Ernst Probst SUPERFRAUEN 3 Politik Copyright © 2001 by Verlag Ernst Probst Im See 11 55246 Mainz-Kostheim Fax: 06134/26665 Cover/Layout: Rainer Veit, Mainz-Hechtsheim Covervorderseite: Heide Simonis, Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Foto: Pressestelle der Landesregierung Schleswig-Holstein, Kiel. Foto: Monika Zucht, Der Spiegel, Hamburg Coverrückseite: Foto: Klaus Benz, Mainz 1. Auflage Alle Rechte vorbehalten ISBN 3-935718-12-8 2 Heide Simonis, der ersten Ministerpräsidentin in Deutschland, gewidmet 3 INHALT Vorwort Dank 11 12 Agatha Barbara Die erste Präsidentin von Malta 33 POLITIK Jane Addams Die frühe amerikanische Sozialreformerin 15 Benazir Bhutto 35 Die erste Regierungschefin Pakistans Bärbel Bohley Die berühmteste Bürgerrechtlerin der DDR Lily Braun Die bürgerliche Frauenrechtlerin 39 Madeleine Korbel Albright 19 Amerikas erste Außenministerin Corazón Cojuangco Aquino Die erste Präsidentin der Philippinen Hanan Ashrawi Die Sprecherin der Palästinenser Emily Greene Balch Die frühe amerikanische Pazifistin Sirimawo Bandaranaike Die erste Regierungschefin der Welt 42 22 24 27 31 Gro Harlem Brundtland 45 Die erste Regierungschefin Norwegens 4 Kim Campbell Die erste Regierungschefin Kanadas 49 Takako Doi 77 Die „Blume der japanischen Politik“ Ruth Dreifuss Die erste Bundespräsidentin der Schweiz Gertrude Duby-Blom Die mutige Schweizer Sozialistin Eleanor Dulles Die „Mutter von Berlin“ Kaiserin Farah Diba Irans erste Kaiserin Vigdís Finnbogadóttir Die erste Staatspräsidentin Islands 79 Barbara Castle 52 Die „feurige Rote“ der Labour Party Violeta Chamorro Die erste Staatspräsidentin Nicaraguas 55 83 Charlotte von Luxemburg 57 Unvergessene Großherzogin Tansu Çiller 61 Die „Eiserne Lady“ der Türkei Edith Cresson Die erste Regierungschefin Frankreichs Deng Yingchao Die Sonderbotschafterin von Chinas Führung Bernadette Devlin Die irische „Jeanne d’Arc“ Diana Prinzessin von Wales Die „Königin der Herzen“ 63 86 88 91 67 Leni Fischer Die große deutsche Europäerin 71 Jekaterina Furzewa Rußlands „rote Zarin“ 74 5 94 97 Indira Gandhi 101 Die „Große Mutter Indiens“ Dolores Ibárruri „La Pasionara“ („die Leidenschaftliche“) Marie Juchacz Die Arbeiterwohlfahrt war ihr Werk 105 Golda Meir 136 Die Frau, die „Mann des Jahres“ war 108 Petra Kelly 112 Die Symbolfigur der Grünen Jacqueline Kennedy Die unvergessene „First Lady“ der USA 115 Waltraud Klasnic 120 Die erste Landeshauptfrau der Steiermark Alexandra Kollontai Die erste Ministerin der Welt Nadeshda Krupskaja Die Frau an Lenins Seite Felicia Langer Die israelische Menschenrechtlerin 122 Rigoberta Menchú Die friedliche Kämpferin für Menschenrechte Angela Merkel Die erste Vorsitzende der CDU Alva Myrdal Schwedens große Sozialreformerin 139 142 125 148 130 Rosa Luxemburg 132 Die Mitbegründerin der KPD 6 Claudia Nolte 151 Die jüngste Ministerin einer Bundesregierung Eva („Evita“) Perón Die Frau, die in Argentinien zur Legende wurde Isabel Perón Die erste Präsidentin Argentiniens Irene Pivetti Italiens radikalkatholische Parlamentspräsidentin Jiang Qing Die erste Frau im Pekinger Politbüro Grete Rehor Österreichs erster weiblicher Minister 154 Sophie Scholl Die Studentin, die für den Widerstand starb Louise Schroeder Berlins erste Oberbürgermeisterin Jenny Shipley Neuseelands erste Regierungschefin Heide Simonis Die erste Ministerpräsidentin in Deutschland 181 158 185 162 187 165 189 169 Hanna Suchocka 192 Die „Eiserne Lady“ Polens Bertha von Suttner 196 Die erste Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi Die Oppositionsführerin von Myanmar Margret Thatcher Englands „Eiserne Lady“ 7 Annemarie Renger 172 Die erste Präsidentin des „Deutschen Bundestages“ Mary Robinson Der „Glücksfall für die Republik Irland“ Eleanor Roosevelt Die Kämpferin für die Menschenrechte 174 201 177 205 Gertrud (Trude) Unruh Die „Mutter Courage“ der „Grauen Panther“ 208 Simone Veil 212 Die erste Präsidentin des „Europäischen Parlaments“ Helene Wessel 215 Die Mitbegründerin der „Deutschen Zentrumspartei“ Bette Williams und Mairead Corrigan 218 Zwei Friedensaktivistinnen in Nordirland Clara Zetkin Die Mitbegründerin des „Spartakusbundes“ 221 WEITERE POLITIKERINNEN 226 Mireya Elisa Moscoso de Arias – Ines Fjodorowna Armand – Elizabeth Bagaya – Beatrix Königin der Niederlande – Olga Benário-Prestes – Mathilde Berghofer-Weichner – Sabine 8 Bergmann-Pohl – Jelena Bonner – Aenne Brauksiepe – Birgit Breuel – Josephine Elizabeth Butler – Eugenia Charles – Shirley Chisholm – Herta Däubler-Gmelin – Élisabeth Domitién – Elizabeth II. Königin von Großbritannien und Nordirland – Fabiola Königin der Belgier – Ellen Fairclough – Geraldine Ferraro – Ruth Fischer – Anke Fuchs – Liselotte Funcke – Marianne Hainisch – Tarja Kaarina Halonen – Fannie Lou Hamer – Hildegard Hamm-Brücher – Gerda Hasselfeldt – Renata Indzhova – Janet Jagan – Juliana Königin der Niederlande – Minna Kautsky – Sylvie Kinigi – Catherine Lalumiére – Jennie Lee – Sabine LeutheusserSchnarrenberger – Marie Elisabeth Lüders – Wilma Mankiller – Margrethe II. Königin von Dänemark – Claire Marienfeld-Czesla – Angela Marquardt – Eleanor Marx – Ingrid Matthäus-Maier – Katharina von Oheimb – Ana Pauker – Alice Paul – Maria de Lourdes Pintassilgo – Milka Planinc – Adelheid Popp – Maria Probst – Kazimiera Prunskienë – Jeannette Rankin – Elisabeth Rehn – Hannelore Rönsch – Nellie Tayloe Ross – Olga Rudel-Zeynek – Vera Ivanova Sassulitsch – Marie Schlei – Cornelia SchmalzJacobsen – Michaele Schreyer – Irmgard Schwaetzer – Elisabeth Schwarzhaupt – Silvia Königin von Schweden – Song Qingling – Käte Strobel – Rita Süßmuth – Lydia Gueiler Tejada – Ertha Pascal Trouillot – Salote Tupou III. Königin von Tonga – Nyam-Osoriyn Tuyaa – Agathe Uwilingiyimana – Vaira Vîke-Freiberga – Antje Vollmer – Rita Waschbüsch – Helene Weber – Heidemarie Wieczorek-Zeul – Wilhelmina Königin der Niederlande – Sühbaataryn Yanjmaa – Khaleda Zia POLITIK IM INTERNET 242 Louise Arbour Die Chefanklägerin in Den Haag Anita Augspurg Die erste Juristin Deutschlands Elizabeth Fry Englands „Engel der Gefangenen“ Jutta Limbach Deutschlands erste höchste Richterin 251 253 256 260 WEITERE JURISTINNEN 262 Hilde Benjamin – Myra Bradwell – Eunice Hunton Carter – Sandra Day O’Connor – Elisabeth Selbert JUSTIZ IM INTERNET MILITÄR Melitta Gräfin Schenk von Stauffenberg Eine Heldin mit Gewissenskonflikten 9 263 JUSTIZ Aaslaug Aasland 249 Norwegens erste Richterin 265 Verena von Weymarn 268 Deutschlands erster weiblicher Generalarzt WEITERE SOLDATINNEN 271 Nadeshda Durowa – Emma Edmonds – Grace Murray Hopper – Claudia J. Kennedy – Barbara Allen Rainey MILITÄR IM INTERNET SPIONAGE Gerta-Luise von Einem Die rätselhafte deutsche Agentin 273 272 UMWELT Uta Bellion Die Nummer 1 bei „Greenpeace“ Rachel Carson Amerikas große Umweltautorin 282 284 Monika Griefahn 287 Die erste Frau im „Greenpeace“-Vorstand WEITERE UMWELTSCHÜTZERINNEN 290 Mata Hari 275 Die tanzende niederländische Spionin WEITERE SPIONINNEN 280 Tamara (Tania) Bunke – Edith Clavell – Melitta Norwood – Gabriele Petit – Stella Rimington – Ethel Rosenberg – Amy Elizabeth Thorpe SPIONAGE IM INTERNET 281 10 Brigitte Behrens – Jutta Ditfurth – Marielies Flemming UMWELT IM INTERNET 291 LITERATUR 293 BILDQUELLEN 297 DIE BUCHREIHE SUPERFRAUEN 299 VORWORT Starke Frauen in der Politik Welche Frau wurde zur ersten Regierungschefin der Welt gewählt, und wann und wo kam es zu diesem denkwürdigen Ereignis? Natürlich handelt es sich um Sirimawo Bandaranaike, die 1960 in Ceylon dieses hohe Amt erhielt. Wie heißt die erste Premierministerin Europas? Na klar: Margret Thatcher, Englands „Eiserne Lady“. Und wo und seit wann regiert die erste Ministerpräsidentin Deutschlands, und wer ist sie? In Schleswig-Holstein, seit 1993, und die „Landesmutter“ trägt den Namen Heide Simonis. Antwort auf solche und viele weitere Fragen gibt das vorliegende Taschenbuch „Superfrauen 3 – Politik“ mit 75 Biographien aus den Bereichen Politik, Justiz, Militär, Spionage und Umwelt. Es präsentiert unter anderem Amerikas erste Außenministerin, die erste Friedensnobelpreisträgerin, Deutschlands erste höchste Richterin und ersten weiblichen Generalarzt, die berühmteste Spionin des Ersten Weltkrieges und die erste weibliche Nummer 1 bei „Greenpeace“. Beim Schreiben der Kurzbiographien der starken Frauen in Politik, Justiz, Militär, Spionage und Umweltschutz habe ich mich bemüht, außer den zweifellos großen Leistungen der erwähnten Frauen auch deren Privatleben zu behandeln. Denn bei allem Respekt vor ihren großen Worten und Taten ist auch ihr Privatleben von Interesse. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, eine berühmte Frau in diesem Taschenbuch vermissen, bitte ich Sie herzlich um Nachsicht! Ernst Probst, im September 2001 11 DANK Für Auskünfte, kritische Durchsicht von Texten (Anmerkung: Etwaige Fehler gehen zu Lasten des Verfassers), mancherlei Anregung, Diskussion und andere Arten der Hilfe danke ich herzlich: Tamara Aebischer, Diplom-Philologin, Frauenkappelen Inge Aicher-Stoll, Leutkirch Amerika-Haus, Frankfurt am Main Anne Frank Stiftung, Amsterdam Stephen B. Aranha, Berlin Dr. Ángel Diaz Arenas, Bibliothekar, Spanisches Kulturinstitut, München Christiana A. Bareiss, Übersetzerin, Bonn Michelle Barnes, Archivist, Open University Library, Milton Keynes Werner Baumbauer, Mackenrodt Lukas Beckmann, Fraktionsgeschäftsführer, Bündnis 90/Die Grünen Rolf-Ingo Behnke, Diplom-Bibliothekar, Stadtbibliothek Salzgitter Uta Bellion, Sedbergh Unni Berge, Bibliotheksleiterin, Oslo Tsedey Betru, Outreach Coordinator, Fanni Lou Hamer Project Biblioteca National, Servicio de Información Bibliográfica, Madrid Luise Sibylle Binder, Stuttgart Åse Elin Bjerke, WHO Transition Team, Grand-Saconnex Baroness Castle of Blackburn, House of Lords, London Susanne Blischke, Public Relations Officer, New Zealand Embassy Patrick Bohan, Director of Admissions and Financial Aid, School of International and Public Affairs, Columbia University, New York Bärbel Bohley, Office of the High Repräsentative, Sarajevo Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, Luxemburg Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, Moskau Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, Reykjavik Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, Wien Botschaft von Irland British Embassy Bonn Sophie Broad, Information Assistant, New Zealand Embassy Dr. Gro Harlem Brundtland, frühere Ministerpräsidentin von Norwegen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Irina Cernova Burger, Schweizerische Osteuropabibliothek, Bern Violeta Barrios de Chamorro, Managua, Nicaragua Mairead Corrigan Maguire, Belfast Wendy E. Chmielewski, Phd. Curator, Swarthmore College Peace Collection Heidi Dornfeld, Pressestelle der Landesregierung Schleswig-Holstein, Kiel Dr. Robert Dünki, Stadtarchiv Zürich Du Xianohus, Botschaft der Volksrepublik China in der Bundesrepublik Deutschland Roman Elsener, New Yorker Staats-Zeitung, New York Harald Euteneuer, Bundesgeschäftsführer, Deutscher Luftwaffenring e. V., Bonn Heinrich Eppe, Archiv der Arbeiterjugendbewegung, Oer-Erkenschwick Tania Connaughton Espino, Women’s International League for Peace and Freedom, Human Rights Intern, Genf Bjorn H. Feen, Librarian/Information technologies manager, The Norwegian Nobel Institute, Library, Oslo 12 Leni Fischer, Konrektorin a. D., Mitglied des Bundestages und frühere Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, Neuenkirchen/Kreis Steinfurt Abdallah Frangi, Generaldelegation Palästinas, Bonn Freie und Hansestadt Hamburg, Bezirksamt Eimsbüttel, Ortsamt Lokstedt Pfarrer Peter Frey, Wimmis Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Archiv, Bibliothek, Sammlungen Willi Gisler, Riemenstalden (Schweiz) Ingeborg Glintschnig, Österreichischer Arbeiterund Angestelltenbund, Bundesorganisation, Wien Maria Eugenia González, Spanische Botschaft, Presseabteilung Jenny Gray, Office of RT Hon Jenny Shipley, Prime Minister, MP for Rakaia Monika Griefahn, Hamburger Umweltinstitut, Zentrum für soziale und ökologische Technik e. V., Hamburg Günter Gugel, Verein für Friedenspädagogik, Tübingen Simone Hantsch, Boissow Christine Hatzky, Informationsstelle e. V. Guatemala, Bonn Professor Dr. Bernd Henningsen, Nordeuropa-Institut, Humboldt-Universität Berlin M. ten Hoeve, Gemeentearchief Leeuwarden Lore Horn, Vorstand, Religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker), Berlin Hürriyet, Redaktion, Neu-Isenburg Sarah Hutcheon, Library Assistant, Schlesinger Library, Radcliffe Institut, Harvard University, Cambridge (Massachusetts) Peter Jacob, Presse- und Informationsamt des Landes Berlin Cornelia Jahn, Stiftung Weimarer Klassik, Weimar Japanische Botschaft, Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit und Kultur Guojón Jensson, Reykjavik Horst Kasner, Pastor, Templin Nathalie Klein, Ansa, Bonn Geertje König, Presse- und Kulturabteilung, Königlich Norwegische Botschaft OR Dr. Peter Krendl, Büro Landeshauptmann Waltraud Klasnic, Graz Stefan R. Landsberger, Department of Chinese Studies, Leiden University Felicia Langer, Rechtsanwältin, Tübingen Samuel Laster, Baltic News Watch, Wien, Berlin, Wilna, Riga Dr. Thomas Leibnitz, Österreichische Nationalbibliothek, Wien Professor Dr. Jutta Limbach, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Karlsruhe Dr. Liu Jen-Kai, Senior Research Fellow, Institute of Asian Affairs, Hamburg Matthias Lörtscher, Muri Dr. Peter Malina, Institut für Zeitgeschichte, Wien Gudrun Martineau, Friedrich-Naumann-Stiftung, Archiv des deutschen Liberalismus, Gummersbach Dr. Margarete Maurer, Rosa-Luxemburg-Institut, Wien Mag. Christoph Mentschl, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut Österreichisches Biographisches Lexikon und Biographische Dokumentation, Wien Jörg R. Mettke, Der Spiegel, Leiter des Moskauer Büros Bernd Neu, Archivar, Ingelheim 13 Österreichischer Arbeiterund Angestelltenbund, Wien Botschaftsrat Mario Panaro, Italienische Botschaft Ann Kilian Perry, University of Illinois College of Law, Assistant Dean for Student Affairs, Pennsylvania Axel-Jochen Pioch, Flensburg Polizeiinspektorat der Stadt Bern, Schriftenwesen Doris Probst, Mainz-Kostheim Sonja Probst, Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz Stefan Probst, Mainz-Kostheim Religious Society of Friends in Britain (Quakers), London Dr. h.c. Annemarie Renger, Bundestagspräsidentin a. D., Bonn Antonio V. Rodriguez, Minister and Consul-General, Philippinische Botschaft Tonny Rosiny, Journalist, Bonn-Bad Godesberg Professor Dr. Dietmar Rothermund, Südasien-Institut der Universität Heidelberg, Abteilung Geschichte Gina Sanchez, Communications Coordinator Forest Campaign, Greenpeace Internation, Amsterdam Alexander Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Sayn Professor Dr. Dr. h. c. Helmut Schreier, Universität Hamburg, Fachbereich Erziehungswissenschaften Berthold Schroeder, Celle Petra Schumann, Lindhorst Secretariat particulier de Mme Simone Veil, Paris Heide Simonis, Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Kiel Professor Dr. Udo Simonis, Bordesholm Britta Soderlund, Abteilung für Information über Schweden, Stockholm Stadtarchiv Dortmund Stadtarchiv Halberstadt Wolfgang Stärcke, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn Dr. Moritz Graf Strachwitz, Deutsches Adelsarchiv, Marburg Marek Trenkler, Insider Press, Breslau Antje Trosien, Universität Bayreuth Paul S. Ulrich, Informationsdienste, Zentral- und Landesbibiothek Berlin, Amerika-Gedenkbibliothek Trude Unruh, Bundestagsabgeordnete a. D., Wuppertal Anne Grete Usnarsky, Presse- und Kulturabteilung, Königlich Norwegische Botschaft Mary Walsh, House of Commons Informations Office, London J. Warth, Eidgenössisches Department des Innern, Bern Westdeutsche Zeitung, Archiv, Düsseldorf Dr. Verena von Weymarn, Generalarzt der Luftwaffe, Bonn Dr. Hermann