen „Herkuline“ einbrachte. Ihr Studium schloss sie mit der Promotion zum „Doktor der Philosophie“ ab. Den Start ins Berufsleben begann Irene Pivetti als Redakteurin eines Lexikons, das ihr Großvater Aldo Gabrielli herausgab. Danach arbeitete sie als Journalistin und Lektorin für verschiedene katholische Medien und Buchverlage der Mailänder Diözese. Sie schrieb mehrere Bücher in italienischer Sprache für die Verlage Mondadori, Reader’s Digest und Motta. 1986 wurde Irene Pivetti Mitglied im italienischen Journalistenverband. Mehrere Jahre arbeitete sie bei dem Radiosender der katholischen Gemeinde Mailand „Radio A“ und bei verschiedenen Tageszeitungen. Irene fungierte als Chefredakteurin der Monatszeitschrift „Identia“ sowie als Mitarbeiterin bei der Tageszeitung „Indipendente“ und der Wochenzeitschrift „Italia Settimanale“. Außerdem engagierte sich Irene Pivetti in der katholischen Kirche. Sie wurde in der Laienbewegung aktiv, gehörte zu den Gründern der Bewegung „Dialogo e Rinnovamento“ und war Mitglied des Nationalrates des katholischen Arbeitnehmerverbandes „Associazioni Cristiane Dei Lavoratori Italiani“ (ACLI.) Als 25-Jährige heiratete Irene Pivetti einen linkskatholischen Kommilitonen. Ihre erste Ehe wurde von der Sacra Rota des Vatikans annulliert. Zu Beginn des Jahres 1990 setzte sie sich in einem Artikel für die „Lega Lombarda“ („Lega Nord“) ein, bekam Kontakt mit „Lega“- 163 Chef Umberto Bossi und schloss sich seiner politischen Bewegung an. In der „Lega Nord“ leitete sie den Katholischen Beirat. Im Wahlkampf 1992 prägte Irene Pivetti den Aufsehen erregenden Slogan „Deine Seele für Gott, Deine Stimme für Bossi“. Bei den Parlamentswahlen im April 1992 erstritt die „Lega Nord“ 55 Sitze in der Abgeordnetenkammer, einen davon erhielt Irene Pivetti. Anfangs arbeitete sie vor allem im Sozialausschuss der Kammer mit. Während der Legislaturperiode von 1992 bis 1994 wirkte die Abgeordnete Irene Pivetti bei der Einbringung von 16 Gesetzentwürfen und mehr als 100 Anfragen mit. Bei Besuchen der verschiedenen Regionen des Landes erläuterte sie die Programme und Ideen der „Lega Nord” auf zahlreichen Wahlveranstaltungen. Die unter anderem als „lombardische Jeanne d’Arc“ und als „verkappte katholische Fundamentalistin“ bezeichnete Politikerin sorgte mehrfach für Aufregung. Beispielsweise warf sie dem relativ liberalen Mailänder Kardinal Martini vor, er führe seine Diözese wie eine In– dustrieholding. Dagegen lobte sie den konservativen deutschen Kurienkardinal Joseph Ratzinger. Außerdem trat sie als strikte Abtrei- bungsgegnerin auf und meinte, ein guter Katholik könne nicht immer jedem das Recht zugestehen, für seine Religion einzutreten. Am 27. März 1994 erkämpfte das Rechtsbündnis von Silvio Berlusconis „Forza Italia“, der neofaschistischen „Allianz“ und der „Lega Nord“ bei den Parlamentswahlen mit 366 von 630 Mandaten die Mehrheit in der Abgeordnetenkammer. Außerdem erreichte das Bündnis im Senat 155 von 315 Sitzen. Irene Pivetti wurde für die Wahlbezirke Lombardei/Mailand mit 53 Prozent der Stimmen wieder in die Abgeordnetenkammer gewählt. Nach der Konstituierung des neuen Parlaments ging Irene Pivetti im zweiten Wahlgang mit 347 von 617 Stimmen als neue Präsidentin der Abgeordnetenkammer hervor. In ihrer Antrittsrede sicherte sie zu, sie wolle neutral über den Parteien stehen, bekannte sich jedoch gleichzeitig zu ihren konservativen religiösen Anschauungen. Auf die im italienischen Parlament übliche Anrede „Onorevole“ („Ehrenwerter“) verzichtete sie. Bald nach ihrer Wahl zur Präsidentin der Abgeordnetenkammer sorgte Irene Pivetti mit einer umstrittenen Äußerung für Furore. Sie sagte, der italienische Diktator Benito Mussolini (1883–1945) habe die besten 164 Dinge für die Frauen getan, danach sei nichts mehr geschehen. In der Öffentlichkeit trägt Irene Pivetti gerne als Halsschmuck das Kreuz der westfranzösischen Landschaft Vendée. Dieses erinnert an die katholisch-monarchistisch inspirierten Bauernaufstände in der Vendée von 1793 bis 1796 und 1799/1800 gegen die Revolutionsregierung. Das Vendée-Kreuz ist ein beliebtes Amulett bei konservativen italienischen Katholiken, denen die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu weit gehen. Im April 1996 gewann die MitteLinks-Koalition, das so genannte Ölbaum-Bündnis aus 13 Parteien und Gruppen, knapp die Wahlen in Italien. Die „Lega Nord“ erhielt landesweit 10,1 Prozent der Stimmen. Irene Pivetti verlor kurz danach ihr hohes Amt als Präsidentin der Abgeordnetenkammer. Im Sommer 1996 distanzierte sich Irene Pivetti öffentlich vom Parteichef der „Lega Nord“, Umberto Bossi, der für die Abspaltung des reichen italienischen Nordens vom wirtschaftlich schwachen Süden und für eine unabhängige norditalienische Republik namens „Padanien“ eintritt. Daraufhin drohte Bossi: „Wir schicken ihre Leiche in den Vatikan!“ Die attackierte Politikerin sagte: „Entweder man lacht über Bossi, oder man holt den Arzt.“ Im September 1996 schlossen die Abgeordneten der „Lega Nord“ die einstige Symbolfigur ihrer Fraktion, Irene Pivetti, aus. Danach plante die 33-jährige Politikerin die Gründung einer neuen Partei der politischen Mitte. 1997 schloss Irene Pivetti ihre zweite Ehe mit Alberto Brambilla. Im September 1998 bracht sie eine Tochter zur Welt. Jiang Qing Die erste Frau im Pekinger Politbüro E ine der einflussreichsten und umstrittendsten Politikerinnen Chinas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist Jiang Qing (1913– 1991), nach anderer Schreibweise auch Chiang Ch’ing, gewesen. Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte war sie die Frau von Mao Zedong 165 (1893–1976), einem der mächtigsten Männer der Erde. Ende der 1960-er Jahre wurde sie als erste Frau in der Geschichte der „Kommunistischen Partei Chinas“ (KPCh) ins Politbüro gewählt. Nach Maos Tod wollte sie die Macht an sich reißen, scheiterte jedoch dabei und musste zuletzt noch froh sein, ihr Leben zu behalten. Jiang Qing kam 1913 unter dem Namen Li Yunhe als Tochter eines armen Stellmachers in Zhucheng in der Provinz Shandong zur Welt. Als die Ehe ihrer Eltern zerbrach, zog sie mit der Mutter und ihrer älteren Schwester nach Ji’nan. Ab 1929 nahm sie kostenlosen Unterricht an einer Schauspielschule in Taian. 1930 folgte sie dem Leiter dieser Schule, dessen Geliebte sie war, mit nach Qingdao (Tsingtao), wo er an der Universität einen Lehrauftrag wahrnahm. Angeblich wurde Li Yunhe von Huang Jing, dem Bruder einer bekannten Schauspielerin, dem sie sich zugewandt hatte, dazu bewogen, 1931 der „Kommunistischen Partei Chinas“ beizutreten. Später kehrte sie nach Ji’nan zurück, wo sie 1934 den Filmkritiker und Schauspieler Tang Na heiratete, von dem sie 1937 wegen einer Affäre mit einem Filmdirektor geschieden wurde. Tang Na lebte später in den USA und Frankreich, wo er Ende der 1960-er Jahre ein Chinarestaurant in Paris leitete. Bis 1937 trat Li Yunhe unter dem Künstlernamen Lan Ping („Blauer Apfel“) in mehreren kleinen Filmrollen auf. Nach Ausbruch des chinesischjapanischen Krieges 1937 ging Li Yunhe zusammen mit Huang Jing und anderen Schauspielern zunächst nach Chongqing (Chungking) und später nach Yan’an im Norden Chinas, wo sie als Dozentin in das „Lu Xun-Kunstinstitut“ eintrat. In Yanan lernte sie Mao Zedong kennen, der damals noch mit seiner dritten Frau He Zizhen verheiratet war, die den legendären „Langen Marsch“ der chinesischen „Roten Armee" vom Oktober 1934 bis Oktober 1935 durch elf Provinzen Chinas mitgemacht hatte. 1937 weilte sie zur Erholung in Moskau. Die KPCh sträubte sich anfangs gegen die Verbindung zwischen Li Yunhe und Mao Zedong, stimmte aber 1939 einer Eheschließung mit der Auflage zu, Li Yunhe müsse sich auf ihre Rolle als Ehe- und Hausfrau beschränken und dürfte politisch nicht aktiv werden. Nach der Hochzeit nannte sich Maos vierte Frau Jiang Qing („Grüner Fluss“). In der Folgezeit produzierte Jiang Qing Laienspiele für Soldaten und Bauern und führte ein einfaches 166 Leben in Hütten und Höhlen. Politisch trat sie damals noch nicht in Erscheinung. Aus der Ehe mit Mao gingen die Töchter Li Na und Li Min hervor. Außer als Hausfrau betätigte sich Jiang Qing bis zur Gründung der Volksrepublik China 1949 als Maos persönliche Sekretärin. Zu Beginn der 1950-er Jahre arbeitete Jiang Qing in Bejing im Kulturministerium in einer Abteilung für die Steuerung der Filmkunst, danach war sie längere Zeit krank. Als Mitglied des Kulturministeriums versuchte sie ab 1962, die Pekingoper zu reformieren. Ihr Ziel war es, die klassische Form und den revolutionären Inhalt miteinander zu verbinden, wie es in den Stücken „Die rote Frauenkompagnie“, „Das weißhaarige Mädchen“ und „Mit taktischem Geschick den Tigerberg erobern“ geschah. 1964 wurde Jiang Qing Abgeordnete des „Nationalen Volkskongresses“ für die Provinz Shandong. Ab 1965 schaltete sie sich aktiv in die Kulturpolitik ein. Ende jenes Jahres griff sie den Literaten und Kulturfunktionär Wu Han und mittelbar auch das Politbüromitglied Peng Chen an. Seit November 1966 war Jiang Qing neben Verteidigungsminister Lin Biao (1907–1971) und dem Chefre- dakteur des Parteiorgans „Rote Fahne“, Chen Boda (1904–1989), eine der treibenden Kräfte der „Kulturrevolution“, die Millionen von Chinesen Unglück brachte und Mao half, seine Macht zu festigen. Anfangs hatte im Februar 1966 in Shanghai eine „Beratung über die Arbeit in Literatur und Kunst in der Armee“ stattgefunden, die auf Veranlassung von Verteidigungsminister Lin Biao von Jiang Qing als Sekretärin der „Gruppe Kulturrevolution“ beim ZK geleitet wurde. Im August 1966 verkündete die bis dahin der Öffentlichkeit kaum bekannte Jiang Qing bei einer Veranstaltung der „Kulturrevolution“ in Peking, dass Lin Biao nun der zweite Mann hinter Mao wäre. Danach sah man sie immer wieder bei öffentlichen politischen Anlässen in vorderster Reihe. In jener Zeit griff sie häufig in scharfer Form bislang führende Parteigrößen an. Im Januar 1967 wurde bekannt, dass Jiang Qing von der Militärkommission des ZK der KPCh zum Ratgeber für kulturelle Arbeit in der Volksbefreiungsarmee ernannt worden war. Beim 9. Parteikongress 1969 ging der 76-jährige Mao Zedong als unumschränkter Führer Chinas hervor. Seine Gattin Jiang Qing wurde als erste Frau zum Mitglied des Politbüros der KPCh 167 gewählt. Nach der Ausschaltung des Vorsitzenden der Kulturrevolutions-Gruppe des ZK, Chen Boda, 1970 und dem Tod von Verteidigungsminister Lin Biao bei einem Flugzeugabsturz am 5. Dezember 1971 distanzierte sich Jiang Qing von den gestürzten Idolen der „Kulturrevolution“. In der Folgezeit verlor sie an Einfluss. In der Zeit nach dem 10. Parteikongress von 1973 ist Jiang Qing vorübergehend in der Außenpolitik aktiv gewesen. Damals betreute sie vor allem ausländische Gäste. Am 7. Februar 1976 wurde der stellvertretende Ministerpräsident und Minister für öffentliche Sicherheit, Hua Guofeng, zum amtierenden Ministerpräsidenten der Volksrepublik China ernannt – und nicht der rehabilitierte frühere Generalsekretär Deng Xiaoping (Teng Hsiaoping, 1904–1997). Man vermutet, dass Jiang Qing, die Deng ablehnte, dessen Berufung verhinderte. Auch Deng machte aus seiner Ablehnung gegen die Kulturpolitik Jiang Qings kein Geheimnis. Anfang April 1976 kam es zu Zusammenstößen von Demonstranten mit Einheiten der Miliz auf dem Tian’anmen-Platz in Peking. Die Ausschreitungen begannen, nachdem Demonstranten Kränze zum Gedenken an den verstorbenen Zhou Enlai (1896–1976) niedergelegt hatten und diese entfernt worden waren. Jene Vorfälle wurden von Maos Witwe genutzt, um Deng wieder zu stürzen. Er verlor alle seine Funktionen, verweigerte aber Selbstkritik. In der nachfolgend vom Protokoll veröffentlichten Rangliste der Pekinger Führung rangierte Jiang Qing auf Platz 4 hinter Hua Guofeng, Wang Hongwen und Zhang Chunqiao. Nach dem Tod von Mao Zedong am 9. September 1976 kam es zur Auseinandersetzung zwischen den Vertretern eines pragmatischen Kurses und der radikalen Gruppe um Jiang Qing. Am 7. Oktober 1976 bestätigte das Politbüro Hua Guofeng in seinem Amt als Regierungschef und bestimmte ihn zum Nachfolger Mao Zedongs als Vorsitzender des ZK der KPCh. Gleichzeitig gab man die Verhaftung der so genannten „Viererbande“ sowie deren Ausstoßung aus der Partei bekannt. Neben Jiang Qing gehörten Wang Hongwen, Zhang Chunqiao und der Schwiegersohn Yao Wenyuan zur ultralinken „Viererbande“. Offenbar war es zu dramatischen Vorfällen gekommen, sogar von Schießereien war die Rede. In den folgenden Monaten gab es Anzeichen von Unruhe in den 168 Provinzen und anscheinend sogar Kämpfe zwischen den Anhängern Huas und Jiang Qings. Gegen die „Viererbande“ wurden fortan Vorwürfe aller Art erhoben. Am 6. Oktober 1976 wurde Jiang Qing von Gardetruppen des neuen Vizevorsitzenden der KPCh, Wang Dongxing, der früher Chef der Leibwache Maos war, verhaftet. Mit dem Sturz Jiang Qings begann der Wiederaufstieg Dengs, der auf dem 11. Parteitag im August 1977 in seine alten Ämter zurückkehrte. Maos Witwe wurde im November 1980 als Haupt der so genannten „Viererbande“ vor Gericht gestellt, 1981 zum Tode verurteilt, 1983 jedoch zu lebenslanger Freiheitsstrafe begnadigt. Jiang Qing beging am 14. Mai 1991 in Peking Selbstmord. Ihre Lebensgeschichte ist in dem Buch „Die großen Chinesen der Gegenwart“ (1985) von Wolfgang Bartke nachzulesen. Grete Rehor Österreichs erster weiblicher Minister D ie erste Frau, die in Österreich ein Ministeramt ausübte, war die der „Österreichischen Volkspartei“ angehörende Politikerin Margarete (Grete) Rehor (1910–1987), geborene Daurer. Sie fungierte von 1966 bis 1970 als Sozialministerin und galt als große Sozialreformerin. Zuvor wirkte sie als engagierte Gewerkschafterin und Arbeitnehmer-Politikerin. Ihr Leitspruch lautete: „Tu was!“ 169 Grete Daurer wurde am 30. Juni 1910 als zweites von drei Kindern des Beamten Karl Daurer und seiner Frau Anna, einer diplomierten Krankenschwester, in Wien geboren. Ihr Vater kam aus dem Ersten Weltkrieg nicht mehr zurück, er galt seit ca. 1918 als vermist. Das Mädchen wuchs in einem Frauenhaushalt auf, in dem wirtschaftliche Not herrschte. Nach der fünfklassigen Volksschule in Wien-Josefstadt besuchte Grete Daurer die Bürgerschule, einen einjährigen Lehrkurs am Lehrerseminar und von 1925 bis 1927 eine private Handelsschule. Ihren ursprünglichen Wunsch, Lehrerin zu werden, konnte sie aus finanziellen Gründen nicht verwirklichen. Ab dem 14. Lebensjahr verdiente sie ihren Lebensunterhalt und das Schulgeld durch verschiedene Tätigkeiten, später als Textilarbeiterin. Nach dem Verlassen der Handelsschule arbeitete Grete Daurer ab 1927 als Kontoristin in einer Wiener Textilfirma. Von 1929 bis 1938 war sie zunächst Angestellte und später Sekretärin im „Zentralverband der christlichen Textilarbeiter Österreichs“. Sie wurde Mitarbeiterin des damaligen Zentralsekretärs und späteren Vizepräsidenten des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Erwin Altenburger (1903–1984). Im Alter von 19 Jahren erlebte sie den Tod ihrer Mutter. 1933 wurde Grete Daurer Vorstandsmitglied im „Internationalen Bund Christlicher Textilarbeiter“. 1935 heiratete sie den christlichen Gewerkschafter und späteren Wiener Stadtrat Karl Rehor (1906– 1943). Ihr Mann gründete zusammen mit Josef Klaus die christliche Jugendbewegung „Junge Front im Arbeiterbund“, deren Mitglieder grüne Hemden trugen. 1938 brachte Grete Rehor ihre Tochter Marielies zur Welt. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 wurde ihr Mann verhaftet, von seiner Arbeitsstelle entlassen, bis 1939 ins Gefängnis eingesperrt und 1940 zur Wehrmacht eingezogen. Karl Rehor ist vermutlich 1942 in Stalingrad (Rußland) gefallen, seit Januar 1943 galt er als vermisst. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 war Grete Rehor Fachgruppensekretärin der Weber in der „Gewerkschaft der Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiter“. Von 1948 bis 1967 bekleidete sie als erste Frau das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden dieser Gewerkschaften für die Fraktion Christlicher Gewerkschafter. Zwischen 1949 und 1971 fungierte Grete Rehor als erste weibliche 170 Obmann-Stellvertreterin im „Österreichischen Arbeiter- und Angestelltenbund“ (ÖAAB). Im selben Jahr zog sie auch als Spitzenkandidatin der „Österreichischen Volkspartei“ (ÖVP) des Wahlkreises 7 (Wien-West) in den Nationalrat ein, dem sie bis 1970 angehörte. Als Mitglied von Parlamentsausschüssen befasste sich sich mit Problemen der Sozial- und Wirtschaftspolitik, der Konsumenten und der berufstätigen Frau. Ihre Arbeit als Familienpolitikerin wurde allgemein anerkannt. Von 1957 bis 1974 war Grete Rehor Bundesfrauenreferentin des ÖAAB sowie von 1960 bis 1967 und von 1970 bis 1974 Stellvertreterin der Bundesleiterin der „Österreichischen Frauenbewegung“. Am 6. März 1966 errang die ÖVP bei der Nationalratswahl mit 85 Mandaten die absolute Mehrheit und stellte nach gescheiterten Koalitionsverhandlungen mit der „Sozialistischen Partei Österreichs“ (SPÖ) eine Alleinregierung. Bun- deskanzler Josef Klaus berief Grete Rehor als Bundesministerin für Soziales in sein Kabinett, womit deren politische Laufbahn gekrönt wurde. Ab 1966 bis 1970 gehörte sie dem Bundesparteivorstand der ÖVP an. Während ihrer Amtszeit von 1966 bis 1970 als Sozialministerin entschied Grete Rehor über wichtige Vorhaben. Dazu gehörten das Arbeitsmarktförderungsgesetz, das Hausbesorgergesetz, die Weiterführung der Kodifikation des Arbeitsrechts und die Einführung des 8. Dezember als Feiertag. Das Amt als Sozialministerin behielt sie bis zum Wahlsieg der SPÖ im Jahre 1970 und der anschließenden Bildung einer SPÖ-Regierung unter Bruno Kreisky (1911–1990). Am 28. Januar 1987 starb Grete Rehor im Alter von 77 Jahren in Wien. Zur Erinnerung an sie beschloss der Wiener Gemeinderat im Mai 1996 einstimmig, die Parkanlage zwischen dem Justizpalast und Parlament solle Grete-Rehor-Park heißen. 171 Annemarie Renger Die erste Präsidentin des „Deutschen Bundestages“ Z ur bekanntesten deutschen Politikerin der 1970-er Jahre stieg dank ihres Talents die ehemalige Verlagsangestellte und enge Mitarbeiterin des ersten SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher (1895–1952), Annemarie Renger, geborene Wildung, auf. Sie war von 1972 bis 1976 die erste Präsidentin des Deutschen Bundestages in Bonn. Über alle Parteigrenzen hinweg gilt sie als „grande Dame“ des Parlaments. Annemarie Wildung kam am 7. Oktober 1919 als Tochter eines gelernten Tischlers sowie späteren Redakteurs und Stadtrats in Leipzig zur Welt. Ihr Vater wurde 1924 Geschäftsführer der „Zentralkommission für Arbeitersport“, was den Umzug der Familie nach Berlin erforderlich machte. Annemarie besuchte die Staatliche Augusta-Schu- le, die sie wegen der politischen Verfolgung ihres Vaters vorzeitig verlassen musste. Der Vater einer Schulfreundin gab ihr eine Lehrstelle zum Verlagskaufmann, die sie mit einer Kaufmannsgehilfenprüfung abschloss. 1938 heiratete die 19-jährige Annemarie Wildung in erster Ehe den Werbeleiter Emil Renger, der 1944 im Frankreichfeldzug gefallen ist. Der Sohn Rolf (1938–1998) stammt aus dieser Ehe. Aus dem Zweiten Weltkrieg kehrten von Annemaries vier Brüdern zwei nicht mehr zurück; der älteste starb 1946 an den Folgen eines Straßenbaueinsatzes. Ab 1945 arbeitete Annemarie Renger im Zentralbüro der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) in Hannover. Dort erkannte der Politiker Dr. Kurt Schumacher, der 1945 mit dem Wiederaufbau der 172 SPD begann und 1946 SPD-Vorsitzender wurde, ihr organisatorisches und politisches Talent. Er machte sie zu seiner engsten Mitarbeiterin in Hannover, später auch in Bonn, und sie begleitete den behinderten Mann bis zu seinem Tod 1952. Unvergesslich sind die Bilder, wie sie den arm- und beinamputierten Schumacher in den Plenarsaal des Bundestages oder zu Veranstaltungen führte. Nach Kurt Schumachers Tod trat Annemarie Renger selbst aktiv in die Politik ein. Im September 1953 wurde sie mit 33 Jahren in den Deutschen Bundestag gewählt, dem sie bis 1990 angehörte. 1965 schloss sie ihre zweite Ehe mit dem Diplom-Volkswirt Aleksandar Loncarevic (gest. 1973), der bis 1957 Wirtschaftsattaché der Jugoslawischen Botschaft in Bonn war und nach der Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft selbständiger Kaufmann gewesen ist. Von 1969 bis 1972 war Annemarie Renger eine der vier Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD: auch in dieser Aufgabe die erste Frau. 1973 galt die erste Bundestagspräsidentin als die bekannteste Politikerin der Bundesrepublik. 