Wichers, Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt Christa Wille, Ariadne, Kooperationsstelle für frauenspezifische Information und Dokumentation, Österreichische Nationalbibliothek, Wien Dr. Udo Winkel, Stadtarchiv Nürnberg Regina Wolf-Schweizer, Bern Roswitha Wollkopf, Stiftung Weimarer Klassik, Weimar Roberto Ortiz de Zarate, Vitoria (Spanien) Barbara Zenker, British Council Informations Centre, Köln Dr. Wolfgang-Peter Zingel, Südasien-Institut der Universität Heidelberg Natascha Zupran, Generaldelegation Palästinas, Bonn 14 POLITIK Jane Addams Die frühe amerikanische Sozialreformerin Z u den bedeutendsten Sozialreformerinnen und Pazifistinnen der USA gehörte Jane Addams (1860–1935). Mit großem Engagement kämpfte sie für die soziale Gerechtigkeit, das Frauenwahlrecht, die Verbesserung des Jugendschutzes, die Armenpflege und für die Erhaltung des Friedens. Zudem war sie wesentlich am Aufbau von Friedensvereinigungen beteiligt. Als erster Amerikanerin wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen. Jane Laura Addams kam am 6. September 1860 in dem Dorf Cedarville (Illinois) als eines von fünf Kindern einer wohlhabenden Familie zur Welt. Ihr Vater John Huy Addams war Quäker, Geschäftsmann, acht Wahlperioden lang Mitglied des Staatssenats von 15 Illinois und ein enger Freund des Präsidenten Abraham Lincoln (1809–1865). Die Mutter starb, als Jane erst zwei Jahre alt war. Nach dem Tod der Mutter kümmerte sich eine Kinderfrau um die Geschwister. Wegen einer frühen Knochentuberkulose litt Jane lebenslang unter Rückenbeschwerden und konnte sich nicht gerade halten. Der Vater heiratete 1862 erneut. Die zweite Frau Anna Haldeman brachte zwei Söhne mit in die Familie. Mit dem jüngeren namens George schmökerte Jane gerne in der Bücherei des Vaters oder spielte mit ihm. Ab 1877 besuchte die 17-jährige Jane das „Rockford Female Seminary“, eine Art Internat für höhere Töchter, in dem sie Klassenspreche- rin und Herausgeberin der Schulzeitung wurde. Als im August 1881 ihr geliebter Vater im Alter von 59 Jahren starb, verfiel Jane in tiefe Depressionen. Deprimiert begann sie 1881 ein Medizinstudium am „Woman’s Medical College“ in Pennsylvania, das sie wegen ihrer Knochentuberkulose und einer Operation wenige Monate später bereits wieder abbrach. Mit ihrer Stiefmutter reiste Jane Addams 1881 für zwei Jahre nach Europa, wo sie Großbritannien, Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien kennen lernte. In London sah sie großes soziales Elend, das sie nie vergaß. Nach der Europareise lebte sie bis 1887 in Baltimore und widersetzte sich der von ihrer Stiefmutter gewünschten Heirat mit ihrem Stiefbruder George. 1887 kehrte Jane Addams mit ihrer Rockforder Schulfreundin Ellen Gates Starr (1859–1940) nach Europa zurück. In London besuchte Jane Addams die 1884 von Studenten gegründete „Toynbee Hall“, ein Gemeinschaftshaus der Settlementbewegung im East End, das die Not der dortigen Bevölkerung lindern sollte. Sie studierte die dort geleistete Sozialarbeit und beschloss, in ihrem Heimatland eine ähnliche Einrichtung zu schaffen. 16 Jane Addams und Ellen Gates Starr kehrten 1888 in die USA zurück und ließen sich in Chicago nieder. Mit dem von ihrem Vater geerbten Vermögen gründete Jane am 18. September 1889 im 19. Bezirk von Chicago in einem alterschwachen, von einem Mann namens Charles Hull errichteten Gebäude, das so genannte Nachbarschaftshaus „Hull House“. Diese segensreiche Gemeinschaftseinrichtung befand sich in einer Arbeitergegend, die zunehmend von Einwanderern bewohnt wurde. Im Laufe der Zeit entstanden dort ein Kindergarten, eine Turnhalle, eine Gemeinschaftsküche und ein Speiseraum für berufstätige Frauen. Außerdem wurden Kurse für gesunde Ernährung, Handwerk, Kunst und Musik angeboten sowie eine kleine Theatergruppe namens „Hull House Players“ gefördert. Im „Hull House“ arbeiteten Jane Addams und andere Sozialreformerinnen – wie Julia Lathrop (1858– 1932), Florence Kelley (1859– 1932), Grace Abbott (1878–1939) und Edith Abbott (1876–1957) – für die Verbesserung der Zustände in den städtischen Elendsvierteln. „Hull House“ entwickelte sich zum Modell für viele andere Nachbarschaftsheime der Settlementbewegung in den USA, die bald 13 Häuser und ein Sommercamp bei Lake Geneva in Wisconson umfasste. Ziel der 1869 in Großbritannien gegründeten sozial- und bildungspolitischen Settlementbewegung ist die Entwicklung gemeinnütziger Einrichtungen (Nachbarschaftsheime) in großstädtischen Bezirken. Führende Vertreterinnen der Settlementbewegung in den USA waren Jane Addams sowie die Sozialpolitikerin und Pazifistin Emily Greene Balch (1867–1961). Die beiden Frauen haben sich 1892 in einem Sommercamp kennengelernt und angefreundet. 1903 wurde Jane Addams Vizepräsidentin der „Women’s Trade Union League“ („Gewerkschaftliche Frauenliga“). 1907 beteiligte sie sich an einer Kampagne der Frauenbewegung, die für das Wahlrecht der Frauen kämpfte. Ab 1909 fungierte sie als Präsidentin der „National Conference of Charities and Corrections“, später „National Conference of Social Work“ genannt. Im selben Jahr erhielt sie als erste Frau den Ehrendoktortitel der Yale University. Fast von Anfang an arbeitete sie bei der 1909 gegründeten nationalen „Vereinigung für das Advancement of Colored People“ mit. Zwischen 1911 und 1914 wirkte Jane Addams als erste Vizepräsi17 dentin der „National American Suffrage Association“. 1912 unterstützte sie aktiv die Wahlkampagne des Präsidentschaftskandidaten Theodore Roosevelt (1858–1919) für die „Progressive Party“, kehrte ihm aber bald enttäuscht den Rücken zu. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 verfiel Jane Addams wieder in tiefe Depressionen. Im Januar 1915 gründete sie zusammen mit der ungarischen Auslandskorrespondentin, Feministin und Pazifistin Rosika Schwimmer (1877– 1948) und der britischen Suffragette Emmeline Pethick-Lawrence (1867–1954) die „Women’s Peace Party“ (WPP) und wurde deren Vorsitzende. Die WPP forderte das Ende des Krieges und die Beteiligung der Frauen an wichtigen Entscheidungen. Vom 28. April bis zum 1. Mai 1915 leitete Jane Addams in Den Haag (Niederlande) den „International Congress of Woman“. Bei diesem Frauen-Friedens-Kongress erarbeiteten 1136 weibliche Delegierte aus zwölf Ländern ein Grundsatzpapier, das die kriegsführenden Staaten dazu bringen sollte, einer Konferenz der neutralen Länder über das Ende des Krieges zuzustimmen. Über den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg im April 1917 war Jane Addams sehr verzweifelt und deprimiert. Wegen ihrer Schilderungen über Kriegsgreuel in Europa wurde sie in der Öffentlichkeit heftig angegriffen und als „gefährlichste Frau der USA“ bezeichnet. 1919 beteiligte sich Jane Addams an der Gründung der „Women’s International Leage for Peace and Freedom“ (WILPF), deutsch: „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit“). Die Teilnehmerinnen wählten die 59-Jährige zur Präsidentin. 1920 hob Jane die „American Civil Liberties Union“ mit aus der Taufe. Als literarische Hauptwerke von Jane Addams gelten „Democracy and Social Ethics“ (1902), „Newer Ideals of Peace“ (1907), „Twenty Years at Hull House“ (1910, deutsch: „20 Jahre soziale Frauenarbeit in Chicago“) und „The Second Twenty Years at Hull House“ (1930). Für ihre Tätigkeit in der internationalen Friedensbewegung seit 1915 sowie als Mitbegründerin und Präsidentin (1919–1935) der Women’s International Leage for Peace and Freedom erhielt Jane Addams 1931 zusammen mit dem amerikanischen Philosophen und Publizisten Nicholas Murray Butler (1862–1947) den Friedensnobelpreis. Butler fungierte von 1925 bis 1945 als Präsident 18 der Carnegiestiftung für den internationalen Frieden und attackierte Jane während des Zweiten Weltkrieges als Pazifistin heftig. Jane Addams war die zweite Frau, der man den Friedensnobelpreis verlieh. Vor ihr hatte 1905 bereits die österreichische Schriftstellerin und Pazifistin Bertha von Suttner (1843–1914) diese hohe Auszeichnung entgegengenommen. Jane Addams konnte allerdings nicht zur Preisverleihung nach Oslo reisen, weil ihr Darmkrebs damals schon zu weit fortgeschritten war. Ihren Anteil am Preisgeld von 16000 USDollar stiftete sie der WILPF. Die Sozialreformerin und Pazifistin blieb unverheiratet. Mehr als 40 Jahre lang war Mary Rozet Smith (1868–1934) ihre Lebensgefährtin. Am 21. Mai 1936 starb Jane Addams im Alter von 74 Jahren in Chicago an Krebs. Sie wurde im Familiengrab in Cedarville beigesetzt. Die von ihr mitbegründete „Women’s International League for Peace and Freedom“ existiert heute noch und unterhält in Genf ein Internationales Sekretariat. Bei der Gründung des Campus der University of Illinois in Chicago wurden 1963 die meisten Baulichkeiten des „Hull House“ abgerissen. Aber die Residence selbst blieb zur Erinnerung an Jane Addams erhalten. Madeleine Korbel Albright Amerikas erste Außenministerin Z um ersten weiblichen Außenminister in der Geschichte Amerikas und zur ranghöchsten Frau der US-Regierung stieg 1997 die aus der Tschechoslowakei stammende amerikanische Politikwissenschaftlerin und Diplomatin Madeleine Korbel Albright, geborene Maria Jana Korbel, auf. Zuvor machte sie bereits als erste Botschafterin der „United Nations Organization“ (UNO), die nicht in den USA geboren wurde, Schlagzeilen in der Presse. Maria Jana Korbel kam am 15. Mai 1937 als Staatsbürgerin der ersten tschechoslowakischen Republik in Prag zur Welt. Sie ist eines von drei Kindern einer jüdischen Diplomatenfamilie gewesen, die in den 1930-er Jahren zum katholischen Glauben konvertiert war. Ihr Vater 19 Josef Korbel (1909–1977) arbeitete von 1936 bis 1939 als Presseattaché an der tschechischen Botschaft in Belgrad. Bereits in ihrem Geburtsjahr kam Maria Jana Korbel zu einem anderen Vornamen. Damals bezauberte das Theaterstück „Madla aus der Ziegelei“ ihre Eltern so sehr, dass sie ihrer Tochter den Kosenamen „Madlenka“ der Hauptfigur gaben. Madlenka wurde von der Schauspielerin Lída Baarová verkörpert, die als Geliebte des nationalsozialistischen Propagandaministers Joseph Goebbels (1897–1945) mehr Aufmerksamkeit erregte. Aus Madlenka entstand später der Vorname „Madeleine“. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Tschechoslowakei emigrierten die Eltern Madeleines 1939 nach Großbritannien. In London erlebte die Familie die Bombardierung durch die Deutschen. Die Großeltern und ein Dutzend weitere Verwandte starben im Konzentrationslager (KZ) Auschwitz, was ihre Eltern lange verschwiegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg betätigte sich Madeleines Vater als tschechoslowakischer Botschafter in Belgrad. Als 1948 die Kommu– nisten in Prag die Macht ergriffen, wurde er Vorsitzender des Sonderausschusses der Vereinten Nationen. Joseph Korbel bat für sich und seine Familie in den USA um Asyl, nachdem man ihn in der Tschechoslowakei in Abwesenheit zum Tode verurteilt hatte. Schon mit elf Jahren hatte Madeleine Korbel in mehreren Ländern – Tschechoslowakei, Jugoslawien, Großbritannien, USA – gelebt und vier Sprachen gelernt: fließend Tschechisch und Französisch sowie gut Russisch und Polnisch. In ihrem Elternhaus unterhielt man sich oft über internationale Beziehungen, Sport und andere Themen. Als Zwölfjährige begann sie sich erstmals für die Politik zu interesssieren. 1949 erhielt Josef Korbel eine Professur an der University of Denver (Colorado). Madeleine besuchte die High School und studier20 te anschließend Politikwissenschaft am „Wellesley College“ bei Boston in Massachusetts, wo sie 1959 den akademischen Grad „Bachelor of Arts“ mit Auszeichnung erwarb. Bei Verabredungen der jungen Madeleine Korbel folgte stets der sittenstrenge Vater seiner Tochter. Als ein Junge mit ihr zum Tanzen fuhr, kam der Vater nach und beharrte darauf, dass seine Tochter nach Hause zurückkehren sollte. Ihren Begleiter lud er zu Milch und Gebäck ein, er kam nie wieder. Am 11. Juni 1959 heiratete Madeleine Korbel den Journalisten und Zeitungserben Joseph Albright. Aus der Ehe gingen 1961 die Zwillingstöchter Anne Korbel und Alice Patterson sowie 1964 die Tochter Katharine Medill hervor. An der Columbia University in New York studierte Madeleine Albright Öffentliches Recht und Staatswissenschaften. Dort veröffentlichte sie 1968 die Arbeit „The Soviet Diplomatic Service: Profile of an Elite“ und erhielt in jenem Jahr den akademischen Grad „Master of Arts in Political Science“. 1976 promovierte sie an derselben Hochschule mit ihrer Arbeit „The Role of the Press in Political Change: Czechoslovakia“ zum „Doktor für Politische Wissenschaften“. 1975/1976 betätigte sich Madeleine Albright als Wahlhelferin für den demokratischen Politiker Edmund Muskie, für den sie nach seiner Wahl als Senator von 1976 bis 1978 als Rechtsberaterin arbeitete. Unter der Administration von US-Präsident James Earl „Jimmy“ Carter zählte sie zum Stab des Nationalen Sicherheitsrates und arbeitete für Zbigniew Brzezinski, einen ihrer früheren Professoren. 1981/1982 wirkte sie als Wissenschaftlerin am „Woodrow Wilson International Center“. Danach übernahm sie von 1982 bis 1993 die „Donner Professur für Internationale Beziehungen“ an der „School of Foreign Service“ der Georgetown University. 1981 wurde Madeleine Albright wissenschaftliches Mitglied des „Soviet and Eastern European Affairs Center for Strategic and International Studies“. 1982 verließ ihr Mann Joseph Albright sie abrupt nach 23-jähriger Ehe, 1983 kam es zur Scheidung. Ebenfalls 1983 erschien Madeleine Korbel Albrights Publikation „Poland, the Role of the Press in Political Change“. 1984 betätigte sie sich als außenpolitische Beraterin der Präsidentschaftsbewerber Walter Mondale und Geraldine Ferraro, 1988 des ebenso erfolglosen demokratischen Kandidaten Michael Dukakis. 21 Nach den Präsidentschaftswahlen am 3. November 1992, aus denen die Demokraten Bill Clinton und Al Gore als Sieger hervorgingen, fungierte Madeleine Korbel Albright zunächst als Vorsitzende des Übergangsteams im „Nationalen Sicherheitsrat“, bevor sie der designierte Präsident, der am 20. Januar 1993 sein Amt antrat, als neue UNOBotschafterin nominierte. Frau Albright erwies sich fortan in vielen Konflikten als loyale, kämpferische und eloquente Verfechterin der offiziellen amerikanischen Regierungspolitik. Nach der Bestätigung Bill Clintons bei den Präsidentschaftswahlen vom 5. November 1996 kündigte der bisherige Außenminister, Warren Christopher, sein Ausscheiden zum Januar 1997 an. Clinton bestimmte Madeleine Korbel Albright am 5. Dezember 1996 als Nachfolgerin. Ende 1996 erfuhr sie aus der Tageszeitung „Washington Post“ von ihrer jüdischen Herkunft und dem Tod vieler Verwandter im KZ Auschwitz. Am 23. Januar 1997 wurde sie als 64. Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. In Europa nahm man die Berufung von Madeleine Korbel Albright überwiegend positiv auf, weil man ihr ein besonderes Gespür für die Belange Mittel- und Osteuropas sowie der Länder der früheren Sowjetunion zuschrieb. Ihr Nachfolger als amerikanischer UN-Botschafter war der Kongressabgeordnete Bill Richardson. Madeleine Korbel Albrights Hobbys sind Sticken und Nähen. In einem Interview bezeichnete sie Blau als ihre Lieblingsfarbe sowie tschechische Klöße mit Krabben, Artischocken und Pilzen als ihr favorisiertes Rezept. Ihr Idol ist die amerikanische Lehrerin, Journalistin und Politikerin Eleanor Roosevelt (1884–1962) und ihr Lieblingsautor der amerikanische Lyriker Robert Frost (1874–1963). Sie liest vorzugsweise Romane und Biographien, spielt Klavier, fährt Ski, spielt Feldhockey und schwimmt gerne. Corazón Cojuangco Aquino Die erste Präsidentin der Philippinen E rste Staatspräsidentin der Philippinen wurde 1986 die Politikerin Corazón Cojuangco Aquino, geborene Cojuangco. Bevor sie dieses hohe Amt antrat, hatte sie ihren Mann durch ein Attentat verloren und gegen den Diktator Ferdinand Marcos (1917–1989) kämpfen müssen. Als Staatspräsidentin besaß sie – nach Ansicht 22 politischer Beobachter – wenig Fortüne. Andererseits spielte sie eine wichtige Rolle beim Demokratisierungsprozess ihrer Heimat. Corazón Cojuangco wurde am 25. Januar 1933 als Tochter wohlhabender Eltern in der Provinz Tarlac, etwa 80 Kilometer nördlich der philippinischen Hauptstadt Manila, geboren. Das Vermögen ihrer poli- tisch engagierten Familie entstand durch Bankbeteiligungen und durch große Zuckerrohrplantagen. Nach dem Besuch einer exklusiven katholischen Mädchenschule in Manila wurde Corazón ab dem 13. Lebensjahr auf katholischen Konventschulen von Philadelphia und New York in den USA unterrichtet. 