1974 wurde sie mit dem „Großen Verdienstkreuz“ der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Die attraktive und charmante Annemarie Renger war aber auch das Ziel von Angriffen. Tierschützer regten sich darüber auf, als sie bei ihrem ersten Besuch als Präsidentin in Berlin einen Leopardenmantel trug. Frau Renger nahm diesen Protest ernst und trug diesen Mantel nie mehr. So genannte Linksintellektuelle griffen sie an, weil sie ihnen unter anderem in der Frage der Notgesetzgebung zu „rechts“ war. Ungeachtet dessen wurde Annemarie Renger zum Sinnbild der Frau im Parlament. Sie nahm sich der Gleichberechtigung der Frauen an, jedoch nicht mit emanzipatorischer Ettitüde. Nach der Bundestagswahl im Oktober 1976, aus der die CDU/CSU als stärkste Fraktion hervorging, wurde der CDU-Politiker Carl Carstens (1914–1992) neuer Bundespräsident und Annemarie Renger Vizepräsidentin. Im Mai 1979 nominierte ihre Partei sie als Gegenkandidatin in aussichtsloser Position zu Karl Carstens für das Amt des Bundespräsidenten. Anfang der 1980-er Jahre kam es zwischen Annemarie Renger und dem Establishment der SPD zum Konflikt, als sie unter Zustimmung einiger Persönlichkeiten aus Partei und Gewerkschaften die Thesen des 173 renommierten Professors Richard Löwenthal „Zur Identität der Sozialdemokratie“ bejahte und öffentlich gegen einen Linksruck der SPD Front machte. Danach wurde sie im Wahlkreis Neuss nicht mehr direkt aufgestellt und erhielt nur einen Listenplatz. Nach 37-jähriger Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag kandidierte Annemarie Renger bei den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen am 2. Dezember 1990 nicht mehr. Mit der deutschen Einheit hatte sie ihr politisches Ziel erreicht. Aber auch nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag gab Annemarie Renger ihre politische Arbeit nicht auf. Im Dezember 1990 wurde sie Präsidentin des „Deutschen Rates der Europäischen Bewegung“, der sich für eine Weiterentwicklung der „Europäischen Gemeinschaft“ einsetzt. Annemarie Renger war auch Gründerin und Vorsitzende des „Deutschen Helsinki-Menschenrechtskomitees“, Präsidentin des ArbeiterSamariter-Bundes, Vorsitzende der 1985 gegründeten Kurt-Schumacher-Gesellschaft und des „Zentralverbandes demokratischer Widerstandskämpfer und Verfolgtenorganisationen“ (ZdWV). Mary Robinson Der „Glücksfall für die Republik Irland“ A ls erste Staatspräsidentin der Republik Irland fungierte von 1990 bis 1997 die Politikerin Mary Robinson. Bei Umfragen im Herbst 1996 erreichte sie eine Beliebheitsquote von 90 Prozent. Damals bezeichnete man sie als „Glücksfall für die Republik“. Im Spätsommer 174 1997 trat die renommierte Juristin eine neue Aufgabe als Kommissarin der „United Nations“ (UN) für Menschenrechte an. Die Tochter des Arztes Aubrey Bourke und der Ärztin Tessa O’Donnel kam am 21. Mai 1944 in Ballina (County Mayo, Republik Irland) zur Welt und wuchs mit vier Brüdern in einer katholischen Familie auf. Sie besuchte Privatschulen in Irland und Paris, studierte Jura und Romanistik am „Trinity College“ in Dublin und vervollständigte ihre Ausbildung an der HarwardUniversität in Cambridge (Massachusetts, USA). 1968 bestand sie die juristische Masterprüfung. 1967 wurde Mary Rechtsanwältin und 1969 als 25-Jährige die jüngste Jura-Professorin am „Trinity College“ der irischen Hauptstadt Dublin. Bald danach nominierte das College sie für einen Sitz im Senat der Irischen Republik, den sie von 1969 bis 1989 inne hatte. 1970 heiratete sie den protestantischen Anwalt Nicholas Robinson. Aus dieser Ehe gingen die Kinder Tessa, William und Aubrey hervor. 1977 und 1981 versuchte Mary Robinson vergeblich, einen Abgeordnetensitz zu erringen. Als dies nicht gelang, konzentrierte sich die Mutter von drei Kindern auf ihre Anwaltspraxis. Danach entwickelte sie sich zu einer international anerkannten Verfassungsrechtlerin und Expertin in Fragen des Europarechts. Mary Robinson setzte sich für eine Modernisierung und Liberalisierung des irischen Rechts sowie für die Besserstellung der Frauen in Irland ein. Sie kämpfte für die Zulassung von Frauen als Geschworene und versuchte 1971 erfolglos in einem Aufsehen erregenden Prozess, den Zugang zu Verhütungsmitteln zu ermöglichen. Außerdem stritt sie für das Verfassungsverbot der Ehescheidung und für die Förderung Alleinerziehender und wandte sich gegen die Diskriminierung von Homosexuellen. Durch ihr Engagement wurde die Präsidentin der „Women’s Political Association“ bald im ganzen Land bekannt. 1985 trat Mary Robinson aus der „Labour Party“ aus, weil diese das anglo-irische Abkommen von Hillsboro mittrug, das ein beschränktes Mitspracherecht Dublins in Nordirland-Fragen beinhaltete. Sie meinte, dass die protestantischen Unionisten Nordirlands bei der Vertragsschließung übergangen wurden. Trotz ihrer Distanz zur „Labour Party“ nominierte letztere im April 1990 Mary Robinson als Präsidentschaftskandidatin. Sie führte den 175 Wahlkampf als unabhängige Kandidatin und wurde im November 1990 als erste Frau für sieben Jahre in das Amt des irischen Staatspräsidenten gewählt. 1991 erhielt Mary Robinson den Freiheitspreis der „Liberalen Internationale“ und den Preis der „Internationalen Liga für Menschenrechte“ für ihr Engagement in Somalia. In der Küche ihrer Privatwohnung im ersten Stock der Residenz brannte Tag und Nacht ein Licht, das den irischen Emigranten signalisierte, dass sie nicht vergessen waren. Mary Robinson trat am 12. September 1997 drei Monate vor Ablauf ihrer siebenjährigen Amtszeit als irische Staatspräsidentin zurück, um ihre neue Aufgabe als UNKommissarin für Menschenrechte zu übernehmen. Nachfolgerin von Mary Robinson wurde die 46-jährige Jura-Professorin, Journalistin und parteilose Politikerin Mary McAleese, geborene Leneghan. Bei der Präsidentenwahl am 30. Oktober 1997 in Irland erhielt sie 59 Prozent der Stimmen. Damit lag die Kandidatin der Regierungspartei „Fianna Fáil“ deutlich vor der Oppositionellen Mary Banotti, die 41 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Mary McAleese ist das erste irische Staatsoberhaupt, das aus der briti- schen Provinz Nordirland stammt. Sie wurde am 27. Juni 1951 in Belfast als ältestes von neun Kindern einer katholischen Familie, geboren, wuchs unter Protestanten in Nordirland auf und erlebte schon als Kind, wie die Gewalt das Leben in ihrer Heimat bestimmte. Der Vater von Mary arbeitete als Wirt in Belfast, wo man seinen Pub zwei Mal niederbrannte. Ein tauber Bruder Marys wurde vor der Haustür der Familie Leneghan zu Tode geprügelt, ein Nachbar in seinem Laden erschossen. Daraufhin zog die Familie Leneghan aufs Land. Mary Leneghan ist 1975 nach dem Jurastudium als Rechtsanwältin zugelassen worden und in die Republik Irland gezogen, wo die 24jährige Jura-Professorin am „Trinity College“ in Dublin wurde. Sie war die Nachfolgerin von Mary Robinson, die damals diesen Lehrstuhl abgegeben hatte. Von 1979 bis 1981 arbeitete sie als Fernsehmoderatorin, ab 1981 als Jura-Professorin und Teilzeitjournalistin und später sogar als Direktorin von „Channel 4 Televison". 1976 heiratete Mary Leneghan den Zahnarzt Martin MacAleese und zog 1987 zu ihren Eltern in den Süden Nordirlands. Aus ihrer Ehe gingen die drei Kinder Emma, 176 SaraMai und Justin hervor. In Belfast wurde Mary McAleese Direktorin des juristischen Instituts und 1994 die erste katholische ProVizekanzlerin der Queen’s University. Eleanor Roosevelt Die Kämpferin für die Menschenrechte A ls erste Vorsitzende der Kommission der „United Nations“ (UN) für Menschenrechte fungierte von 1947 bis 1951 die amerikanische Lehrerin, Journalistin und Politikerin Eleanor Roosevelt (1884– 1962). Die Deklaration der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 gilt als ihre herausragendste Leistung. Sie war die Frau des 32. US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt (1882–1945) sowie in sozialen und Frauenorganisationen führend tätig. Eleanor Roosevelt wurde am 11. Okober 1884 in New York geboren. Sie war die Nichte des 26. amerikanischen Präsidenten Theodore („Teddy“) Roosevelt (1858–1919). Eleanor verlor bereits im Alter von acht Jahren ihre Mutter. Ihren Vater, den sie anbetete, bekam sie wenig zu Gesicht. Bei einem der seltenen Spaziergänge mit ihrem Vater und seinen Hunden ging der Vater unterwegs in seinen Club und sagte Eleanor, sie solle auf ihn warten. Nach sechs Stunden kam der Pförtner des Clubs und brachte Eleanor und die Hunde heim. Das Mädchen verzieh rasch dem Vater diesen unangenehmen Vorfall. Während ihres Aufenthaltes in einem Pensionat bei London verwandelte sich Eleanor vom Entlein zum Schwan. Dank der sympathischen Direktorin des Pensionats, Marie Souvestre, entdeckte sie ihre Fähigkeiten und entwickelte sich zu einer bemerkenswerten Frau. Ihr ganzes Leben lang bewahrte sie ein Foto der Direktorin und die Briefe ihres Vaters auf. Außer dem Pensionat 177 besuchte sie auch andere Privatschulen. Das soziale Gewissen von Eleanor Roosevelt war bereits früh ausgeprägt. Zusammen mit ihrem Vater servierte die junge Frau am „Thanksgiving Day“ (Erntedankfest), dem vierten Donnerstag im November, armen Zeitungsjungen ein Essen. Zur Weihnachtszeit fuhr Eleanor mit Tanten und Onkeln zu armen Leuten, fällte für sie Weihnachtsbäume und sang ihnen Weihnachtslieder vor. Am 17. März 1905 heiratete die 20jährige Eleanor Roosevelt ihren Vetter, den Rechtsanwalt Franklin Delano Roosevelt (1882–1945). Aus ihrer Ehe gingen sechs Kinder hervor, von denen allerdings eines noch im Säuglingsalter starb. Die überlebenden Kinder hießen Anna Eleanor, James, Elliot, Franklin D. und John A. Wie sein Vater wurde auch James später Politiker. Als ihr Mann seinen Beruf als Rechtsanwalt aufgab und sich ganz der Politik widmete, gründete Eleanor Roosevelt zusammen mit zwei anderen Frauen eine private höhere Töchterschule. In der Folgezeit unterrichtete sie als Lehrerin für englische Sprache. 1910 wurde Franklin Delano Roosevelt als Kandidat der „Democratic Party“ („Demokratische Par- tei“) in den Senat von New York gewählt. Von 1913 bis 1920 wirkte er als Unterstaatssekretär für die Marine. Während des Ersten Weltkrieges engagierte sich Eleanor Roosevelt für das „Rote Kreuz“. 1921 schied ihr Mann wegen Kinderlähmung mehrere Jahre aus der Politik aus. In den 1920-er Jahren war Eleanor Roosevelt in der „League of Women Voters“ und der „Women’s Trade Union League“ („Gewerkschaftliche Frauenliga“) aktiv. Zwischen 1924 und 1928 arbeitete sie als Geschäftsführerin des „Demokratischen Komitees“ des Bundesstaates New York. 1926 unterstützte sie den Aufbau einer Möbelfabrik, die so etwas wie eine frühe Arbeitsbeschaffungsmaßnahme darstellte. 1927 war sie an der New Yorker „Todhunter School“ beteiligt, an der sie Geschichte und politische Wissenschaften unterrichtete. 1928 gewann Franklin Delano Roosevelt die Wahl zum Gouverneur des Bundesstaates New York. Während der Zeit, in der er als Gouverneur regierte, trat seine Frau nicht politisch hervor. Nachdem er sich aber als Kandidat für die amerikanische Präsidentschaftswahl stellte, zeigte sich, dass er mit seiner Gattin auch über einen der besten politischen Anwälte verfüg- 178 te. Seitdem war sie auch als Journalistin tätig. 1932 ging Franklin Delano Roosevelt aus den Präsidentschaftswahlen als Sieger gegen den republikanischen Amtsinhaber, Herbert Clark Hoover (1874–1964), hervor. Die „First Lady“ Eleanor Roosevelt wurde von einem Korrespondenzbüro gebeten, täglich in 400 Worten ihren Lebenslauf zu schildern. Aus diesen Texten entstand ihr Tagebuch „This is my Story“ (1937), das in 78 amerikanischen Zeitungen mit mehr als viereinhalb Millionen Leserinnen und Lesern veröffentlicht wurde. Aus der Feder von Eleanor Roosevelt stammen auch die Bücher „When You Grow Up to Vote“ (1932), „Its’s Up to the Women“ (1933), „A Trip to Washington with Bobby und Betty“ (1935), „My Days“ (1938), „The Moral Basis of Democracy“ (1940), „If You Ask Me“ (1946), „This I Remember“ (1949, deutsch: „Wie ich es sah“, 1951), „India and the awakening East“ (1953, deutsch: „Indien und der erwachende Osten“, 1954), On My Own“ (1958), „You learn by living“ (1960), „The autobiography of Eleanor Roosevelt“ (1961), „Book of common sense etiquette“ (1962) und „Tomorrow is now“ (1963 postum). 1936 wurde Franklin Delano Roosevelt als Präsident wiedergewählt. Ab 1937/1938 war er von der Notwendigkeit eines kriegerischen Engagements der USA überzeugt. Nach 1939 dehnte er die Unverstützung Großbritanniens über die Grenzen der formell proklamierten Neutralität aus. 1940 wählte man ihn entgegen der amerikanischen Tradition zum dritten Mal zum Präsidenten. Am 14. August 1941 verkündete Franklin Delano Roosevelt gemeinsam mit dem britischen Premierund Verteidigungsminister Winston Churchill (1874–1965) auf dem britischen Schlachtschiff „Prince of Wales“ im Atlantik eine Erklärung über die Grundsätze der zukünftigen Kriegs- und Nachkriegspolitik: die Atlantikcharta. Nach dem japanischen Angriff auf den amerikanischen Marinestützpunkt Pearl Harbor (Hawaii) am 7. Dezember 1941 und der deutschen Kriegserklärung entwickelten sich die USA zu einem entscheidenden Faktor für den Ausgang des Zweiten Weltkrieges. 1941 avancierte Eleanor Roosevelt zur stellvertretenden Direktorin im Büro für zivile Verteidigung, hatte diese Position jedoch nicht lange inne. Ihr Mann wurde 1944 zum vierten Mal als Präsident gewählt. Auch nach dem Tod Franklin Dela- 179 no Roosevelts 1945 trat seine Witwe weiter in der Öffentlichkeit hervor. Von 1946 bis 1952 nahm sie als Mitglied der amerikanischen Delegation an den Vollversammlungen der „Vereinten Nationen“ teil. Zwischen Januar 1947 und April 1951 fungierte Eleanor Roosevelt als Vorsitzende der UN-Kommission für Menschenrechte. Sie war maßgeblich an der „Universal declaration of human right“ („Deklaration der Menschenrechte“) beteiligt, die am 10. Dezember 1948 von der UN-Generalversammlung – ohne Gegenstimme, aber bei Enthaltung der sozialistischen Staaten – verabschiedet wurde. Diese völkerrechtlich unverbindliche Empfehlung enthält einen Katalog von bürgerlichen, politischen und sozialen Rechten. Eleanor Roosevelt ging – teilweise in Begleitung eines ihrer Söhne – auf Reisen, unter anderem nach Asien. Auf Einladung des Premierministers Jawaharlal („Pandit“) Nehru (1889–1964) unternahm sie eine groß angelegte Studienfahrt durch Indien, über die sie ein Buch veröffentlichte. Im September 1957 beendete Eleanor Roosevelt eine mehrwöchige Reise durch die Sowjetunion. Dabei hatte sie auf der Krim den Ministerpräsidenten Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (1894–1971) getroffen, dessen Persönlichkeit sie beeindruckte. Ein Jahr später kam sie als Führerin einer Delegation der amerikanischen Gesellschaft für die „Vereinten Nationen“ wieder nach Moskau. 1961 wurde Eleanor Roosevelt erneut zur Delegierten der „Vereinten Nationen“ ernannt. Am 7. November 1962 erlag sie im Alter von 78 Jahren in New York einer Anämie und einer Erkrankung der Luftwege. Präsident John F. Kennedy (1917–1963) würdigte sie als „eine der großen Damen in der Geschichte des Landes“, die ihm eine Inspiration und Freundin gewesen sei. Man setzte die Verstorbene neben ihrem Mann in dessen Geburtsort Hyde Park am Hudson River bei. 180 Sophie Scholl Die Studentin, die für den Widerstand starb ie bekannteste deutsche Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus war die Studentin Sophie Scholl (1921– 1943. Im Februar 1943 starb sie im Alter von nur 21 Jahren zusammen mit ihrem Bruder Hans Scholl (1918–1943) und dessen Studienfreund Christoph Probst (1919– 1943) wegen einer Flugblattaktion in der Universität München gegen das nationalsozialistische Regime unter dem Fallbeil. Sophie Scholl wurde am 9. Mai 1921 als Tochter des Bürgermeisters Robert Scholl (1891–1973) in Forchtenberg (Baden-Württemberg) geboren. Der Vater, der in verschiedenen württembergischen Städten als Bürgermeister wirkte, D verließ später den Dienst in der Kommunalverwaltung und arbeitete als freier Wirtschafts- und Steuertreuhänder in Ulm (Baden-Württemberg). Bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war Hans Scholl 15 Jahre alt, seine Schwester Sophie erst zwölf. Hans trat in frühen Jahren dem „Christlichen Verein Junger Männer“ (CVJM) bei, der später ebenso wie andere Jugendorganisationen der Hitlerjugend zugeführt wurde. Im Laufe der Zeit freundete sich Hans immer mehr mit Zielen der verbotenen „Bündischen Jugend“ an. Er scharte einige Hitlerjungen um sich und trampte und zeltete gemeinsam mit ihnen. Nach der Einberufung zum Militär 181 diente Hans Scholl bei der Kavallerie in Cannstatt. Dort verhaftete man ihn wegen seines Mitwirkens in der „Bündischen Jugend“ und stellte ihn vor ein Sondergericht in Stuttgart. Dank der Fürsprache des Leitenden Offiziers in Cannstatt wurde Hans jedoch freigesprochen. Nach dem Militärdienst begann Hans Scholl ein Medizinstudium, das durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges unterbrochen wurde. Als Soldat diente er bei den Sanitätern in Frankreich. Sophie Scholl machte 1940 das Abitur und das Examen als Kindergärtnerin, kam zum Arbeitsdienst und leistete danach ein halbes Jahr Kriegsdienst in einer Fabrik nahe der Schweizer Grenze. Ab Herbst 1941 setzte Hans Scholl in München sein Medizinstudium fort. Bald schloss er sich der aus Studenten, Künstlern und Gelehrten bestehenden Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an, die mit Flugblättern in München und anderen süddeutschen Städten zu einer ablehnenden Haltung gegen das nationalsozialistische Regime aufrief. Ab Mai 1942 studierte Sophie Scholl Biologie und Philosophie an der Universität München. Sie war kaum sechs Wochen in München, als sie Mitte 1942 eines der ersten Flugblätter der „Weißen Rose“ in die Hand bekam, ohne zu ahnen, dass ihr Bruder Hans zu den Verfassern gehörte. Bald schloss sie sich – dem Beispiel ihres Bruders folgend – der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an. Im Sommer 1942 musste Sophie Scholl, die Mitglied des „Bundes Deutscher Mädel“ (BDM) war, in einer Metallfabrik arbeiten. Ihr Bruder Hans diente damals als Sanitäter in einer Studentenkompagnie in Rußland. Dort erfuhr Hans von der Verhaftung seines Vaters, der öffentlich erklärt hatte, Hitler sei die größte Gottesgeißel. Robert Scholl wurde deswegen zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Nach ihrer Rückkehr nach München im Herbst 1942 nahmen Sophie und Hans Scholl den Kampf gegen die Nationalsozialisten mit noch größerer Entschlossenheit auf. Am 16. Februar 1943 schrieben Mitglieder der „Weißen Rose“ rund um die Universität München Freiheitsparolen – wie „Nieder mit Hitler“ – auf die Wände. Den Geschwistern Scholl wurde eine Aktion am Morgen des 18. Februar 1943 in München zum Verhängnis. An diesem Tag trugen sie einen mit 3000 Flugblättern gefüllten Koffer zur Universität, legten in den Gängen und vor den 182 Hörsälen vor dem Beginn der Vorlesung Flugblätter aus und warfen, als die Zeit knapp wurde, den Rest von der Empore im Lichthof herab. Auf den Flugblättern stand unter anderem: „Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat. Im Namen der deutschen Jugend fordern wir vom Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen ...“ Bei ihrer Flugblattaktion sind die beiden vom Hausmeister der Universität, Jakob Schmied, beobachtet worden. Der Pedell alarmierte die „Geheime Staatspolizei“ („Gestapo“), die Sophie und Hans Scholl noch in der Hochschule festnahm. Danach wurden die Geschwister tagelang im Gefängnis verhört und gefoltert. Sie leugneten nur kurze Zeit, nahmen dann aber alle Schuld auf sich, um ihre Freunde zu retten. Trotzdem kam man ihrem Gesinnungsgenossen, dem Theologiestudenten und Vater von drei kleinen Kindern, Christoph Probst aus Aldrans (Tirol), durch eine Handschriftenprobe auf die Schliche und verhaftete auch ihn. Schon am Vormittag des 22. Februars 1943 tagte der Volksgerichtshof, dessen Präsident, der gefürchtete „Blutrichter“ Roland Freisler (1893–1945), eigens aus Berlin nach München flog, in der bayerischen Landeshauptstadt. Dem Vater Robert Scholl, der sich zu dem Prozess Einlass verschaffen konnte und der verzweifelt für seine Kinder plädierte, wurde von Freisler rüde das Wort abschnitten und man wies ihn aus dem Saal. Das Urteil gegen die drei Angeklagten lautete: Todesstrafe durch das Fallbeil „wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung“. Im Schlusswort nahm Hans Scholl tapfer alle Schuld auf sich, um seine Freunde zu entlasten. Sophie dagegen schwieg, als ihr zum letzten Mal das Wort erteilt wurde. Beim Abschiedsbesuch der Eltern meinte Sophie Scholl zuversichtlich: „Wir haben alles auf uns genommen. Das wird Wellen schlagen.“ Drei Stunden nach der Urteilsverkündung gingen Sophie und Hans gegen 17 Uhr sicheren Schrittes im Gefängnis München-Stadelheim dem Tod entgegen. Hans rief noch „Es lebe die Freiheit“, als er seinen Kopf auf den Block unter dem Fallbeil legte. Zwei Tage nach der Hinrichtung wurden die drei Toten heimlich und in großer Eile 183 auf dem Friedhof am Perlacher Forst beerdigt. Wenige Monate später erlitten drei weitere Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ das gleiche traurige Schicksal wie Sophie und Hans Scholl sowie Christoph Probst: Auch der Initiator der Bewegung, der Philosophieprofessor Kurt Hubert, der Arztsohn und Student Alexander Schmorell sowie der Student Willi Graf, der im Saarland einer katholischen Jugendgruppe angehörte, mussten ihr Leben lassen. Nach der Hinrichtung von Sophie und Hans Scholl im Februar 1943 wurde die Familie Scholl für einige Monate von der „Gestapo“ in „Sippenhaft“ genommen. Davon ausgenommen blieb nur der jüngste Bruder der Geschwister Scholl, Werner (geb. 1922), der als Sanitätsoldat an der Ostfront stand und später als vermisst gemeldet wurde. Der Vater Robert Scholl saß vom 27. Februar 1943 bis November 1944 wegen „Rundfunkverbrechens“ im Zuchthaus Kislau. Der Hausmeister Jakob Schmied, der die Geschwister Scholl bei der Flugblattaktion von 1943 ertappt hatte, wurde 1946 in einem Spruchkammerverfahren als „Hauptschuldiger“ eingestuft und zu mehreren Jahren Strafarbeit verurteilt. Über diesen Denunzianten drehte Eberhard Itzenplitz den Film „Der Pedell“ (1971). Sophie und Hans Scholls Schwester, Inge Aicher-Scholl (1917– 1998), gründete nach dem Zweiten Weltkrieg die Ulmer Volkshochschule, die sie von 1946 bis 1974 leitete, sowie die Hochschule für Gestaltung in Ulm, die nach zwölfjährigem Bestehen geschlossen werden musste, weil der Landtag einen Zuschuss gestrichen hatte. Inge verfasste auch das Buch „Die Weiße Rose“ (1952). Der Vater Robert Scholl bekleidete nach dem Zweiten Weltkrieg in Ulm von 1945 bis 1948 das Amt des Oberbürgermeisters. Seit 1980 wird jährlich im November der von der Landeshauptstadt München sowie vom Verband Bayerischer Verlage und Buchhandlungen gestiftete „Geschwister-Scholl-Preis“ für ein Werk in deutscher Sprache vergeben. 1982 drehten die Regisseure Michael Verhoeven und Percy Adlon jeweils einen Film über die Aktionen der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ und über Sophie Scholl. Zur Erinnerung an die mutigen Studenten sind Schulen und Straßen nach ihnen benannt worden. 184 Louise Schroeder Berlins erste Oberbürgermeisterin D ie bedeutendste Politikerin Berlins war Louise Schroeder (1887–1957). Sie fungierte in schwierigen Nachkriegsjahren als amtierender Oberbürgermeister von West-Berlin. In ihre Amtszeit fiel größtenteils die von den Sowjets verhängte zehnmonatige Blockade des Westteils von Berlin, während der die Bevölkerung der Stadt durch eine Luftbrücke versorgt wurde. Louise Schroeder wurde am 2. April 1887 als achtes Kind eines ungelernten Bauarbeiters und Funktionärs der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) in der damals noch selbstständigen Stadt Altona bei Hamburg geboren. Weil ihr Vater wenig verdiente, betrieb ihre Mutter einen Gemüsekeller in der Nachbarschaft. Als jüngstes von vier überlebenden Kindern wuchs Louise unter ärmlichen Bedingungen auf. Ungeachtet dessen besuchte sie die Mittelschule in Altona und anschließend die Gewerbeschule in Hamburg. Ab 1902 arbeitete sie zunächst als Schreibkraft, danach als Privatsekretärin in einem Hamburger Versicherungskonzern und später im Fürsorgeamt der Stadt Altona. Die junge Louise Schroeder wurde von ihrem Vater, der nicht nur Sozialdemokrat, sondern auch Gewerkschafter war, häufig zu Parteiveranstaltungen mitgenommen. 1910 trat die 23-Jährige in die SPD ein. Dank ihres Talents als Diskussions- und Versammlungsrednerin gehörte sie ab 1916 dem Vorstand dieser Partei in Altona an. Nach dem Sturz der Monarchie und der Errichtung der Republik erhielten die Frauen das Wahlrecht. Louise Schroeder wurde von Parteifreunden für die „Weimarer Nationalversammlung“ vorgeschlagen und zusammen mit 40 Frauen am 19. Januar 1919 in die verfassungsgebende Nationalversammlung gewählt. Louise Schroeder war von 1919 bis 1920 Mitglied der „Weimarer Nationalversammlung“ und später für 185 den Wahlkreis Schleswig-Holstein bis 1933 Mitglied des Deutschen Reichstages in Berlin. Viele Jahre wirkte sie außerdem in der Stadtverordnetenversammlung von Altona. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung von 1933 wurde Louise Schroeder aus allen ihren öffentlichen und sozialfürsorgerischen Ämtern vertrieben, unter Polizeiaufsicht gestellt und arbeitslos. Damals versuchte sie, mit einem kleinen Brotladen ihren Lebensunterhalt zu verdienen, musste diesen aber schon bald schließen, weil man sie boykottierte. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zog Louise Schroeder nach Berlin, wo sie nach dem Beginn des Krieges als Betriebsfürsorgerin arbeitete. Nach Kriegsende wurde sie wieder in der SPD aktiv. 1945 wählte man sie in den Vorstand der Berliner SPD und 1946 in die Stadtverordnetenversammlung von Berlin. Im Dezember 1946 stieg sie zum Bürgermeister und zum dritten Stellvertreter des Oberbürgermeisters auf. Anfang Mai 1947 berief man Louise Schroeder nach dem Rücktritt des Oberbürgermeisters Dr. Otto Ostrowski (1883–1963), der vom 5. Dezember 1946 bis zum 18. April 1947 regiert hatte, zur stellvertretenden Oberbürgermeisterin. Am 8. Mai 1947 wurde sie als amtierender Oberbürgermeister eingesetzt. Bis zum 18. Januar 1949 vertrat sie den am 24. Juni 1947 von der Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister gewählten, aber auf ein sowjetisches Veto hin von der Alliierten Kommandantur nicht bestätigten Professor Ernst Reuter (1889–1953). Louise Schroeder hatte maßgeblichen Anteil an der Aufhebung der von den Sowjets im Zuge der verschärften Ost-West-Spannungen verhängten Berliner Blockade vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949. Während dieser Zeit waren die Land- und Wasserwege für den Personen- und Güterverkehr zwischen Westberlin und Westdeutschland gesperrt. Die Versorgung WestBerlins wurde durch die von den USA und Großbritannien errichtete Luftbrücke sichergestellt. Mitte September 1949 legte Louise Schroeder ihre Berliner Ämter nieder, nachdem sie als Vertreterin Berlins in den Deutschen Bundestag gewählt wurde, dem sie bis zu ihrem Tod angehörte. 1949 zählte sie zur deutschen Delegation des Vorbereitenden Europarates in Brüssel. Von 1949 bis 1957 arbeitete sie im Europarat in Straßburg als deutsches Mitglied. Für ihre außerordentlichen Verdien- 186 ste vor allem in den Tagen der Blockade West-Berlins verlieh man Louise Schroeder Ende Januar 1952 das „Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“. Seit Jahresanfang 1957 musste sie wegen eines Herzleidens das Krankenbett hüten. Im April 1957 wurde sie anlässlich ihres 70. Geburtstages zur Ehrenbürgerin von Berlin ernannt. Am 4. Juni 1957 starb Louise Schroeder im Alter von 70 Jahren in einem West-Berliner Krankenhaus. Sie erhielt ein Staatsbegräbnis. Jenny Shipley Neuseelands erste Regierungschefin A ls erste Premierministerin Neuseelands wurde 1997 die 45-jährige Politikerin Jennifer („Jenny“) Shipley, geborene Robson, vereidigt. Damit löste sie James Bolger, der seit 1990 Regierungschef wa, ab. Im November 1997 ist Bolger bereits als Vorsitzender der konservativen „National Party“ („Nationalpartei“) entmachtet worden. Wegen ihrer resoluten Amtsführung und Durchsetzungsfähigkeit verglich man Frau Shipley gerne mit der früheren britischen Premierministerin und „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher. Jenny Robson wurde am 4. Februar 1952 als zweite von vier Töchtern des Pfarrers George Robson und seiner Frau Jean in Gore im Süden der Südinsel von Neuseeland geboren. Sie wuchs in Wellington und Blenheim im Norden der Südinsel auf und besuchte das „Marlborough Girls College“ und das „Christchurch Teachers College“. Ihr Berufsleben begann sie 1972 als Grundschullehrerin in der „South 187 Hornby School“ in Christchurch. 1973 heiratete Jenny Robson den Farmer Burton Shipley, der damals den Bauernhof seiner Eltern bewirtschaftete. Von 1973 bis 1976 unterrichtete sie an der „Greendale School“. Ab 1975 führte das Ehepaar Shipley eine Farm in Canterbury. 1975 trat Jenny Robson in die „National Party“ ein und engagierte sich in der Lokalpolitik des Malvern County sowie in mehreren Organisationen der Partei. 1977 wurde die Tochter Anna geboren und 1978 der Sohn Benjamin. Von 1983 bis 1987 arbeitete Jenny Shipley als Tutorin am „Extension Department“ des Lincoln College. Ab 1983 gehörte sie einem Komitee für ältere Menschen an und sammelte Erfahrungen im Sozialwesen. Ihr Mann wirkte ab 1983 als Manager bei einer Bank. 1984 engagierte sich Jenny im Wahlkampfkomitee der Politikerin Ruth Richardson. 1987 wurde Jenny Shipley im Wahlkreis Ashburton (heute Rakaia) in das Parlament Neuseelands gewählt. Nach dem Wahlsieg der „National Party“ 1990 holte Premierminister James Bolger sie als Ministerin für Soziale Wohlfahrt und Frauenfragen in sein Kabinett. 1993 übertrug man ihr zusätzlich die Leitung des Gesundheitsmi- nisteriums. In diesem Amt setzte sie unpopuläre Maßnahmen – wie die drastische Beschneidung der Sozialleistungen und die Privatisierung des Gesundheitswesens – durch. Ab 1996 leitete Jenny Shipley die Ressorts Öffentliche Dienste, Transport, Staatsunternehmen, Rundfunk und „Accident Rehabilitation Compensation Insurance“. Im September 1997 übernahm sie erneut das Ressort Frauenfragen und gab die Zuständigkeit für die Öffentlichen Dienste ab. Nach den verlustreichen Wahlen vom 12. Oktober 1996 hatte Premierminister James Bolger nur noch zusammen mit der „NZFirstParty“ (NZFP) von Winston Peters eine hauchdünne Mehrheit zusammengebracht. Mit der NZFP ließ sich keine Politik weiterer Einschnitte in das soziale Netz verwirklichen, was zu einer gewissen Reformmüdigkeit führte. Da man Bolger nicht mehr zutraute, die nächsten Wahlen zu gewinnen, verlor er auch innerhalb seiner Partei merklich an Boden. Während einer Auslandsreise von Premierminister James Bolger zu einer Konferenz der „Asiatischpazifischen Wirtschaftskooperation“ in Vancouver (Kanada) forderte Jenny Shipley eine Kampfabstimmung um das Amt des Fraktions- 188 vorsitzenden, der zugleich Anwärter auf das Amt des Premierministers war. Daraufhin resignierte Bolger und kündigte seinen Rücktritt an. Frau Shipley wurde ohne besondere Abstimmung Parteivorsitzende der „National Party“ und am 8. Dezember 1997 als Regierungschefin sowie Ministerin für Frauenfragen vereidigt. Trotz der Warnung von Vizepremier Winston Peters vor einer „neuen rechtslastigen Politik“ blieb die NZFP in der Koalition, und der Vizepremier behielt das Finanzressort. Die „National Party“ und die NZFP hatten angesichts der damaligen breiten Ablehnung in der Bevölkerung wenig Interesse an vorgezogenen Wahlen, die vermutlich von der „Labour Party“ unter Führung der populären Politikerin Helen Clark gewonnen worden wären. Bei ihrem Regierungsantritt bezeichnete Jenny Shipley die Sicherung und neue Belebung des starken wirtschaftlichen Position Neuseelands, die Förderung und Wiederherstellung traditioneller Werte und einen erfolgreichen Umweltschutz als vorrangig. Sie gilt als überzeugte Verfechterin der freien Wirtschaft ohne Bevormundung durch den Staat. Ihre Hobbies sind Gartenarbeit, Wandern, Musik und Wassersport. Heide Simonis Die erste Ministerpräsidentin in Deutschland Z um ersten Mal in der deutschen Geschichte hat man im Frühjahr 1993 eine Frau zur Regierungschefin eines Bundeslandes gewählt: Damals wurde Heide Simonis, geborene Steinhardt, Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein. Ihr pragmatischer Regierungsstil, ihre straffe Haushaltsführung und ihre Forderung nach umfassender Reform des Beamtenrechts verschafften ihr bald auch jenseits traditioneller SPD-Wähler bundesweit Respekt und Anerkennung. Heide Steinhardt kam am 4. Juli 1943 als älteste von drei Töchtern 189 des Diplom-Volkswirts Dr. Horst Steinhardt und seiner Frau Sophia in Bonn zur Welt. Ihre beiden Schwestern heißen Doris und Barbara. Heide verbrachte ihre Kindheit und Schulzeit hauptsächlich in Bonn, wegen einer Asthma-Krankheit aber auch in verschiedenen Sanatorien des Westerwaldes und des Schwarzwaldes. Da ihr Vater als Beamter der „Bundesanstalt für Arbeit“ oft versetzt wurde, wohnte sie später in Hamburg, Nürnberg und in Kiel. Nach dem Abitur 1962 studierte Heide Steinhardt Volkswirtschaft und Soziologie an den Unversitäten Erlangen und Kiel. Das DiplomVolkswirt-Examen legte sie 1967 in Kiel ab. Im Juli 1967 heiratete die 24-Jährige den damals 29 Jahre alten Dr. Udo E. Simonis, den späteren Professor für Ökonomie und Direktor des „Internationalen Instituts für Umwelt und Gesellschaft“ am Wissenschaftszentrum in Berlin. Nach der Eheschließung arbeitete Heide Simonis ein Jahr lang als Deutschlektorin an der Universität Lusaka in Sambia und für die Fluggesellschaft „Zambia Airways“. Nach der Rückkehr nach Deutschland war sie von 1969 bis 1970 Assistentin der Geschäftsleitung des „Instituts für Bau- und Finanzplanung“ in Berlin und Kiel. Ende 1970 wechselte Heide Simonis als Tutorin für Deutsch an das „Goethe-Institut“ in Tokio und bekam in der japanischen Haupstadt bei „Triumph International“ die Möglichkeit, als Marketing-Researcher tätig zu werden. Wieder in Deutschland zurück, wirkte sie von 1972 bis Oktober 1976 als Berufsberaterin für akademische Berufe beim Arbeitsamt in Kiel. Bereits 1969 war Heide Simonis in die „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD) eingetreten, und 1972 wurde sie Mitglied im Rat der Landeshauptstadt Kiel. Bei der Bundestagswahl im Oktober 1976 setzte sie sich mit einem spektakulären Sieg im Wahlkreis RendsburgEckernförde gegen den damaligen Präsidenten des „Schleswig-Holsteinischen Bauernverbandes“, Karl Eigen, durch. Der Gewinn dieses Direktmandats galt als eine der Sensationen dieser Bundestagswahl. Frau Simonis erwies sich in den folgenden Jahren als finanzpolitisches Nachwuchstalent der SPDFraktion. Weiteres Profil gewann Heide Simonis als engagierte Wahlkämpferin vor der Bundestagswahl am 6. März 1983, als sie bei öffentlichen Diskussionen ihre politischen Positionen mit Charme und Tempera- 190 ment darlegte und verteidigte. Als jüngste Frau und kenntnisreiche Haushaltspolitikerin im Bundestag behauptete sie sich gut mit ihrer Frische und sprachlichen Unverblümtheit. Sie kam als erste Sozialdemokratin in den Haushaltsausschuss und zog als Mitglied des Rechnungsprüfungsausschusses beispielsweise wiederholt gegen die Ausuferung der Dienstreisekosten zu Felde. Vor den Landtagswahlen im September 1987 in Schleswig-Holstein wurde sie – für den Fall des Wahlsiegs der SPD – als Mitglied einer künftigen Landesregierung nominiert. Zunächst konnte ihre Partei nach dieser Wahl die Regierung noch nicht übernehmen. Erst mit dem hohen Sieg bei den Neuwahlen am 8. Mai 1988 kam Heide Simonis zum Zuge und wurde am 31. Mai 1988 erste Finanzministerin der SPD. Im Juni 1988 schied sie aus dem Bundestag. Als Vorsitzende der „Tarifgemeinschaft deutscher Länder“ scheute Heide Simonis trotz ihrer Mitgliedschaft in der Gewerkschaft „Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr“ (ÖTV) den Konflikt mit den Gewerkschaften nicht. Im Frühjahr 1992 setzte sie mit dem populären Satz „Ich sitze wie eine Glucke auf dem Geld“ ihren Akzent. Am 19. Mai 1993 wählte der Schleswig-Holsteinische Landtag Heide Simonis zur ersten und bislang einzigen Ministerpräsidentin, nachdem ihr Vorgänger Björn Engholm seine Konsequenzen aus der „Kieler Affäre“ gezogen hatte und von seinem Amt zurückgetreten war. Seit November 1993 gehört sie dem SPD-Parteivorstand an. 1994 wurde Heide Simonis für ihr Wirken gegen die Politikverdrossenheit in Deutschland der BurdaMedienpreis „Bambi“ verliehen. 1995 nahm man sie als erste Frau in den erlesenen Männerkreis des „Internationalen Clubs der Schlitzohren“ auf. In der Laudatio anlässlich der Verleihung dieses Ehrenpreises erklärte der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher, dass Heide Simonis als Politikerin von Format nicht nur überall Gehör finde, sondern auch alles mitbekomme. Als Beispiel für ihre Schlitzohrigkeit schilderte Genscher einen Auftritt der Ministerpräsidentin in einer „feindlich“ gestimmten Bauernversammlung. Mit dem Ausspruch: „Meine Herren, eine Dame empfindet Pfiffe gelegentlich als Anerkennung“, habe Heide Simonis Schlagfertigkeit bewiesen. Der mit 10000 Mark dotierte Preis kam Kinderprojekten zugute. 191 Nach der Landtagswahl am 24. März 1996 konnte Heide Simonis ihr Amt als Regierungschefin von Schleswig-Holstein innerhalb der Koalition mit „Bündnis 90/Die Grünen“ behaupten. Am 7. Februar 1998 wurde Heide Simonis mit der höchsten Narrenehrung ausgezeichnet: Der „Aachener Karnevalsverein“ verlieh ihr den renommierten „Orden wider den tierischen Ernst“. Dieser Orden wird an Persönlichkeiten vergeben, die trotz Strapazen ihren Humor bewahren. Aus der Landtagswahl in Schleswig-Holstein am 27. Februar 2000 ging Heide Simonis als klare Siegerin hervor. Dabei erreichte die SPD 43,2 Prozent der Stimmen gegenüber 39,9 Prozent im Jahre 1996. Die Vorliebe von Heide Simonis für Hüte ist überall bekannt. Ihre weiteren Markenzeichen sind der Ohrenund Fingerschmuck. Sie liebt das Trödeln auf Flohmärkten oder in Antikläden: Beim Anblick alter Kaffeekannen und Antiquitäten ist sie bisher immer „schwach geworden“. Auf Flohmärkten entdeckte Heide Simonis auch ihre neueste Leidenschaft: das Sammeln alter Leinenstoffe, aus denen sie inzwischen mehrere große Decken, Quilts, genäht hat. Diese von amerikanischen Siedlerfrauen zur Blüte gebrachte Handarbeit, tat es ihr auch deshalb an, weil der Geschichte nach diese Frauen keine Stoffreste weggeworfen haben, da sie so arm waren. Heide Simonis liebt diesen „Fieselkram“, sie findet darin Ruhe und Gelassenheit, wenn sie Stoffrest an Stoffrest näht. Ihre knappe Freizeit verbringt sie außerdem mit Reisen, Lesen, Kinobesuchen und Musik. Sie hört gerne Klassik und Rock, singt gern und spielt Klavier. Hanna Suchocka Die „Eiserne Lady“ Polens olens erste Ministerpräsidentin wurde im Sommer 1992 überraschend die 46-jährige bis dahin so gut wie unbekannte Juristin und P 192 Politikerin Hanna Suchocka. Wegen ihres energischen Auftretens und ihrer Standfestigkeit in politischen Fragen verglich man die konservative Polin mit der „Eisernen Lady“, der britischen Premierministerin Margret Thatcher. Mit ihrem Namen sind aber auch unrühmliche Affären verbunden. Hanna Suchocka kam am 3. April 1946 als Tochter eines Apothekers in der Kleinstadt Pleszewo bei Posen (Poznan) zur Welt. Die strenggläubige katholische Hanna besuchte ein Gymnasium, studierte Jura an der Universität Posen, promovierte zum Doktor der Rechtswissenschaften und habilitierte sich. 1972 wurde sie Lehrbeauftragte am Lehrstuhl für Verfassungsrecht der Universität Posen, ab 1982 hielt sie auch Vorlesungen an der Katholischen Universität von Lublin. Als Spezialistin für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit zweifelte Hanna Suchocka bald an der in Polen geltenden Staatsordnung. Sie trat der Satellitenpartei „Stronnictwo Demokratyczne“ („Demokratische Partei“ = DP) bei. Diese Partei vertrat die Interessen der Handwerker und der Intelligenz, erweckte den Anschein eines angeblichen „Mehrparteiensystems“ in Polen und arbeitete mit der kommuni- stischen „Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei“ (PZPR) zusammen. Von 1980 bis 1985 war Hanna Suchocka Abgeordnete der „Demokratischen Partei“ im Parlament (Sejm). 1982 stimmte sie gegen das am 13. Dezember 1981 durch die Regierung des Generals Wojciech Jaruzelski verhängte Kriegsrecht und gegen das Verbot der Gewerkschaft „Solidarnosc („Solidarität“), der sie seit ihrer Gründung 1980 angehörte. Die Leitung der „Demokratischen Partei“ suspendierte daraufhin ihre Mitgliedschaft. 1984 trat Hanna Suchocka formell aus der „Demokratischen Partei“ aus, blieb jedoch weiter im Sejm. Zum Austritt entschloss sie sich, weil sie mit dem Entwurf einer neuen Kommunalwahlordnung, in der das Machtmonopol der „Vereinigten Arbeiterpartei“ (KP) aufrechterhalten werden sollte, nicht einverstanden war. Nach „Verfassungsgesprächen“ am „Runden Tisch“ von 1989 stellte die Gewerkschaft „Solidarnosc“ Hanna Suchocka in Posen als Sejm-Kandidatin auf. Bei den Parlamentswahlen am 4. Juni 1989 gewann sie 72 Prozent der abgegebenen Stimmen. In der Fraktion zählte sie zum Führungskreis, sie vertrat die „Solidarnosc“ bei den Arbeiten im Ver- 193 fassungsausschuss und im Ausschuss für nationale Minderheiten. Am 27. Oktober 1991 wurde die für die „Demokratische Union“ (UD, heute: „Unia Wolnosci“ = „Freiheitsunion“) des früheren Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki kandidierende Hanna Suchocka in den Sejm gewählt. Völlig überraschend benannte man Anfang Juli 1992 die in der breiten Öffentlichkeit Polens noch weitgehend unbekannte Hanna Suchowka als Kandidatin für das Amt des Regierungschefs. Angesichts der Zersplitterung im Parlament und der anhaltenden Regierungskrisen sollte die ruhig wirkende Politikerin vernünftige Kompromisse zwischen den Parteien der gerade mühsam zusammengeflickten Koalition erreichen. Die Nachricht, ausgerechnet sie solle Regierungschefin Polens werden, erhielt Hanna Suchocka telefonisch während eines Aufenthaltes in der britischen Hauptstadt London. Nach kurzer fernmündlicher Überzeugungsarbeit ihrer Parteifreunde aus der „Demokratischen Union“ kehrte sie mit dem nächsten Flugzeug nach Warschau zurück. Sie erreichte die Zustimmung von Staatspräsident Lech Walesa und wurde am 10. Juli 1992 vom Sejm mit 223 gegen 61 Stimmen und 113 Enthaltungen als Ministerpräsidentin bestätigt. Auf einer Pressekonferenz im Juli 1992 erklärte Polens erste Premierministerin den anwesenden Journalisten: „Ich muss jetzt nicht nur Erfolg haben, sondern auch noch ich selbst bleiben. Sonst heißt es, die Suchocka ist ein Mann geworden.“ Polnische Frauenorganisationen waren über die Wahl von Hanna Suchocka zur Regierungschefin nicht besonders erfreut. Denn die unverheiratete Ministerpräsidentin hatte sich bis dahin weder an der überparteilichen Frauengruppe beteiligt, noch waren Frauenfragen für sie Themen gewesen. Außerdem lag die Katholikin mit der Kirche in Abtreibungsfragen auf einer Linie und verkündete in ihrer Antrittsrede, Polen werde die Außenpolitik des Vatikans unterstützen. Polens erste Ministerpräsidentin konnte die wirtschaftlichen und sozialen Probleme ihres Landes nicht lösen. Als im Mai 1993 Koalitionspartner absprangen, wurde Hanna Suchocka auf Betreiben der „Solidarnosc“-Fraktion mit der knappen Mehrheit von 223 der 445 anwesenden Abgeordneten das Vertrauen entzogen. Anlass dafür waren die Sparpolitik sowie das Einfrieren von Löhnen und Gehältern. 194 Nach dem erfolgreichen Misstrauensantrag gegen sie durfte Hanna Suchocka für einige Zeit nur noch „verwaltend“ regieren. Ungeachtet dessen und trotz starker Proteste in Polen unterzeichnete sie noch das Konkordat mit dem Vatikan, das ohne Kontrolle der Öffentlichkeit und des Parlaments vorbereitet worden war. Während der Amtszeit von Hanna Suchocka als Ministerpräsidentin spionierten polnische Geheimdienste, die sie kontrollierte, gegen mehrere polnische Parteien und Politiker. Heutigen Erkenntnissen zufolge war die „polnische Thatcher“ in eine riesige Affäre verwickelt. Nach ihrem Sturz blieb Hanna Suchocka eine führende Politikerin der Opposition. 