1953 schloss sie am „Mount S. Vincent College“ in New York im Hauptfach Französisch und im Nebenfach Mathematik ab und kehrte in ihre Heimat zurück. Danach begann Corazón an der Fern-Ost-Universität in Manila ein Jurastudium, das sie nach einem Semester abbrach. Am 11. Oktober 1954 heiratete sie im Alter von 21 Jahren den Politiker und Journalisten Benigno „Ninoy“ Aquino (1932–1983), der 1967 jüngster Senator der Philippinen wurde. Aus der Ehe mit ihm stammen vier Töchter und ein Sohn. Als Präsident Ferdinand Marcos im September 1972 das Kriegsrecht über die Philippinen verhängte, war Benigno Aquino einer der ersten Oppositionspolitiker, der eingesperrt wurde. Im Dezember 1977 verurteilte man ihn wegen angeblicher Subversion zum Tode, setzte aber die Vollstreckung des Urteils wegen schwerer Prozessmängel und wegen der Proteste im Ausland aus. 23 Im Mai 1980 durfte Benigno Aquino mit Familie auf amerikanischen Druck in die USA ausreisen und sich dort einer Herzoperation unterziehen. Trotz eines Einreiseverbotes kehrte er am 21. August 1983 auf die Philippinen zurück. Noch auf dem Flugplatz von Manila verübte man auf ihn einen Anschlag, bei dem er ums Leben kam. Im Oktober und November 1985 forderten etwa 1,2 Millionen Philippinos, Corazón Aquino solle bei den Präsidentschaftswahlen gegen Marcos kandidieren. Es folgte ein zeitweise triumphaler Wahlfeldzug, der die großen Hoffnungen widerspiegelte, die man auf Corazón Aquino setzte. Doch bei der Wahl am 7. Februar 1986, an deren korrektem Ablauf gezweifelt wurde, siegte Marcos mit einer Mehrheit von etwa 1,5 Millionen Stimmen. Corazón Aquino verkündete daraufhin ein „Programm des passiven Widerstandes“, das von den katholischen Bischöfen ihres Heimatlandes unterstützt wurde. Außerdem verstärkten die USA aus Sorge vor einem bevorstehenden Bürgerkrieg ihren Druck auf Marcos. Zudem verweigerten immer mehr Teile der Armee unter Führung von Verteidigungsminister Ponce Enrile dem Diktator ihre Gefolgschaft. Als Corazón Aquino am 25. Februar 1986 von der Mehrheit des philippinischen Parlaments zur „gewählten Präsidentin“ ausgerufen und vereidigt wurde, ließ sich Marcos wenig später in seinem Palast vereidigen, gab aber bald unter dem Druck der Massen und amerikanischer Nachhilfe auf. Die USA nahmen Marcos und seine Familie auf und erkannten die neue Regierung an. Chef und Außenminister der Letzteren wurde Vizepräsident Salvador Laurel. Bei der Parlamentswahl am 11. Mai 1987 errang die Koalition der Präsidentin einen hohen Sieg. Anfang 1992 verzichtete Corazón Aquino auf eine erneute Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen im Mai 1992 und unterstützte ihren Wunschkandidaten Fidel Ramos, der im Juli 1991 als Verteidungsminister zurückgetreten war, um sich ganz auf den Wahlkampf zu konzentrieren. Aus der Wahl am 11. Mai 1992 ging Fidel Ramos als achter Präsident hervor. Corazón Aquino zog sich ins Privatleben zurück. Die Tageszeitung „Frankfurter Rundschau“ fällte am 22. Juni 1992 über ihre Amtszeit das Urteil: „Kränze werden ihr keine geflochten“. Sie habe vor allem bei der Verteidigung der Menschenrechte versagt, schrieb das Blatt. Hanan Ashrawi Die Sprecherin der Palästinenser E ine der bedeutendsten palästinensischen Politikerinnen ist Hanan Ashrawi, geborene Michael. Die mutige Frau trat seit 1982 mit Nachdruck für eine friedliche Lö24 sung des Nahostkonflikts ein und machte sich von 1991 bis 1993 weltweit als Sprecherin der Palästinenser einen Namen. Von Anfang 1996 bis August 1998 fungierte sie als erste palästinensische Bildungsministerin. Hanan Michael kam am 8. Oktober 1946 als jüngste von fünf Töchtern des christlichen Arztes Daoud Michael in Ramallah (Westjordanland) zur Welt. Ihr Vater arbeitete zur Zeit ihrer Geburt als Arzt für die britische Mandatsmacht Palästina. 1964 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der „Palestine Liberation Organization“ („Palästinensische Befreiungsorganisation“, PLO). Hanan studierte englische Literatur an der Beiruter American University und erwarb dort 1964 das „Master’s degree“. Es folgte ein dreijähriges Studium an der Virginia State University in den USA. In ihrer Dissertation zum „Doktor der Philosophie“ befasste sie sich mit der palästinensischen Literatur des Mittelalters. 1969 nahm Hanan Michael als Sprecherin der „General Union of Palestinian Students“ und einzige Frau der libanesischen Delegation an einer internationalen Konferenz in Amman (Jordanien) teil und begegnete dort erstmals Yasir Arafat, dem Vorsitzenden der PLO. 1973 kehrte sie in ihre während des Sechs-Tage-Krieges 1967 von den Israelis besetzte Heimat zurück. Schon wenige Monate später musste sie sich wegen der Teilnahme an 25 einer nicht genehmigten Demonstration vor einem israelischen Gericht verantworten. Dabei lernte sie den Maler, Musiker und Fotografen Emile Ashrawi kennen, der später ihr Mann wurde und mit dem sie zwei Tochter – Zeina und Amal – hat. Von 1973 bis 1981 leitete sie die Englische Abteilung an der BirZeit-Universität bei Ramallah im Westjordanland. 1982 stellt einen Wendepunkt in Hanan Ashrawis Leben dar. Die Belagerung Beiruts und die Berichte über die Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabsa und Shatila veranlassten sie, sich mit aller Kraft für die friedliche Beendigung des Nahostkonfliktes einzusetzen. Ihr stetiges Engagement für eine politische Lösung gipfelte in der Teilnahme an der Nahost-Friedenskonferenz, die am 30. Oktober 1991 in Madrid ihren Auftakt nahm. Hier stand Hanan Ashrawi als Sprecherin der palästinensischen Delegation im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Bei den später in Washington fortgesetzten Verhandlungen avancierte die exzellent englisch sprechende, modern gekleidete und stets freundliche Frau zum Medienstar im USFernsehen. 1992 kam es zu weltweiten Protesten, als nach einem heimlichen Treffen zwischen Hanan Ashrawi und PLO-Chef Arafat in Israel ein Strafverfahren gegen sie eröffnet wurde, weil sie gegen die Antiterrorgesetze verstoßen hatte, die jeden PLO-Kontakt kriminalisierten. Im Sommer 1993 wurden erstmals deutliche Differenzen zwischen Hanan Ashrawi und Yasir Arafat offenkundig, vor allem über die „Art und Weise, wie Entscheidungen gefällt werden“. In der Nacht zum 31. August 1993 billigte die israelische Regierung den Plan einer palästinensischen Teilautonomie, bevor im Exekutivkomitee der PLO neun der zwölf anwesenden Mitglieder zustimmten. Am 13. September 1993 kam es in Washington im Beisein von US-Präsident Bill Clinton zum historischen Händedruck zwischen Yasir Arafat und Israels Ministerpräsident Yitzhak Rabin (1922–1995). Damals wurde das so genannte Gaza-Jericho-Abkommen besiegelt. Am 10. Dezember 1993 erklärte Hanan Ashrawi vor der Presse in Ost-Jerusalem ihren Rücktritt als Delegationsleiterin. Dabei verzichtete sie darauf, über ihre Differenzen mit Arafat zu sprechen und ihren Protest gegen dessen Führungsstil zu wiederholen. 1994 erschien die Biographie „A voice of reason: Hanan Ashrawi and Peace in the middle east“ von Barbara Victor. 1995 entstand der 50-minütige Film „Hanan Ashrawi: A woman of her time“ über die international bekannte Palästinenserin. Der vielfach ausgezeichnete Streifen ist ein sensibles Porträt und wird von eindrucksvollen Bildern aus dem Alltagsleben in einer Krisenregion begleitet. Im August 1998 trat Hanan Ashrawi aus Protest gegen Korruption in der palästinensischen Regierung und die Friedenspolitik von Präsident Jassir Arafat von ihrem Amt als Bildungsminister im Kabinett Arafats zurück. 26 Emily Greene Balch Die frühe amerikanische Pazifistin A ls eine der bedeutendsten Pazifistinnen der USA wird die amerikanische Sozialpolitikerin und Wirtschaftswissenschaftlerin Emily Greene Balch (1867–1961) in Nachschlagewerken gewürdigt. Außerdem war sie eine der Gründerinnen der „Women’s Trade Union League“ („Gewerkschaftliche Frauenliga“) in Nordamerika. Für ihre segensreiche Arbeit ist sie als zweite Amerikanerin mit dem Friedensnobelpreis belohnt worden. Emily Greene Balch kam am 8. Januar 1867 als zweites von sechs Kindern des Rechtsanwalts Francis Balch und der Lehrerin Ellen Maria Noyces Balch in dem Dorf Jamaica Plain, heute ein Stadtteil von Boston (Massachusetts), zur Welt. Die Eltern gehörten zur Religionsgemeinschaft der „Unitarier“, die an die Einheit Gottes glaubt und dessen 27 Dreifaltigkeit ablehnt. Außerdem waren sie Gegner der Sklaverei. Während ihrer Kindheit liebte Emily Greene schwärmerisch die Natur und spürte früh den Drang zu schreiben. Sie notierte all ihre Gefühlsregungen gewissenhaft in einem Tagebuch. Mit 19 Jahren trat sie 1886 in die erste Abschlussklasse am „Bryn Mawr College“ in Boston ein. Zunächst wählte sie griechische und römische Literatur als Schwerpunkte, später wechselte sie zur Volkwirtschaft. 1889 machte die scheue und bescheidene Studentin ihren Abschluss und erhielt als erste Frau das neugestiftete „Europaean Fellowship“, ein Stipendium für ein einjähriges Studium in Paris. 1890/ 1891 belegte sie an der Sorbonne in Paris Vorlesungen in Wirtschaftswissenschaften und verfasste die Studie „Öffentliche Hilfe für die Armen in Frankreich“, die 1893 von der „American Economic Association“ veröffentlicht wurde. Nach der Rückkehr aus Paris half Emily Greene Balch dem Gründer der bereits 1863 aus der Taufe gehobenen „Children’s Aid Society“ in Boston, Charles Birthwell. 1892 begegnete sie in einem Sommercamp erstmals der amerikanischen Sozialreformerin Jane Addams (1860–1935), mit der sie ihr ganzes Leben lang befreundet war und zusammenarbeitete. Im Dezember 1892 gründete Emily Greene Balch zusammen mit Helena Dudley (1858–1932) und Helen Cheever (1865–1960) das Hilfswerk „Denison House“. Dieses nach dem ersten Direktor der Kendall School, James Denison (1845– 1909), benannte Hilfswerk war eine Einrichtung der Settlementbewegung, die 1869 in Großbritannien aufkam und gemeinnützige Einrichtungen (Nachbarschaftsheime) in großstädtischen Bezirken entwickelte. Neben Jane Addams gilt Emily Greene Balch, die das „Denison House“ leitete, als eine der führenden Vertreterinnen der Settlementbewegung in den USA. Im „Denison House“ lernte Emily die Sorgen und Nöte von Unterstützungsemp28 fängern, vernachlässigten Kindern, schlecht bezahlten Arbeitern und Prostituierten kennen. 1894 studierte Emily Greene Balch ein Semester lang in „Harvard Annex“ (heute „Radcliff College“) und ein Viertelsemester an der Chicago University, um sich auf eine Lehrtätigkeit vorzubereiten. 1895 folgte ein einjähriges Studium an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin (heute HumboldtUniversität), wo sie eine der ersten 40 Studentinnen war, die Theorien des Sozialismus kennen lernte und an Treffen der „Sozialistischen Internationale“ teilnahm. Im Juli 1896 kehrte Emily Greene Balch in die USA zurück. Noch auf dem Schiff erhielt sie das Angebot für eine Teilzeitstelle als AssistenzProfessorin für Volkswirtschaft und Sozialwissenschaften am „Wellesley College“. Anfangs korrigierte sie die Arbeiten der Studenten, ab 1897 unterrichtete sie selbst und hatte nun eine Vollzeitstelle. Sie lehrte von 1897 bis 1918 als Professorin für Wirtschaft und Politik am „Wellesley College“. 1903 zählte Emily Greene Balch zu den Gründern der „Women’s Trade Union League“ („Gewerkschaftliche Frauenliga“). 1905/1906 untersuchte sie in Österreich-Ungarn und teilweise in der USA die Lebensbe- dingungen der slawischen Bevölkerung. 1913 übernahm sie den Vorsitz der neuen Fakultät für Wirtschafts-, Sozial- und Politikwissenschaften am Wellesley College. Im April 1915 nahmen Emily Greene Balch und die amerikanische Pathologin Alice Hamilton (1869– 1970) am Friedenskongress der Frauen in Den Haag (Niederlande), der unter der Parole „Wider den Krieg“ stand, teil. Dabei erarbeiteten 1136 Frauen aus zwölf Nationen einen Friedensplan, der den Ersten Weltkrieg beenden sollte. Zusammen mit Jane Addams gründete Emily Greene Balch 1915 in Zürich das „International Komitee für dauernden Frieden“ (IFFF). Daraus ging 1919 die „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit“ („Women’s International Leage for Peace and Freedom“ = WILPF) hervor. Außerdem machten die Frauen Vorschläge, die zum Ende des Krieges führen und den Frieden erhalten sollten. Zu einer der Frauendelegationen, die ihre Friedensvorschläge europäischen Regierungen unterbreiteten, gehörte Emily Greene Balch: Sie reiste in die skandinavischen Länder und nach Rußland. Emily Greene Balch und Jane Addams sprachen auch beim amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson 29 (1856–1924) vor, der ihre Vorschläge wohlwollend anhörte, doch seine Berater winkten ab. Aus Rücksicht auf das „Wellesley College“, das ihre pazifistische Einstellung und ihre fortschrittlichen Wirtschaftstheorien nicht teilte, nahm Emily Greene Balch nach dem Kriegseintritt der USA 1916 einen einjährigen Forschungsurlaub. Sie konzentrierte sich mit ihrer ganzen Kraft auf die Friedensarbeit und galt deswegen nach Jane Addams als „zweitgefährlichste Frau der USA“. 1919 lief der Lehrauftrag der 52jährigen Emily Greene Balch für das „Wellesley College“ aus und wurde nicht verlängert. Dies geschah nicht wegen ihres Eintretens für den Sozialismus, sondern wegen ihres Engagements als Pazifistin und ihrer Teilnahme an AntiKriegs-Demonstrationen. Die arbeitslose Professorin verdiente zunächst durch Artikel für das New Yorker Magazin „Nation“ ihren Lebensunterhalt. Von 1919 bis 1922 arbeitete Emily Greene Balch als bezahlte Generalsekretärin und Schatzmeisterin der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“, für die sie in Genf ein ständiges Büro einrichtete. Sie organisierte die internationalen Verflechtungen innerhalb der Liga und baute die Verbindung zum Völkerbund, der seinen Sitz von London nach Genf verlegte, auf. 1921 schloss sich Emily Greene Balch der „Religious Society of Friends“ („Gemeinschaft der Freunde“) in London an, deren Anhänger Quäker genannt werden. Deren Philosophie ist es, in wichtigen Dingen Einigkeit, in unwesentlichen Dingen Freiheit und über allem die helfende Liebe walten zu lassen. Aus gesundheitlichen Gründen gab Emily Greene Balch 1922 ihr Amt als Generalsekretärin der „Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit“ auf. 1926 ging sie im Auftrag der WILPF in das seit 1915 von den USA besetzte Haiti und legte hierüber 1927 eine Studie vor. Nach ihrer Haiti-Mission sprach sie mit Präsident Coolidge Calvin (1872–1933) und konnte ihn bewegen, eigene Untersuchungen anzustellen. Wegen des Amtswechsels 1929 war es dann aber erst Präsident Herbert Clark Hoover (1874–1964), der 1930 diese Pläne umsetzen konnte. Ab 1931 führte Emily Greene Balch die amerikanische Sektion der „Women’s International Leage for Peace and Freedom“. 1934/1935 fungierte sie erneut als Generalsekretärin der WILPF. 1936 wählte 30 man sie wegen ihrer Verdienste zur Ehrenpräsidentin der WILPF. Vor und während des Zweiten Weltkrieges setzte sich Emily Greene Balch für die Aufnahme flüchtender Juden in den USA ein. Ihre strikte pazifistische Haltung geriet ins Wanken, als sie von gravierenden Verletzungen elementarster Menschenrechte durch die „Nazis“ erfuhr. Aus der Feder von Emily Greene Balch stammen die Veröffentlichungen „Public Assistance of the Poor in France“ (1893), die Studie „Our Slavic Fellow-Citizens“ („Unsere slawischen Mitbürger, 1910), „Women at The Hague“ (1915), „Approaches to the Great Settlement“ („Schritte zu einer Friedenslösung“, 1918), „Occupied Haiti“ (1927), „Refuguees as Assets“ (1939) und der Gedichtband „The Miracle of Living“ (1941). 1946 verlieh man Emily Greene Balch – zusammen mit dem amerikanischen evangelischen Theologen John Raleigh Mott (1865– 1955) – in Oslo den Friedensnobelpreis. Die Nachricht über diese hohe Auszeichnung erfuhr sie – von Altersbeschwerden und Asthma geplagt – im Krankenhaus. Im April 1948 hielt die 81-Jährige bei der Verleihung des Friedennobelpreises für 1946 eine lange Dankesrede. Den größten Teil des mit dem Preis verbundenen Geldbetrages von 16000 US-Dollar stellte sie der WILPF zur Verfügung. Einen Tag nach ihrem 94. Geburtstag starb Emily Greene Balch am 9. Januar 1961 in Cambridge (Massachusetts) Sirimawo Bandaranaike Die erste Regierungschefin der Welt S owohl erste Premierministerin von Ceylon – heute Sri Lanka – als auch erste Regierungschefin der Welt wurde die Politikerin Sirimawo Bandaranaike (1916–2000), geborene Ratwatte. Sie erlebte außer großen politischen Erfolgen auch bittere Stunden: Ihr Mann wurde während seiner Amtszeit als Premierminister ermordet, auf sie selbst verübte man später ebenfalls 31 einen Anschlag, zeitweise warf man ihr Machtmissbrauch und Korruption vor und nahm ihr die staatsbürgerlichen Rechte. Sirimawo („die Glückliche“) stammt aus der aristokratischen Großgrundbesitzerfamilie Ratwatte. Mitglieder dieser Familie dienten über Generationen hinweg den singhalesischen Königen als hohe Beamte. Sirimawo kam am 17. April 1916 als Tochter des Distriktsvorstehers des Ratnapura Distrikts in Balangoda im ceylonesischen Hochland zur Welt. Obwohl sie die Schule eines katholischen Klosters („Ratnapura Convent“) und das von katholischen Nonnen geführte College „Saint Bridget’s Convent of Colombo“ besuchte, blieb sie Buddhistin. Im Oktober 1940 heiratete Sirimawo Ratwatte den ebenfalls einer aristokratischen Familie angehörenden Gesundheitsminister Solomon Bandaranaike (1899–1959). Nach der Ernennung ihres Mannes am 12. April 1956 zum Premierminister von Ceylon übernahm sie sozialfürsorgerische Aufgaben, leitete die patriotische Frauenvereinigung „Lanka Mahila Samiti“ und setzte sich für Familienplanung, bessere Erziehung und politische Rechte der Frauen ein. Am 26. September 1959 fiel Salo- mon Bandaranaike in Colombo einem Mord zum Opfer. Seine Witwe wurde einstimmig zur Präsidentin der sozialistisch orientierten „Sri Lanka Freedom Party“ („SriLanka-Freiheitspartei“ = SLFP) gewählt. Nach einem emotional geführten Wahlkampf, in dem Sirimawo Bandaranaike bei ihren Auftritten oft Tränen vergoss und das Volk rührte, zog die „weinende Witwe“ 1960 als erste Premierministerin Ceylons in das Regierungspalais ein. Zugleich war sie weltweit der erste weibliche Regierungschef. Die erste Amtszeit von Sirimawo Bandaranaike als Premierministerin dauerte von 1960 bis 1965. Sie entwickelte ein Geschick und eine Robustheit, die im In- und Ausland verblüfften und ihr den Ehrentitel „Ceylons Mutter Courage“ eintrugen. Andererseits verärgerte sie mit ihrer rigorosen Sprachenpolitik die Tamilen und mit ihrer Erziehungspolitik die Christen und entging im Februar 1962 unverletzt einem Attentatsversuch. Im Herbst 1964 nahm sie die „Sama-Samaj-Partei“ (Trotzkisten) in die Regierung auf, worauf sich die „Sri Lanka Freedom Party“ spaltete. Am 22. März 1965 verlor Sirimawo Bandaranaike die Parlamentswahlen und ihr Amt als Premierministerin. Von 1965 bis 1970 stellte die 32 konservative „United National Party“ (UNP) unter Dudley Shelton Senanayake (1911–1973) die Regierung. Bei den Parlamentswahlen am 27. Mai 1970 schlug Sirimawo Bandaranaike die Regierungspartei mit einer unerwarteten Zweidrittelmehrheit. Danach fungierte sie von 1970 bis 1977 als Premierministerin sowie als Außen-, Verteidigungsund Planungsministerin. Im April 1971 kam es zu einem Umsturzversuch der mit dem Sozialisierungstempo in Ceylon unzufriedenen „Ché-Guevara-Bewegung“. Wegen andauernder Unruhen verhängte Sirimawo Bandaranaike im Mai 1971 über ihr Land den Ausnahmezustand. Der Aufstand der linksradikalen Studenten- und Jugendorganisation konnte mit ausländischer Waffenhilfe niedergeschlagen werden. Im August 1972 erhielt Ceylon eine neue Verfassung und als Republik – zuvor war es als Dominion im Commonwealth verblieben – den neuen Namen „Sri Lanka“. Verschärfte Notstandsmaßnahmen der Regierung und die katastrophale Wirtschaftslage Sri Lankas verhalfen im Juli 1977 der UNP unter Führung von Junius Richard Jayawardene (1906–1996) zu einem überwältigenden Wahlsieg. 1983 begannen bewaffnete Ausein- andersetzungen zwischen den Regierungstruppen und den „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ (LTTTE), die im Norden und Osten der Insel für einen von Sri Lanka unabhängigen Staat der tamilischen Volksgruppen kämpfen. Bei diesem Bürgerkrieg kamen schätzungsweise 50000 Menschen ums Leben. Anfang 1989 entging Sirimawo Bandaranaike knapp einem Attentat. Im Oktober 1990 wurden ihr unter dem Vorwurf des Machtmissbrauchs und der Korruption während ihrer Regierungszeit die staatsbürgerlichen Rechte aberkannt. Sirimawo Bandaranaike brachte zwei Töchter (Sunethra und Chandrika) sowie einen Sohn (Anura) zur Welt. Die am 29. Juni 1945 geborene Chandrika studierte Soziologie an der Pariser Sorbonne. Nach der Ermordung ihres Mannes Vijaya Kumaratunga 1989 durch politische Extremisten lebte sie kurze Zeit im Exil in London. Im parteiinternen Kampf und die Vorherrschaft in der SLFP setzte sie sich gegen ihre Mutter durch und wurde Regierungschefin der West-Provinz. Aus den Parlamentswahlen am 16. August 1994 ging die 49-jährige Chandrika Kumaratunga mit der oppositionellen People’s Alliance, angeführt von der SLFP, als Siegerin hervor. Staatspräsident Dingiri 33 Banda Wijetunge beauftragte sie mit der Regierungsbildung und vereidigte sie am 19. August 1994 als Premierministerin. Auch bei den Präsidentschaftswahlen am 9. November 1994 siegte Chandrika. Am 13. November 1994 wurde Chandrika als erstes weibliches Staatsoberhaupt ihres Landes vereidigt. Sie ernannte ihre Mutter zur Premierministerin, die ihr damit im Amt nachfolgte. Sirimawo Bandaranaike starb am 10. Oktober 2000 im Alter von 84 Jahren. Agatha Barbara Die erste Präsidentin von Malta G leich drei Rekorde stellte die maltesische Pädagogin und der „Malta Labour Party“ angehörende Politikerin Agatha Barbara auf: Im Laufe ihrer politischen Karriere war sie die erste weibliche Parlamentarierin, das erste Regierungsmitglied und das erste weibliche Staatsoberhaupt auf der Mittelmeerinsel Malta. Agatha Barbara wurde am 11. März 1923 in Zabbar auf Malta geboren. Nach dem Besuch der Höheren Schule in der Hauptstadt Valetta und der Ausbildung als Lehrerin arbeitete sie von 1942 bis 1947 im Schuldienst. Da sie sich für politische Fragen interessierte, trat sie der „Malta Labour Party“ bei, zählte bald zur Führungsgruppe und leitete die Frauengruppe. Nachdem Großbritannien der Insel die innere Autonomie gewährte, kandidierte Agatha Barbara für das maltesische Parlament und wurde die erste weibliche Parlamentarierin Maltas. In der Folgezeit konnte sie ihren Sitz stets erfolgreich gegen Konkurrenten der „Nationalistischen Partei“ behaupten. 1955 übernahm die „Malta Labour Party“ unter Führung von Dominic (Don) Mintoff die Regierung auf Malta. Er holte Agatha Barbara als erste Frau in die Regierung und betraute sie mit der Leitung des Erziehungsministeriums. Mintoff plante damals eine Integration in den Staatsverband Großbritanniens, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. Premier Don Mintoff stritt mit der 34 britischen Regierung, was zur Folge hatte, dass Malta von 1958 bis 1962 wieder nach Kolonialregime regiert wurde. Während der konfliktreichen Zeit musste Agatha Barbara für 43 Tage ins Gefängnis, weil sie sich im April 1958 als Streikposten zur Verfügung gestellt hatte. 1962 erhielt Malta eine neue Verfassung, und Dr. Georg Borg Olivier von der „Nationalistischen Partei“ bekleidete das Amt des Regierungschefs. Ab September 1964 war die Insel ein unabhängiges Mitglied des „Britischen Commonwealth“ in wichtiger strategischer Lage. Nach dem 1971 von der „Malta Labour Party“ erkämpften knappen Wahlsieg führte Agatha Barbara erneut das Minsterium für Erziehung und Kultur. 1974 wurde Malta eine unabhängige parlamentarische Republik. Ebenfalls 1974 wechselte Agatha Barbara in das Ministerium für Arbeit, Beschäftigung und Soziale Wohlfahrt, das damals als wichtiges Ressort galt, weil durch Abzug der Briten und Auflösung der NATO-Flottenstation Probleme auf dem Arbeitsmarkt entstanden waren. Von 1976 bis 1981 übernahm sie auch das Kulturressort. Bei den Parlamentswahlen am 12. Dezember 1981 konnte die „Malta Labour Party“ nur dank der für die Regierung günstigen Wahlkreiseinteilung ihre knappe Mehrheit von 34 gegen 31 Mandate behaupten. Dagegen hatte die „Nationalistische Partei“ bei der Stimmenzahl mit 51 gegen 49 Prozent die Nase vorn. Als nach den Wahlen auch die Neubestellung des mehr repräsentativen Amtes des Staatspräsidenten anstand, löste Agatha Barbara den Politiker Anton Buttigieg am 16. Februar 1982 ab und stieg zum ersten weiblichen Staatsoberhaupt der Insel seit der Unabhängigkeit auf. Sie fungierte bis zum 14. Mai 1987 als Staatspräsidentin. An diesem Tag vereidigte man Paul Xuereb als ihren Nachfolger. Ermöglicht wurde dies durch den Ausgang der Parlamentswahlen am 9. Mai 1987. Benazir Bhutto Die erste Regierungschefin Pakistans ls erste muslimische Regierungschefin sorgte von 1988 bis 1990 die pakistanische Politikerin Benazir Bhutto für Aufsehen. Der Amtsübernahme gingen turbulente Jahre voraus. Ihren Vater entmachtete man nach einem Umsturz als Premierminister und richete ihn später hin. Einer ihrer Brüder starb unter mysteriösen Umständen im Ausland. Sie selbst führte einen erbitterten Kampf gegen die pakis35 A tanische Militärdiktatur, stand jahrelang unter Hausarrest und lebte zeitweise im Exil. Benazir (deutsch: die „Unvergleichliche“) wurde am 21. Juni 1953 als älteste Tochter des späteren Staatspräsidenten und Regierungschefs Zulfikar Ali Bhutto (1928–1979) und dessen zweiter Frau Nusrat Bhutto in der pakistanischen Provinz Sindh geboren. Aus der Ehe ihrer Eltern gingen außer Benzir die beiden Brüder Murtaza und ShahNawaz sowie die Schwester Saham Sema hervor Benazir Bhutto besuchte in Pakistan das „Gordon College“ und studierte von 1970 bis 1977 Politische Wissenschaften und Geschichte am „Radcliffe-College“ in Cambridge (Massachusetts, USA) und in Oxford (Großbritannien). In Oxford wurde sie als erste Ausländerin zur Präsidentin des Studentenverbandes und Vorsitzenden des renommierten „Debattierclubs“ gewählt. 1977 kehrte Benazir Bhutto nach Pakistan zurück, um in den diplomatischen Dienst zu treten. Am 5. Juli 1977 stürzte das Militär wegen Wahlmanipulationen ihren Vater als Premierminister, und General Zia Ul-Haq (1924–1988) wurde neuer starker Mann Pakistans. Benazir unterstützte ihre Mutter bei der Organisation des öffentlichen Protestes gegen die Inhaftierung ihres Vaters. Am 18. März 1978 verurteilte das Oberste Gericht in Lahore Zulfikar Ali Bhutto wegen Anstiftung zum Mord an einem politischen Gegner zum Tode durch den Strang. Der Verurteilte verbrachte ein Jahr lang in der Todeszelle, bis im Frühjahr 1979 das Todesurteil mit der Mehrheit von nur einer Stimme vom Richterkollegium bestätigt, jedoch 36 eine Begnadigung empfohlen wurde. Die Gnadengesuche führender Politiker aus aller Welt konnten den Machthaber Zia-Ul-Haq jedoch nicht umstimmen: Am 4. April 1979 hat man Bhutto im Distriktsgefängnis von Rawalpindi gehenkt. Nusrat und Benzir Bhutto wurden nach dem Umsturz mehrfach verhaftet oder unter Hausarrest gestellt. Die Söhne Murtaza und ShahNawaz versuchten vergeblich, vom Ausland aus den Widerstand zu organisieren und mit Bombenattentaten und Flugzeugentführungen das Militärregime in ihrer Heimat zu stürzen, das im Zuge des Afghanistan-Krieges zum Frontstaat und unverzichtbaren Verbündeten des Westens in der letzten Phase des „kalten Krieges“ geworden war. Als sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter verschlechterte, übernahm Benazir ab 1982 immer mehr die Führungsrolle in der von ihrem Vater gegründeten „Pakistanischen Volkspartei“ („Pakistan People’s Party“ = PPP). Das Militär hielt Benazir Bhutto fast drei Jahre lang unter Hausarrest, ehe sie 1984 ihrer Mutter und den beiden Brüdern über Frankreich ins Exil nach Großbritannien folgen konnte. Im Juli 1985 fand man Benazirs Bruder Shah-Nawaz in Cannes (Frankreich) tot auf, seine Todesumstände gelten als ungeklärt. Als Benazir Bhutto im August 1985 nach Pakistan zurückkehrte, stellte man sie eine Woche später erneut unter Hausarrest und schob sie nach London ab. Nach einer weiteren Rückkehr in die Heimat im April 1986 feierte man sie als „Fackelträgerin der Demokratie“, aber die Aktivisten der PPP folgten nur teilweise ihrem harten Konfrontationskurs. Am 14. August 1986, dem Tag der Unabhängigkeit Pakistans, wurde Benazir festgenommen und sollte wegen Umsturzversuches angeklagt werden. Aus Furcht vor einer Neuauflage des militanten „Bhuttoismus“ vor allem beim Mittelstand spaltete sich ein Flügel der PPP unter Führung von Mustafa Jatoir ab und gründete die „National People’s Party“ (NPP). Die Streitigkeiten im Oppositionslager bewirkten, dass das Regime von General Zia Ul-Haq nicht ernsthaft gefährdet wurde. Im Dezember 1987 heiratete Benazir Bhutto den Sohn eines der reichsten pakistanischen Industriellen, Asif Ali Zardari. Aus dieser Ehe gingen zwischen 1988 und 1993 der Sohn Bilawal und zwei Töchter hervor. Eine neue politische Lage entstand, 37 als Staatschef Zia Ul-Haq am 17. August 1988 überraschend bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Der Interimspräsident Ishaq Khan hielt an dem Wahlversprechen seines Vorgängers fest, und am 16. November 1988 wurde die PPP bei den Parlamentswahlen mit 92 von 237 Mandaten stärkste Fraktion. Damals bezeichneten PPP–Anhänger Benazir Bhutto als „die aufsteigende Sonne“. Staatspräsident Ishaq Khan ernannte im Dezember 1988 Benazir Bhutto zur Regierungschefin. Nach ihrer Amtsübernahme hob sie den vom Diktator Zia Ul-Haq verhängten Ausnahmezustand in Pakistan auf, verkündete eine Amnestie für 1100 politische Häftlinge und schaffte die Todesstrafe ab. Im Oktober 1989 überstand Benazir Bhutto nur knapp einen Misstrauensantrag der Opposition, die ihr Nepotismus (Vetternwirtschaft) und Ungeschick bei der Behandlung politischer Gegner vorwarf. Zum Beispiel mussten 70 hochqualifizierte Beamte vorzeitig in Pension gehen, während man etwa 20000 Bhutto-Anhänger mit lukrativen Verwaltungsposten belohnte. Zudem sorgten Unruhen in Benazirs Heimatprovinz Sindh und Militäreinsätze für Streit mit Generälen. Benazir Bhutto war stets ein Kind des Orients. Dies verriet ihre Autobiographie „Daughter of the East“, die unter dem Titel „Tochter der Macht“ (1989) auch ins Deutsche übersetzt wurde. Darin las man, dass sie während eines Londonaufenthaltes Ende 1985 Geräusche in der Küche und auf dem Flur ihrer Wohnung dem Geist des damals hingerichteten Arbeiterführers und PPP-Anhängers Ayaz Samoo zuschrieb. Einen Tag vor einem erneuten Misstrauensantrag setzte Präsidentin Ishaq Khan am 6. August 1990 Benzir Bhutto und ihre Regierung unter dem Vorwurf der Korruption und des Amtsmissbrauchs ab und ernannte den früheren PPP-Politiker Jatoi zum Übergangsministerpräsidenten. Gegen Benazir Bhutto wurde ein Prozess eingeleitet. Bei den Neuwahlen am 14. Oktober 1990 erlitt ihre PPP eine deutliche Niederlage. Am 19. Oktober 1993 wurde Benazir Bhutto erneut zur Regierungschefin gewählt. Auch während ihrer zweiten Amtszeit vom Oktober 1993 bis zum November 1996 gab es immer wieder politische Affären und Skandale. Im September 1996 wurde ihr Bruder Murtaza, der 1993 gegen seine Schwester kandidiert hatte, in Karachi (Pakistan) bei einer Polizeikontrolle erschossen. Seinen Tod lastete man der Premierministerin an. Am 4. November 1996 machte Präsident Faruk Ahmad Khan Leghari von einem Verfassungdekret aus Militärzeiten Gebrauch und entließ die Premierministerin, der er vorwarf, sie habe die Unabhängigkeit der Justiz untergraben. Am 19. November 1996 lehnte das höchste Gericht des Landes ihre Klage gegen die Absetzung als Ministerpräsidentin ab. Und am 3. Februar 1997 erlitt ihre PPP eine vernichtende Niederlage. Mitte April 1999 wurden Benazir Bhutto und ihr Mann wegen Korruption zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ein pakistanisches Gericht sprach sie schuldig, von Schweizer Firmen Bestechungsgelder angenommen zu haben. 