1993 wollte sie Vorsitzende der polnischen Abgeordnetengruppe im Europarat (ER) werden. Weil ihre Partei aber die Parlamentswahlen gegen die Linken verlor, gelang ihr dies nicht. Als der linke Abgeordnete Professor Tadeus Iwinski zum Vorsitzenden wurde, boykottierte Frau Suchocka ein Jahr lang alle Arbeiten des Europarates. Erst nach einer Mahnung des ERVorsitzenden Miguel Martinez beendete sie ihren Boykott. Im Herbst 1997 wurde Hanna Suchocka Justizministerin der Re- gierung von Jerzy Buzek. In dieser Funktion machte sie wiederholt unrühmliche Schlagzeilen. Sie berief Staatsanwälte ab, die gegen ihre korrupten Kollegen aus der Freiheitsunion ermittelten, und verhinderte die Vorladung der Staatsanwaltschaft des antisemitischen Priesters und Besitzers des ultrakatholischen „Radio Maryja“, Tadeusz Rydzyk. Außerdem setzte sie einige Staatsanwälte ab, die ihre früheren Verbindungen zur polnischen Geheimpolizei zugaben. Auch als Initiatorin von Gesetzentwürfen, die nach Auffassung ihrer Gegner sowohl gegen die polnische Verfassung als auch gegen juristische Regelungen der „Europäischen Union“ (EU) verstießen, erntete Hanna Suchocka starke Kritik. 1997 und 1999 stimmte sie im Parlament gegen zwei Gesetzentwürfe, die Frauen und Männern den gleichen gesellschaftlichen Status garantieren sollten. Beweggrund dafür sind ihre katholischen Ansichten, nach denen – wenigstens nach polnischer Auffasssung – die Frau dem Mann untertan sein wolle. Konsequent stimmte sie auch gegen die Einführung der Sexualkunde in Schulprogramme sowie gegen die Versuche, das nach Irland strengste AntiAbtreibungsgesetz in ganz Europa zu liberalisieren. 195 Bertha von Suttner Die erste Friedensnobelpreisträgerin ls Österreichs bedeutendste Pazifistin gilt die Schriftstellerin Bertha von Suttner (1843– 1914), geborene Gräfin Kinsky von Chinic und Tettau, die teilweise unter dem Pseudonym „B. Oulot“ schrieb. Sie begeisterte mit ihren Werken weite Kreise für die Friedensbewegung, hob die „Österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde“ aus der Taufe und war eine der beiden Gründer der „Deutschen Friedensgesellschaft“. Auf ihre Anregung geht die Stiftung des Friedensnobelpreises zurück, den sie 1905 als erste Frau erhielt. A Bertha Sophia Felicita Gräfin Kinsky von Chinic und Tettau kam am 9. Juni 1843 in der tschechischen Hauptstadt Prag zur Welt. Ihr Vater war der 76-jährige Franz Joseph Graf Kinsky von Chinic und Tettau, ein pensionierter k. u. k. Feldmarschall-Leutnant, der kurz vor Berthas Geburt starb. Zu Berthas Vorfahren gehörte der am „Prager Fenstersturz" beteiligte Kinsky, der als einer der engsten Vertrauten Wallensteins (1583–1634) mit diesem in Eger ermordet wurde. Er ist als Figur in Schillers „Wallenstein“ in die Literaturgeschichte eingegangen. Die 26-jährige Mutter Berthas, Sophia Wilhelmine, geb. von Körner, war mit dem Rittmeister und Freiheitsdichter Theodor Körner (1791– 1813) verwandt. Da sie Sophia von Körner keine 16 hochadligen Ururgroßeltern aufzuweisen hatte, gehörte sie jedoch nicht zum Hochadel. Berthas Mutter zog schon kurz nach der Geburt der Tochter aus dem Palais Kinsky, einem der prächtigsten Bauten auf dem Altstädter Ring in Prag, in dem später auch der österreichische Dichter Franz Kafka (1883–1924) lebte, aus. Der Sohn kam auf die Kadettenanstalt, Mutter und Tochter zogen nach Brünnn, wo der General und Feldzeugmeister 196 Friedrich Landgraf zu Fürstenberg (1793–1866) Berthas Vormund wurde. Er liebte ihre Mutter heimlich, wagte sie aber nicht zu heiraten, da sie nicht als hoffähig galt. Die unternehmungslustige Mutter war eine Dame der Gesellschaft und hielt sich gerne in Salons, Luxusbädern und Spielsalons auf. Sie wollte durch das Glücksspiel reich werden und verlor dabei ihr letztes Geld. Auch ihr Wunschtraum nach einer Karriere als Sängerin erfüllte sich nicht. Später zog die Mutter mit ihrem älteren Sohn Arthur und ihrer Tochter Bertha nach Wien. Bertha lernte fließend Englisch, Französisch, Italienisch und zuletzt auch Russisch sprechen und las viel. Um 1860 nahm die als Schönheit geltende junge Gräfin Gesangsstunden und wollte Sängerin werden. 1867/1868 hielt sie sich in Paris auf und begann ein Gesangsstudium, das sie später in Mailand fortsetzte. Drei Verlobungen von Bertha führten nicht zum Ziel. Unter anderem verlobte sie sich 1872 in Wiesbaden mit Prinz Adolf Karl Franz SaynWittgenstein-Hohenstein (1839– 1872), der während einer Reise in die USA, wo er als Sänger eine Karriere beginnen wollte, einem Herzversagen erlag. Ab Sommer 1873 arbeitete Bertha als Erzieherin der Töchter des Barons von Suttner in Wien, der reich geworden war und ein eigenes Palais in der Canovagasse der österreichischen Hauptstadt bewohnte. Die 30-jährige Bertha lernte den dritten und jüngsten Sohn des Hausherrn, den 23 Jahre alten Arthur Gundaccar Baron von Suttner (1850–1902), kennen und verliebte sich in ihn. Die beiden Verliebten wollten heiraten, doch Bertha war den Eltern des Barons nicht vornehm genug und zudem einige Jahre älter als Arthur. Deswegen kündigte Bertha 1876 ihre Stellung im Haus Suttner und diente danach dem schwedischen Ingenieur und Industriellen Alfred Nobel (1833–1896) in Paris als Sekretärin und Hausdame. Die beiden verstanden sich so gut, dass sie vermutlich geheiratet hätten, wenn Arthur Gundaccar von Suttner nicht in einen Brief an Bertha geschrieben hätte, in dem er mitteilte, er könne ohne sie nicht leben. Am 12. Juni 1876 heirateten Arthur Gundaccar Baron von Suttner und Bertha Gräfin Kinsky heimlich in der Kirche St. Ägyd in Gumpendorf. Die Hochzeit fand gegen den Willen von dessen Familie statt. Danach reiste das Paar zur Fürstin Ekaterina Dadiani von Mingrelien (1816–1892), einer der drei Töchter 197 des Dichters Aleksander Cavavadze (1786–1846), nach Georgien. Bertha hatte die Fürstin 1864 in Bad Homburg kennengelernt. Die Suttners lebten in Kutais, Tiflis und Zugidi und hofften vergeblich, die Fürstin Dadiani könne Arthur eine Anstellung am russischen Zarenhof vermitteln. Mehr schlecht als recht schlugen sie sich mit Gesang-, Klavier- und Sprachunterricht durch. An manchen Tagen konnten sie sich nicht einmal ein Mittagessen leisten. 1877 brach der russisch-türkische Krieg aus, durch den auch der Kaukasus zum Kriegsschauplatz wurde. Mit der Berichterstattung über die Kriegsereignisse in der Wiener „Neuen Freien Presse“ begann Arthur seine Laufbahn als Schriftsteller. Sein Erfolg regte auch Bertha zum Schreiben von zunächst kleinen Artikeln unter dem Pseudonym „B. Oulot“ für das Feuilleton der „Neuen Freien Presse“ an, später verfasste sie Romane. Das Pseudonym bezog sich auf Berthas Spitznamen „Boulotte“. Nach der Aussöhnung mit Arthur von Suttners Familie kehrte das Ehepaar im Mai 1885 nach Österreich zurück. Beide waren damals bereits bekannte Schriftsteller und wohnten fortan in Harmannsdorf bei Wien auf dem Familienschloss der Suttners. Dort lebte teilweise die ganze Familie von den Einnahmen der beiden Schriftsteller. Mehr als einmal stöhnte Bertha, dass ihr nichts bliebe und sie ackern müsse wie ein Pferd. In Paris erfuhr Bertha bei einem Gespräch über Krieg und Frieden von der Existenz der damals einzigen Friedensorganisation der Welt, der „International Arbitration and Peace Association“ in London. Deren Zweck war es, durch Schaffung und Organisieren der öffentlichen Meinung die Einsetzung eines internationalen Schiedsgerichts herbeizuführen, das – an Stelle von Waffengewalt – zwischenstaatliche Streitfälle entscheiden sollte. Nach ihrer Rückkehr in Wien fügte Bertha ihrem schon im Druck befindlichen Buch „Das Maschinenzeitalter“ einen Bericht über die „International Arbitration and Peace Association“ bei. Außerdem beschloss sie, dieser Friedensliga einen Dienst zu erweisen und ein Buch zu schreiben, das die pazifistischen Ideen verbreiten sollte. 1889 erschien Bertha von Suttners zweibändiger Roman „Die Waffen nieder!“, der die damalige Welt aufhorchen ließ und weite Kreise für die Friedensbewegung gewann. Darin wird die Lebensgeschichte einer jungen Frau erzählt, in deren 198 heile Welt der Krieg einbricht und mit seinen Schlägen alles zerstört. Der Roman schildert, was diese Frau empfindet, wie sie unter der Sinnlosigkeit des Geschehens leidet, wie sie bangt und wie schließlich ihr Hass gegen den Ungeist des Krieges genauso wie ihre Furcht vor seiner Unbezwingbarkeit maßlos wächst. Das Werk „Die Waffen nieder!“ wurde in fast alle europäischen Sprachen übersetzt und erreichte bis 1910 insgesamt 30 Auflagen. Es galt lange Zeit als der wichtigste Antikriegsroman. Erst durch die Lektüre dieses Buches wurde das Interesse vieler Menschen an der Friedensbewegung geweckt. Außerdem schrieb Bertha von Suttner zahlreiche weitere Bücher wie „Inventarium einer Seele“ (1883), „Daniela Dormes“ (1886), „Highlife“ (1886), „Schriftsteller-Roman“ (1888), „Das Maschinenalter“ (1889), „An der Riviera“ (zwei Bände, 1892), „Die Tiefinnersten“ (1893), „Trente-et-quarante“ (1893), „Hanna“ (1894), „Vor dem Gewitter“ (1894), „Einsam und arm“ (zwei Bände, 1896), „Der Kaiser von Europa“ (1897), „Marthas Kinder“ (1903) als Fortsetzung von „Die Waffen nieder!“ und „Der Menschheit Hochgedanken“ (1911). 1890/1891 lebte das Ehepaar Suttner in Venedig. 1891 gründete Bertha von Suttner die „Österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde“ (seit 1964 „Suttner-Gesellschaft“), die sie bis zu ihrem Tod als Präsidentin leitete. Beim 3. Weltfriedenskongress in Rom vertrat sie 1891 erstmals ihre Gesellschaft und hielt ihre erste öffentliche Rede. Ihr Mann rief im selben Jahr den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ ins Leben. 1892 hoben Bertha von Suttner und der österreichische Pazifist Alfred H. Fried (1864–1921) in Berlin die „Deutsche Friedensgesellschaft“ aus der Taufe. Von 1892 bis 1899 gaben Bertha und Fried die Monatsschrift „Die Waffen nieder“ heraus, die später „Die Friedens-Warte“ hieß. 1893 schrieb Bertha, dass mit der Ära der Sprengstoffe die Gewalt Formen angenommen habe, denen man mit Gewalt nicht mehr begegnen könne. Dies bedeute das Ende des Menschengeschlechts oder das Ende der Gewalt. Bertha von Suttner gewann ihren langjährigen Freund Alfred Nobel zur Stiftung des Friedensnobelpreises, die dieser 1895 in seinem Testament festlegte. Der schwedische Ingenieur und Industrielle erfand 1867 das Dynamit, außerdem verbesserte er die Petroleumdestil- 199 lation und hob die Nobelstiftung aus der Taufe. Nobels Wandlung vom düsteren Weltverächter zum hochherzigen Wohltäter ist wesentlich Bertha von Suttners Einfluss zuzuschreiben. Mit den Zinsen der für die Nobelstiftung zur Verfügung gestellten 31 Millionen schwedischen Kronen sind die Nobelpreise für Physik, Chemie, Medizin (oder Physiologie), Literatur und des Völkerfriedens ausgestattet, die seit 1901 jährlich am Todestag Alfred Nobels – nämlich am 10. Dezember – verliehen werden. Im Gegensatz zu den Nobelpreisen, die von der Stockholmer Akademie vergeben werden, wird der Friedenspreis von einem Ausschuss, den das norwegische Parlament (Storting) wählt, bestimmt. Im Juni 1904 gehörte Bertha von Suttner zu den prominentesten Teilnehmerinnen der „Internationalen Frauenkonferenz“ in Berlin, die in einer Friedensdemonstration der Frauen in der Philharmonie und mit einem Vortrag von Bertha gipfelte. 1904 nahm sie am Weltfriedenskongress in Boston (Massachusetts) teil und besuchte erstmals mehrere amerikanische Städte. 1905 wurde Bertha von Suttner mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Zuvor hatte sich die Jury vier Jahre lang geweigert, einer Frau diese hohe Ehre zuteil werden zu lassen. Bertha war sehr enttäuscht, nicht den ersten Friedensnobelpreis bekommen zu haben, den sie immer ein wenig als etwas „ihr zustehendes“ betrachtete. 1912 hielt sie sich ein halbes Jahr lang in den USA auf, klärte über die gefährliche Lage in Europa auf und bat um Unterstützung ihrer Arbeit. In den letzten Wochen ihres Lebens arbeitete Bertha von Suttner intensiv für den 21. Weltfriedenskongres, der im September 1914 beginnen sollte. Ihr Tod am 21. Juni 1914 in Wien – kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 – bewahrte sie davor, das Scheitern ihrer Bemühungen um den Frieden in Europa erleben zu müssen. 200 Aung San Suu Kyi Die Oppositionsführerin von Myanmar ls bedeutendste Oppositionspolitikerin von Myanmar (Birma bzw. Burma) gilt Aung San Suu Kyi. Ab 1988 kämpfte die 1,55 Meter große, sanfte Asiatin, die meistens in einem Seidenkleid und mit einer Orchidee im Haar auftritt, mit demokratischen Mitteln gegen die Militärjunta ihres Heimatlandes, die 1962 durch einen Putsch an die Macht gekommen ist. Suu Kyi stand sechs Jahre lang unter Hausarrest. 1991 wurde sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Aung San Suu Kyi („Strahlendes Bündel denkwürdiger Siege“) kam A am 19. Juni 1945 als drittes Kind des Generals Aung San (1914– 1947) und seiner Frau Daw Khin Kyi in Rangun (Yangon) im damals noch von Großbritannien besetzten Birma zur Welt. Sie hatte zwei ältere Brüder namens Aung San Oo und Aung San Lin, von denen der Letztere als Kind in einem Teich ertrank. Der Vater von Aung San Suu Kyi war ein linksnationaler Freiheitskämpfer, der einen liberalen Verfassungsentwurf ausarbeitete. Im Juli 1947 erschoss ihn ein politischer Gegner im Parlament. Dies geschah, bevor das Land am 4. Januar 1948 unabhängig und die Union von Burma gegründet worden ist. General Aung San wird heute als Unabhängigkeitsheld und „Vater der Nation“ verehrt. Aung San Suu Kyi wuchs in Indien auf, wo ihre Mutter seit 1958 als erste Botschafterin in Neudelhi wirkte. Nach ihrem Schulabschluss studierte sie Politische Wissenschaften und die Philosophie des gewaltlosen indischen Freiheitskämpfers Mahatma Gandhi (1869– 1869) in Neudelhi. Es folgte ein Studium der Philosophie, Politologie und Nationalökonomie in Oxford (Großbritannien). Dort begegnete sie dem Universitätsprofessor und Tibetforscher Michael Aris 201 (1946–1999), den sie 1972 heiratete. Das Ehepaar ging nach Bhutan, wo Michael Aris als Hauslehrer der königlichen Familie und Aung San Suu Kyi als Beraterin des bhutanischen Außenministeriums arbeiteten. 1973 wurde der Sohn Alexander geboren, 1977 der Sohn Kim. Von Mitte der 1970-er bis Mitte der 1980-er Jahre lehrte und erforschte Suu Kyi birmanische Themen. 1985 wirkte sie ein Jahr lang als Gastdozentin an der Universität von Kyoto in Japan. 1986 arbeitete das Ehepaar am „Indian Institute of Advanced Study“ in Simala (Indien). Anfang April 1988 brach Aung San Suu Kyi ihre Habilitationsarbeit an der „School of Oriental and African Studies“ in London ab, weil ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten hatte. Nach 28-jähriger Abwesenheit reiste sie wieder in ihre Heimat zurück, um in Rangun ihre Mutter zu pflegen. Bald gab sie die ihr von myanmarischen Behörden auferlegte politische Zurückhaltung auf und setzte sich an die Spitze der Protestbewegung in Burma. Bei ihrem ersten öffentlichen Auftreten während eines Generalstreiks in Yangon am 26. August 1988 proklamierte sie vor einer halben Million Menschen den „zweiten Kampf um die Unabhängigkeit“. Nach einem Massaker an Studenten und einem Putsch übernahm der „Staatsrat zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung“ (SLORC) unter Führung von General Saw Mang am 18. September 1988 die Macht. Letzterer wurde gleichzeitig Staatsoberhaupt und Außenminister. Der SLORC setzte die Verfassung außer Kraft und verhängte den Ausnahmezustand über Birma. Zusammen mit Tin U und Aung Gyi gründete Aung San Suu Kyi am 24. September 1988 die „National League of Democrazy“ (NLD, deutsch: „Nationale Liga für Demokratie“). Im Dezember 1988 starb Suu Kyis Mutter. Ab Juni 1989 hieß Birma offiziell „Myanmar“. Seit Juli 1989 fungierte Aung San Suu Kyi als Generalsekretärin der NLD, nachdem man ihren Vorgänger Tin Oo, einen früheren Armeechef und Verteidigungsminister, zu Kerkerhaft und Zwangsarbeit verurteilt hatte. Nachdem am 19. Juli 1989 in Myanmar eine nächtliche Ausgangssperre verhängt wurde, sagte die NLD alle Feierlichkeiten zum „Tag des Märtyrers“ – nämlich Aung San – ab. Am 20. Juli 1989 stellte man Aung San Suu Kyi in ihrem Haus an der University Street 54 in Rangun unter Hausarrest. Andere führende NLD-Mitglieder 202 mussten ins Gefängnis oder ins Arbeitslager. Während der langen Stunden, die sie allein in ihrem Haus verbrachte, meditierte Aung San Suu Kyi, hielt sich mit regelmäßigem Konditionstraining fit, las viel und informierte sich über das Weltgeschehen mit einem Kurzwellen-Empfänger. Sie ernährt sich strikt vegetarisch, legt sich früh schlafen und steht am Morgen in aller Herrgottsfrühe auf. Nach zunehmenden Repressalien wurde das Militär in Myanmar durch internationalen Druck gezwungen, am 27. Mai 1990 freie Wahlen zuzulassen. Obwohl die Opposition nicht in Ansammlungen von mehr als vier Personen auftreten durfte und keinen Zugang zu den staatlich kontrollierten Medien hatte, errang die NLD einen triumphalen Wahlerfolg: Sie erreichte knapp 60 Prozent der Stimmen und durch das Mehrheitswahlrecht 80 Prozent der Sitze. Dagegen erlitt die „National Unity Party“ (NUP) als direkte Nachfolgeorganisation der „Burma Socialist Programme Party“ (BSPP) eine verheerende Niederlage. Die noch immer unter Hausarrest stehende Aung San Suu Kyi hatte vor der Wahl zwar illegal mehr als tausend öffentliche Reden gehalten, jedoch selbst nicht zur Abstimmung gehen dürfen. Aber die Militärjunta weigerte sich, den Ergebnissen der Wahl Rechnung zu tragen, bevor eine neue Verfassung ausgearbeitet werde. Außerdem verwehrte man Aung San Suu Kyi die Teilhabe an der politischen Macht. Ein Mitarbeiter von General Ne Win begründete dies damit, dass Suu Kyi mit einem Ausländer schlafe und man nicht wissen könne, was er ihr ins Ohr flüstere. Die Junta inhaftierte die Mitglieder der NLD, schloss Parteibüros und beschlagnahmte Papiere und Dokumente. Im November 1991 entließen die letzten in Yangon verbliebenen NLD-Mitglieder Suu Kyi aus der Parteiführung und schlossen sie im Dezember 1991 sogar aus der Partei aus. Ob dies auf Druck der Regierung oder durch Bestechung erfolgte, ist nicht bekannt. Im Januar 1991 verlieh das „Europäische Parlament“ Aung San Suu Kyi für ihr Eintreten zugunsten der Menschenrechte den „SacharowPreis“. Da sie ihn selbst nicht entgegennehmen konnte, wurde er im Juli stellvertretend ihrem Mann überreicht. Das norwegische Nobel-Komitee sprach Aung San Suu Kyi im Oktober 1991 wegen ihres gewaltlosen und unermüdlichen Einsatzes 203 für den demokratischen Umbruch in Myanmar den Friedensnobelpreis zu. Der tschechoslowakische Präsident Václav Havel hatte sie dafür vorgeschlagen. Das Nobel-Komitee konnte zunächst keinen Kontakt mit Suu Kyi aufnehmen. Sie hörte die erfreuliche Nachricht im Radio, ihrer einzigen Verbindung zur Außenwelt. In der Begründung des NobelKomitees, das sich für einen von 89 Kandidaten zu entscheiden hatte, hieß es wörtlich: „Mit der Vergabe des Friedensnobelpreises an Aung San Suu Kyi will das Komitee diese Frau für ihr entschiedenes Engagement ehren und die vielen Völker der Welt unterstützen, die mit friedlichen Mitteln für die Demokratie kämpfen, für die Achtung der Menschen und die Aussöhnung zwischen den Völkern.“ Die Unterstützung gelte vor allem der Demokratie- und Menschenrechtsbewegung in Burma. Den mit sechs Millionen Kronen (umgerechnet 1,7 Millionen Mark) dotierten Nobelpreis nahm am 10. Dezember 1991 der Sohn Alexander von Aung San Suu Kyi stellvertretend für seine Mutter in Oslo entgegen. Suu Kyi war die achte Frau, die den Friedensnobelpreis erhielt. Sie spendete die mit ihrer Auszeichnung verbundene Summe einer Stiftung zur Förderung von Gesundheit und Erziehung des birmanischen Volkes. Dank internationalem Druck verhandelten im September 1994 Angehörige der Militärjunta mit Aung San Suu Kyi über eine Lockerung ihres Hausarrestes, der am 10. Juli 1995 aufgehoben wurde. Danach rief sie zu „Dialog und Versöhnung“ auf, erklärte jedoch auch, sie wolle ihr politisches Engagement für die Demokratiebewegung fortsetzen. Wenig später lehnte sie eine Position als Beraterin für Menschenrechtsfragen der UNESCO ab. Im September 1995 gründete sie ein Komitee zur Unterstützung politischer Häftlinge. Im Juli 1998 versuchte Aung San Suu Kyi, mit ihrem Auto in die Provinz zu reisen und damit Oppositionsmitglieder zu ermutigen, trotz Schikanen der Polizei nach Rangun zu kommen. Als sie an einer Straßensperre der Armee aufgehalten und zur Rückkehr in die Hauptstadt aufgefordert wurde, verharrte sie mit wenig Nahrung und Wasser im Auto, bis sie gewaltsam nach Hause gebracht wurde. Ein ähnliche Protestaktion wiederholte sie im August 1998. Am 27. März 1999 starb Aung San Suu Kyis Ehemann an seinem 53. Geburtstag in Oxfordshire 204 (Großbritannien). Der Witwe wurde die Aus- und Wiedereinreise verweigert. Die zerbrechlich wirkende Frau versteht es nach Ansicht von Journalisten meisterhaft, ihre Schönheit und ihren Charme in den Dienst ihres politischen Anliegens zu stellen. Sie beeindruckt durch Witz, Schlagfertigkeit, Intelligenz, Selbstsicherheit, Zivilcourage, eisernen Willen und unerschütterlichen Optimismus. Margret Thatcher Englands „Eiserne Lady“ E uropas erste weibliche Regierungschefin wurde die britische Politikerin Margret Thatcher, geborene Roberts. Die konservative Premierministerin regierte elf Jahre lang von 1979 bis 1990 in Großbritannien – merklich länger als jeder andere englische Premier des 20. Jahrhunderts. Wegen ihrer unnachgiebigen Haltung in vielen politischen Fragen haben die Russen sie als „Eiserne Lady“ bezeichnet. Margret Hilda Roberts erblickte am 13. Oktober 1925 als Tochter des Kolonialwarenhändlers Alfred Roberts in Grantham (Grafschaft Lincolnshire) das Licht der Welt. Ihr Vater galt in Grantham als wichtige Persönlichkeit: Er war nicht nur Kolonialwarenhändler, sondern auch Bürgermeister und methodistischer Laienprediger. Die Mutter hatte den Beruf der Hausschneiderin erlernt. Nach dem Besuch der Grundschule in Kevesten und der Mädchenoberschule in Grantham studierte Margret Roberts mit einem Stipendium Chemie am „Somerville College“ in Oxford, wo sie die akademischen Grade „Master of Arts“ und „Bachelor of Science“ erwarb. 