38 Bärbel Bohley Die berühmteste Bürgerrechtlerin der DDR E ine der bekanntesten Bürgerrechtlerinnen der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) war die Malerin und Graphikerin Bärbel Bohley. Die Künstlerin gehörte zu den Gründern der Gruppe „Frauen für den Frieden“, der „Initiative für den Frieden und Menschenrechte“ und der Bürgerbewegung „Neues Forum“ (NF). Wegen ihres couragierten Eintretens für Bürgerrechte in der DDR saß sie zweimal im Gefängnis. Bärbel Bohley wurde am 24. Mai 1945 als Tochter eines Konstrukteurs in Berlin geboren. Sie machte 1963 das Abitur und begann danach eine Ausbildung zur Industriekauffrau. Im Alter von 24 Jahren begann sie 1969 ein fünfjähriges Studium an der Staatlichen Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, das sie 1974 als „Diplom-Malerin“ abschloss. 39 In der Folgezeit lebte und arbeitete Bärbel Bohley als freischaffende Malerin und Grafikerin in Ostberlin. Ihre nüchternen Bilder mit einer Vorliebe für halbfigürlich-abstrakte oder völlig gegenstandslose Formen und kräftige Farben besitzen „eigenwilligen“ Charakter. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie vor allem durch Töpferei. Von 1979 bis 1983 gehörte Bärbel Bohley der Berliner Sektionsleitung des „Verbandes der bildenden Künstler“ an. 1982 gründete die „bekennende Pazifistin“ mit anderen die Gruppe „Frauen für den Frieden“. Danach wurde ihre Wohnung in der Fehrbelliner Straße im Stadtbezirk Prenzlauer Berg jahrelang aus einem dauergeparkten Bauwagen observiert, was aber ihre Aktivitäten kaum bremste. Zur Jahreswende 1983/1984 musste Bärbel Bohley zusammen mit ihrer Freundin Ulrike Poppe unter dem Vorwurf „landesverräterischer Nachrichtenübermittlung“ in sechswöchige Untersuchunghaft nach Hohenschönhausen (Brandenburg). Der Grund dafür waren Kontakte mit Frauen von „Greenham Common“, die gegen den Atomwaffenstützpunkt in Großbritannien protestierten, während der Hochphase der Debatten um die MittelstreckenRaketen sowie friedenspolitische Gespräche mit Grünen aus der Bundesrepublik. Auch nach ihrer Freilassung setzte sich Bärbel Bohley weiter vehemment für mehr öffentliche Diskussion, Meinungs-, Reise- und Versammlungsfreiheit ein. Zusammen mit anderen hob sie die Ostberliner „Initiative für Frieden und Menschenrechte“ aus der Taufe, die von 1985 bis Anfang 1988 mit der Kirche für eine Demokratisierung des öffentlichen Lebens eintrat. Als 1987 der damalige Generalsekretär der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED) und DDRStaatsratsvorsitzende Erich Honekker (1912–1994) offiziell in Bonn empfangen wurde, übergab ihm die grüne Spitzenpolitikerin Petra Kelly (1947–1992) Bärbel Bohleys Graphik „Niemandsland“. Am 17. Januar 1988 nahmen An40 tragsteller auf Übersiedlung in die Bundesrepublik am Gedenkmarsch für Rosa Luxemburg (1870–1919) und Karl Liebknecht (1871–1919) in Ost-Berlin teil. Viele von ihnen wurden verhaftet. Als sich Bärbel Bohley um die Angehörigen und die Inhaftierten kümmerte, steckte man sie wegen „landesverräterischer Beziehungen“ erneut in dieselbe Gefängniszelle von Höhenschönhausen, in der sie schon 1983/1984 gesessen hatte. Auch andere Bürgerrechtler kamen in Haft. Das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ warf Bärbel Bohley im Januar 1988 feindliche Agententätigkeit vor. In Wirklichkeit gehörte sie nur zur DDR-Initiative „Frieden und Menschenrechte“, die bei der Kundgebung mit eigenen Parolen ihr Engagement für und nicht gegen die DDR ausdrückte. Als man Bärbel Bohley und anderen, die man loswerden wollte, mit der Abschiebung in den Westen drohte, entschieden sie und ihr Lebensgefährte Werner Fischer sich für ein Sechs-Monate-Visum, mit dem sie nach Großbritannien gingen und nach Ablauf dieser Zeit im August 1988 in die DDR zurückkehrten. Beide versicherten, sie seien froh, wieder in der DDR zu sein. Bärbel Bohleys Sohn Anselm wurde nicht zum Studium zugelassen. Am 9. September 1989 unterzeichnete Bärbel Bohley zusammen mit dem Rechtsanwalt Rolf Henrich, dem Mikrobiologen Jens Reich und der Witwe des früheren Regimekritikers Professor Robert Havemann (1910–1982) den Aufruf „Die Zeit ist reif“. Letzterer war ein leidenschaftliches Plädoyer für einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel in der DDR, der damals bereits Zehntausende über Ungarn und die Tschechoslowakei den Rücken zugekehrt hatten. Bärbel Bohley gehörte 1989 auch zu den Gründern der Bürgerbewegung „Neues Forum“, zu der sich bald mehr als 200000 Menschen bekannten. Nach der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Ostberliner Alexanderplatz mit mehr als einer Million Teilnehmern hoffte sie, jenseits der Parteien wüchse eine starke Basisbewegung und es begänne eine Wertediskussion jenseits von Kapitalismus und real existierendem Sozialismus. Am Morgen des 9. November 1989 erschien in der „Frankfurter Rundschau“ ein Interview, in dem sich Bärbel Bohley beeindruckt zeigte, dass „nichts aufkam von wegen Wiedervereinigung“, doch schon am Abend desselben Tages wurde die Berliner Mauer geöffnet. Nach ihrer Ansicht waren die Leute 41 „verrückt“, die Regierung hatte „den Verstand verloren“, und die DDR „war zur historischen Fußnote geworden“. Diese Äußerungen wurden stark kristiert. Verbittert und enttäuscht kommentierte Bärbel Bohley später oft, dass das „Neue Forum“ nach den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 kaum noch eine politische Rolle spielte und die „Runden Tische“ nicht den Mut hatten, „die SEDCliquen zu entmachten.“ Ihre Kandidatur für die Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 zog sie zurück, weil Demokratie für sie mehr bedeute „als ein Sitz im Bundestag“. Die mutige Frau wurde mit dem „Dr.-Bruno-Kreisky-Preis für Verdienste um Menschenrechte“ (1991), dem „Friedenspreis des Weltrates der Methodistischen Kirchen“ (1991) und dem Bundesverdienstkreuz (1995) ausgezeichnet. 1996 beteiligte sich Bärbel Bohley an der Gründung des Vereins „Bürgerbüro e. V.“ in Berlin, dem sich unter anderem die Politiker Helmut Kohl, Rudolf Scharping, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis (1927– 1999), und der Schriftsteller Wolf Biermann anschlossen. Der Verein will denjenigen helfen, „die durch Willkürakte der DDR fortdauernd geschädigt sind“. Seit 1996 lebt Bärbel Bohley in Bosnien und Kroatien. Sie ist mit einem bosnischen Lehrer verheiratet und kümmert sich um alte Menschen und Kinder aus Bosnien. Lily Braun Die bürgerliche Frauenrechtlerin Z u den bedeutendsten Sozialdemokratinnen und Frauenrechtlerinen Deutschlands während der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gehörte die Schriftstellerin und Politikerin Lily Braun (1865– 1916), geborene von Kretschman. Neben Romanen und Dramen 42 schrieb sie ihre zweibändigen „Memoiren einer Sozialistin“, die als ein wichtiges Zeugnis ihrer Zeit gelten. Lily von Kretschman wurde am 2. Juli 1865 als Tochter des preußischen Generals Hans von Kretschman (1832–1899) in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) geboren. Ihre Großmutter Jenny von Gustedt (1811–1890) war ein uneheliches Kind von Napoléons Bruder Jérôme Bonaparte (1784–1860) und der verheirateten Diana von Pappenheim (1788–1844). Jérôme regierte von 1807 bis 1813 das neugeschaffene Königreich Westfalen und ging als „König Lustig“ in die Annalen der Geschichte ein. In ihrer Jugend hetzte Lily von einer gesellschaftlichen Verpflichtung zur anderen. Erst durch den Einfluss ihrer Großmutter wurde ihr Blick von Äußerlichkeiten weg zu geistiger Betätigung gelenkt. Nach der Bearbeitung des schriftlichen Nachlasses ihrer Großmutter, die den deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) noch persönlich gekannt hatte und einen umfangreichen Briefwechsel hinterließ, unternahm Lily erste literarische Versuche. Als Lilys Vater wegen kritischer Äußerungen über die Außenpolitik Napoléons in den Ruhestand ver- setzt wurde, zog die Familie 1890 nach Berlin. Dort lernte Lily 1891 den Professor für Philosophie und Publizisten, Georg von Gisycki (1851–1895), kennen, den sie 1893 heiratete. Ihr Mann war einer der Führer der „Gesellschaft für ethische Kultur“, für deren Zeitschrift Lily ihre ersten Aufsätze zu aktuellen Fragen der sozialistischen und der Frauenbewegung schrieb. Obwohl Georg von Gisycky kein Mitglied der „Sozialdemokratischen Partei Deutschlands“ (SPD) war, sympathisierte er mit deren Politik. Unter dem Einfluss ihres Gatten, mit dem sie eine Arbeitsehe führte, engagierte sich Lily in der bürgerlichen Frauenbewegung. Bald interessierte sie sich außerdem für die Lebensbedingungen der Arbeiter und vor allem der Arbeiterinnen. Nachdem Gisycki 1895 an Influenza starb, war sie weitgehend auf sich allein gestellt. Durch Kontakte mit Vertreterinnen der proletarischen Frauenbewegung und durch die Bekanntschaft mit dem Sozialpolitiker Heinrich Braun (1854–1927) trat Lily in die SPD ein und engagierte sich politisch. Mit diesem Schritt setzte sie sich zwischen alle Stühle: Ihre Familie distanzierte sich von ihr und enterbte sie, und in der SPD begegnete man ihr wegen ihrer gutbürgerli43 chen Herkunft mit großem Misstrauen. Nachdem Lily von Gyscky versuchte, die bürgerliche und die proletarische Frauenbewegung zusammenzuführen, geriet sie mit der damals führenden Frauenpolitikerin der SPD, Clara Zetkin (1857–1933), in Konflikt. Sie wurde in der Partei zunehmend ausgegrenzt und verlor ihre bisherigen Einflussmöglichkeiten. Als Lily von Gysycki 1896 den zweimal geschiedenen Politiker und Begründer des „Archivs für soziale Gesetzgebung und Statistik“, Heinrich Braun, heiratete, löste sie in der SPD einen Skandal aus. Der SPDVorsitzende August Bebel (1840– 1913) schrieb in einem Brief an sie, das Verhältnis zwischen ihr und Heinrich Braun habe natürlich gewaltig Staub aufgewirbelt und die männlichen und weiblichen Philister in Erregung versetzt. Im Jahr nach der Heirat brachte Lily ihren Sohn Otto (1897–1918) zur Welt. Im so genannten Revisionsstreit stellten sich Heinrich und Lily Braun auf die Seite des SPDPolitikers Eduard Bernstein (1850– 1932). Dies verschärfte die innerparteiliche Situation vor allem nach dem Dresdener Parteitag 1903, wo der revisionistische Flügel eine empfindliche Niederlage in der innerparteilichen Auseinandersetzung erlitt. Als Lily Brauns zentrales Werk gilt ihre durch empirische Daten gestützte Studie „Die Frauenfrage – Ihre geschichtliche Entwicklung und ihre wirtschaftliche Seite“ (1901). Die Autorin war wohl eine der ersten überhaupt, die das Geschlechterverhältnis in Prozentzahlen ausdrückte. Sie verfasste auch zahlreiche Artikel für die „Ethische Zeitschrift“ und die „Gleichheit“ sowie Kommentare und Berichte für sozialdemokratische Tageszeitungen. Dank der Zeitungshonorare konnte Lily Braun die zeitweise sehr prekäre finanzielle Lage ihrer Familie lindern. Die von Heinrich Braun gegründete Zeitschrift „Neue Gesellschaft“ scheiterte schon nach der zweiten Ausgabe. Aus finanziellen Motiven entstanden Lily Brauns kitischige Romane „Im Schatten des Titanen“ (1908), „Die Liebesbriefe der Marquise“ (1912), „Mutter Maria“ (1913) und „Die Lebenssucher“ (1915), die innere Konflikte von Frauenfiguren behandeln. In ihrer zweibändigen Autobiographie „Memoiren einer Sozialistin“ (1909 und 1911) schilderte Lily Braun ihren Lebensweg sowie die damit verbundenen Ent- und Verwicklungen. Obwohl sie die Perso44 nen darin anders nannte, wurde Eingeweihten klar, dass es sich bei der häufig kritisierten „Wanda Orbin“ um Clara Zetkin handelte. Auf politische Konflikte und die damit verbundenen Anfeindungen, die sie durch ihr eigenes zeitweise kompromissloses Verhalten nicht gerade abmilderte, regierte Lily Braun ausgesprochen empfindlich. Ab 1910 verschlechterte sich ihr gesundheitlicher Zustand zusehends. In ihrem Werk „Die Frauen und der Krieg“ (1915) äußerte sich Lily Braun euphorisch über den Ersten Weltkrieg und forderte die Frauen zur Mutterschaft auf, damit für jede Hand, sich jetzt sterbend um die Waffen klammere andere Hände geschaffen würden. Außerdem kämpfte sie für das Dienstjahr der Frau in der Kranken- und Säuglingspflege. 1915 schrieb Lily Braun ihrem Sohn Otto, es sei ihre Art, nur im Fieber etwas leisten zu können, sie brauche Besessenheit. Am 8. August 1916 starb sie im Alter von 51 Jahren in Berlin-Zehlendorf. Julie Braun-Vogelstein (1883–1971), die zweite Frau von Heinrich Braun, veröffentlichte die Aufzeichnungen von Lilys Sohn Otto unter dem Titel „Aus nachgelassenen Schriften eines Frühvollendeten“ (1919) und die Biographie „Lily Braun. Ein Lebensbild“ (1922). Die Biographie von Lily Braun steht auch in meinem Taschenbuch „Superfrauen 11 – Feminismus und Familie“. Gro Harlem Brundtland Die erste Regierungschefin Norwegens N orwegens erste Ministerpräsidentin war die Ärztin und Politikerin Gro Harlem Brundtland, geborene Harlem. Sie ist auch die erste Frau gewesen, die Vorsitzende der Arbeiterpartei ihres Heimatlandes und Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation in Genf 45 wurde. Wegen ihres couragierten Eintretens für Europa zeichnete man die forsche und kühl-charmante Politikerin mit dem „Internationalen Karlspreis“ der Stadt Aachen aus. Gro Harlem wurde am 20. April 1939 als Tochter des Arztes Gudmund Harlem in Oslo geboren. Sie wuchs im Osloer Stadtteil Uranienborg auf und engagierte sich bereits als Schülerin in der Jugendorganisation („Arbeidernes Ungdomsfylking“) der Arbeiterpartei („Det norske Arbeiderparti“, DNA). Später begann sie ein Medizinstudium in der norwegischen Hauptstadt. Ihr Vater war in den 1950-er und 1960er Jahren in drei Kabinetten des Sozialdemokraten Einar Gerhardsen Sozial- bzw. Verteidigungsminister. 1960 heiratete Gro Harlem den Journalisten und Politikwissenschaftler Arne Olav Brundtland, dem sie im Laufe der Zeit vier Kinder gebar. Ihr Mann steht politisch auf der anderen Seite: Er gehört der konservativen „HøyrePartei“ an. Nach dem Staatsexamen als „Doktor der Medizin“ an der Universität Oslo 1963 studierte Gro Harlem Brundtland an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) weiter, promovierte und erwarb 1965 den Titel eines „Master of Public Health“. Dann kehrte sie wieder nach Norwegen zurück und arbeitete von 1965 bis 1967 im staatlichen Gesundheits- und Sozialministerium als Beraterin. 1968 stellte man sie als Gesundheitsbeamtin in der Osloer Stadtverwaltung an. 1970 wurde sie stellvertretende Direktorin an der Schule des Osloer Gesundheitsdienstes. 1974 wählte man Gro Harlem Brundtland in den Vorstand der Arbeiterpartei, wo sie sich vor allem um die Gesundheits- und Umweltschutzpolitik kümmerte. Der Chef des Minderheitskabinetts der Arbeiterpartei, Trygve Bratteli, berief sie 1974 als Umweltministerin in die Regierung. Dieses Amt stellte beim Übergang Norwegens zu einem Erdölland besondere Anforderungen an seine Inhaberin. Die Ministerin nahm ihre Aufgabe fünf Jahre lang mit einer Entschlossenheit wahr, die ihr weder bei der Industrie noch bei den Gewerkschaften viele Sympathien eintrug. Ihre Kritiker bezeichneten sie als schulmeisterlich, ihre Anhänger als willensstark. 1975 stieg Gro Harlem Brundtland zur stellvertretenden Vorsitzenden der Arbeiterpartei auf und wurde bald sehr populär, während die Partei selbst Verschleißererscheinungen zeigte. 1977 wurde sie in 46 das norwegische Parlament (Storting) gewählt. Seit dem Herbst 1979 leitete sie zusammen mit dem 70jährigen Trygve Bratteli die sozialdemokratische Stortingfraktion. Ab Oktober 1980 war sie Vorsitzende des Ausschusses für Außenpolitik und Verfassung. Am 3. Februar 1981 löste die 41jährige Gro Harlem Brundtland den zurückgetretenen Ministerpräsidenten Odvar Nordli ab. Damit war sie die erste Frau und der jüngste Politiker an der Spitze einer norwegischen Regierung. Im April 1981 übernahm sie von Reiulf Steen als erste Frau den Parteivorsitz. Bei den Wahlen am 13. und 14. September 1981 blieb die Arbeiterpartei zwar stärkste politische Kraft, doch 37,4 Prozent der Stimmen genügten nicht, um als Minderheitsregierung mit ausreichender Unterstützung rechnen zu können. Im Oktober 1981 gab es in Norwegen mit dem von Kåre Willoch geleiteteten Kabinett erstmals seit 1928 wieder eine konservative Regierung. Von Oktober 1981 bis Mai 1986 führte Frau Brundtland die Opposition an. Von 1983 bis 1987 leitete Gro Harlem Brundtland im Auftrag der „United Nations“ (UN) als Vorsitzende die „World Commission for Environment and Development“ („Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“). 1987 sorgte sie mit ihrem Umweltreport „Unsere gemeinsame Zukunft“ weltweit für Aufsehen. Sie gehörte auch zu den Initiatoren der Umweltkonferenz in Rio de Janeiro im Sommer 1992. Nach den Wahlen im September 1985 stellte Willoch dank einer Koalition aus Konservativen, Christdemokraten („Kristelig Folkeparti“) und „Zentrumspartei“ („Senterpartiet“), erneut die Regierung, aber die Linksparteien, Arbeiter- und „Sozialistische Partei“ („Socialistisk Venstreparti“), hatten nur ein Mandat weniger als die Koalition erzielt. Als Willochs Wirtschaftsprogramm am 2. Mai 1986 mit 79 gegen 78 Stimmen abgelehnt worden war und er seinen Rücktritt angeboten hatte, nahm Gro Harlem Brundtland die Einladung des Königs zur Bildung einer neuen Regierung an und stellte am 9. Mai 1986 ihr 18-köpfiges Kabinett vor, dem acht Frauen angehörten. Nach den Parlamentswahlen am 11. September 1989, die wegen der hohen Arbeitslosenquote für Konservative und Arbeiterpartei zu einem Fiasko wurden, trat Gro Harlem Brundtland mit ihrer Regierung zurück und machte einer MitteRechts-Koalition unter Führung des Vorsitzenden der Konservativen, Jan Syse, Platz. 47 Als das Regierungsbündnis wegen der umstrittenen Frage einer Mitgliedschaft Norwegens bei der „Europäischen Gemeinschaft“ (EG) nach einem Jahr – 1990 – zerbrach, bildete Gro Harlem Brundtland zum dritten Mal eine Regierung. Im März 1991 waren laut Umfrage der Tageszeitung „Aftenposten“ 75,6 Prozent der Wähler mit der Regierungspolitik zufrieden. Am 1. April 1992 bekannte sich Gro Harlem Brundtland bei einem Kongress in Ullensvang erstmals offiziell deutlich zur „Europäischen Gemeinschaft“. Dabei erklärte sie, Norwegens Interessen seien am besten durch die EG-Mitgliedschaft gesichert. Dadurch verlor die Arbeiterpartei viele Sympathien. 49 Prozent der Bevölkerung lehnten im Juni 1992 einen EG-Beitritt ab. Auf dem Parteitag der Arbeiterpartei in Oslo am 6. November 1992 kündigte Gro Harlem Brundtland unter Tränen ihren Verzicht auf den Parteivorsitz an. Sie begründete dies damit, dass ihr die Doppelaufgabe als Regierungschefin und Parteivorsitzende nicht mehr genug Zeit für die Familie lasse. Ende September 1992 hatte sich ihr Sohn Jörgen das Leben genommen. Ihr Nachfolger als Parteivorsitzende wurde Thorbjørn Jagland. Die verdienstvolle Arbeit von Gro Harlem Brundtland ist mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt worden: „Third World Prize for Work on Environment Issues“ (1989), „Friedensfrau des Jahres 1989“, „Pio Mannzu Centro“ (1989), Indira-Gandhi-Preis (1989), Dag-Hammarskjöld-Medaille (1991), Ehrenpreis der CARE International (1991), Internationaler Onassis-Preis (1992) und JosephBech-Preis (1994). Im Mai 1994 erhielt Gro Harlem Brundtland als zweite Frau nach Simone Veil den „Internationalen Karlspreis“ der Stadt Aachen. Ende November 1994 erlitt die engagierte Europäerin die größte politische Niederlage ihres Lebens: 52,2 Prozent der Norweger stimmten bei einem Referendum gegen den Beitritt ihres Landes zur EG. Am 23. Oktober 1996 gab Gro Harlem Brundtland ihren Rücktritt vom Amt der Ministerpräsidentin bekannt und schlug den Parteivorsitzenden Thorbjørn Jagland als ihren Nachfolger vor. Zwei Tage später reichte sie bei König Harald V. ihre Demission ein. Im Dezember 1996 kündigte Gro Harlem Brundtland an, sie werde sich aus der Politik zurückziehen und nicht mehr für den Storting kandidieren. 48 Am 13. Mai 1998 wurde Gro Harlem Brundtland bei der Konferenz der „World Health Organization“ (WHO, Weltgesundheitsorganisation) in Genf als erste Frau zur Generaldirektorin gewählt. Die 1948 gegründete WHO ist eine Sonderorganisation der „United Nations Organization“ (UNO, „Vereinte Nationen“) unter anderem zur Bekämpfung von Seuchen und Epidemien sowie zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung. 1998 stimmten von den Delegierten der 191 Mitgliedsstaaten der WHO 166 für die frühere norwegische Ministerpräsidentin. Nach ihrer Wahl kündigte die neue WHO-Generaldirektorin größere Transparenz in der WHO und weltweite Verbreitung der Erkenntnis an, dass Investitionen in das Gesundheitswesen auch zu Fortschritten im wirtschaftlichen Bereichen führen. Der Teufelskreis „Krankheit führt zu Armut, Armut führt zu Krankheit“ müsse durchbrochen werden, erkärte sie. Als ihre Hauptziele bezeichnete sie den Kampf gegen die Malaria und gegen den Tabakkonsum sowie eine Reform der Organisation. Am 21. Juli 1998 trat sie ihr Amt als neue WHO-Generaldirektorin in Genf an. Kim Campbell Die erste Regierungschefin Kanadas A ls Kanadas erste Premierministerin sorgte im Sommer 1993 die 46-jährige Politikerin Kim Campbell, geborene Avril Phaedra Campbell, für Schlagzeilen. Zuvor war sie bereits Staatsekretärin, Justiz- und Verteidigungsministerin gewesen. Kanadische Journalisten gaben der Politikerin wegen ihres flotten Mundwerks den Spitznamen „Kim Fast Lipp“ („Kim Schnelle Lippe“). Avril Phaedra Campbell kam am 10. März 1947 als Tochter eines Rechtsanwalts und einer Sekretärin in Port Alberni (British Columbia) zur Welt. Ihre Mutter verließ später ihren Mann und ihr Kind und arbeitete als Skipperin auf den Segeljachten reicher Leute. Damals änderte die zwölfjährige Avril Phaedra ihren Vornamen in „Kim“ ab 49 und besuchte eine Klosterschule. Als Erwachsene sagte sie über die Frau, die ihre Familie im Stich ließ: „Meine Mutter war für mich die erste richtige Feministin.“ Kim Campbell studierte Politische Wissenschaften an der Universität von British Columbia und erwarb den akademischen Grad „Bachelor of Arts“. Von 1970 bis 1974 setzte sie ihr Studium mit den Schwerpunkten Jura und Wirtschaftswissenschaften an der „London School of Economics“ fort. 1972 hielt sie sich ein Vierteljahr in der Sowjetunion auf, wo sie in Moskau die russische Sprache lernte. Sie kehrte mit der Erkenntnis nach London zurück, dass „alles, was nach politischem Dogma riecht, nicht meine Sache sein kann.“ 1972 heiratete Kim Campbell den 20 Jahre älteren Mathematikprofessor Nathan Divinski. Nach dem Studium arbeitete sie als Dozen– tin für Politische Wissenschaften an der Universität von British Columbia. Zwischen 1975 und 1978 lehrte sie Politische Wissenschaften und Geschichte am „Vancouver Community College“ und von 1978 bis 1981 am „Langara Campus“. 1982 wurde ihre erste Ehe geschieden. 1983/1984 wirkte Kim Campbell als Anwältin in einer renommierten Kanzlei und danach als Beraterin des Premiers von British Columbia. Kim Campbells erster Ausflug in die Politik ging schief: Als sie für die konservative „British Columbia Social Credit Party“ (BCSCP) kandidierte, landete sie nur auf dem letzten Platz. Doch beim zweiten Anlauf kam sie im Oktober 1986 in den Landtag und avancierte bald zur Vorsitzenden der BCSCP auf. Später wandte sie sich von der BCSCP wegen deren zu repressiver Haltung in der Abtreibungsfrage ab. Danach wurde sie Mitglied der „Progressive Conservative Party“ (PCP) in Ottawa, für die sie im November 1988 überraschend den Parlamentssitz für den Wahlbezirk VancouverCentre gewann. Die Ausdauer, Hartnäckigkeit und Rhetorik von Kim Campbell impo50 nierten dem kanadischen Regierungschef Brian Mulrony. Aus diesem Grund berief er sie am 21. November 1988 zur Staatssekretärin für Indianerangelegenheiten und die Entwicklung des kanadischen Nordens. Am 23. Februar 1990 stieg Kim Campbell als erste Frau Kanadas zur Justizministerin auf. In diesem Amt zeigte sie auch bei der Durchsetzung unpopulärer Ziele großes Stehvermögen. Unter anderem setzte sie gegen starken Widerstand ländlicher Kreise das Verbot, Schusswaffen zu tragen, durch. Großes Aufsehen erregte Kim Campbell als Justizministerin im Herbst 1992 bei einem Millionenpublikum, als sie sich schulterfrei hinter einer vorgehaltenen Richterrobe für einen Prominenten-Bildband fotografieren ließ. Eine kanadische Boulevard-Zeitung bezeichnete sie daraufhin als „Madonna der kanadischen Politik“. Schlagfertig konterte sie darauf: „Kein schlechtes Kompliment für eine alte Jungfer“. Am 4. Januar 1993 wurde Kim Campbell – als erste Kanadierin – neue Verteidigungsministerin. Militärs begrüßten ihre Wahl, nachdem sie erklärt hatte, sie halte es für verfrüht „unsere Schwerter in Pflugscharen umzuschmieden“. Schon damals galt sie als mögliche Nachfolgerin von Premierminister Brian Mulroney, dessen Popularität drastisch schwand. Kim Campbell erregte als Politikerin öfter durch deutliche Worte großes Aufsehen in der Öffentlichkeit. Unter anderem beschimpfte sie politikverdrossene Bürger als „hochnäsige Hurensöhne“, betitelte Gegner ihres Sparprogramms als „Feinde Kanadas“ und bezeichnete Kanadier, welche die anglikanische Kirche der Politik vorzogen, als „üble Dämonen der Papstherrschaft“. Auf dem Parteitag der PCB in Ottawa entschied sich die Mehrheit der Delegierten am 13. Juni 1993 für Kim Campbell als neue Premierministerin. Auf sie entfielen 1817 Stimmen, auf ihren Konkurrenten, Umweltminister Jean Cahrest, nur 1630. Am 25. Juni 1993 trat Kim Campbell ihr Amt als Regierungschefin des zweitgrößten Landes der Erde an, das sie nicht lange bekleidete. Bei der Wahl am 25. Oktober 1993 erlitt ihre Partei eine vernichtende Niederlage. Neue Premier wurde der liberale Politiker Jean Chrétien. Kim Campbell plante zunächst die Erneuerung der PCB unter ihrer Führung, stieß damit aber offenbar auf wenig Gegenliebe. Mitte De51 zember 1993 erklärte sie ihren Rückzug aus der Politik. Im Dezember 1993 wurde Kim Campbell Mitglied der „London School of Economics“. Das „Chatelaine Magazin" wählte sie 1993 zur „Frau des Jahres“, und im Mai 1994 erhielt sie den „Woman of Distinction Award“ in Vancouver. 1994 wurde Kim Campbell Mitglied der „John F. Kennedy School of Government“ an der Harvard University. Während des Frühlingssemesters war sie Mitglied am ”Institut of Politics“. Im September 1994 kehrte sie zur „Kennedy School“ zurück als Mitglied des „Joan Shorenstein Center on the Press, Politics and Public Policy“. Im April 1994 übernahm Kim Campbell die „Cohen Lecture on International Affairs“ an der Lehigh University, Bethlehem, in Pennsylvania. Kim Campbell ist Mitglied des „Committee to Visit the Center for International Affairs“ an der Harvard University. Außerdem war sie vom 22. bis 24 Juni 1994 Vizepräsidentin der Konferenz in Talloires (Frankreich) sowie 1996 und 1997 deren Sprecherin. Im Oktober 1997 wurde Kim Campbell „Senior Fellow“ an der „UCALK School of Public Policy and Social Research“. Barbara Castle Die „feurige Rote“ der „Labour Party“ E ine der renommiertesten Politikerinnen Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg ist Barbara („Babs“) Castle, geborene Betts, gewesen. Die „feurige Rote“, wie man sie wegen ihrer Haarfarbe nannte, war in der Ära vor Margret Thatcher die herausragendste britische Politikerin. 1990 verlieh man ihr den Adelstitel. Seitdem heißt sie Baroness Castle of Blackburn. Barbara Betts wurde am 6. Oktober 1910 in Chesterfield als eine von zwei Töchtern des Zollinspektors Frank Betts und dessen Frau Annie Rebecca geboren. Sie wuchs in der Industriestadt Bradford auf, die als eine Geburtsstätte der britischen Arbeiterbewegung gilt. Dort gründete man 1893 die „Independent Labour Party“. In Bradford war Barbaras Vater als Schriftsteller und Herausgeber des linksorientierten 52 „Bradford Pioneer“ sowie in der Kultur- und Bildungsarbeit der „Labour Party“ aktiv. Barbara trat bereits in jungen Jahren der Jugendorganisation der Arbeiterbewegung bei. Nach dem Besuch der „Girl’s Grammar School“ in Bradford erhielt Barbara Betts ein Stipendium am „St. Hugh’s College“ der Universität Oxford. Dort studierte sie Philosophie, Politische Wissenschaften und Wirtschaftswissenschaften, tat sich im Studentenclub der „Labour-Party“ hervor und erwarb den akademischen Grad „Bachelor of Arts“. Danach arbeitete Barbara Betts als Journalistin für eine Zeitung, die schon nach einer Woche ihr Erscheinen einstellte. Während der Zeit der Depression verdiente sie als Werbevorführerin für einen Nah- rungsmittelkonzern in Manchester ihren Unterhalt. 1936 kehrte sie wieder nach London zurück, wo sie sich bis 1940 als Redakteurin beim „Town and County Councillor“ betätigte und sich der Lokal- und Regionalpolitik zuwandte. 1937 wurde Barbara Betts als Mitglied der „Fabian Society“ in den Stadtrat des Londoner Bezirks St. Pancras gewählt, dem sie bis 1945 angehörte. Damals befasste sie sich vor allem mit sozialen Fragen und wirkte an einer Dokumentation mit, die später als Denkschrift über Sozialversicherung diente. Von 1940 bis 1945 arbeitete Barbara Betts in der „Metropolitan Water Board“ (Städtische Behörden für Wasserversorgung in London) sowie von 1941 bis 1944 in leitender Stellung als Verwaltungsbeamtin des Ernährungsministeriums. 1944/ 1945 wirkte sie ein Jahr lang als Korrespondentin der linksgerichteten Londoner Zeitung „Daily Mirror“, wo sie den Journalisten Edward (Ted) Castle (1907–1979) kennen lernte, den sie noch im selben Jahr heiratete, der später Herausgeber der Abendausgabe dieses Blattes wurde. Die eigentliche politische Karriere von Barbara Castle begann beim Labour-Parteitag 1943, wo sie als 53 Delegierte eine vielbeachtete Rede hielt. Im Juli 1945 wurde sie für den Wahlkreis Blackburn ins Unterhaus („House of commons“) gewählt. In der Regierung unter Führung von Clement Attlee (1883–1967) fungierte sie von 1945 bis 1947 als Parlamentssekretärin von Handelsminister Stafford Cripps (1889– 1952). Dieses Amt behielt sie auch 1947 bei dessen Nachfolger Harold Wilson (1916–1995), dem späteren Premierminister. 1949 und 1950 war sie Delegierte bei den Vollversammlungen der „United Nations“ (UN) in New York. Im Jahre 1950 wurde Barbara Castle Mitglied des „National Executive Committee“ (NEC) der „Labour Party“. Diesem obersten Führungsgremium der Partei gehörte sie 29 Jahre lang an. Zeitweise fungierte sie als Delegierte Großbritanniens in der Vollversammlung der „United Nations“ in New York. 1957 wählte man sie zur Vizevorsitzenden und 1958 zur Geschäftsführenden Vorsitzenden der „Labour Party“. Bei den Unterhauswahlen von 1959 verteidigte sie erfolgreich ihr Mandat für den Wahlkreis Blackburn. Nach dem knappen Wahlsieg der „Labour Party“ unter Harold Wilson im Oktober 1964 wurde Barbara Castle zunächst zur Ministerin für die Entwicklung in Übersee berufen. Ende 1965 betraute man Barbara Castle mit dem Verkehrsministerium. 