1946 war sie in Oxford Präsidentin der „Konservativen Vereinigung der Studenten“. Anfang der 1950-er Jahre studierte sie auch Jura. Von 1947 bis 1951 arbeitete Margret Roberts als Chemikerin in der Forschungsabteilung einer Industriefirma. Während ihrer Freizeit 205 bereitete sie sich auch auf ein juristisches Examen vor. 1954 wurde sie am Lincoln’s Inn als Rechtsanwältin zugelassen und spezialisierte sich auf Steuerrecht. 1950 und 1951 unternahm sie zwei vergebliche Versuche, als Abgeordnete der „Konservativen Partei“ für Dartford in das Unterhaus zu gelangen. 1951 heiratete Margret Roberts den ehemaligen Major bei der königlichen Artillerie sowie Eigentümer und Manager einer Farbenfabrik, Denis Thatcher. Aus der Ehe gingen die 1953 geborenen Zwillinge Carol und Mark hervor. Denis Thatcher verkaufte 1975 sein Unternehmen und arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Finanzdirektor der Ölgesellschaft „Burmah Oil“. 1959 erkämpfte Margret Thatcher als Mitglied der „Konservativen Partei“ im Nordlondoner Wahlkreis Finchley ein Mandat im Unterhaus. Im Oktober 1961 trat sie als parlamentarische Sekretärin im Renten- und Versicherungsministerium in die konservative Regierung von Harold Macmillan (1894– 1986) ein und hatte diese Position bis zum Wahlsieg der „Labour Party“ im Okober 1964 und dem Rücktritt des Kabinetts von Alexander Frederick (Alec) DouglasHome inne. Zwischen 1964 und 1970, als die Konservativen („To- ries“) in der Opposition waren, fungierte sie als Sprecherin ihrer Partei im Unterhaus. 1967 gehörte Margret Thatcher dem Schattenkabinett von Edward Heath an. Anfangs war sie für Transportfragen, ab Oktober 1969 für Erziehung zuständig. Nach dem sensationellen Wahlsieg der „Konservativen Partei“ unter der Führung von Heath im Juni 1970 betraute man Margret Roberts mit dem Ministerium für Erziehung und Kultur. Damals war sie die einzige Frau im Kabinett und die zweite, die bis dahin unter den „Tories“ als Ministerin wirkte. Margret Thatcher wurde nach den Parlamentswahlen vom 28. Februar 1974 erneut Mitglied des Schattenkabinetts. Zunächst betätigte sie sich als umweltpolitische und später als finanzpolitische Sprecherin der Konservativen. Ab 11. Februar 1975 führte sie die konservative Opposition an und stieg im selben Monat zur Parteichefin auf. Letzteres Amt bekleidete sie bis 1990. Wegen unpopulärer Streiks Anfang 1979 trat am 28. März 1979 die Labour-Regierung unter James Callaghan zurück. Bei den Neuwahlen am 3. Mai 1979 erreichten die Konservativen mit 43,9 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit und erhielten 339 von 635 Mandaten im Unterhaus. Nach diesem Wahler- 206 folg stieg Margret Thatcher zum ersten weiblichen Premierminister Großbritanniens auf. Der französische Präsident François Mitterrand (1916–1995) beschrieb die neue Premierministerin mit den Worten: „Sie hat die Lippen von Marilyn Monroe und die Augen von Caligula“. Viele Briten nannten sie „Mrs T.“, was meistens liebevoll, gelegentlich aber auch mit Abscheu und mit einer gewissen Furcht gepaart war. Margret Thatcher selbst sagte über sich: „Die Lady dreht sich nicht nach dem Wind“. Sie vertraute auf Selbsthilfe, persönliche Moral, niedrige Steuern, einen freien Markt, die Unternehmer und den Individualismus. Dagegen lehnte sie Mittelmaß, Sozialklempner, staatliche Industrie, Abhängigkeit vom Wohlfahrtsstaat, Gewerkschaftsmacht und besonders die Wets ab, die an Konsenspolitik und Kompromisse aus der Heath-Ära glaubten. Die entschlossene Haltung der „Eisernen Lady“ in der Wirtschaftspolitik und im Falklandkrieg von 1982 gegen Argentinien bescherten den Konservativen bei den Unterhauswahlen im Juni 1983 den größten Erfolg seit den 1930-er Jahren. Die „Tories“ gewannen damals 397 Mandate, während sich die „Labour Party“ mit 209 und die Allianz mit 23 begnügen mussten. Am 11. Oktober 1984 entging Margret Thatcher im britischen Seebad Brighton unverletzt einem Bombenanschlag der nordirischen Terrororganisation „Irisch Republikanische Armee“ (IRA), bei dem vier Menschen getötet und 32 verletzt wurden. Anfang 1985 erreichte sie durch unnachgiebige Härte den ergebnislosen Abbruch des zwölf Monate lang militant geführten Zechenstreiks, der etwa drei Milliarden Pfund kostete und das Rückgrat der Gewerkschaftsbewegung brach. Nach vorzeitigen Unterhauswahlen am 11. Juni 1987, bei denen die Konservativen mit 42,3 Prozent der Stimmen ihren dritten Sieg in Folge feierten, begann die dritte Amtszeit Margret Thatchers als Premierministerin. Der Rückfall in die Inflation, extrem hohe Leitzinsen und stetiger Abbau sozialer Leistungen machten die Regierung Thatcher bald so unpopulär, dass die Konservativen bei den Europawahlen am 15. Juni 1989 von der „Labour Party“ überflügelt wurden. Am 22. November 1990 trat Margret Thatcher als Vorsitzende der Konservativen zurück, nachdem sie zwei Tage zuvor nicht genügend Stimmen für ihre Wiederwahl in 207 dieses Amt erhalten hatte. Ihr Nachfolger wurde am 27. November 1990 Schatzkanzler John Mayor. Im Juni 1991 verzichtete sie auch auf einen Parlamentssitz bei den nächsten Unterhauswahlen von 1992. Im August 1991 wurde Margret Thatcher Kanzler der University of Buckingham. Im Juni 1992 verlieh man ihr den Adelstitel „Baroness of Kevesten“, durch den sie einen Sitz im Oberhaus („House of Lords“) erhielt. Ihr Mann ist bereits 1990 zum Sir geadelt worden. Margret Thatchers Tochter Carol ergriff nach dem Jurastudium den Journalistenberuf. Der Sohn Mark wurde nach wirtschaftlicher Ausbildung 1978 Rennfahrer, gründete 1979 die „Monteagle Marketing Ltd.“, die vor allem Luxuslimousinen exportierte, stieg im März 1984 zum Direktor einer Niederlassung der britischen Lotus-Automobilwerke in Dallas (Texas) auf und heiratete im Februar 1987 die texanische Millionärstochter Diana Burgdorf. Gertrud (Trude) Unruh Die „Mutter Courage“ der „Grauen Panther“ ls Gründerin des Seniorenschutzbundes „Graue Panther“, der Generationenpartei „Die Grauen – Graue Panther“ und mehrerer Bürgerinitiativen tat sich die deutsche Politikerin Gertrud A (Trude) Unruh, geborene Kremer, hervor. Sowohl der Seniorenschutzbund als auch die Generationenpartei setzen sich engagiert für die Probleme älterer Menschen ein. Trude Kremer wurde am 7. März 208 1925 als uneheliches Kind der Gesellschaftsdame Gertrud Kremer in Essen geboren. Sie wuchs bei ihrem Großvater Willi Kremer und seiner Frau Gertrud in Essen auf. In ihrer Geburtsstadt besuchte sie die Volksschule, Berufsschule und das Kruppsche Bildungswerk. Ab 1941 arbeitete die 16-jährige Trude Kremer in der Hauptverwaltung der Firma Krupp in Essen, der damals größten Waffenschmiede der Welt. Im Alter von 17 Jahren heiratete sie 1942 in dem niedersächsischen Dorf Nordstemmen den Schwerkriegsbeschädigten Helmut Unruh (1923–1993). Wegen der immer verheerenderen Bombenangriffe versetzte man den Stab von Krupp 1942 nach Breslau (Schlesien). Trude war damals die jüngste Geheimnisträgerin. Aus Breslau flüchtete die 19-Jährige vor den heranrückenden Russen nach Nordstemmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Trude Unruh in verschiedenen eigenen Firmen tätig. Während ihrer Berufstätigkeit bildete sie sich über Volkshochschulen, Stiftungen und private Führungsseminare weiter. Ihr Mann wirkte als Manager. Im April 1968 zog Trude Unruh mit ihrer Großfamilie – sie, ihr Mann, die Söhne Helmut (geb. 1955) und Ingbert (geb. 1959) und die Schwie- gereltern – nach Wuppertal (Nordrhein-Westfalen). Weil es ihr gefiel, dass der Politiker Gustav Heinemann (1899–1976) wegen der Wiederaufrüstung aus der „ChristlichDemokratischen Union“ (CDU) austrat und sich der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) anschloss, wurde sie ebenfalls SPD-Mitglied. Sie bezeichnete sich als „politische Tochter Gustav Heinemanns“. In der SPD machte sich Trude Unruh für Gesamtschulen und für bessere Bildungschancen von Frauen stark. Außerdem wollte sie schon immer, dass Männer und Frauen überall gleich vertreten sind, obwohl sie sich nicht als Feministin betrachtete. 1969 gründete Trude Unruh ihre erste Bürgerinitiative für die Fristenregelung bei der Abtreibung. 1973 trennte sie sich von der SPD, als ihr Wunsch nach einem Landtagsmandat unerfüllt blieb. Im selben Jahr wurde sie Mitglied der „Freien Demokratischen Partei Deutschlands“ (F.D.P.), verließ diese aber 1978 wegen ihres Antrages zur Abschaffung des Extremistenerlasses. 1975 hob Trude Unruh in Wuppertal den Seniorenschutzbund „Graue Panther“ aus der Taufe. Den Anstoß dafür gab eine Freundin ihrer 209 Schwiegermutter, die in ein Siechenheim mit 20-Bett-Zimmern eingeliefert wurde. Nachdem sich die Schwiegermutter dies angesehen hatte, forderte sie Trude Unruh auf: „Mach mal was!“ Diese Anregung fiel auf fruchtbaren Boden, denn das Leben von Frau Unruh ist von Zivilcourage und Idealismus geprägt. 1979 arbeitete Trude Unruh kurze Zeit mit der rechtsökologischen „Grünen Aktion Zukunft“ zusammen, die 1978 von dem Politiker Herbert Gruhl (1921–1993) ins Leben gerufen worden war. Vorübergehend – von 1979 bis 1980 – gehörte sie zur „Bürgerpartei“ von Hermann Fredersdorf und Bolko Hoffmann. Mit aufsehenerregenden Aktionen und Demonstrationen erzielten die „Grauen Panther“ bald beachtliche Erfolge: Gegen Ende der 1980-er Jahre zählten sie bereits 30000 Mitglieder und besaßen 170 Außenstationen. Nach der Devise „Wir lassen uns nichts gefallen“, kritisierte Trude Unruh kämpferisch und lautstark skandalöse Zustände in Altenheimen. Außerdem versuchte sie, Änderungen im sozialen Netz und im Rechtssystem zugunsten älterer Menschen durchzusetzen. Eine Vorstandskollegin der „Grauen Pan- ther“ lobte Trude Unruh, wo sie auftauche, passiere etwas. Bevor die Grünen 1983 in den Bundestag einzogen, vereinbarte die parteilos Trude Unruh mit ihnen einen „Sprachrohr-Vertrag“, in dem sich die Umweltpartei verpflichtete, die Interessen der „Grauen Panther“ im Parlament zu vertreten. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit war der Gesetzentwurf für eine staatliche Mindestrente. 1983 gründete Frau Unruh die Zeitschrift „Graue Panther“. Bald genügte Trude Unruh der „Sprachrohr-Vertrag“ mit den Grünen nicht mehr. Bei den Bundestagswahlen 1987 zog sie als Parteilose über Platz 3 der nordrheinwestfälischen Landesliste der Grünen ins Parlament. Diese Politisierung des Seniorenschutzbundes fand nicht die Zustimmung aller Mitglieder. Ein Teil der „Grauen Panther“ sah die parteineutrale Satzung verletzt und verließ den Seniorenschutzbund in Form von Selbsthilfegruppen. 1987 gründete Frau Unruhe die „Graue Panther-Bundes-akademie für Selbstverwaltung“. 1989 wichen die Grünen von der Mindesrente á la „Beamten-Mindestpension“ ab, denn eigentlich – so hieß es – müsste man den Alten die Rente kürzen, weil sie an Hitler 210 und am Zweiten Weltkrieg schuld seien. Zudem wurden Listenplätze für die Europawahl verweigert. Bei der Jahreshauptversammlung des Seniorenschutzbundes „Graue Panther“ im Juli 1989 plädierte die Mehrheit für die Gründung einer eigenen Partei namens „Die Grauen. Graue Panther“ mit Trude Unruh an der Spitze. Ziel der neuen Partei sollte das Werben für „Verständnis und Zusammenarbeit zwischen den Generationen“ sein. Im August 1989 wurde die neue Partei „Die Grauen. Graue Panther“ aus der Taufe gehoben. Daraufhin forderten „Die Grünen“ Trude Unruh auf, ihr Bundestagsmandat niederzulegen, was diese jedoch nicht tat, weil es ein Graue PantherMandat sei. Mitte September 1989 schlossen „Die Grünen“ Trude Unruh aus ihrer Fraktion aus. Danach blieb sie bis zum Ende der Legislaturperiode 1990 als fraktionsloses Mitglied weiter im Bundestag. Ungeachtet der Parteigründung blieb der Seniorenschutzbund „Graue Panther“ eine eigenständige überparteiliche Organisation. Als Bundestagsabgeordnete forderte Trude Unruh die Grundrente für alle in Höhe von 1200 Mark, die totale Autonomie für Alte bei der freien Wahl der Altenpflege, die freie Entscheidung zugunsten der Homöopathie und für den Freitod. Ablehnend stand sie dem Abtreibungsparagraphen 218, der Atomkraft, Raketen und der „Wohlstandsmafia“ der Sozialbehörden gegenüber. Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 erreichten „Die Grauen“ mit 0,8 Prozent der Stimmen nicht den Sprung ins Parlament. Aber sie überwanden die 0,5 Prozent-Hürde, ab der den für den Bundestag kandidierenden Parteien die öffentlichen Mittel der Wahlkampfkostenerstattung zustanden. Auf diese Weise erhielt die Generationenpartei 2,5 Millionen Mark. 1991 gründete Trude Unruh das Generationenbildungswerk „Graue Panther Nordrhein-Westfalen e. V.“. Ihr Ehemann Helmut Unruh starb am 18. September 1993 im Alter von von 70 Jahren. Am 16. Oktober 1994 erhielten „Die Grauen“ bei der Bundestagswahl 0,5 Prozent der Stimmen. 1996 wurde das Generationenbildungswerk zum Träger der bundesweiten „Trude Unruh-Akademie“. Im selben Jahr gründete Trude Unruh die Ausbildungsstätte mit modellhaftem Pflegedienst „Chef ist der betroffene Mensch“, den „Bundesverband Graue Panther e. 211 V.“ mit Sitz in Berlin als Dachverband des Senioren-Schutz-Bundes „Graue Panther“-Vereine Deutschlands und die bundesweite Graue Panther Stiftung mit Sitz in München. Trude Unruh schrieb die Bücher „Aufruf zur Rebellion“ (1984), „Trümmerfrauen“ (1987), „Tatort Pflegeheim“ (1989), „Grau kommt – das ist die Zukunft“ (1990) und „Schluß mit dem Terror für Alte“ (1991). Der Familienname Unruh ist für die wortgewaltige Politikerin ein Programm. Am 24. Mai 1996 erklärte die 70-jährige in einem Interiew mit der „Frankfurter Rundschau“, sie werde von ihrem Ziel, die Menschenwürde im Kapitalismus anzustreben, nicht abweichen. Den Weg dorthin bezeichnete sie als „Trudismus“. Simone Veil Die erste Präsidentin des „Europäischen Parlaments“ E rste Präsidentin des Europäischen Parlaments in Straßburg war von 1979 bis 1982 die französische Politikerin Simone Veil, geborene Jacob. Bereits 1970 ist sie als erste Frau zur Generalsekretärin der höchsten Verwaltungsinstanz der französischen Richter ernannt worden. 1981 verlieh man ihr als erster Frau den „Internationale Karls- 212 preis“ der Stadt Aachen für die beste Leistung im Dienste der europäischen Völkerverständigung. Simone Annie Jacob erblickte am 13. Juli 1927 als Tochter des jüdischen Architekten André Jacob und seiner Frau Yvonne, geb. Steinmetz, in der südfranzösischen Stadt Nizza das Licht der Welt. Dort besuchte sie während des Zweiten Weltkrieges ein Lyzeum. Die 16-jährige Simone, ihre Mutter und eine Schwester wurden im März 1944 aus dem bis dahin von der italienischen Besatzung gegen die deutsche „Geheime Staatspolizei“ („Gestapo“) abgeschirmten Nizza deportiert. Simone war 13 Monate lang bis Mai 1945 in den Konzentrationslagern von Auschwitz (Polen) und Bergen-Belsen (Niedersachsen) inhaftiert. Ihre Mutter starb in Auschwitz, von ihrem Vater und ihrem Bruder fehlt seitdem jede Spur. An die schreckliche Zeit von Simone Jacob in deutschen Konzentrationslagern erinnert noch heute die tätowierte Nummer 78651, die nicht auszulöschen ist. 1946 heiratete sie den Studenten Antoine Veil, der nach seinen Studien an der „Ecole d’Administration“ („Nationale Verwaltungsakademie“) zum Finanzinspektor aufrückte und später Generaldirektor der Lufttransportgesell- schaft U.T.A. wurde. Aus der Ehe gingen die drei Söhne Jean (geb. 1947), Claude-Nicolas (geb. 1949) und Pierre-François (geb. 1954) hervor. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte Simone Veil Jura an der Universität Paris und erwarb das „Licenciée en Droit“ („Lizentiat der Rechte“) und das Diplom des Pariser „Institut d’Études Politiques“. 1956 legte sie erfolgreich die Richterprüfung ab. Im Februar 1957 begann sie ihre Beamtenlaufbahn im Justizministerium im Bereich der Strafvollzugsverwaltung. 1959 ernannte man sie zum Mitglied der nationalen Delegation bei der „Internationalen Kriminologiegesellschaft“. Von 1959 bis 1965 arbeitete Simone Veil als höhere Verwaltungsbeamte im Justizministerium. Bis 1970 war sie vor allem an Entwürfen für Reformen des Familienrechts, der Kinderabstammung und des Elternrechts beteiligt. Zwischen Juli 1969 und Februar 1978 fungierte sie als Fachberaterin des französischen Justizministers René Pleven für Fragen des Zivilrechts, Justizberufe und die Beziehungen zur Presse. 1970 avancierte Simone Veil als erste Frau zur Generalsekretärin des „Conceil supérieur de la magistrature“, der höchsten Verwaltungsin- 213 stanz der französischen Richter. 1974 berief Präsident Valéry Giscard d’Estaing die Parteilose zur Gesundheitsministerin in die Regierung Jacques Chirac und bis 1976 in die Regierung Raymond Barre. Damit war sie der erste weibliche Minister Frankreichs seit 1958. Chirac bezeichnete sein jüngstes Kabinettsmitglied als „La Poussinette“ („das Küken“). Während ihrer Amtszeit von 1974 bis 1979 als Gesundheitsministerin entwickelte sich Simone Veil zur populärsten Politikerin. Zu ihren Erfolgen werden ein Gesetz zur Legalisierung geburtenregelnder Maßnahmen, der „Numerus clausus“ für Medizin, eine Erweiterung des Mutterschutzes, der Beginn einer Krankenhausreform, der Start einer Kampagne gegen das Rauchen und besonders ein im überwiegend katholischen Frankreich höchst umstrittenes Gesetz zur Reform des Abtreibungsrechts, das im Dezember 1974 angenommen wurde. Im Frühjahr 1979 kandidierte Simone Veil als Spitzenkandidatin der Giscardisten (UDF) für die ersten Direktwahlen zum Europaparlament (EP) im Juni 1979. Nach der Wahl am 10. Juni 1979 wurde sie von der liberalen Gruppe als Kandidatin für das undankbare Amt der Präsidentin des Europaparlaments benannt und am 17. Juli 1979 mit 192 Stimmen im zweiten Wahlgang auf zweieinhalb Jahre gewählt. Weil die einzelnen Staaten die nationalen Interessen zunehmend über die eigenen stellten, war die Arbeit des nur mit geringen Befugnissen ausgestatteten Europaparlaments nicht sehr erfolgreich. Nach dem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt 1982 engagierte sich Simone Veil in anderen Funktionen für Europa. 1982 wurde sie Vorsitzende des EP-Rechtsausschusses. 1984 führte sie bei der zweiten Europawahl vom 17. Juni die liberale Liste („Union pour la France en Europe“, UFE) an und löste den deutschen Politiker Martin Bangemann an der Spitze der „Liberalen Fraktion“ im EP ab. Bei der Europawahl am 18. Juni 1989 traten die bürgerlichen Oppositionsparteien Frankreichs mit einer Gemeinschaftsliste von UDF und RPR sowie mit einer Liste der „Zentristen“ an, an deren Spitze Simone Veil stand. Nach dieser Wahl übernahm Giscard d’Estaing von Simone Veil den Fraktionsvorsitz der Liberalen und sie wurde seine Stellvertreterin. In die französische Regierung kehrte Simone Veil nach den Parlamentswahlen vom 21./28. März 1993 zurück, aus denen die bürger- 214 lichen Parteien RPR und UDF als klare Sieger hervorgingen. Am 30. März 1993 bildete Edouard Balladur (RPR) ein stark verkleinertes neues Kabinett, in dem Simone Veil das Großressort Soziales, Gesundheit und Stadtpolitik und protokollarisch den ersten Rang nach dem Premierminister erhielt. Nach dem Ende der Regierung Balladur und der Wahl von Jacques Chirac zum neuen Staatspräsidenten am 7. Mai 1995 schied Simone Veil aus dem Ministeramt aus. Bei der Verleihung des „Europäischen Karlspreises“ 1980 im Krönungssaal des Aachener Rathauses sagte der deutsche Politiker Walter Scheel, der 1977 diese Auszeichnung entgegengenommen hatte, zu Simone Veil: „Sie haben verziehen. Sie kämpfen für das höchste Gut des Menschen, seine Würde. Wir verneigen uns vor Ihrer Größe.“ Man ernannte Simone Veil auch zur Ehrenpräsidentin der „Weltvereinigung der Überlebenden des Holocaust“ und zum Ehrendoktor zahlreicher Universitäten. Außerdem erhielt sie den Preis der AlexanderOnassis-Stiftung, den Preis der „Stiftung Louise Weiss“, den Thomas-Dehler-Preis und den Stresemann-Preis. Am 1. März 1998 wurde Simone Veil zum Mitglied des Verfassungsrates ernannt. Helene Wessel Die Mitbegründerin der „Deutschen Zentrumspartei“ E 215 rste Vorsitzende einer Partei nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland war die Politikerin Helene Wessel (1898–1969). Sie bekleidete vom 15. Oktober 1949 bis zum 27. Januar 1952 das Amt der Vorsitzenden der „Deutschen Zentrumspartei“, zu deren Gründern sie gehörte. Später hob sie die „Gesamtdeutsche Volkspartei“ (GVP) mit aus der Taufe und wechselte nach deren Auflösung zur „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD). Helene Wessel kam am 6. Juli 1898 in Dortmund (Westfalen) zur Welt. Nach der Volksschule besuchte sie die Handelsschule und von 1922 bis 1924 die Wohlfahrtsschule in Münster/Westfalen. An der „Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit“ in Berlin schloss sie ihre Ausbildung zur Jugend- und Wirtschaftsfürsorgerin mit einem Diplom als Wohlfahrtspflegerin ab. Von 1913 bis 1915 arbeitete Helene Wessel als Büroangestellte und von 1915 bis 1928 als Parteisekretärin in der Zentrumspartei Dortmund-Hörde. Von ihrer Partei, der sie seit 1919 angehörte, wurde sie 1928 als jüngste Abgeordnete in den preußischen Landtag geschickt, dem sie bis 1933 angehörte. Während dieser Zeit profilierte sie sich als Fachfrau für Fürsorgefragen. Zu Beginn der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde ihre politische Karriere unterbrochen. Ab 1933 wirkte sie im Verwaltungsdienst eines katholischen Kranken- hauses. 