1966 setzte sie die absolute Geschwindigkeitsgrenze für Kraftfahrzeuge auf 70 Meilen (115 km/h) herab und führte eine verschärfte technische Überwachung alter Fahrzeuge, bessere Reifenkontrolle, Sicherheitsgurts und strengere Alkoholtests ein. Daraufhin sank innerhalb von sieben Monaten in Großbritannien die Unfallquote um 25 Prozent. Außerdem empfahl sie in den Vorschlägen für die Rationalisierung des britischen Eisenbahnwesens die Einrichtung von „Liner Trains“ (fahrplanmäßige Containerzüge mit hoher Reisegeschwindigkeit). Im April 1968 übernahm Barbara Castle das neu gebildete Ministerium für Arbeit und Produktivität. Damit rückte sie von Platz 17 auf Platz sechs im Kabinett. Außerdem erhielt sie den Titel „First Secretary“ („Erster Sekretär“). Im Januar 1969 unterbreitete sie Vorschläge zur Reform der britischen Gewerkschaften. Die Regierung sollte bei wilden Streiks eine „Abkühlungsfrist“ verhängen und für Streikbeschlüsse von Gewerkschaften eine Urabstimmung verlangen können. Der Versuch scheiterte an der 54 Abwehrfront der Gewerkschaften. Der Wahlsieg der „Tories“ im Juni 1970 zwang die Regierung von Harold Wilson und somit auch Barbara Castle zum Rücktritt. Als die „Labour Party“ aus den Wahlen im Februar 1974 als relativ stärkste Partei hervorging, holte man Barbara Castle als Ministerin für Gesundheit und soziale Sicherheit in Wilsons Minderheitskabinett. Dieses Amt bekleidete sie bis zum Rücktritt Wilsons im April 1976. Bei der Neubildung der Labour-Regierung durch Premierminister James Callaghan wurde sie nicht mehr in das Kabinett aufgenommen. 1979 starb Barbara Castles langjähriger Mann Edward (Ted) Castle, der Mitte der 1970-er Jahre zum Lord Castle of Islington geadelt worden war. Aus der 35 Jahre währenden Ehe sind keine Kinder hervorgegangen. 1979 gab Barbara Castle ihren Wahlkreis in Blackburn auf und legte ihr Amt als NECMitglied nieder. Danach zog die 68Jährige bei den ersten direkten Europawahlen im Juni 1979 als Abgeordnete von Greater Manchester in das Straßburger Parlament ein. In Straßburg führte Barbara Castle bis 1985 die Gruppe der britischen Labour-Abgeordneten an und wirkte zugleich bis 1986 als stellvertre- tende Vorsitzende der gesamten „Sozialistischen Union“. Sie prangerte mutig die Millarden verschlingende Subventionspolitik der Gemeinschaft und die damit verbundenen Skandale an. Einen guten Eindruck hinterließ sie auch bei gesellschaftlichen Ereignissen in Straßburg, wo sie exzellent BoogieWoogie tanzte. 1989 schied Barbara Castle als 79-Jährige aus dem Europaparlament aus. und widmete sich fortan publizistischer und schriftstellerischer Arbeit. 1990 verlieh man ihr den Adelstitel, mit dem automatisch die Mitgliedschaft im „House of Lords" verbunden ist. Als „Baroness Castle of Blackburn“ schrieb sie ihre Autobiographie, die unter dem Titel „Fighting All the Way“ (1993) erschien. Violeta Chamorro Die erste Staatspräsidentin Nicaraguas D as erste weibliche Staatsoberhaupt von Nicaragua hieß Violeta Chamorro, geborene Violeta Barrios de Chamorro. Die Hälfte ihres Lebens kämpfte die tapfere Witwe des ermordeten Zeitungsverlegers Pedro Chamorro (1924– 1978) und mehrfache Mutter gegen die Diktatur in ihrem südamerikanischen Heimatland. Von 1990 bis 1996 fungierte sie selbst sechs Jahre lang in Nicaragua als Staatspräsidentin. 55 Violeta Barrios de Chamorro kam am 18. Oktober 1929 als Tochter eines reichen Rinderzüchters in Rivas (Nicaragua) zur Welt. Ihre Eltern schickten sie ebenso wie die übrigen sechs Geschwister auf Schulen im Ausland. Sie besuchte zwei Jahre lang eine katholische High School für Mädchen in San Antonio (Texas) und ein weiteres Jahr lang das „Blackstone College“ in Southside (Virginia), wo sie auch Sekretärinnenkurse absolvierte. Als der Vater starb, verließ sie das College und kehrte nach Nicaragua zurück. Im Alter von 21 Jahren heiratete Violeta 1950 den Sohn eines Zeitungsverlegers, Pedro Chamorro. Er war Nachfahre bedeutender Politiker, zu denen auch der erste Präsident des Landes gehörte. Nach dem Tod seines Vaters leitete Pedro Chamorro die familieneigene Zeitung „La Prensa“ und entwickelte sie unter der Diktatur von Anastasio Somoza Debayle (1925–1980) zur auflagenstärksten Oppositionszeitung. 1957 wurde Pedro Chamorro in die Seehafenstadt Carlos am Fluss San Juan im Süden Nicaraguas verbannt. Dorthin folgte ihm seine Frau. Zusammen flohen sie dann nach San José in Costa Rica. Die vier Kinder – Claudia, Cristiana, Pedro Joaquein und Carlos Fernando – kamen später nach. Nach einem Amnestieerlass kehrte Pedro Chamorro 1960 in die Heimat zurück und setzte dort seine Oppositions- und Verlegertätigkeit fort. Am 10. Januar 1978 wurde er in der Hauptstadt Managua von Schergen des Somoza-Regimes ermordet. Sein gewaltsamer Tod führte dazu, dass große Teile der bürgerlichen Opposition den Kampf der sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) 56 gegen Somoza unterstützten und sich der Guerillakrieg zu einem allgemeinen Volksaufstand entwickelte. Nach dem Erfolg der Revolution im Juli 1979 gehörte Violeta Chamorro als Vertreterin des bürgerlichen Lagers der fünfköpfigen „Junta des nationalen Wiederaufbaus“ an. Sie schied aber bereits nach neun Monaten aus angeblich gesundheitlichen Gründen und – wie sie später erklärte – auch aus Enttäuschung über den autoritären Kurs der Sandinisten wieder aus. Die früher liberale „La Prensa“ wurde unter Violeta Chamorros Leitung zur größten Zeitung Nicaraguas und zum wichtigsten Sprachrohr der rechtskonservativen Opposition im Kampf gegen die Sandinisten. Das Blatt sympathisierte mit den „Contras“, einer von den USA unterstützten bewaffneten Bewegung, die unter bürgerkriegsähnlichen Bedingungen gegen die an die Sowjetunion angelehnte sandinistische Regierung und deren Armee kämpfte. Bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen am 25. Februar 1990 setzte sich Violeta Chamorro als Kandidatin des antisandinistischen Parteienbündnisses „Unión Nacional Opositora“ („UNO“) mit 54,7 Prozent der Stimmen gegen den sandinistischen Staatschef Daniel Ortega durch. Viele Kritiker prophezeiten damals der von ihnen als „schlichte Hausfrau“ bezeichneten „Doña Violeta“, ihre Koalitionsregierung werde keine zwölf Monate lang im Amt bleiben. Im Februar 1992 bescheinigte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Violeta Chamorro, sie und ihr Kabinett hätten innerhalb von zwei Jahren Erstaunliches geleistet. Es sei ihr gelungen, die Kreditwürdigkeit ihres Landes in kurzer Zeit wieder herzustellen. Auch beim Abbau der fast 100000 Mann starken Streitkräfte und der Demobilisierung der Ende 1989 noch fast 20000 Mann starken Truppe des antisandinistischen Widerstandes („Contras“) war die Regierung erfolgreich. Sie führte die Wirtschaft zur Marktwirtschaft zurück, beendete die gewaltige Inflation und leitete unter anderem das Privatbankwesen ein. All dies trug zur wirtschaftlichen Erholung des Landes bei. Nach sechsjähriger Amtszeit als Präsidentin durfte Violeta Chamorro für die Präsidentschaftswahlen am 20. Oktober 1996 nicht mehr kandidieren. Denn seit Juni 1995 wurden einem Staatsoberhaupt zwei Amtsperioiden aufeinander nicht mehr zugestanden. Am 10. Januar 57 1997 übergab Violeta Chamorro das Amt des Staatspräsidenten an ihren Nachfolger Arnoldo Alemán, den Kandidaten des konservativen Wahlbündnisses Liberale Allianz, der sich mit 51 Prozent der Stimmen gegen Ex-Präsident Daniel Ortega durchgesetzt hatte. Charlotte von Luxemburg Unvergessene Großherzogin A ls Schlüsselfigur der modernen Entwicklung von Luxemburg machte sich nach dem Zweiten Weltkrieg Charlotte von Luxemburg (1896–1985) verdient. Die Großherzogin, die sich schon wäh- rend des Krieges einen guten Ruf als couragierte „Botschafterin“ von Luxemburg erwarb, sicherte die Souveränität und Unabhängigkeit ihres Heimatlandes. Sie stand mehr als 45 Jahre lang an der Spitze ihres Staates, bevor sie abdankte. Charlotte von Luxemburg kam am 23. Januar 1896 als zweite von sechs Töchtern des späteren Großherzogs Wilhelm IV. von Luxemburg (1852–1912) aus dem Hause Nassau-Weilburg und seiner Frau Maria Anna von Braganza, Infantin von Portugal (1861–1942), auf Schloss Berg in Luxemburg zur Welt. Ihr Vater war ab 1902 Statthalter des Großherzogs Adolph (1817–1905) und folgte ihm 1905 auf den Thron. 1907 regelte Wilhelm IV. die Thronfolge neu, wodurch auch die weibliche Erbfolge möglich wurde. Wegen einer schweren Krankheit setzte er 1908 seine Gattin Maria Anna als Regentin ein. Nach dem Tod Wilhelms IV. am 25. Februar 1912 folgte Charlottes ältere Schwester Marie Adelheid auf den Thron. Sie regierte auch während des Ersten Weltkrieges und während der Besetzung Luxemburgs durch die Deutschen. Als die deutschen Truppen 1918 abzogen, kam es in Luxemburg zur offenen Krise. Am 10. und 11. 58 November 1918 entstand sogar ein Rat von Arbeitern und Bauern, die nach dem Muster russischer Revolutionäre einen „Sowjet“ bildeten und die Republik ausriefen. Dieses Vorgehen stieß zwar auf wenig Symphathie, doch in der Kammer forderten die liberalen und sozialistischen Abgeordneten ein Ende der Dynastie. Der Antrag wurde mit 21 gegen 19 Stimmen bei drei Enthaltungen abgewehrt. Außerdem regten sich damals politische Kräfte in Luxemburg, die einen Zusammenschluss mit Frankreich oder Belgien anstrebten. Marie Adelheid dankte am 9. Januar 1919 zugunsten ihrer Schwester Charlotte als Großherzogin ab. Der Grund dafür waren heftige Angriffe wegen ihrer prodeutschen Haltung während der Besetzung Luxemburgs. Außerdem hatte sie den Fehler begangen, sich zu sehr in die alltägliche Politik ihrer Untergebenen einzumischen. Ab 1920 lebte Marie Adelheid im Karmeliterinnenkloster in Modena (Italien). Sie starb am 24. Januar 1924 in Schloss Hohenburg bei Lenggries in Bayern. Charlotte wurde am 15. Januar 1919 als neue Landesherrin Luxemburgs vereidigt. Fortan trug sie den langen Namen „Charlotte Großherzogin von Luxemburg, Herzogin zu Nas- sau, Prinzessin von Bourbon und Parma, Pfalzgräfin bei Rhein, Gräfin zu Sayn, Königstein, Katzenelnbogen und Dietz, Burggräfin zu Hammerstein, Herrin zu Mahlberg, Wiesbaden, Idstein, Merenburg, Limburg und Eppstein“. Starke republikanische Strömungen in Europa bewogen die 24-jährige Charlotte von Luxemburg, noch im Jahr ihres Regierungsantritts in ihrem Land eine Volksabstimmung durchzuführen. Beim Plebiszit am 28. September 1919 sprachen sich 77,8 Prozent der Bevölkerung für die Monarchie aus. Am 6. November 1919, heiratete Charlotte den jüngeren Bruder der ehemaligen Kaiserin Zita von Österreich (1892– 1989, den Prinzen Felix von Bourbon und Parma (1893–1970), der am 5. November 1919 den Titel eines Prinzen von Luxemburg erhielt. Aus der Ehe gingen die zwei Söhne Jean (1921) und Charles (1927) sowie die vier Töchter Elisabeth (1922), Maria Adelaide (1924), Marie Gabrielle (1925) und Alix (1929) hervor. Der am 5. Januar 1921 auf Schloss Berg geborene Erbprinz Jean heiratete 1953 Josephine Charlotte Prinzessin von Belgien, eine Schwester König Baudouins. Charlotte von Luxemburg gewann 59 bald die Sympathien sämtlicher Bevölkerungsschichten – sogar die der Kommunisten. In die Regierungszeit der häufig „La Grande Dame“ genannten Großherzogin fielen wichtige politische Entscheidungen wie die Kündigung der Zollunion mit dem deutschen Reich, die Schaffung der belgischluxemburgischen Wirtschaftsunion und die Einführung der staatlichen Pflichtversicherung. Am 10. Mai 1940 rückten deutsche Truppen nach Luxemburg ein, das fortan zum „Gau Moselland“ gehörte. Noch am selben Tag beschloss Großherzogin Charlotte – ebenso wie ihre Regierung –, das Land zu verlassen. Die großherzogliche Familie ging zunächst nach Paris, im Juni 1940 nach Spanien und Portugal, von dort nach New York (USA) und später nach Montreal (Kanada) respektive London (Großbritannien) ins Exil, wo sie eine Exilregierung bildete und führte. Über den Londoner Rundfunksender „British Broadcasting Corporation“ (BBC) richtete Großherzogin Charlotte wöchentlich Ansprachen an die Bevölkerung Luxemburgs. Sie sprach den Luxemburgern Mut zu, bemühte sich um ihre Landsleute im Exil und wurde zu einer wichtigen Figur für die luxemburgische Rèsistance. Während der Besetzung ihres Heimatlandes entwickelte sich Großherzogin Charlotte zum Symbol eines freien Luxemburgs. Die Widerständler malten nachts ihren Namen auf die Straße und verteilten Flugblätter mit ihrem Foto. Charlottes Name reichte, um die Besatzer in Wut zu bringen, schrieb der luxemburgische Historiker Gilbert Trausch. Auf Befehl der Nationalsozialisten wurden ihre Porträts, die fast jedes Haus in Luxemburg schmückten, abgehängt. Das helle Rechteck auf vergilbten Tapeten war gleichsam ein Symbol des stillen Widerstandes jener Jahre, schrieb später die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Charlottes Sohn Jean beteiligte sich 1944 als Leutnant der britischen „Irish Guards“ an der Invasion der Alliierten in Frankreich und betrat am 10. September 1944 mit der 32. Brigade wieder Luxemburger Boden. Ihr Mann Prinz Felix diente als Brigadegeneral in der britschen Armee und erlebte in dieser Funktion die Befreiung seiner Hauptstadt. Die Großherzogin kehrte am 14. April 1945 an Bord des Flug– zeuges des amerikanischen Generals Dwight David Eisenhower (1890–1969) zurück. Sie wurde von 60 den Luxemburgern begeistert empfangen. Charlotte von Luxemburg mehrte bei Staatsbesuchen durch ihr sympathisches Auftreten das Ansehen ihres kleinen Landes. Unter anderem besuchte sie Präsident General Charles de Gaulle (1890–1970) in Frankreich und Präsident John F. Kennedy (1917–1963) in den USA. Außerdem hatte sie Anteil an wichtigen Maßnahmen der Regierung in der Nachkriegszeit wie dem Beitritt Luxemburgs zu Benelux (mit Belgien und den Niederlanden), dem Beitritt zu NATO, Europarat, Schumanplan und den Europäischen Gemeinschaften. Am 2. Mai 1961 wurde offiziell bekanntgegeben, die 65-jährige Großherzogin wolle sich allmählich von ihren Pflichten zurückziehen. Danach betraute sie Erbgroßherzog Jean als Statthalter zunehmend mit den Staatsgeschäften. Zugunsten ihres Sohnes dankte die Großherzogin am 12. November 1964 ab. Nach längerer Krankheit starb Großherzogin Charlotte von Luxemburg am 9. Juli 1985 im Alter von 89 Jahren auf dem Schlossgut Fischbach, etwa 20 Kilometer nördlich der Hauptstadt des Großherzogtums. Sie wurde in der Kathedrale von Luxemburg bestattet. Tansu Çiller Die „Eiserne Lady der Türkei“ Z ur ersten Premierministerin der Türkei stieg 1993 die 47jährige Politikerin Tansu Çiller auf. Presse, Rundfunk und Fernsehen ihres Landes nannten sie nach ihrer Wahl enthusiastisch „Çiller, die Prächtige“. Dieser Titel war bis dahin nur Sultan Süleyman dem Prächtigen (1494–1566), einem der bedeutendsten Herrscher seiner Zeit, der sich sowohl als Feldherr wie auch als Förderer der Literatur und der Architektur hervortat, vorbehalten. 61 Tansu Çiller kam am 24. Mai 1946 als Tochter des Staatsbeamten Hüseyin Necati Çiller in Istanbul zur Welt. Sie stammt aus einer begüterten, europäisch orientierten Familie. Nach dem Schulbesuch studierte Tansu Çiller Wirtschaftswissenschaften am „American College for Girls„ am „Robert College“ (heute: Bosporus Universität) in Istanbul. Danach machte sie an der Universität New Hampshire ihren Master, promovierte an der Universität von Connecticut und vervollständigte ihre Ausbildung an der Yale-Universität in New Haven (Connecticut). 1974 kehrte Tansu Çiller an die Bosporus-Universität in Istanbul zurück und arbeitete dort an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in verschiedenen Funktionen. Ab 1978 lehrte sie als „Associate Professor“ und ab 1983 als ordentliche Professorin an der BosporusUniversität und anderen Hochschulen. Danach machte sie sich als angesehene Wirtschaftstheoretikerin einen Namen, trat für freie Marktwirtschaft und den Freihandel ein und verbreitete ihre Ansichten ab Ende der 1980-er Jahre verstärkt in den Medien. 