1934 erschien ihr Buch „Bewahrung – nicht Verwahrlosung“. Von 1938 bis 1946 fungierte sie als leitende Fürsorgerin in der Zentrale des „Katholischen Fürsorgevereins“. Nach Kriegsende hob Helene Wessel 1945 die neue linksorientierte Zentrumspartei mit aus der Taufe und wurde im selben Jahr stellvertretende Vorsitzende. Zugleich war sie von 1946 bis 1950 Mitglied des Landtags von Nordrhein-Westfalen und Mitglied des Zonenbeirats der britischen Zone. Von 1946 bis 1949 war sie auch eine der Lizenträgerinnen der Zeitung „Neuer Westfälischer Kurier“ in Werl. Als Abgeordnete der Zentrumspartei gehörte Helene Wessel von 1948 bis 1949 als eine von vier Frauen dem „Parlamentarischen Rat“ an und arbeitete am Grundgesetz mit. Zu den vier „Müttern des Grundgesetzes“ gehörten außer ihr Friederike Nadig (SPD, 1897–1970), Helene Weber (CDU, 1881–1962) und die Juristin Elisabeth Selbert (1896–1986). Von 1949 bis 1953 sowie von 1957 bis 1969 war Helene Wessel Mitglied des „Deutschen Bundestages“ in Bonn. Nach dem Tod des Parteivorsitzenden Dr. Fritz Stricker (1897–1949) wählte der 6. Parteitag der „Deutschen Zentrumspartei“ am 216 15. Oktober 1949 Helene Wessel zur neuen Vorsitzenden. Sie war damit die erste Frau nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, die an der Spitze einer Partei stand. Im Bundestag engagierte sie sich vor allem für das Elternrecht, das sie im Grundgesetz verankern wollte. Am 11. November 1951 gründete Helene Wessel zusammen mit Dr. Gustav Heinemann (1899–1976) die „Notgemeinschaft zur Rettung des Friedens in Europa“, die eine deutsche Wiederaufrüstung und den Krieg verhindern sollte. Damit geriet sie später in Widerspruch zu ihrer Partei, die – nach der Vereinigung mit der Bayernpartei zu einer „Föderalistischen Union“ – den von der Notgemeinschaft geführten Kampf gegen einen deutschen Wehrbeitrag als unerwünschte Belastung kritisierte. Helene Wessel legte am 27. Januar 1952 den Vorsitz der „Deutschen Zentrumspartei“ nieder, blieb zunächst weiter Mitglied in dessen Präsidium, hatte aber vor, die locker organisierte „Notgemeinschaft“ in eine Partei umzuwandeln. Am 29. November 1952 wurde in Frankfurt am Main die „Gesamtdeutsche Volkspartei“ (GVP) gegründet, deren Präsidium Helene Wessel und Gustav Heinemann angehörten. Durch diesen Vorgang verlor sie ihr Abgeordnetenmandat im Deutschen Bundestag. Beruflich war Helen Wessel seit 1954 im Landesbezirk NordrheinWestfalen des „Deutschen Gewerkschaftsbundes“ (DGB) für Sonderaufgaben in der Abteilung Wirtschaftspolitik zuständig. Da die GVP 1953 bei den Wahlen nur 1,2 Prozent der Stimmen erreichte und auch danach wenig Resonanz fand, löste sie sich am 19. Mai 1957 auf. Helene Wessel, Gustav Heinemann und andere Vorstandsmitglieder wechselten zur SPD und empfahlen den früheren GVP-Mitgliedern, der SPD ihre Stimme zu geben. Heinemann fungierte von 1969 bis 1974 als Bundespräsident. Helene Wessel wurde 1961 und 1965 über die nordrhein-westfälische Landesliste der SPD in den Bundestag gewählt und war dort stellvertretende Vorsitzende des Petionsausschusses. In den letzten Jahren ihres Lebens litt sie an einer schweren Krankheit. Am 15. Oktober 1969 starb Helene Wessel im Alter von 71 Jahren in einem Bonner Krankenhaus. Der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann würdigte die einstige Weggefährtin mit den Worten: „Sie war eine gütige und tapfere Frau, die die Fähigkeit besaß, mit anderen 217 zu fühlen, mit Mut und Entschlossenheit öffentlich zu wirken und für soziale und politische Reformen zu kämpfen.“ Betty Williams und Mairead Corrigan Zwei Friedensaktivistinnen in Nordirland ls Gründerinnen der Bewegung „Peace People“ sind in der zweiten Hälfte der 1970-er Jahre die nordirischen Friedensaktivistinnen Betty Williams und Mairead Corrigan weitweit bekannt geworden. Beide erhielten 1977 nachträglich den Friedensnobel- A preis 1976, der im Jahr zuvor nicht vergeben worden ist. Ihr aufopferungsvolles Engagement brachte den „Müttern Courage“, wie sie genannt wurden, aber nicht nur Anerkennung, sondern auch manchen Ärger ein. Betty Williams, geborene Smith, wurde am 22. Mai 1943 als ältere von zwei Töchtern einer katholischen Kellnerin und eines protestantischen Metzgers in der nordirischen Hauptstadt Belfast geboren. Ihre Mutter erlitt einen Schlaganfall, als sie 13 Jahre alt war. Fortan musste sich Betty um den Haushalt und um die Erziehung ihrer jüngeren Schwester kümmern. Am 14. Juni 1961 heiratete die 18-Jährige den protestantischen Schiffsingenieur Ralph Williams, mit dem sie einige Jahre im Ausland lebte. Aus dieser Ehe stammen der Sohn Paul und die Tochter Deborah. Das Heimatland von Betty Williams ist von tiefwurzelnden Spannungen zwischen der katholischen Minderheit und der protestantischen Mehrheit geprägt, die 1966 zu ersten blutigen Auseinandersetzungen zwischen extremen Gruppen beider Bevölkerungsteil führten. Zu den mehr als 1500 Todesopfern, die von 1966 bis 1976 in Nordirland bei wechselseitigen Terroraktionen zu beklagen waren, gehörten auch 218 zwei Vettern von Betty. Einer davon wurde von einer protestantischen paramilitärischen Gruppe erschossen, der andere starb durch eine Bombe, die katholische Terroristen gelegt hatten. Mairead Corrigan kam am 27. Januar 1944 als zweites von sieben Kindern eines Fensterputzers im Belfaster Stadtteil Falls Road zur Welt. Mit 14 Jahren trat sie in die katholische Wohlfahrtsorganisation „Legion of Mary“ (Marienlegion) ein. Als 15-Jährige verließ sie die Schule, arbeitete als Stenotypistin und bildete sich an einer Handelsschule weiter. Mit 16 war sie in einer Textilfabrik beschäftigt, und mit 18 leitete sie eine große Jugendgruppe der Marienlegion. Im Alter von 21 Jahren trat Mairead Corrigan eine Stelle als Sekretärin der Guiness-Brauerei in Belfast an. Zusammen mit einem protestantischen Pfarrer aus Belfast nahm sie 1972 an der Weltkirchenkonferenz in Thailand teil und lernte die ökumenische Arbeit besser kennen. 1973 besuchte sie die „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ (UdSSR) und machte Filmaufnahmen über kirchliches Leben in der Sowjetunion für ihre Organisation. Durch einen tragischen Unfall am 10. August 1976 auf der Finaghy Road in Belfast kreuzten sich die Wege von Betty Williams und Mairead Corrigan. An jenem Tag raste ein führerloses Auto der katholischen Terroristenorganisation „Irisch-Republikanische Armee“ (IRA), dessen Fahrer Danny Lennon nach einem missglückten Attentat auf der Flucht von britischen Soldaten erschossen worden ist, in eine Menschengruppe auf dem Fußgängerweg. Dabei wurden Mairead Corrigans verheiratete Schwester Anne Maguire, eine Mutter von vier Kindern, verletzt und ihre Kinder Joanne (8), John (2) und Andrew (sechs Wochen) getötet. Nur ihr Sohn Mark (10) kam mit heiler Haut davon. Zeugin des schrecklichen Geschehens war die katholische Hausfrau und Mutter, Betty Williams, aus dem Stadtteil Andersonstown von Belfast. Schockiert vom Tod der drei Kinder vor ihren Augen sammelte sie spontan Unterschriften für eine Friedensaktion und brachte innerhalb von vier Tagen einen Friedensmarsch von etwa 10000 Menschen – überwiegend Frauen beider Bevölkerungsgruppen – auf die Beine, der in Nordirland großes Aufsehen erregte. Zusammen mit der Tante der ums Leben gekommenen drei Kinder, der Sekretärin Mairead Corrigan, 219 und dem Journaisten Ciaran McKeown gründete Betty Williams die Bewegung „Peace People“. Ihr Ziel war das Ende des sinnlosen Tötens zwischen den feindlichen Bevölkerungsgruppen seit Mitte der 1960-er Jahre. Bereits nach wenigen Wochen wurden überall auf Nordirland Straßen Friedensmärsche durchgeführt. Besonders beeindruckend war die Riesendemonstration im Oktober 1976 auf dem Londoner Trafalgar Square, bei der unter anderem die amerikanische Folksängerin Joan Baez auftrat. Im Dezember 1976 gab Mairead Corrigan ihren Beruf auf und widmete sich fortan nur noch der Friedensarbeit. Betty Williams und Mairead Corrigan sammelten bereits im ersten Jahr im Ausland mehr als 293000 Pfund. Mit diesem Geld finanzierten sie ein Hauptquartier mit acht Angestellten, die Verbandszeitschrift „Peace by Peace“ und ein Dutzend Gemeindeprojekte, beispielsweise die Errichtung von Clubhäusern für Katholiken und Protestanten. Im Oktober 1977 sprach man den beiden Gründerinnen der „Peace People“ nachträglich den mit 681000 schwedischen Kronen (umgerechnet 325000 Mark) dotierten Friedensnobelpreis 1976 zu. Vor ihnen hatten bereits drei Frauen diese Auszeichnung entgegengenommen. Ebenfalls 1977 verlieh man ihnen den „Friedenspreis des norwegischen Volkes“ mit weiteren 72000 Mark. Zum Zeitpunkt dieser Auszeichnungen hatte die Friedensbewegung bereits ihren Höhepunkt überschritten. Die im Ausland erfolgreichen Werbereisen wurden damals in Nordirland schon als „Globetrotterei“ abgetan. Auch der Streit über die Verwendung der Gelder sorgte für böses Blut. Der radikale Flügel der IRA kritisierte die „Peace People“ als Kollaborateure und Heuchlerinnen und drohte ihnen mit dem Tod. Die katholische irische Abgeordnete Bernadette Devlin verdächtigte die Frauen, von dritter Seite manipuliert zu sein. Nach dem Selbstmord ihrer nach Neuseeland ausgewanderten Schwester Anne Maguire am 21. Januar 1980, die den Tod der drei Kinder seelisch nie verkraftet hatte, und dem Austritt von Betty Williams aus der Organisation im Februar 1980 übernahm Mairead Corrigan erneut den Vorsitz der „Peace People“. Die Organisation war damals bereits weniger eine Bewegung als vielmehr eine Art Wohlfahrtseinrichtung geworden. Sie 220 führte unter anderem katholische und protestantische Kinder in Feriencamps und bei Arbeiten auf dem Bauernhof zusammen. 1981 heiratete die 37-jährige Mairead Corrigan ihren Schwager Jack Maguire, den ehemaligen Mann ihrer durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Schwester Anne. Er brachte drei Kinder – den erwähnten Sohn Mark und die beiden nach dem Unfall vom August 1976 geborenen Töchter Joanne und Marie Louise – mit in die Ehe. Zwei Söhne namens John Francis und Luke gingen aus der neuen Verbindung hervor. Mairead Maguire wurde Ehrenpräsidentin der Initiative „Hands Off Cain“ zur Abschaffung der Todesstrafe und Mitinitiatorin von „Child Right Worldwide“ zum Schutz missbraucher Kinder. Betty Williams wanderte im Oktober 1982 mit ihrer Tochter Deborah in die USA aus. Sie wollte nach der Scheidung von dem protestantischen Schiffsingenieur Ralph Williams ein neues Leben anfangen. Im Januar 1983 heiratete sie den amerikanischen Mineralöl-Manager Jim Perkins. Clara Zetkin Die Mitbegründerin des „Spartakusbundes“ Z u den bedeutendsten Sozialdemokratinnen und Kommunistinnen Deutschlands zählte die Politikerin Clara Zetkin (1857–1933), geborene Eißner. Anfangs gehörte sie der SPD an und förderte die proletarische Frauenbewegung. Später hob sie den „Spartakusbund“ und die „Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands" 221 (USPD) mit aus der Taufe und hatte in der „Kommunistischen Partei Deutschlands“ (KPD) wichtige Funktionen. Außerdem tat sie sich als engagierte Pazifistin hervor. Clara Eißner kam am 5. Juli 1857 als Tochter eines Dorfschullehrers und einer Hausfrau in Wiederau bei Rochlitz (Sachsen) zur Welt. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in einem vom Christentum und Humanismus geprägten Elternhaus. Bereits als kleines Mädchen war sie so wissbegierig, dass ihr der Vater zusätzlich Unterricht gab. Schon während ihrer Schulzeit wurde sie mit dem sozialen Elend konfrontiert und engagierte sie sich für den unterprivilegierten Teil der Gesellschaft. 1872 zogen die Eltern nach Leipzig um, wo Clara Eißner das von der Pädagogin und Frauenrechtlerin Auguste Schmidt (1833–1902) geführte Lehrerinnenseminar besuchte. Zu Beginn ihres Berufslebens arbeitete sie als Hauslehrerin. 1878 schloss sie sich der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) an und kam früh mit den Führern der deutschen sozialistischen Bewegung, Wilhelm Liebknecht (1871–1919) und August Bebel (1840–1913), zusammen. 1882 verliebte sich Clara Eißner in den aus Odessa (Ukraine) stammen- den jüdischen Schriftsetzer und Revolutionär Ossip Zetkin (1853– 1889). Mit ihm lebte sie ab 1883 in Paris, wo sie noch im selben Jahr ihren Sohn Maxim gebar. Von da an nannte sich, obwohl sie unverheiratet blieb, Clara Zetkin. 1885 kam der Sohn Konstantin („Kostja“) zur Welt. Im Juli 1889 tat Clara Zetkin beim Gründungskongress der „Zweiten Internationale“ in Paris erstmals ihre Ansichten zur proletarischen Frauenbewegung öffentlich kund. Sie erklärte: „Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht.“ Auf ihre Initiative fasste man den Beschluss, die Frauen als gleichberechtigte Mitglieder in die sozialistischen Organisationen aufzunehmen. Nach dem frühen Tod ihres Lebensgefährten Ossip Zetkin 1889 und der Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 zog Clara Zetkin mit ihren zwei Söhnen nach Stuttgart. Damals arbeitete sie als Anzeigenwerberin, da ihr selbst August Bebel keine Stelle in der SPD verschaffen konnte. Ab 1890 organisierte sie die sozialdemokratische Frauenbewegung in Deutschland. Von 1891 bis 1913 fungierte sie als Herausgebe- 222 rin der sozialistischen Frauenzeitschrift, die ab 1891 den Titel „Die Arbeiterin“ trug und ab 1892 „Die Gleichheit“ hieß. Von 1895 bis 1913 war Clara Zetkin Mitglied der Kontrollkommission der SPD. Auf dem „Internationalen Arbeiterkongress“ 1898 forderte Clara Zetkin in ihrer Rede „Für die Befreiung der Frau“ das Recht der Frau auf uneingeschränkte Erwerbstätigkeit als notwendige Voraussetzung für die Emanzipation. In Stuttgart heiratete Clara Zetkin 1899 den 18 Jahre jüngeren Meisterschüler an der Kunstschule, Georg Friedrich Zundel (1875– 1958). Trotzdem trug sie weiterhin den Familiennamen „Zetkin“. 1907 nahm Clara Zetkin an der „Ersten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz“ teil und wurde deren Sekretärin. Auf der „Zweiten Internationalen Frauenkonferenz“ in Kopenhagen 1910 wurde der von ihr eingereichte Antrag, den 8. März in allen Ländern als „Tag der Frau“ zu feiern, angenommen. Der französische Schriftsteller Louis Aragon (1897–1982) hörte 1912 beim „Internationalen Sozialistenkongress“ in Basel (Schweiz) die Rede mit dem Titel „Wir erheben uns gegen den imperialistischen Krieg“ von Clara Zetkin. Weil ihn ihre Worte tief beeindruckten, schrieb er ihr zu Ehren das Buch „Die Glocken von Basel“, das 1946 auch in deutscher Sprache erschien. In der SPD musste Clara Zetkin häufig aufreibende Konflikte mit konkurrierenden bürgerlichen Parteigenossinnen durchstehen. Um die Jahrhundertwende setzte sie sich – mit Unterstützung der Mehrheit des Parteivorstandes – gegen die SPD-Politikerin Lily Braun (1865–1916) durch, die in der deutschen Frauenbewegung führend tätig war. Später erwuchsen ihr in der SPD neue Konkurrentinnen. Dazu gehörte ab 1913/1914 vor allem Luise Zietz (1865–1922), die als erste Frau 1909 in den Parteivorstand der SPD gewählt und von den meisten Genossen unterstützt wurde. Durch die teilweise heftig geführten Auseindersetzungen stand Clara Zetkin, die ein Herzleiden hatte, ständig unter Druck und war sie stets überarbeitet. Wegen zeitgleicher gesundheitlicher Probleme – sie drohte zu erblinden – zog sie sich allmählich von ihren Funktionen in der SPD zurück. Ihre Ämter wurden von Luise Zietz übernommen, die später ebenfalls aus der SPD verdrängt wurde, als sie sich gegen deren militaristische Ausrichtung wandte. 223 Eine von Clara Zetkins besten Freundinnen war die Politikerin Rosa Luxemburg (1870–1919), mit der sie vor allem vor dem Ersten Weltkrieges politisch eng zusammenarbeitete. Ungeachtet ihrer Freundschaft kritisierte Rosa einmal Clara, diese sei intellektuell ein „leerer Schlauch“, den ihr jeweils letzter Gesprächspartner leicht füllte. Clara könne Ideen aufnehmen, aber nicht hervorbringen und habe nie eine eigene Meinung. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges bekämpfte Clara Zetkin die Politik des „Burgfriedens“ der Fraktionen des „Deutschen Reichstages“. 1915 organisierte sie die „Erste internationale Frauenkonferenz“ in Bern (Schweiz). In einem im wesentlichen von ihr verfassten Manifest riefen die Frauen die Arbeiterinnen aller Länder zu Sabotageakten für den Frieden auf. Dies brachte ihr eine Anklage des Hochverrats und eine Haftstrafe wegen versuchten Landesverrates ein, die sie wegen einer lebensbedrohenden Krankheit jedoch nur von Juli bis Oktober 1915 absaß. Die zum äußersten linken Flügel der SPD gehörende Clara Zetkin wurde durch ihre antimilitaristische Haltung immer mehr in ihrer Partei isoliert und ihrer Funktionen enthoben. Während der ersten Tage der russischen Oktoberrevolution 1917 agierte sie als enge Mitarbeiterin des Politikers Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924). 1917 zählte Clara Zetkin mit Rosa Luxemburg zu den Gründern der „Spartakusgruppe“ (später „Spartakusbund“) und der „Unabhängigen SPD“. 1918 gründeten „Spartakusbund“ und Bremer Linksradikale die „Kommunistische Partei Deutschlands“ (KPD). In der KPD, der sie 1919 nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beitrat, war Clara Zetkin von 1919 bis 1924 und von 1927 bis 1929 Mitglied der Zentrale und von 1917 bis 1929 des Zentralkomitees (ZK). Ab Mai 1919 gab sie die Zeitschrift „Die Kommunistin“ heraus. Von 1920 bis 1933 gehörte Clara Zetkin als Abgeordnete der KPD dem Deutschen Reichstag in Berlin und von 1921 bis 1933 auch dem Exekutivkomitee der Komintern an. Als Leiterin des „Westeuropäischen Internationalen Frauensekretariats“ publizierte sie von 1921 bis 1915 die „Kommunistische Fraueninternationale“. Obwohl Clara Zetkin während der ganzen Dauer der Weimarer Republik dem Deutschen Reichstag angehörte, lebte sie seit 1924 in Moskau, wo sie das Frauensekreta- 224 riat der „Dritten Internationale“ leitete. 1925 war sie Vorsitzende der „Roten Hilfe Deutschlands“ (RHD). Diese Massenorganisation der KPD zur Unterstützung politischer Gefangener ist 1924 gegründet worden. 1928 haben sich Clara Zetkin und ihr Mann Georg Friedrich Zundel getrennt. Von 1929 bis 1932 lebte Clara Zetkin in einem Haus in Birkenwerder, das ihr Sohn Konstantin für sie 1929 erworben hatte. Ihrem älteren Sohn Maxim beschrieb sie das Gebäude als „ein Haus mit sonnigen Zimmern und einem größeren, abgeschlossenen Garten“, in dem sie spazieren humpeln und eingepackt liegen könne. Neben ihrer Tätigkeit im Deutschen Reichstag war Clara Zetkin vor allem in Moskau als Leiterin der „Internationalen Gesellschaft zur Unterstützung von Revolutionären“ aktiv. Damals lenkte bereits der Diktator Josef Stalin (1879–1953) die Geschicke der Sowjetunion und sie lernte den Widerspruch zwischen den Taten Worten und Taten des „roten Zaren“ und seiner Führungsmannschaft kennen. Beim „Internationalen Antikriegskongress“ am 27. und 28. August 1932 wurde Clara Zetkin zusammen mit dem Schriftsteller Heinrich Mann (1871–1950) und dem Physi- ker Albert Einstein (1879–1955) in das „Weltkomitee gegen den imperialistischen Krieg“ gewählt. Am 30. August 1932 eröffnete die 75-jährige Clara Zetkin als Alterspräsidentin den „Deutschen Reichstag“ in Berlin. In ihrer Eröffnungsrede forderte die fast blinde und sehr geschwächte Politikerin die Einheitsfront aller Werktätigen im Kampf gegen die Nationalsozialisten, die nach den 6. Reichstagswahlen die stärkste Fraktion bildeten. Damals wurde sie von dem nationalsozialistischen Politiker Joseph Goebbels (1897–1945) beschimpft und verleumdet. Ebenfalls 1932 warnte sie vor dem kommenden Krieg, der Deutschland mit Tod und Verderben übersäen werde. 1933 flüchtete Clara Zetkin vor den Nationalsozialisten in die „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ (UdSSR). Eine ihrer letzten Handlungen war die Aufdeckung einer geheimen Ministerliste, die unter anderem Walter Ulbricht (1893–1973), Wilhelm Florin (1894–1944) und Fritz Heckert (1884–1936) im „Fall einer siegreichen Revolution“ in Deutschland persönliche Machtpositionen sichern sollte. Dies kommentierte sie mit den Worten: „Diese Trottel denken nur an sich und nicht an die Arbeiter“. 225 Am 20. Juni 1933 starb Clara Zetkin im Alter von 76 Jahren auf Schloss Archangelskoje in der Nähe von Moskau. An ihrem Trauerzug beteiligten sich mehr als 600000 Arbeiterinnen, Arbeiter, Studentinnen und Studenten sowie Soldaten der Roten Armee. Man bestattete ihre Urne an der Kremlmauer in Moskau. Die „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ (SED) übertrug 1949 das ehemalige Wohnhaus von Clara Zetkin in Birkenwerder deren aus der Sowjetunion zurückgekehrtem Sohn Maxim. Auf dessen Initiative wurde zum 100. Geburtstag seiner Mutter 1957 in dem Haus eine Gedenkstätte eingerichtet. Ines Fjodorowna Armand russische Revolutionärin und Geliebte Lenins geboren am 8. Mai 1874 in Paris gestorben am 24. September 1920 in Kislowodsk/Kaukasus Elizabeth Bagaya geborene Prinzessin Elizabeth Rukidi Nayabongo of Tooro ugandische Politikerin Außenministerin von Uganda 1974 geboren 1943 WEITERE POLITIKERINNEN Mireya Elisa Moscoso de Arias panamesische Politikerin erste Präsidentin von Panama 1999 geboren am 1. Juli 1946 Beatrix Königin der Niederlande 1980 geboren am 31. Januar 1938 in Soestdijk 226 Olga Benário-Prestes deutsch-brasilianische Widerstandskämpferin geboren am 12. Februar 1908 in München gestorben Anfang Februar 1942 im KZ Bernburg Sabine Bergmann-Pohl geborene Schulz deutsche Politikerin letzte Präsidentin der Volkskammer der DDR 1990 geboren am 20. April 1946 in Eisenach (Thüringen) Mathilde Berghofer-Weichner geborene Weichner deutsche Politikerin erste Staatsministerin der Justiz in Bayern 1986–1993 und erste stellvertretende Regierungschefin in Bayern 1988–1993 geboren am 23. Januar 1931 in München Jelena Bonner sowjetische Bürgerrechtlerin Ehefrau des Physikers und Bürgerrechtlers Andrej Sacharow (1921–1981) geboren am 15. Februar 1923 in Mary (Merw) in Turkmenien 227 Ministerin für Finanzen in Niedersachsen 1986–1990 Präsidentin der Treuhandanstalt 1991–1994 Generalkommissarin der EXPO 2000 in Hannover geboren am 7. September 1937 in Hamburg Aenne Brauksiepe deutsche Politikerin stellvertretende Parteivorsitzende der „Christlich-Demokratischen Union“ (CDU) 1967–1969 Bundesministerin für Familie und Jugend 1968–1969 geboren am 23. Februar 1912 in Duisburg gestorben am 1. Januar 1997 in Oelde Josephine Elizabeth Butler britische Sozialreformerin geboren am 13. April 1828 in Milfield Hill (Northumberland) gestorben am 30. Dezember 1906 in Woler (Northumberland) Birgit Breuel geborene Münchmeyer deutsche Politikerin und Managerin Ministerin für Wirtschaft und Verkehr in Niedersachsen 1978–1986 Eugenia Charles dominicanische Politikerin erste Ministerpräsidentin von Dominica 1980–1995 geboren am 15. Mai 1919 in Pointe Michel (Dominica) 228 Élisabeth Domitién zentralafrikanische Politikerin Premierministerin der Zentralafrikanischen Republik 1975–1976 Geburtstag unbekannt Shirley Chisholm amerikanische Politikerin erste farbige amerikanische Kongressabgeordnete geboren am 30. November 1924 in Brooklyn (New York) Elizabeth II. geborene Prinzessin Elizabeth Alexandra Mary Königin von Großbritannien und Nordirland und Oberhaupt des Commonwealth seit 1952 geboren am 21. April 1926 in London Herta DäublerGmelin geborene Gmelin deutsche Politikerin erste stellvertretende Parteivorsitzende der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“(SPD) 1988–1997 Bundesministerin der Justiz 1998 geboren am 12. August 1943 in Preßburg Fabiola geborene Doña Fabiola de Moray y Aragón Königin der Belgier seit 1960 geboren am 11. Juni 1928 in Madrid 229 Ellen Fairclough erste kanadische Ministerin geboren am 28. Januar 1905 in Hamilton (Ontario) Anke Fuchs geborene Nevermann deutsche Politikerin Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit von April bis Oktober 1982 Bundesgeschäftsführerin der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) 1987–1991 Präsidentin des „Deutschen Mieterbundes“ 1995 Vizepräsidentin des „Deutschen Bundestages“ 1998 geboren am 5.Juli 1937 in Hamburg Geraldine Ferraro amerikanische Politikerin 1984 erste Frau, die als Vizepräsidentin der USA nominiert wurde geboren am 26. August 1935 in Newburgh (New York) Ruth Fischer eigentlich Elfriede Golke geborene Eisler deutsche Politikerin Mitbegründerin der KPÖ 1918 geboren am 11. Dezember 1885 in Leipzig gestorben am 13. März 1961 in Paris Liselotte Funcke deutsche Politikerin Vizepräsidentin des „Deutschen Bundestages“ 1977–1982 stellvertretende Vorsitzende der „Freien Demokratischen Partei“ (FDP) 1977–1982 230 Wirtschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen 1979–1980 erste Ausländerbeauftragte des „Deutschen Bundestages“ 1981–1991 geboren am 20. Juli 1918 in Hagen/Westfalen Fannie Lou Hamer amerikanische Politikerin Organisatorin der „Mississippi Freedom Democratic Party“ geboren am 6. Oktober 1917 in Montgomery County (Mississippi) gestorben am 15. März 1977 in Ruleville (Mississippi) Marianne Hainisch geborene Perger österreichische Politikerin Gründerin des „Bundes Österreichischer Frauenvereine“ geboren am 25. März 1839 in Baden bei Wien gestorben am 5. Mai 1936 in Wien Eine ausführliche Biographie von Marianne Hainisch steht in meinem Taschenbuch „Superfrauen 11 – Feminismus und Familie“. Hildegard Hamm-Brücher geborene Brücher deutsche Politikerin stellvertretende Parteivorsitzende der „Freien Demokratischen Partei“ (FDP) 1972–1976 parlamentarische Staatssekretärin mit dem Titel „Staatsminister“ im Auswärtigen Amt 1976–1982 geboren am 11. Mai 1921 in Essen Tarja Kaarina Halonen finnische Politikerin erste Präsidentin Finnlands 2000 geboren am 24. Dezember 1943 in Helsinki 231 Janet Jagan Gerda Hasselfeldt geborene Rainer deutsche Politikerin Bundesministerin für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau 1989–1991 Bundesministerin für Gesundheit 1991–1992 geboren am 7. Juli 1950 in Straubing (Niederbayern) geborene Rosenberg guyanische Politikerin Premierministerin von Guyana 1997–1999 geboren am 20. Oktober 1920 in Chicago (Illinois) Juliana Königin der Niederlande 1948–1980 geboren am 30. April 1909 in Den Haag Renata Indzhova bulgarische Politikerin erste bulgarische Premierministerin 1994–1995 geboren 1953 Minna Kautsky geborene Jaich österreichische Sozialistin geboren am 11. Juni 1837 in Graz gestorben am 29. September 1912 in Berlin 232 Sylvie Kinigi burundische Politikerin Premierministerin von Burundi 1993–1994 geboren 1952 Sabine LeutheusserSchnarrenberger deutsche Politikerin Bundesministerin der Justiz 1992–1996 geboren am 27. Juli 1951 in Minden (Westfalen) Catherine Lalumière französische Politikerin Generalsekretärin des Europarats geboren am 3. August 1935 in Rennes Jennie Lee verheiratete Janet Bevan britische Politikerin mit 24 Jahren jüngstes Mitglied des „House of Commons“ erster „Minister of Arts“ in Großbritannien geboren am 3. November 1904 in Lochgelly (Schottland) gestorben am 16. November 1988 in London Marie Elisabeth Lüders deutsche Politikerin erster weiblicher „Doktor der Staatswissenschaften“ in Deutschland Mitbegründerin der „Freien Demokratischen Partei“ (FDP) geboren am 25. Juni 1878 in Berlin gestorben am 23. März 1966 in Berlin 233 Wilma Mankiller amerikanische Politikerin erster weiblicher Häuptling der Cheroke-Indianer geboren am 18. November 1945 in Tahlequah (Oklahoma) Angela Marquardt deutsche Politikerin stellvertretende Vorsitzende der „Partei des Demokratischen Sozialismus“ (PDS) 1995–1997 geboren am 3. September 1971 in Ludwigslust (Mecklenburg-Vorpommern) Margrethe II. Königin von Dänemark 1972 geboren am 16. April 1940 in Kopenhagen Eleanor Marx Claire Marienfeld-Czesla deutsche Politikerin erste Wehrbeauftragte des „Deutschen Bundestages“ geboren am 31. April 1940 in Bingen am Rhein Tochter von Karl Marx britische Sozialistin geboren am 16. Januar 1855 in London gestorben am 31. März 1898 in London 234 gestorben am 3. Juni 1960 in Bukarest Ingrid Matthäus-Maier deutsche Politikerin stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion 1988–1999 geboren am 9. September 1945 in Werlte, Kreis Aschendorf Alice Paul amerikanische Sozialreformerin Gründerin der „World Woman’s Party“ 1938 geboren am 11. Januar 1885 in Moorestown (New Jersey) gestorben Am 9. Juli 1977 in Moorestown (New Jersey) Katharina von Oheimb geborene van Endert deutsche Politikerin Gründerin des „Nationalverbandes deutscher Frauen und Männer“ 1919 geboren am 2. Januar 1879 in Neuss gestorben am 22. März 1962 in Düsseldorf Maria de Lourdes Pintassilgo portugiesische Politikerin Premierministerin von Portugal 1979–1980 geboren am 18. Januar 1930 in Abrantes am Tejo nördlich von Lissabon Ana Pauker geborene Hannah Rabinsohn rumänische Politikerin Außenministerin von Rumänien 1947–1952 geboren am 12. Dezember 1893 in Codaesti an der Moldau Milka Planinc geborene Milka Malada jugoslawische Politikerin Premierministerin von Jugoslawien 1982–1986 geboren am 21. November 1924 in Drnis (Kroatien) 235 Adelheid Popp geborene Dworak österreichische Sozialpolitikerin geboren am 11. Februar 1869 in Wien gestorben am 7. März 1939 in Wien Kazimiera Prunskienë geborene Tarwidene litauische Politikerin Premierministerin von Litauen 1990–1991 geboren am 26. Februar 1943 bei Salcininikai (Litauen) Maria Probst geborene Mayer deutsche Politikerin Vizepräsidentin des „Deutschen Bundestages“ 1965–1967 geboren am 1. Juli 1902 in München gestorben am 1. Mai 1967 in Bonn Jeannette Rankin amerikanische Politikerin erste amerikanische Kongressabgeordnete 1917 geboren am 11. Juni 1888 bei Missoula (Montana) gestorben am 18. Mai 1973 in Carmel (Kalifornien) 236 Elisabeth Rehn geborene Carlberg finnische Politikerin erste finnische Verteidigungsministerin 1990–1994 geboren am 6. April 1935 in Helsinki Nellie Tayloe Ross amerikanische Politikerin erste amerikanische Gouverneurin (Wyoming 1925–1927) geboren am 29. November 1876 bei St. Joseph (Missouri) gestorben am 19. Dezember 1977 in Washington Olga Rudel-Zeynek geborene von Zeynek österreichische Politikerin erste Parlamentspräsidentin in Österreich 1932 geboren am 28. Januar 1871 in Ölmütz (Mähren) gestorben am 25. August 1948 in Graz Hannelore Rönsch geborene Heinz deutsche Politikerin Bundesministerin für Familie und Senioren 1991–1994 stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion 1994 geboren am 12. Dezember 1942 in Wiesbaden Vera Ivanova Sassulitsch russische Revolutionärin geboren am 29. Juli 1849 in Michajlovka (Rußland) gestorben am 8. Mai 1919 in Petrograd 237 Demokratischen Partei“ (FDP) 1988–1991 zweite Ausländerbeauftragte des „Deutschen Bundestages“ 1991–1998 geboren am 11. November 1934 in Berlin Marie Schlei deutsche Politikerin Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeskanzleramt 1974–1978 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit 1976–1978 geboren am 26. November 1919 in Reetz (Pommern) gestorben am 21. Mai 1983 in Berlin Michaele Schreyer deutsche Politikerin Senatorin für Stadtentwicklung und Umweltschutz des Landes Berlin 1989–1990 Kommissarin der „Europäischen Union“ (EU), Haushalt 1999 geboren am 9. August 1951 in Köln Cornelia SchmalzJacobsen geborene Helmrich deutsche Politikerin Senatorin für Jugend und Familie in Berlin 1985–1988 Generalsekretärin der „Freien Irmgard Schwaetzer deutsche Politikerin erste Generalsekretärin der „Freien 238 Demokratischen Partei“ (FDP) 1982–1984 geboren am 5. April 1942 in Münster/Westfalen Song Qingling chinesische Politikerin stellvertretende Vorsitzende des Zentralen Volksregierungsrates 1949–1954 stellvertretende Staatspräsidentin 1959–1975 stellvertretende Parlamentspräsidentin 1975–1981 Ehefrau von Sun Yatsen (1866–1925), dem „Pionier der Revolution“ geboren am 27. Januar 1890 oder 1892 in Shanghai gestorben am 29. Mai 1981 in Peking Elisabeth Schwarzhaupt deutsche Juristin und Politikerin als Gesundheitsministerin erstes weibliches Kabinettsmitglied in der Bundesrepublik Deutschland 1961–1966 geboren am 7. Januar 1901 in Frankfurt am Main gestorben am 29. Oktober 1986 in Frankfurt am Main Silvia geborene Silvia Renate Sommerlath Königin von Schweden geboren am 23. Dezember 1943 in Heidelberg Käte Strobel geborene Müller deutsche Politikerin erstes weibliches Vorstandsmitglied der „Sozialdemokratischen 239 Partei Deutschlands“ (SPD) Gesundheitsministerin 1966–1972 geboren am 23. Juli 1907 in Nürnberg gestorben am 26. März 1996 in Nürnberg Ertha Pascal Trouillot haitische Politikerin Präsidentin von Haiti 1990–1991 geboren 1943 Salote Tupou III. Rita Süßmuth geborene Kickuth deutsche Politikerin erste Präsidentin des gesamtdeutschen Bundestages 1990 geboren am 17. Februar 1937 in Wuppertal Königin von Tonga 1918–1965 geboren 1900 gestorben 15. Dezember 1965 Nyam-Osoriyn Tuyaa mongolische Politikerin Premierministerin der Mongolei 1999 geboren 1958 Agathe Uwilingiyimana ruandische Politikerin Premierministerin von Ruanda 1993 geboren 1953 in Nyaruhengeri ermordet im April 1994 Lydia Gueiler Tejada bolivianische Politikerin Präsidentin von Bolivien 1979–1980 geboren 1926 Vaira Vîke-Freiberga lettische Politikerin Präsidentin von Lettland 1999 240 geboren am 1. Dezember 1937 in Riga geboren am 22. Mai 1940 in Landsweiler bei Lebach (Saarland) Helene Weber Antje Vollmer deutsche Politikerin und Theologin Vizepräsidentin des „Deutschen Bundestages“ 1994 geboren am 31. Mai 1943 in Lübbecke (Westfalen) deutsche Politikerin Mitbegründerin der „Christlich-Demokratischen Union“ (CDU) 1945 eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“ zusammen mit Friederike Nadig (SPD, 1897–1970), Helene Wessel (Zentrum, 1898–1969) und der Juristin Elisabeth Selbert (1896–1986) geboren am 17. März 1881 in Wuppertal gestorben am 25. Juli 1962 in Bonn Rita Waschbüsch geborene Blaskovic deutsche Politikerin Ministerin für Familie, Gesundheit und Sozialordnung im Saarland 1974–1977, jüngste Minsterin der Bundesrepublik und erste Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken 1988–1997 Heidemarie Wieczorek-Zeul geborene Zeul deutsche Politikerin stellvertretende Parteivorsitzende 241 der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) 1993 Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 1998 geboren am 21. Dezember 1948 in Frankfurt am Main Sühbaataryn Yanjmaa mongolische Politikerin Staatsoberhaupt der Mongolei 1953/1954 geboren 1893 gestorben 1962 Wilhelmina Königin der Niederlande 1890–1948 geboren am 31. August 1880 in Den Haag gestorben am 28. November 1962 auf Schloss Het Loo bei Apeldoorn Khaleda Zia Politikerin aus Bangladesh geborene Khaleda Majumdar Premierministerin von Bangladesh 1991–1996 geboren am 15. August 1945 im Distrikt von Dinajpur POLITIK IM INTERNET BIOGRAPHIEN Jane Addams http://www.nobel.se/essays/heroines/ index.html#anchor73509 http://www.women.eb.com/women/articles/ Addams_Jane.html Madeleine Albright http://secretary.state.gov/www/albright/albright.html http://women.eb/com/women/articles/ Albright_Madeleine_ Korbel. html http://www.gale.com/gale/cwh/albright.html Corazón Cojuangco Aquino http://personales.jet.es/ziaorarr/ 00women2.htm http://search.biography.com/print_record.pl?id=3930 http://www.wic.org/bio/caquino.htm Mireya Elisa Moscoso de Arias http://personales.jet.es/ziaorarr/ 00women2.htm Inès Fjodorowna Armand http://www.omen.de/history.fp_a.htm#armand Hanan Ashrawi http://www.muslimedia.com/archives/book/ hanan.htm Elizabeth Bagaya http://personales.jet.es/ziaorarr/00women6.htm Emily Greene Balch http://www.nobel.se/essays/heroines/ index.html#anchor73509 http://www.women.eb.com/women/articles/ Balch_Emily_Greene.html 242 Sirimawo Bandaranaike 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Aasland (1890–1962). Als eine der ersten konnte sie aus dem Gesetz von 1913, das norwegischen Frauen das Stimmrecht und den Zutritt in die höchsten Stellungen im Staatsdienst sicherte, ihren Nutzen ziehen. Später machte sie auch in der Politik Karriere und erwarb sich Verdienste im sozialen Bereich. Aaslaug Aasland wurde am 11. August 1890 als Tochter des Kaufmanns Hans Aasland in Sandnes geboren. Ihre Mutter Hanna Marie Nielsen war die Tochter des Gründers der Wollwarenfabrik in Ålgård. 1922 schloss Aaslaug Aasland ihre Ausbildung als Juristin ab. Anschließend arbeitete sie ein Jahr lang als Gerichtsassessorin am Be- zirksgericht in Alta, das damals als einer der ärmsten und am wenigsten kultivierten Teile im nördlichen Norwegen galt. Neben ihrer Tätigkeit in der Justiz hielt sie auch Vorlesungen über Soziologie und Sozialfürsorge. Von 1924 bis 1931 leitete Aaslaug Aasland den sozialen Kurs des „Norwegischen Frauennationalrats“. Zwischen 1931 und 1936 wirkte sie als Inspekteurin für Frauengefängnisse und Arbeitshäuser für Frauen. Dabei lernte sie die Ursachen tragischer Frauenschicksale kennen. Aufgrund dieser Erfahrungen beschloss sie, die Probleme an der Wurzel anzupacken. Außerdem setzte sie sich für die soziale, wirtschaftliche und politische Gleichberechtigung der norwegischen Frauen ein. 249 1936 wurde Aaslaug Aasland die Nachfolgerin der legendären Betzy Kjelsberg (1886–1950) als Arbeitsinspektorin. Während der deutschen Besetzung Norwegens ab dem 8. April 1940 im Zweiten Weltkrieg engagierte sie sich in der norwegischen Widerstandsbewegung – vor allem auf kulturellem Gebiet. 1945 wurde sie Direktorin des „Bredtvedt Frauengefängnisses“ in Oslo. Ab 5. November 1945 arbeitete Aaslaug Aasland als konsultative Ministerin in der zweiten Regierung von Ministerpräsident Einar Gerhardsen (1897–1987). Bevor sie zur Ministerin avancierte, leitete sie einen Ausschuss, der einen Antrag zur Verbesserung der Bedingungen von Hausangestellten einbrachte, der 1948 angenommen wurde. Vom 20. Dezember 1948 bis zum 21. Januar 1953 fungierte Aaslaug Aasland als norwegische Ministerium für soziale Fürsorge. Sie gründete eine allgemeine Landesversicherung für alle Bürger und erreichte eine Gleichstellung aller Kinder – sowohl der kranken, schwachsinnigen, unehelichen, elternlosen als auch der Flüchtlingskinder. Aaslaug Aasland schuf die Grundlage für einen großen sozialen Reformplan, der das Existenzminimum jedes Norwegers sichern sollte, wenn er nicht selbst seinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Sämtliche politischen Parteien des Landes stimmten diesem Programm des Sozialministeriums zu. Als im Oktober 1953 das Kabinett von Oskar Torp (1893–1958) umgebildet wurde, bat Aaslaug Aasland aus gesundheitlichen Gründen um ihren Rücktritt, der angenommen wurde. Ihre Nachfolgerin wurde die sozialdemokratische Parlamentsabgeordnete Rakel Seewerin. Von 1954 bis 1955 wirkte Frau Aasland als Ministerialdirigentin im Sozialministerium. Während der letzten Jahre ihres Lebens litt Aaslaug Aasland unter einer schweren Krankheit. Am 30. August 1962 starb sie im Alter von 72 Jahren in Oslo. 250 Louise Arbour Die Chefanklägerin in Den Haag Z ur Chefanklägerin der Internationalen Kriegsverbrechertribunale in Den Haag (Niederlande) und Arusha (Tansania) wurde im Februar 1996 die kanadische Richterin und Bürgerrechtlerin Louise Arbour berufen. Im Oktober 1996 trat sie als Nachfolgerin des Südafrikaners Richard Goldstone, des bisherigen Chefanklägers für das frühere Jugoslawien und für Ruanda, ihr verantwortungsvolles Amt an. Louise Arbour kam am 10. Februar 1947 in Montreal als Tochter eines Gastronoms zur Welt. Ihre Eltern ließen sich scheiden, als sie 13 Jahre alt war. Bis zu ihrem 20. Lebensjahr lebte Louise bei den Nonnen des „Colleges Regina Assumpta“, die sie als ihre Familie betrachtete. Bei den Nonnen lernte sie blinden Gehorsam, der neugieriges Zweifeln an Systemen verhindert. Danach schrieb sich Louise Arbour an der Universität von Montreal ein und studierte Jura. Dies erwies sich als problematisch, da die juristische Literatur englisch war und sie damals nur Französisch sprach. Als Jugendliche fuhr sie Ski, spielte Poker und diskutierte bis spät in die Nacht. Nach ihrer Ausbildung in der französischsprachigen Provinz Quebec wurde die zierlich wirkende und kaum 1,50 Meter große Frau 1971 zunächst in Quebec und 1977 auch in der englischsprachigen Provinz Ontario als Anwältin zugelassen, trat jedoch nur einmal vor Gericht auf, weil sie sich auf ihr Lehramt an der „Osgoode Hall Law School“ der York University beschränkte, wo sie von 1974 bis 1987 in Straf- und Zivilrecht unterrichtete. Danach wirkte Louise Arbour als Richterin am Obersten Gerichtshof Kanadas in Ontario. Damals ver- 251 liebte sie sich in ihren Kollegen Larry Taman, der später Oberster Anwalt der Krone und Vater ihrer drei Kinder wurde. Trotz der Kinder entschloss sich die katholische Louise Arbour, nicht zu heiraten. Dies wurde oft kritisiert. 1990 übernahm Louise Arbour ein Richteramt am Berufungsgericht in Ontario. Ab 1990 fungierte sie als Vizepräsidentin der „Canadian Civil Liberties Association“ in Kanada. Frau Arbour erwarb sich den Ruf, hart arbeiten zu können. Dies verdankt sie ihrer Tätigkeit als Vorsitzende einer 1995 von der Regierung eingesetzten Untersuchungskommission, die den Auftrag hatte, nach einem gewaltsamen Vorgehen von männlichem Wachpersonal in einem kanadischen Frauengefängnis festzustellen, wer im Strafvollzugssystem versagt hatte. Die Leitung dieser Untersuchungskommission war ihr wegen ihres Ansehens als Strafrechtsexpertin der „Kanadischen Bürgerrechtsvereinigigung“ angetragen worden. Als UN-Generalsekretär Boutros (Peter) Boutros-Ghali im Februar 1996 den Weltsicherheitsrat in New York über die Amtsnachfolge von Richard Goldstone unterrichtete, bezeichnete sich Louise Arbour als „absolut beglückt“, da sie noch nie eine solche Herausforderung gehabt habe. Anfang August 1996 wurde sie auf ihr neues Amt vorbereitet. Dabei erhielt sie einen ersten und gründlichen Einblick in die Schwierigkeiten, mit denen besonders das Tribunal für das frühere Jugoslawien noch immer zu kämpfen hatte. Nach ihrer Berufung als Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals am 1. Oktober 1996 verglichen die damaligen kanadischen Mitarbeiter von Louise Arbour sie mit einem Dynamo und meinten, sie werde auch das internationale Amt mit der ihr eigenen Energie ausüben. Frau Arbour selbst erklärte, für einen Juristen sei die Position in Den Haag die größte Herausforderung. Weil es vor allem die bosnischserbischen Behörden in Pale und die „Bundesrepublik Jugoslawien“ ablehnten, die auf ihrem Gebiet lebenden angeklagten mutmaßlichen Kriegsverbrecher serbischer Volkszugehörigkeit nach Den Haag auszuliefern, konnte das internationale Straftribunal nicht seiner eigentlichen Aufgabe nachkommen. In einer ersten öffentlichen Erklärung als Chefanklägerin in Den Haag bezeichnete Frau Arbour die Weigerung der Nato-Staaten, die mutmaßlichen Kriegsverbrecher festzunehmen, als „besonders enttäuschend und schockierend“. 