1990 konnte Süleyman Demirel, der Vorsitzende der damals oppositionellen „Partei des rechten Weges“ („Dogru Yol Partisi“, DYP), die Professorin Tansu Çiller für einen Einstieg in die Politik gewinnen. Sie machte rasch Karriere: Im November 1990 wurde sie Mitglied der DYP, bald darauf stellvertretende Parteivorsitzende, und im Oktober 1991 zog sie nach den für die DYP erfolgreich verlaufenen Wahlen ins Parlament ein. In der Koalitionsregierung aus DYP und „Sozialdemokratischer Volkspartei“ (SHP) vom 20. November 1991 fungierte Tansu Çiller als Wirtschaftsministerin. Dabei machte sie sich einen Namen als „Eiserne Lady“, die unter anderem für unverzügliche Privatisierung der Staatsbetriebe eintrat. Durch den Tod von Präsident Turgut Özal (1927–1993) am 17. April 1993 und die Wahl von Süleyman Demirel zum neuen Staatspräsidenten am 16. Mai 1993 waren der DYP-Vorsitz und das Amt des Ministerpräsidenten vakant. Obwohl Demirel sie nicht unterstützte, setzte sich Tansu Çiller am 13. Juni 1993 auf dem DYP-Sonderparteitag gegen zwei erfahrene Politiker durch und wurde als erste weibliche DYP-Parteichefin gewählt. Präsident Demirel beauftragte Tansu Çiller am 14. Juni 1993 mit der Regierungsbildung, und am 24. Juni einigte sie sich mit den Sozialdemokraten auf eine Fortsetzung der 62 Koalition. Am 25. Juni 1993 trat Tansu Çiller auch das Amt der Ministerpräsidentin an. Auf dem Parteikongress im November 1993 wählte man sie mit großer Mehrheit als Parteivorsitzende. Die erste Premierministerin der Türkei gilt als Symbol- und Identifikationsfigur einer modernen Türkei und als emanzipatorisches Vorbild. Die Presse und das Volk jubelten, während es türkischen Fundamentalisten die Sprache verschlug. Die patriarchalische türkische Gesellschaft nahm es Tansu Çiller nicht übel, dass ihr Gatte, der Geschäftsmann Özer Ucuaran, ihren Namen Çiller annahm und schüchtern vor Fernsehkameras erklärte, von Politik verstehe er im Gegensatz zu seiner Frau nichts. Aus der am 26. Juli 1963 geschlossenen Ehe stammen die Söhne Mert (geb. 1970) und Bert (geb. 1980). Seit ihrem Aufstieg ins höchste Regierungsamt ihres Landes zeichnete sich Tansu Çiller durch Hartnäckigkeit und Entschlossenheit aus. Bei allem äußerlichen Charme und aller Grazie widersprach die „Bilderbuchfrau“ der Türken mit ihrem Führungsstil dem Klischee vom „schwachen Geschlecht“. 1995 nahmen die Differenzen im Regierungsbündnis von Tansu Çiller zu, nachdem die Sozialdemokra- ten mit der „Republikanischen Volkspartei“ (CHP) fusionierten. Der CHP-Vorsitzende Deniz Baykal verließ am 20. September 1995 die Koalition, wodurch die Regierungschefin zum Rücktritt gezwungen wurde. Aus dem Parlamentswahlen vom 24. Dezember 1995 ging die islamisch-fundamentalistische „Wohlfahrtspartei“ (RP) unter Führung von Necmettin Erbakan als stärkste politische Kraft hervor. Daraufhin reichte Tansu Çiller den Rücktritt ihres Kabinetts ein, wurde aber von Demirel mit der Fortführung der Regierungsgeschäfte beauftragt. Am 3. März 1996 schlossen Tansu Çiller und der Vorsitzende der „Mutterlandspartei“ (ANAP), Mesut Yilmaz, ein Koalitionsabkommen, das aber nur drei Monate lang hielt. Nach Verhandlungen mit der „Wohlfahrtspartei“ von Necmettin Erbakan vereinbarten die RP und die DYP eine Koalition. Die Abmachung zwischen Erbakan und Çiller sah ein zweijähriges Rotationsprinzip vor. Tansu Çiller fungierte zunächst als stellvertretende Ministerpräsidentin und Außenministerin und übernahm später im Juni 1998 die Regierungsgeschäfte. Edith Cresson Die erste Regierungschefin Frankreichs F rankreichs erste Ministerpräsidentin war mehr als zehn Monate lang – vom 15. Mai 1991 bis 2. April 1992 – die Politikerin Edith Cresson, geborene Campion. Als 63 eigentlichen Grund ihres Scheiterns als Premierministerin betrachtete sie die generelle Frauenfeindlichkeit der französischen Politik. Hierzu sagte sie: „Eine Frau an der Macht provoziert erst die Ungläubigkeit der Männer und dann ihren Zorn, vor allem wenn sie nicht dem technokratischen Modell entspricht.“ Edith Campion wurde am 27. Januar 1934 als Tochter eines Finanzbeamten im Pariser Vorort Boulogne-sur-Seine geboren. Sie besuchte die „Ecole des hautes études commerciales jeune filles“ und erwarb dort ein Diplom für Agrarwirtschaft. Danach promovierte sie mit einer demographischen Arbeit über „Das Leben der Landwirte- und Arbeiterfrauen im Landkreis Guémené-Penfao (LoireAtlantique)". 1959 heiratete Edith Campion den Peugeot-Angestellten Jacques Cresson. Aus dieser Ehe stammen die beiden Töchter Nathalie und Alexandra. Danach setzte sie sich für die Interessen der Fabrikarbeiter ein, engagierte sich politisch und wurde Mitarbeiterin Bernard Lafays, der das „Çentre républicain“ gegründet hatte. 1965 unterstützte Edith Cresson den Wahlkampf des linksorientierten Präsidentschaftskandidaten François Mitterrand (1916–1995), der General Charles de Gaulle (1890– 1970) knapp unterlag. 1971 trat sie in die zwei Jahre vorher von Mitterrand gegründete „Parti socia64 liste“ („Sozialistische Partei“, PS) ein. 1974 wurde sie Mitglied des Nationalsekretariats der Partei, und 1975 übernahm sie die Verantwortung für die Jugend- und Studentenorganisationen der PS. 1977 wählte man sie zur Bürgermeisterin in Thuré. Ab Juli 1979 gehörte sie dem Europaparlament an, in dem sie sich vor allem mit agrarpolitischen Fragen befaste. Als Mitterrand am 10. Mai 1981 im zweiten Wahlgang zum Präsidenten der Republik gewählt wurde, schied Edith Cresson aus dem Europaparlament aus und wurde Landwirtschaftsministerin in der von Premierminister Pierre Mauroy geführten Regierung. Französische Bauern und manche ihrer europäischen Ministerkollegen meinten, das einzige, was die Landwirtschaftsministerin für ihr Amt prädestiniere, sei ihr Name: Denn „Cresson“ heißt „Kresse“. Beim Kongress des Bauernverbandes im Februar 1982 pfiff man die sozialistische Landwirtschaftsministerin aus. Im März 1982 kam es zu den seit Jahrzehnten größten Demonstrationen französischer Landwirte. Deren bis 1983 anhaltende Proteste gegen die geringen Erlöse für Agrarerzeugnisse waren letztlich erfolgreich: Edith Cresson konnte für sie Einkommenszuwäch- se von bis zu zehn Prozent erreichen. Bei den Kommunalwahlen im März 1983 wurde Edith Cresson als Bürgermeisterin von Châtellerault gewählt, womit sie das einzige neue Rathaus für die Sozialisten eroberte. Wegen der damaligen Wahlverluste trat Mauroy zurück und bildete ein neues Kabinett, in dem Edith Cresson Ministerin für Außenhandel und Tourismus wurde. Nach Schlappen der Sozialisten bei den Senatsteilwahlen im September 1983 und bei den Europawahlen im Juni 1984 reichte Mauroy erneut den Rücktritt ein. Nun ernannte Mitterrand den Politiker Laurent Fabius zum Premierminister. Edith Cresson behielt die Zuständigkeit für den Außenhandel und übernahm außerdem das Ministerium für „industrielle Umgestaltung“. Nach den Wahlen zur erweiterten Nationalversammlung im März 1986 stellte die Allianz aus Jacques Chiracs gaullistischer „Rassemblement pour la république“ (RPR) und Giscard d’Estaings „Union pour le démocratie française“ (UDF) mit Chirac den neuen Regierungschef. Im Juni 1988 gewann Mitterrand die Präsidentschaftswahlen, Chirac trat zurück, und Michael Rocard wurde zum neuen sozialistischen Premierminister ernannt. 65 Rocard holte nach den Parlamentswahlen Edith Cresson als Ministerin für Europaangelegenheiten ins Kabinett. Im Oktober 1990 trat sie aus Protest gegen die Wirtschaftspolitik ihres Parteifreundes Rocard zurück. Sie warf Rocard vor, er stehe einer wirksamen Verteidigung und Stärkung der nationalen Wirtschaft im Wege und forderte den Staatsdirigismus, den die französischen Unternehmer nicht noch einmal erleben wollten. Anschließend arbeitete sie als Beraterin des Maschinenbau-Konzerns Schneider, wo sie die Leitung des „Service International“ übernahm. Ein halbes Jahr später ernannte Präsident Mitterrand am 15. Mai 1991 Edith Cresson zur neuen Premierministerin, die damit zur ersten Frau an der Spitze der französischen Regierung aufstieg. Der Präsident verkündete damals, Frau Cresson erscheine ihm als die geeignetste Person, um Frankreich mit neuem Elan bis 1993 in den Europäischen Binnenmarkt zu führen. Scherzhaft bezeichnete er sie als „mein kleiner Soldat“. Doch bald brachte sich die Premierministerin mit teils vulgären Ausfällen sowie mit voreiligen und falschen Ankündigungen im In- und Ausland selbst in ein schiefes Licht. Anfang Juli 1991 hatten laut einer Ifop-Umfrage nur noch 18 Prozent der Franzosen Vertrauen zu Edith Cresson, die damit als unpopulärste aller Premierminister der „Fünften Republik“ abschnitt. Nach einer Umfrage unter der Elite der französischen Wirtschaft hatten lediglich 24 Prozent der Unternehmer noch Vertrauen zur Nachfolgerin von Michael Rocard. Kritiker warfen Edith Cresson vor, es fehle ihr an Intellekt und an wirtschaftspolitischen Einsichten. Sie hänge dirigistischen Idealen an, die seit dem Scheitern des sozia– listisch-kommunistischen Regierungsprogramms von 1981/1982 die Wähler nur verschrecken könnten. Als militante Sozialistin hatte die Premierministerin ihre Abneiung gegen den Kapitalismus nach ihrem Amtsantritt gegenüber Journalisten deutlich gemacht. Sie erklärte, es sei nicht ihre Aufgabe, die Börse zu polieren. Als Edith Cresson die Japaner als „kleine gelbe Ameisen“ bezeichnete, hagelte es Proteste in Japan. Französische Exporteure der Luxusindustrien mit großen Absatzerfolgen in Japan waren entsetzt darüber, dass die früher Außenhandelsministerin statt den Export zu fördern die guten Kunden verunglimpfte. Großbritannien protestierte energisch gegen die Äußerung 66 von Frau Cresson, ein Viertel der Briten sei homosexuell. Viele Franzosen ärgerten sich über markige Ankündigungen und anschließende Kapitulationen von Edith Cresson. Wenn sich die Premierministerin gegen die Erhöhung von Steuern aussprach, wurden diese umgehend erhöht. Sobald sie japanische Autos aus dem europäischen Binnenmarkt aussperren wollte, akzeptierte Paris in Brüssel umgehend eine Liberalisierung der Importpolitik. Kaum ein Jahr nach der Ernennung zur Premierministerin entließ Präsident Mitterrand am 2. April 1992 Edith Cresson. Er ersetzte sie durch den sozalistischen Minister für Wirtschaft, Finanzen und Haushalt, Pierre Bérégovoy (1925–1993), der sich als Garant der Stabilität des Franc einen guten Ruf erworben hatte. Bérégovoy schied 13 Monate später desillusioniert und deprimiert durch Selbstmord aus dem Leben. Die sehr selbstbewusste und temperamentvolle Edith Cresson schrieb, als Premierministerin habe sie es immer wieder mit „einer Bande wildgewordener Elefanten zu tun gehabt, die sie als „hysterisches Fischweib“ verteufelt und „wie eine Hexe in einem mittelalterlichen Prozess auf den Marktplatz gezerrt“ hätten. Nach ihrer Ansicht sollen Frauen mindestens genausogut wie Männer sein, die überall ersetzbar seien, nur nicht im Privatleben. Im September 1992 übernahm Edith Cresson die Unternehmensführung der neu gegründeten Beratungsgesellschaft „Service Industries Stratégies International et Environnement“ (S.I.S.I.E.) in Paris. Im Januar 1995 lösten sie und der bretonische Adlige Yves Thibault de Silguy die beiden französischen EU-Kommissare Jacques Delors und Christian Scrivener in Brüssel ab. Frau Cresson wirkte ab 1995 als EU-Kommissarin für Wissenschaft, Forschung und Entwicklung. Doch schon bald wurden Zweifel an ihrer Amtsführung laut. Mitte März 1999 beschuldigte ein vom Europaparlament eingesetzter Ausschuss die EU-Kommission, die Kontrolle über die Verwaltung und Finanzen verloren zu haben. Edith Cresson wurde Günstlingswirtschaft vorgeworfen. In der Nacht zum 16. März 1999 trat die Europäische Kommission kollektiv zurück. Deng Yingchao Die Sonderbotschafterin von Chinas Führung E ine führende Rolle unter den frühen Kommunistinnen Chinas nahm die Lehrerin und Politikerin Deng Yingchao (1904–1992), geborene Deng Wenshu, ein. Sie 67 war ein halbes Jahrhundert lang die Frau von Zhou Enlai (1896–1976), einem der wichtigsten Politiker der Welt. Ihr Mann gehörte 1921 zu den Gründern der „Kommunistischen Partei Chinas“ (KPCh) und fungierte ab 1949 als Ministerpräsident (Vorsitzender des Staatsrates), von 1949 bis 1958 als Außenminister sowie ab 1956 als Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros der KPCh. Die Lebensgeschichte von Deng Yingchao – nach anderer Schreibweise auch Teng Ying-ch’ao – wird ausführlich in dem Buch „Die großen Chinesen der Gegenwart“ (1985) von Wolfgang Bartke geschildert. Demnach kam sie 1904 unter dem Namen Deng Wenshu im Kreis Guangshan in der chinesischen Provinz Henan zur Welt. Ihr Vater war ein verarmter Landlord, der in der letzten Phase des Kaiserreichs als Offizier diente. Als er starb, war sie erst drei Jahre alt. Danach sorgte die Mutter als Lehrerin und Erzieherin für den Unterhalt der Familie. Nach dem Verlassen der Grundschule in Beijing (Peking) begann Deng Yingchao ein Studium an der Frauen-Lehrerbildungsanstalt in Tianjin (Tientsin), das sie 1920 erfolgreich abschloss. Als Studentin erlebte sie 1919 die „Bewegung 4. Mai“, die gegen die Absicht der in Versailles tagenden Siegermächte des Ersten Weltkrieges kämpfte, die ehemals deutsche Kolonie Qingdao (Tsingtao) den Japanern zu überge68 ben. Durch dieses Ereignis wurde ihr Interesse für die Politik geweckt. Die 15-Jährige beteiligte sich 1919 an der Gründung des Studentenverbandes von Tianjin und begegnete in jenem Jahr bei einer Studentendemonstration zum ersten Mal dem 21 Jahre alten Zhou Enlai. 1920 hoben beide die „Erweckungs-Gesellschaft“, die die Politisierung der Studenten erreichen wollte, mit aus der Taufe. Wenig später ging Zhou Enlai mit einer Gruppe von Werkstudenten nach Frankreich. In den frühen 1920-er Jahren arbeitete Deng Yingchao als Lehrerin in Tianjin und schloss sich zwei fortschrittlichen Frauenorganisationen an. 1923 gründete sie die „Gesellschaft fortschrittlicher Frauen“, die auch eine Zeitschrift herausgab. Damals vertrat sie noch kein kommunistisches Gedankengut. Ende 1925 heiratete Deng Yingchao in Guangzhou (Kanton) den von seinem mehrjährigen Studium in Frankreich zurückgekehrten Zhou Enlai und trat der KPCh bei. 1926 wurde Deng als eine von sieben Kommunisten – vier als Mitglieder, drei als Kandidaten – in den „Zentralen Exekutivrat“ der „Guomindang“ („Kumintang“), der „Nationalen Volkspartei“, gewählt. Als der führende General und Politiker Chiang Kai-shek (1887– 1975) im April 1927 die Einheitsfront mit den Kommunisten beendete und in Shanghai und Guangzhou Tausende von Kommunisten töten ließ, lag Deng Yingchao gerade mit einer Fehlgeburt in einem Krankenhaus von Guangzhou. Durch die Hilfe einer christlichen Ärztin entkam sie den Verfolgungen, traf sich in Shanghai wieder mit ihrem Mann und reiste 1928 mit ihm zum 6. Kongress der KPCh nach Moskau, wo man sie zur Leiterin der Frauenabteilung nominierte. Danach agitierte das Ehepaar in der Shanghaier Parteizentrale im Untergrund. 1933 erkrankte Deng Yingchao so schwer an Tuberkulose, dass sie während des 10000 Kilometer langen „Langen Marsches“ der chinesischen „Roten Armee“ vom Oktober 1934 bis Oktober 1935 auf einer Bahre getragen werden musste. Auf der letzten Strecke gesellte sich sich der an einer Leberkrankheit leidende Zhou Enlai – ebenfalls auf einer Bahre – hinzu. 1936 erholte sich Deng Yingchao wieder. Sie war jetzt in Yan’an, dem „Hort der Revolution“, nach dem „Langen Marsch“ in die Provinz Shaanxi. Als die Japaner 1937 Peking einnahmen, hielt sich Deng Yingchao dort in einem Krankenhaus auf. Mit Hilfe des amerikanischen Journalisten Edgar Snow (1905–1972) ge69 lang ihr die Flucht. Nach der vorü