252 Das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag wurde im Mai 1993 durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eingesetzt. Es tagt im ehemaligen Gebäude eines Versicherungskonzerns und verfügt über 625 Mitarbeiter aus 57 Ländern. Jeder seiner 14 Richter stammt aus einem anderen Land. Bei ihrer Arbeit als Chefanklägerin saß Louise Arbour täglich zwölf Stunden am Schreibtisch. Bei ihrer Tätigkeit verlor sie nur selten die Kontrolle über ihre Gefühle. Doch alles, was nicht mit ihrer Arbeit zu tun hat, löst bei ihr sehr starke Gefühlsregungen aus. So kann sie nicht ins Kino gehen, ohne weinen zu müssen. Am 12. Juni 1999 berichtete die Presse, die Chefanklägerin des UNKriegsverbrechertribunals in Den Haag, Louise Arbour, sei an den obersten Gerichtshof Kanadas, den „Supreme Court“, berufen worden und werde ihr neues Amt am 15. September antreten. Sie wäre dann die dritte Frau im insgesamt neun Richter zählenden „Supreme Court“. Anita Augspurg Die erste Juristin Deutschlands E ine engagierte Kämpferin für die Rechte der Frauen, den Frieden und die Freiheit war die deutsche Lehrerin, Schauspielerin und Führerin des radikaldemokrati- schen Flügels der deutschen Frauenbewegung, Anita Augspurg (1857–1943). Sie gründete den „Deutschen Verband für Frauenstimmrecht“, hob die „Internationa- 253 le Frauenliga für Frieden und Freiheit“ mit aus der Taufe und war die erste deutsche Juristin. Anita Augspurg wurde am 22. September 1857 in Verden an der Aller (heute Niedersachsen) geboren. Ihr Vater hatte sich an der Revolution von 1848 beteiligt und deswegen eine Festungshaft verbüßen müssen. In Biographien über Anita heißt es, sie sei ein verträumtes Kind mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gewesen und habe früh gegenüber der Kirche eine kritische Haltung eingenommen. Um der Enge ihres Heimatortes zu entfliehen, zog Anita Augspurg nach Berlin und absolvierte dort erfolgreich das Lehrerinnenexamen, später legte sie auch die Turnlehrerinnenprüfung ab. Nach einer Erbschaft ließ sie sich als Schauspielerin ausbilden und trat in der Provinz auf. Anschließend eröffnete sie mit einer Freundin in München das Fotoatelier „Elvira“, zu dessen Kundschaft vor allem Künstler gehörten. Die Mitarbeit Anita Augspurgs im „Deutschen Frauenverein Reform“ führte 1893 zur Gründung eines Mädchengymnasiums in Karlsruhe, an dem die Hochschulreife erworben werden konnte. 1893 begann sie ein Jurastudium an der Universi- tät Zürich, wo sie 1897 mit 40 Jahren zum Doktor der Rechte und zur ersten deutschen Juristin promovierte. Beim „Internationalen Frauenkongreß“ in Berlin 1896 begegnete Anita Augspurg erstmals der Feministin Lida-Gustava Heymann (1868–1943), die später ihre Lebensgefährtin wurde. 1897 nahm Anita am „Internationalen Abolitionistischen Kongreß“ in London teil. Als Abolutionismus (englisch: to abolish = abschaffen) wird die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei in Großbritannien und in den USA bezeichnet. Hinterher initiierte sie in Deutschland zahlreiche Vereinsgründungen, die gegen die staatliche Reglementierung der Prostitution und gegen die Sittlichkeitsbewegung von Hanna BieberBöhm (1851–1910) kämpften. Auf Anita Augspurg sind viele Anstöße zur Verbesserung im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereich in Deutschland zurückzuführen. In Gesetzesänderungsvorschläge, die weibliche Belange berührten, brachte sie ihre Rechtskenntnisse ein und klärte über die juristische Stellung der Frau auf. Mehr als ein Jahrzehnt lang bildeten Anita Augspurg und die Feministin Minna Cauer (1842–1922) den Mit- 254 telpunkt der radikalen Frauenbewegung. Beide gingen mit einer Sondergenehmigung im Reichstag in Berlin ein und aus. Anita redigierte die Beilage „Parlamentarische Angelegenheiten und Gesetzgebung“ in der Zeitschrift „Die Frauenbewegung“ von Minna Cauer. Anita Augspurg gehörte zum Vorstand des Vereins Frauenwohl und zu den Gründerinnen des „Verbands fortschritlicher Frauenvereine“, in dem sie als zweite Vorsitzende fungierte. 1902 gründete sie zusammen mit Lida-Gustava Heymann den „Deutschen Verband für Frauenstimmrecht“ und wurde dessen Präsidentin. 1907 zogen Anita Augspurg und Lida-Gustava Heymann nach Bayern. Fortan kam Anita nur noch in den Wintermonaten nach Berlin, um dort politisch tätig zu sein. Von 1907 bis 1912 war sie Herausgeberin der „Zeitschrift für Frauenrecht“ und 1912/1913 des Verbandsorgans „Frauenstimmrecht“. Nachdem 1908 auch Frauen in politische Parteien eintreten konnten, schloss sich Anita Augspurg der liberalen „Deutschen Freisinnigen Partei“ (DFrP) an. Diese Partei verließ sie aber bald wieder, weil sie meinte, sie verschwende ihre Kräfte an Männerpolitik. Während des Ersten Weltkrieges (1914–1918) tat sich Anita Augspurg als Pazifistin hervor. 1915 war sie eine der Initiatorinnen der „Internationalen Frauenfriedenskonferenz“ in Den Haag (Niederlande) und beteiligte sich an der Gründung der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“. Danach hob sie zusammen mit ihrer Lebensgefährtin in deutschen Städten nationale „Frauenausschüsse für dauernden Frieden“ aus der Taufe. Wegen ihren Aufsehen erregenden Aktionen für den Frieden wurde Anita Augspurg vom „Bund Deutscher Frauenvereine“ ausgeschlossen. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges erhielt sie Redeverbot und musste Hausdurchsuchungen hinnehmen. Nach der Ausrufung der Räterepublik in Bayern 1918 setzte sich Anita Augspurg für deren Ziele ein. Sie war fasziniert von der Idee der Einberufung von Frauenräten und saß als Vertreterin der Frauenbewegung in dem im November 1918 gewählten provisorischen Parlament. Im Dezember 1918 kandidierte sie erfolglos für den bayerischen Landtag. Von 1919 bis 1933 gaben Anita Augspurg und LidaGustava Heymann die Zeitschrift „Die Frau im Staat“ heraus und engagierten sich in der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“ (IFFF) für Abrüstung und 255 ein Verbot der Entwicklung chemischer Waffen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in Deutschland kehrten Anita Augspurg und Lida-Gustava Heymann von einer Auslandsreise nicht mehr in ihr Heimatland zurück und lebten fortan in der Schweiz. Beide standen auf der Liste der zu liquidierenden Personen, ihr Besitz wurde konfis- ziert und ihr Frauenarchiv vernichtet. Am 20. Dezember 1943 starb Anita Augspurg im Alter von 86 Jahren in ihrem Zürcher Exil. Das Kurzporträt von Anita Augspurg steht auch in meinem Taschenbuch „Superfrauen 11 – Feminismus und Familie“. Elizabeth Fry Englands „Engel der Gefangenen“ ls Reformerin des Gefängnissystems in Großbritannien während des frühen 19. Jahrhunderts ging die Engländerin Eliza– A beth Fry (1780–1845), geborene Gurney, in die Geschichte des Strafvollzugs ihres Heimatlandes ein. Dank des Einflusses dieses 256 „Engels der Gefangenen“ sind die Verhältnisse in englischen Frauengefängnissen spürbar verbessert worden. Elizabeth Gurney wurde am 21. Mai 1780 als dritte von sieben Töchtern des wohlhabenden Fabrikanten und Schlossbesitzers John Gurney (1749–1809) und seiner Frau Catherine in Earlham bei Norwich in der Grafschaft Norfolk geboren. Ihre Eltern gehörten zur „Society of Friends“ („Gesellschaft der Freunde“), deren Mitglieder wegen ihrer ekstatischen Zustände „Quaker“ („Quäker“ oder „Zitterer“) heißen. Die „Quäker“ lehnen Sakramente, Dogma und kirchliche Institutionen ab. Sie leisten auch keinen Eid, verweigern Kriegsdienste, führen ein bedürfnisloses Leben und helfen allen in Not geratenen Menschen. Einst kämpften sie gegen die Sklaverei, setzten sich für den Weltfrieden ein und engagierten sich in Mäßigungs- und Enthaltsamkeitsbewegungen. Von ihren Eltern, Geschwistern und anderen Kindern wurde Elizabeth mit dem Kosenamen „Betsy“ gerufen. Ihr ganzes Leben lang stand sie stark unter dem Einfluss ihrer Mutter. Catherine Gurney vertrat die für ihre Zeit ungewöhnlich fortschrittliche Auffassung, Mädchen sollten ebenso gut wie Jungen ausgebildet werden. „Betsy“ und ihre Schwestern schockten andere „Quäker“, wenn sie farbenprächtige und seidene Kleider trugen oder einmal sogar die Postkutsche stoppten. „Betsy“ erhielt Unterricht in Geschichte, Französisch und Latein. Die Mutter erzählte ihr Geschichten aus der Bibel, las ihr Psalmen vor und nahm sie mit, wenn sie arme und kranke Menschen besuchte und ihnen half. Elizabeth verlor früh ihre Mutter, als sie erst zwölf Jahre alt war. Am 4. Februar 1798 ging die 17jährige Elizabeth – mit eleganten lilafarbenen Stiefeln und roten Schnürbändern – mit ihren Schwestern zu einem Gottesdienst, bei dem sie erstmals den amerikanischen „Quäker“ William Savery (1750–1804) hörte und ergriffen weinte. Danach bat sie ihren Vater, sie im Haus ihres Onkels, wo Savery zu Gast war, am Mittagessen teilnehmen zu lassen. Nachmittags zog es die sieben Gurney-Schwestern erneut zur Andacht, nach der „Betsy“ fast auf der ganzen Heimfahrt im Wagen weinte. Am nächsten Morgen kam Savery zum Frühstück zu den Gurneys und erklärte nachher Elizabeth, sie sei zu einem hohen und wichtigen Werk berufen. Von da ab schienen 257 ihre Vergnügungssucht und Freude an weltlichen Dingen verschwunden. 1799 unternahm Elizabeth Gurney einen Besuch in London, wo sie William Savery wieder begegnete. Während ihres Aufenthaltes in der britischen Hauptstadt ging sie auch ins Theater und in die Oper und wunderte sich darüber, ob es richtig sei, Freude dabei zu empfinden. Nach intensiven Kontakten und Gesprächen mit ihrer Cousine Priscilla Hannah Gurney und ihrer Freundin Deborah Darby wandelte sich „Betsy“ zur überzeugten „Quäkerin“, die auf ihrem Familienlandsitz „Plashet House“ verwaiste Kinder in einer Sonntagsschule unterrichtete. Im Sommer 1799 besuchte der „Quäker“ Joseph Fry (1777–1861) die Familie Gurney auf ihrem Landsitz, verliebte sich in Elizabeth und heiratete sie am 18. August 1800. Die Frys waren wohlhabende Kaufleute, die mit Tee, Kaffee und Gewürzen handelten und später eine Bank eröffneten. Betsy und Joseph lebten anfangs bei den Frys in London. Im August 1801 brachte Elizabeth Fry ihre Tochter Katherine zur Welt. In den folgenden zwei Jahrzehnten schenkte sie weiteren zehn Kindern das Leben. Um 1812 lernte Elizabeth Fry den französischen Aristokraten, Stephen Grellet (1773–1855), eigentlich Etienne Grellet du Mabillier, kennen, der sich in den USA den „Quäkern“ angeschlossen hatte, in Europa das Quäkertum predigte und in England einige Gefängnisse besichtigte. Er erzählte ihr von verheerenden Zuständen im Frauengefängnis von Newgate, wo weibliche Häftlinge teilweise mit Neugeborenen auf dem Steinfußboden lagen. Als Elizabeth und andere „Quäkerinnen“ von Grellet um Hilfe für die Kinder in den Gefängnissen gebeten wurden, besuchte diese zusammen mit ihrer Schwägerin das Gefängnis von Newgate. Von dem, was sie dort mit eigenen Augen sahen, waren die beiden Frauen schockiert. Unter anderem wurden sie Zeugen davon, wie zwei Gefangene einem toten Baby die Kleider aus- und einem anderen Kind anzogen. Am nächsten Tag kehrten die Besucherinnen mit warmen Sachen und sauberem Stroh für das Lager von Kranken zurück. Obwohl sie dieses Elend nicht vergessen konnte, war Elizabeth Fry nicht fähig, in den folgenden vier Jahren erneut das Frauengefängnis von Newgate aufzusuchen. Während dieser Zeit erlebte sie finanzielle Schwierigkeiten der „Fry Bank“, gebar zwei weitere 258 Kinder und betrauerte den Tod ihrer vierjährigen Tochter Betsy. Vor Weihnachten 1816 besuchte Elizabeth Fry erstmals wieder das Frauengefängnis von Newgate, wo sie die Gefangenen dafür gewann, ihre Kinder unterrichten zu lassen, damit sie bessere Chancen im Leben haben. 1817 gründete sie den „Frauenverein zur Besserung weiblicher Sträflinge“ und 1819 eine Lehr- und Arbeitsschule für verurteilte weibliche Gefangene, die von einer Vorsteherin und zwölf Frauen geleitet wurde. Außerdem engagierte sich Elizabeth Fry zwischen 1837 und 1843 bei Reisen nach Amerika, Frankreich, in die Schweiz und Deutschland für die Reform des Strafrechts und des Strafvollzugs. Nach einem Besuch in Schottland veröffentlichte sie das Buch „Observation, on the visiting, superintendence and government of female prisoners“ (1827). Die Kunde über das Wirken von Elizabeth Fry verbreitete sich in anderen Gegenden Großbritanniens und im übrigen Europa. Nach ihrem Vorbild gründeten russische Frauen ein Kommittee für den Besuch von Gefängnissen. Sogar die britische Königin Viktoria (1819–1901) wurde auf sie aufmerksam und empfing sie zu einer Audienz. Zeitweise hatte Elizabeth Fry unter mancherlei Kritik zu leiden. Ein Teil der weiblichen Gefangenen ärgerte sich darüber, nicht weiterhin Alkolhol trinken sowie Glücksspielen und dem Müßiggang nachgehen konnten. Lokalpolitiker kritisierten den neuen „Prison Act“ von 1823, der einige Ideen von Elizabeth berücksichtigte und den Gefängnissen mehr finanzielle Mittel garantierte. Außerdem mokierten sich Quäker darüber, daß die meisten von Elisabeths Kindern einen Andersgläubigen heirateten. 1828 brach die von Elizabeths Mann geleitete „Fry-Bank“ zusammen. Elizabeth wurde damals von einigen Zeitungen zu Unrecht beschuldigt, sie habe Gelder der Bank für ihre wohltätigen Zwecke verwendet. Daraufhin bekam sie die Missachtung von Quäkern und anderen Leuten deutlich zu spüren. Elizabeth Fry starb am 12. Oktober 1845 im Alter von 65 Jahren in Ramsgate. Nach ihrem Tod ist ein halbes Dutzend Bücher über ihr Leben und Werk erschienen. 259 Jutta Limbach Deutschlands erste höchste Richterin Z ur ersten Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts (BVG) in Karlsruhe stieg im September 1994 die Rechtswissenschaftlerin, BVG-Vizepräsidentin und Politikerin der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD), Professor Dr. Jutta Limbach, geborene Ryneck, auf. Damit folgte sie dem Politiker der „Christlich-Demokratischen Union“ (CDU), Roman Herzog, nach, der am 23. Mai 1994 zum Bundespräsidenten gewählt worden war. Jutta Ryneck kam am 27. März 1937 in Berlin-Neukölln als Tochter eines Ingenieurs und einer Hausfrau zur Welt. Ihre Familie war schon seit Generationen an politischen und sozialen Fragen interessiert. Die Urgroßmutter Pauline Staegemann (1838–1909) gründete 1873 in Berlin zusammen mit der Politikerin Emma Ihrer (1857–1911) den Arbeiterfrauen- und Mädchenverein in Berlin und leitete diesen fünf Jahre lang als Vorsitzende. Juttas Großmutter Elfriede Ryneck (1872–1951) war Mitglied der SPD und saß für diese Partei ab 1919 als eine der ersten weiblichen Parlamentarierinnen in der „Weimarer Nationalversammlung“, von 1920 bis 1924 in Berlin im Reichstag und ab 1925 im Preußischen Landtag. Außerdem fungierte sie als zweite Vorsitzende der 1919 gegründeten Arbeiterwohlfahrt. Juttas Vater Erich Ryneck (1899–1976) erhielt unter den Nationalsozialisten ein Berufsverbot und bekleidete nach 1945 das Amt des Bürgermeisters in Pankow-Heinersdorf. Zunächst plante Jutta Ryneck, Journalistin zu werden. Doch während ihres Jurastudiums in Berlin und Freiburg im Breisgau wurde ihr Interesse an der Wissenschaft geweckt. 1958 legte sie das erste juristische Staatsexamen und 1962 260 das zweite ab. 1962 trat sie nach reiflicher Überlegung in die SPD ein. Von 1963 bis 1966 wirkte Jutta Ryneck als wissenschaftliche Assistentin am Fachbereich Rechtswissenschaft der Freien Universität (FU) Berlin. 1964 heiratete sie den Bonner Beamten Peter Limbach. Das Ehepaar hat drei Kinder: die Tochter Anna Caroline (geb. 1964) sowie die Söhne Daniel (geb. 1967) und Benjamin (geb. 1969). 1966 promovierte Jutta Limbach mit einer Arbeit über „Theorie und Wirklichkeit der GmbH“ zum „Doktor der Rechte“. 1971 habilitierte sie sich und wurde Professorin für Bürgerliches Recht, Handelsund Wirtschaftsrecht und Rechtssoziologie am Fachbereich Rechtswissenschaft der FU Berlin. Von 1987 bis 1989 war Jutta Limbach Mitglied des „Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen“ beim Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Zugleich wirkte sie ab 1987 als Vorstandsmitglied der „Gesellschaft für Gesetzgebung“. Nach den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus vom 29. Januar 1989 bildeten „Die Grünen“ und die SPD eine Koalition unter Walter Momper. Im März 1989 wurde Jutta Limbach Senatorin für Justiz. Eben- falls 1989 ließ sie sich als Professorin beurlauben. Wenige Wochen nach ihrem Amtsantritt sorgte sie durch ihr entschiedenes Eintreten für die umstrittene teilweise Zusammenlegung der Häftlinge der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) für Aufsehen. Nach den ersten Gesamtberliner Wahlen vom 2. Dezember 1990, bei denen die CDU im Westteil stark aufholte, wurde statt der rotgrünen eine „Große Koalition“ von CDU und SPD unter Eberhard Diepgen gebildet. In dem am 24. Januar 1991 gebildeten Senat behielt Jutta Limbach ihr Amt als Justizsenatorin. Selbst nach Ansicht ihrer parteipolitischen Kritiker ist Jutta Limbach in den folgenden schwierigen drei Jahren als Berliner Justizsenatorin über sich hinausgewachsen. Prozesse und Ermittlungsverfahren gegen DDR-Rechtsbrecher, die sich dramatisch verstärkende allgemeine Kriminalität in Berlin und komplizierte Wirtschaftsverbrechen im Gefolge der Auflösung der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) bescherten ihr eine arbeitsreiche Zeit. 1992/1993 fungierte Frau Limbach als Mitglied der Gemeinsamen Verfassungskommission von Bundestag und Bundesrat. Am 4. März 1994 wurde Jutta 261 Limbach als Nachfolgerin des ausscheidenden Richters Ernst Gottfried Mahrenholz die Vizepräsidentin des BVG in Karlsruhe und zugleich Vorsitzende des Zweiten Senats, der als Staatsgerichtshof fungiert. Das „FAZ-Magazin“ meinte, Frau Limbach habe hierzu alle Voraussetzungen mitgebracht: eine solide akademische Laufbahn, politische Erfahrung und oft nachgewiesene Souveränität gegenüber der Linie der Partei. Durch die Wahl des BVG-Präsidenten Roman Herzog für das Amt des Bundespräsidenten im Mai 1994 avancierte dessen Stellvertreterin Jutta Limbach am 16. September 1994 zur ersten Frau an der Spitze des höchsten deutschen Gerichts. Damit hatte sie das „Traumziel einer juristischen Karriere“ erreicht. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe besteht aus zwei Senaten mit je acht Richtern, die zur Hälfte von Bundestag und Bundesrat gewählt werden. Die Senate sind vor allem für Verfassungstreitigkeiten und die Normenkontrolle zuständig. An die Entscheidungen des BVG sind alle anderen staatlichen Organe gebunden. Zu den wichtigsten Veröffentlichungen der BVG-Präsidentin Jutta Limbach zählen „Theorie und Wirklichkeit der GmbH“ (1996) und „Die Akzeptanz verfassungsgerichtlicher Entscheidungen“ (1997). Bereits zu ihrer Zeit als Professorin an der FU Berlin ist ihre Publikation „Der verständige Rechtsgenosse“ (1977) erschienen. Als Vorbilder betrachtet Jutta Limbach ihre weiblichen Vorfahren und die deutsche Politikerin Hildegard Hamm-Brücher. An diesen Frauen schätzt sie das Kämpferische sowie ihre Bereitschaft, den eigenen Frieden für einmal gesetzte Ziele zu opfern. Sie selbst bezeichnet sich als eine Feministin, die sich für die Gleichstellung der Frau in der Politik, Gesellschaft und Kultur einsetzt. WEITERE JURISTINNEN Hilde Benjamin geborene Lange erste Justizministerin der „Deutschen Demokratischen Republik“ (DDR) und der Welt 1953–1967 262 geboren am 5. Februar 1902 in Bernburg/Saale gestorben am 18. April 1989 in Berlin Elisabeth Selbert deutsche Juristin eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“ zusammen mit Friederike Nadig (SPD, 1897–1970), Helene Wessel (Zentrum, 1898–1969) und Helene Weber (CDU, 1881–1862) geboren am 22. September 1896 gestorben am 9. Juni 1986 Myra Bradwell geborene Colby erste amerikanische Rechtsanwältin 1869 geboren am 12. Februar 1831 in Manchester (Vermont) gestorben am 14. Februar 1894 in Chicago Eunice Hunton Carter amerikanische Juristin erste farbige Richterin der USA geboren am 16. Juli 1899 gestorben am 25. Januar 1970 JUSTIZ IM INTERNET BIOGRAPHIEN Aaslaug Aasland http://stavanger-aftenblad.no/nyheter/politikk/1998/ 0518/093406.html http://www.munzinger.de/ansicht/000/00/0055/ 000005596.html Louise Arbour http://www.welt.de/daten/1999/05/28/ 0528fo67068.htx Anita Augspurg http://www.uni-ulm.de/LiLL/3.0/D/ frauen.augsp.html Sandra Day O’Connor amerikanische Juristin erste Frau im U. S. Supreme Court 1981 geboren am 26. März 1930 El Paso (Texas) 263 Hilde Benjamin http://www.munzinger.de/ansicht/000/00/0031/ 000003116t.html Eunice Hunton Carter etoharlem.com/Harlem/htheult.nsf/notables/ 887ee7e6011bdaef852565cf001dbc85 Elizabeth Fry http://search.biography.com/print_record.pl?id=8663 http://www.quaker.org.uk/qviews3.html http://www.spartacus.schoolnet.co.uk/REfry.htm Jutta Limbach http://www.rewi.hu-berlin.de/HFR/12-1996/ Biographie.html Sandra Day O’Connor http://supct.law.cornell.edu/supct/justices/ oconnor.bio.html Elisabeth Selbert http://www.f.rrz.uni-koeln.de/studenten/akj/reader97/ recht.htm Bundesverfassungsgericht, Karlsruhe http://www.bundesverfassungsgericht.de/ Datenschutzinformationen http://www.rewi.hu-berlin.de/Datenschutz Fahnder (Suchmaschine für Juristen) http://www.vrp.de/search/fahnder.htm Forum Deutsches Recht http://www.recht.de Generalbundesanwalt, Karlsruhe http://www.generalbundesanwalt.de/ Juristische Linkseiten http://www.vrp.de/jurbook.htm Jusline – Internet-Portal für Rechtsinformationen und Rechtsdienstleistungen http://www.jusline.de/jus.html Lawinfo USA http://www.lawinfo.com/ Netlaw Libary http://www.uni-muenster.de/Jura/itm/netlaw Rechtsberater http://www.rechtsberater.de Rechtsinformationssystem Österrei